03.11.2014

JubiläenMenschen, die in Schränken sitzen

25 Jahre Mauerfall. Was macht man da als Ostdeutscher? Man kann fliehen. Oder sich - als wäre man Joachim Gauck - hineinstürzen in den Sturm der Erinnerungen. Und dabei lernen, wie Geschichte entsteht. Von Jochen-Martin Gutsch
Für einen Ostdeutschen ist der Herbst ja traditionell eine schwierige Zeit. Er wird dann mit seiner Geschichte konfrontiert. In diesem Jahr, 25 Jahre nach dem Mauerfall, ist es besonders anstrengend. Der glücklichste Tag der jüngeren deutschen Geschichte wird ein Vierteljahrhundert alt. Überall in Berlin spürt man den Gedenkdruck.
Zum ersten Jubiläum, 1990, konnte ich die Fernsehbilder vom Mauerfall kaum ertragen. Überall Ostler, die wie von Sinnen Richtung Ku'damm rannten. Spätestens ab Mitte der Neunzigerjahre wurde im Herbst dann immer Geschichte aufgearbeitet. Stasi, Doping, Ausländerfeindlichkeit. Manchmal wurde den frustrierten Halbwilden aus der Zone auch über den traurigen Kopf gestreichelt. Wegen der ganzen Arbeitslosigkeit. Oder es wurde politisch gemahnt und geschimpft. Wegen der bösen Ostalgie. Das war auch anstrengend. In den Nullerjahren kamen noch die Mauer-Filme mit Veronica Ferres hinzu. Das war dann beleidigend.
Irgendwann verlor ich das Interesse am Revolutionsherbst und war immer froh, wenn die Weihnachtszeit begann.
Und jetzt? Ahne ich, dass man dem Super-Jubiläum nicht entkommt. Vielleicht in München, vielleicht in Hamburg. Aber nicht in Berlin, nicht im Osten, wo selbst die Einkaufszentren mit DDR dekoriert sind. In den "Potsdamer Platz Arkaden" steht ein nachgebauter Mauerstreifen, samt Wachturm, Stacheldraht und Soldatenpuppen der Nationalen Volksarmee.
Also kann ich mich genauso gut hineinstürzen ins Super-Gedenken. Nur dieses eine Mal, zum 25. Revolutions-Geburtstag. Ich werde, ähnlich wie Joachim Gauck, von Erinnerungstermin zu Erinnerungstermin eilen. Podiumsdiskussionen, Zeitzeugengespräche und Mauerfalllesungen besuchen. Dokumentationen ansehen, Ausstellungen bewundern, Ehrungen beiwohnen, Festakte feiern. Eine Herbstreise also.
Womöglich ergibt sich ja ein Bild. Über deutsches Gedenken. Über deutsche Rituale. Über die DDR. Und darüber, wie Geschichte überhaupt entsteht. Wie sie, ein Vierteljahrhundert später, erzählt, umkämpft und inszeniert wird.

