27.10.2014

FernsehenGottverdammter Nordpol

In der Serie „Lilyhammer“ flieht ein amerikanischer Gangster nach Norwegen. Ein Kulturschock - für beide Seiten.
Was, bitte, ist das denn? Ein Scherz? Eine Drohung? Auf der verschneiten Straße, direkt vor Frank Taglianos Haus, liegt, eingewickelt in ein Stück Packpapier, der Kopf eines Schafes.
In der Welt, in der Frank Tagliano früher zu Hause war, in seinem alten Leben bei der Mafia in New York, wäre die Sache klar gewesen. Dort pflegte man störrischen Geschäftspartnern den abgeschnittenen Kopf ihres Lieblingspferds ins Bett zu legen, eine Botschaft wie in Francis Ford Coppolas Filmklassiker "Der Pate". Aber jetzt wohnt Frank, der italo-amerikanische Gangster, Spitzname "Frank the Fixer", unter falschem Namen in Norwegen, wo niemand seine Vergangenheit kennt. Oder doch? Was heißt eigentlich "Mafia" auf Norwegisch?
Es war vielleicht doch keine so gute Idee, ausgerechnet in die Einöde Skandinaviens zu fliehen, nach Lillehammer, ein Kaff, von dem die Welt nur einmal etwas gehört hat, im Jahr 1994, als dort die Olympischen Winterspiele ausgetragen wurden. Doch zu Hause in New York hat Frank gerade knapp einen Mordanschlag überlebt und gegen seinen Vorgesetzten, einen Mafiaboss, ausgesagt. Das FBI nimmt Frank zum Dank ins Zeugenschutzprogramm auf, verpasst ihm eine neue Identität und schickt ihn, wie ein FBI-Beamter es ausdrückt, "zum gottverdammten Nordpol".
Ein amerikanischer Mafioso im europäischen Exil - das ist die Grundidee der Fernsehserie "Lilyhammer", der Ausgangspunkt für viele komische Verwicklungen und Missverständnisse. Denn im Gegensatz zu anderen skandinavischen Krimireihen wie "Kommissarin Lund" oder "Die Brücke" mit ihrem düsteren Nihilismus ist "Lilyhammer" natürlich eine Komödie, zumindest auf den ersten Blick.
Die Serie, eine norwegisch-amerikanische Koproduktion, wurde nach der Erstausstrahlung in Norwegen Anfang 2012 zu einem Welterfolg, verkauft in mehr als 130 Länder. Und das, obwohl die Figuren naturgemäß viel Norwegisch sprechen, für Nicht-Norweger mit Untertiteln, sowie norwegisches und amerikanisches Englisch. Jetzt traut sich endlich auch im risikoscheuen TV-Entwicklungsland Deutschland ein öffentlich-rechtlicher Sender, "Lilyhammer" ins Programm zu nehmen, allerdings teilweise synchronisiert(*).
Die Entstehungsgeschichte von "Lilyhammer" beweist, was man für gutes Fernsehen braucht: Selbstvertrauen und Ausdauer. Über Jahre hatten Eilif Skodvin, 40, und Anne Bjørnstad, 42, zwei Gagschreiber und Drehbuchautoren aus Oslo, die Idee vom Mafioso in Norwegen mit sich herumgetragen. Was sollten sie daraus machen? Einen Roman? Einen Spielfilm? Skodvin und Bjørnstad sind miteinander verheiratet, sie haben viel Zeit zum Diskutieren.
Im Sommer 2009 kam Bruce Springsteen mit seiner E Street Band im Rahmen einer Europa-Tournee für ein Konzert ins norwegische Bergen. Mit dabei: Springsteens Jugendfreund und Gitarrist Steven Van Zandt, Jahrgang 1950, der Ende der Neunzigerjahre eine Zweitkarriere als Schauspieler gestartet hatte. In den "Sopranos", der legendären TV-Serie, verkörperte er den Consigliere von Mafiaboss Tony Soprano.
Skodvin und Bjørnstad fuhren zum Springsteen-Konzert, sie arrangierten ein Treffen mit Van Zandt. Für einen amerikanischen Rockstar, das wussten die beiden, kannte sich Van Zandt gut mit Skandinavien aus: Er hatte ein paar norwegische Bands produziert.
Man verstand sich auf Anhieb. Van Zandt willigte ein, die Hauptrolle zu übernehmen. Mehr noch: Er machte ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte, nämlich auch als Koproduzent bei "Lilyhammer" einzusteigen und an den Drehbüchern mitzuschreiben. "Steven ist nicht nur Künstler", sagt Skodvin, "sondern auch Geschäftsmann."
Die Bücher entstanden schließlich in gemeinsamer Arbeit in New York, für die Dreharbeiten kam Van Zandt später für mehrere Monate nach Norwegen. Er ließ dafür sogar eine Tour und Plattenaufnahmen mit Bruce Springsteen sausen.
"Lilyhammer" spielt, wie alle guten Komödien, mit Klischees und jenen Gegensätzen, die sich möglicherweise anziehen, Amerika gegen Europa, Mafiamethoden gegen skandinavische Konsenskultur, Weltstadt gegen Provinz. New York hat viel mehr Einwohner als ganz Norwegen, in Lillehammer leben 27 000 Menschen, die ihre Freizeit mit Skilanglauf verbringen, stoisch die absurd hohen Preise für Bier und Schnaps bezahlen und ansonsten am liebsten ihre Ruhe haben.