1. Der Zeitzeuge

Wo fängt man an? Mit der Diskussionsrunde "Wendetage, Wendenächte - 25 Jahre Mauerfall"? Dem Gedenkkonzert "Melodien zum Mauerfall"? Oder dem Theaterstück "Ich ging auf die Straße - 25 Jahre Friedliche Revolution in Quedlinburg"?
Nichts davon. Man geht in die Markus-Grundschule in Berlin-Steglitz und hört mal, was diejenigen so denken, die 1989 noch gar nicht lebten. Im Klassenraum sitzen 25 Mädchen und Jungen, alle zehn bis elf Jahre alt. Sie sitzen auf kleinen Stühlen im Kreis und schauen zu Mario Röllig hin, einem Zeitzeugen, der an diesem Vormittag eingeladen ist. Röllig ist 47 Jahre alt, ein netter Typ, Ostberliner, CDU-Mitglied.
"So, habt ihr denn schon mal irgendwas über die Mauer und die DDR gehört?", fragt Röllig. Ein Junge meldet sich: "Die sind da mit Panzern über die Menschen gefahren." Ein anderer sagt: "Es gab damals ein armes Viertel. Und ein normales. Die Armen wollten zu den Normalen. Und dann haben die Panzer sie überrollt." Ein Mädchen weiß: "Manche haben sich in Wohnungen versteckt, im Schrank oder so, und die Leute abgehört."
Na ja, sagt der Zeitzeuge. "Alles, was ihr sagt, ist erstaunlich richtig."
Der Zeitzeuge Mario Röllig hat 90 Minuten Zeit, den Kindern die DDR zu erklären. Ein Land, das für sie vermutlich so greifbar ist wie Peru oder der Senegal. In Peru gibt es Lamas. Im Senegal Senegalesen. Und in der DDR gab es Menschen, die in Schränken saßen.
Röllig erzählt von seiner Kindheit in Ostberlin ("Ich hatte genau so eine schöne Kindheit wie ihr"), ersten Problemen im Kindergarten ("Wir mussten immer alle zusammen auf die Toilette gehen"), dem Sportunterricht in der Schule ("Wir hatten dort Handgranatenweitwurf"). Dann meldet sich ein Junge und fragt, vielleicht weil gerade vom Sport die Rede ist: "Kennen Sie eigentlich noch den alten Fußballspieler Rudi Völler?"
Röllig erzählt weiter, die Geschichte wird immer düsterer. Er ist ein junger Mann, als ihn die Stasi anspricht. Er soll als IM arbeiten und Informationen über einen Freund in Westberlin, einen Politiker, beschaffen. Röllig lehnt ab, verliert daraufhin seinen Job als Kellner und versucht zu fliehen, von Ungarn ins damalige Jugoslawien und von dort in den Westen. Die Flucht misslingt. Röllig sitzt drei Monate im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Später, 1988, wird er in die BRD ausgebürgert. Nach dem Mauerfall trifft Röllig einen seiner Stasi-Vernehmer zufällig wieder. Röllig spricht ihn an, hofft auf eine Entschuldigung. Stattdessen wird er beschimpft.
In den Köpfen der Kinder arbeitet es. Ich frage mich, was sie für ein Bild haben von meinem abgefuckten Vaterland DDR.
Die Nachfrage nach Zeitzeugen ist hoch im Jubiläumsherbst. Röllig kommt auf rund 25 Auftritte. Ende Oktober fliegt er in die USA und erzählt sein DDR-Leben an amerikanischen Highschools. So wird die Geschichte immer historischer.
Wie oft hat er seine Geschichte eigentlich schon erzählt? "Bestimmt tausendmal", sagt Röllig. Manchmal habe er das Gefühl, sie löse sich bereits von ihm. Man müsse sich dann immer wieder überprüfen: Was habe ich wirklich selbst erlebt? Was habe ich später nur gelesen oder gehört?
DDR-Zeitzeugen kann man heute über Zeitzeugenbüros buchen. Es gibt dort viele Zeitzeugen jeden Alters mit beeindruckenden Opfer- und Widerstandsbiografien. Was ich nicht gefunden habe: einen Zeitzeugen ohne Opfer- und Widerstandsbiografie.
Ich dachte, der sei leicht zu finden, weil die meisten DDR-Bürger ja eher unauffällig herumlebten. Als angepasste oder überzeugte realsozialistische Normalos. Das Zeitzeugen-Business aber besteht vor allem aus Widerstandskämpfern. So als wären wir in der DDR alle in der Opposition gewesen. Ein Volk von Helden.
Ich könnte mir vorstellen, dass sich irgendwann mal ein sehr schlaues Kind meldet und fragt, warum es die DDR 40 Jahre lang gegeben hat, wenn sie keiner haben wollte und alle immer nur dagegen waren.
"Wollt ihr noch was wissen?", fragt Mario Röllig zum Schluss und packt zusammen. "Wie fanden Sie es denn so im Gefängnis?", fragt ein Junge.