Zu Anfang ist Frank fest entschlossen, sich der neuen Heimat anzupassen, bloß nicht aufzufallen. "Wenn du dort Ärger mit der Polizei bekommst", hatte ihm kurz vor der Abreise aus den USA das FBI gedroht, "bist du auf dich allein gestellt."
Also versucht Frank, der sich jetzt Giovanni "Johnny" Henriksen nennt, Norwegisch zu lernen. Lillehammer nennt er zwar weiter hartnäckig Lilyhammer, aber statt Anzug und Krawatte trägt er manchmal Wollpullover mit Rentiermotiven, er fährt Zug oder mit einem Elektroauto, er besucht einen Integrationskurs, er verliebt sich in eine Norwegerin. Und er geht zum Arbeitsamt.
"In New York hat mir eine Bar gehört", erzählt Frank dem Sachbearbeiter. Das ist ausnahmsweise sogar die Wahrheit, aber es beeindruckt den Mann vom Amt überhaupt nicht. Die Gesetze, die den Verkauf von Alkohol regeln, sind in Norwegen fast so streng wie in den USA zu Zeiten der Prohibition in den Zwanzigerjahren. Franks reale Vorbilder, Gangster wie Al Capone oder Meyer Lansky, wurden damals mit Whiskeyschmuggel sehr reich.
"Eine Bar zu eröffnen ist ein sehr komplizierter Prozess in Norwegen", sagt der Sachbearbeiter. "Ich verstehe", sagt Frank und versucht, das Problem auf seine gewohnte Art zu lösen: Er schiebt dem Mann einen Stapel Geldscheine über den Tisch.
Ein Fehler. Lektion Nummer eins für amerikanische Mafiosi in Übersee: Norwegische Beamte sind nicht bestechlich.
Natürlich findet Frank einen Weg, die Angelegenheit in seinem Sinn zu klären. Noch bevor die erste Episode vorbei ist, hat er einen Nachtklub in Lillehammer eröffnet, das "Flamingo", mit knapp bekleideten Kellnerinnen an der Theke und einer Pokerrunde im Hinterzimmer, alles ganz legal.
"Frank nimmt jene Abkürzungen, die viele Norweger selbst gern nehmen würden", sagt "Lilyhammer"-Erfinderin Bjørnstad. "Deshalb hält man als Zuschauer zu ihm."
Der Mafioso verkörpert einige jener Eigenschaften, die viele Europäer gern Amerika insgesamt zuschreiben: Er ist charmant und gesellig, aber auch prüde und ein bisschen reaktionär. Er lebt über seine Verhältnisse, ein Sozialdarwinist, dem im Zweifel alle Mittel recht sind, um seine Ziele zu erreichen, Gewalt und Erpressung, Lügen und Einschüchterung. Das Verstörende daran: Er hat mit diesen Methoden fast immer Erfolg.
Denn die Norweger, stellvertretend für alle Europäer, haben dieser Energie nichts entgegenzusetzen. Insbesondere der Wohlfahrtsstaat skandinavischer Prägung - Norwegen ist dank seiner Einnahmen aus dem Nordseeöl eines der reichsten Länder der Welt - wird in "Lilyhammer" gnadenlos vorgeführt: als eine Kuschelgesellschaft, in der es zwar immer politisch korrekt, friedlich und bürokratisch zugeht, die aber oft unfähig ist, elementare Probleme ihrer Bürger zu lösen. "Es ist alles wie im echten Norwegen", sagt Drehbuchautorin Bjørnstad, "nur ein klein bisschen übertrieben."
"Lilyhammer" zeigt Ärzte, die ungerührt Kaffeepause machen, während Notfallpatienten sich vor Schmerzen winden und immer wieder ihre Sozialversicherungsnummer aufsagen müssen. Oder arbeitslose Kellnerinnen, die beim Vorstellungsgespräch in Franks Klub gleich nach der Gewerkschaft fragen. Und als der Gangster einmal doch kurz im Gefängnis landet, sieht die Zelle aus wie ein Hotelzimmer. "Fehlt nur die Minibar", höhnt Frank.
Kein Wunder, dass sich der Mafioso unter diesen Umständen nur an die eigenen Gesetze hält. Ein Wolf macht die Gegend unsicher, aber der Abschuss ist streng verboten? Kein Problem, solange die Polizei nicht den Kadaver findet; Frank weiß schließlich, wie man Leichen entsorgt.
Bleibt noch das Rätsel mit dem Schafskopf vor seiner Haustür. Franks Nachbarin hat ihn verloren, auf dem Rückweg vom Einkaufen. Sie wolle sich daraus etwas Leckeres kochen, erzählt sie Frank. Doch der weiß nicht, ob er der Dame trauen kann. Die Nachbarin arbeitet bei der Polizei.
* Die erste Staffel läuft ab 30. Oktober bei Arte (donnerstags, 21.00 Uhr). Der Pay-TV-Sender TNT Serie zeigt ab Februar 2015 die dritte Staffel.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 44/2014
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