2. Herbstfernsehen

Es läuft jetzt überall viel DDR im Fernsehen. Kurzes Gedenk-Zapping:
Wahnsinn '89. Wie viel '89 steckt in dir? Meilensteine 1989. Das Wunder von Berlin. Das Wunder von Leipzig. Ich würd so gern im Osten singen. Hurra, wir fahren nach Berlin! Sturm auf die Stasi. Das Leben der Anderen. Weissensee, Staffel 2. Wir wollten aufs Meer. Schabowskis Zettel. Als der Osten durch den Westen fuhr. Die 25 kuriosesten Ost-West-Geschichten. Der Westen leuchtet! Wie wir wurden, was wir sind! Aufbruch im November. Mauerjahre. Zwischen den Zeiten. Goodbye DDR. Goodbye, Lenin! Doswidanja Deutschland! Chronik der Wende. Ost- Legenden. Live von der Bernauer Straße. Live vom Brandenburger Tor. Live von der Bornholmer Straße.

3. Ehrungen

Zum Herbst gehört es, dass ein Ostdeutscher einen Preis bekommt. Wer ist es diesmal? Lutz Seiler? Ja, der auch.
Den "Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" aber erhält Karl Clauss Dietel. Für sein Lebenswerk, wie es so schön heißt. Dietel ist 80 Jahre alt, kommt aus Chemnitz und hat in der DDR unter anderem die Schreibmaschine "Erika", die Flachrundstrickmaschine FRJ 5480 und vor allem den Wartburg 353 designt. Sein bekanntestes Werk.
Die Laudatio für den Preisträger hält im Bundeswirtschaftsministerium eine korpulente Frau mit Kurzhaarfrisur, die Ostbeauftragte Iris Gleicke. Denn so ist es natürlich am besten: Ostler bekommen Preise von der Ostbeauftragten.
Was sagt Frau Gleicke? "Ich freue mich sehr darüber, auch als Ostbeauftragte der Bundesregierung, dass ein Ostdeutscher den Ehrenpreis erhält. Mit der Auszeichnung wird der gesamtgesellschaftlichen Wertschätzung eines bedeutenden Ostdeutschen Rechnung getragen." Das klingt gar nicht nach dem Deutschen Designpreis. Ist das hier die falsche Veranstaltung? Vielleicht der Deutsche Herkunftspreis 2014?
Der nächste Laudator bringt eine weitere ungewöhnliche designästhetische Komponente ins Spiel: "Herr Professor Dietel wurde seit 1959 unentwegt vom Ministerium für Staatssicherheit observiert. Das möchte ich nicht unerwähnt lassen."
Das macht das Design natürlich gleich viel besser und preiswürdiger. Ein Ostdeutscher. Ein Widerstandskämpfer. Wann hört dieser Unsinn endlich auf?
Mein erstes Auto war ein roter Wartburg 353, Baujahr 1973. Mit Schiebedach und Lenkradschaltung. Vorn rechts regnete es manchmal rein, weil das Fenster nicht mehr ganz schloss. Ich war trotzdem zufrieden, hätte aber nie gedacht, dass ich in einem deutschen Designklassiker unterwegs war.
Dietel, der Preisträger, sagt nicht viel. Er ist ein kluger, höflicher Mann. "Ich bin überrascht über diese Ehre."

4. Unsere DDR wird 65

Den Ablaufplan zum Republikgeburtstag hat Andreas Maluga, der 1. Vorsitzende des "DDR Kabinett Bochum e. V.", straff durchorganisiert. "Parteitagsmäßig", wie er sagt. Alle feiern in diesem Herbst den 25. Jahrestag des Mauerfalls. Aber darauf hat Maluga keinen Bock. "Mir fehlt die DDR", sagt er. Auch wenn er dort nie gelebt habe. Maluga schaut noch einmal auf das Faltblatt mit dem Programmablauf. Und dann geht es auch schon los.
11.00 bis 11.10 Uhr: Nationalhymne der Deutschen Demokratischen Republik.
Ausgerechnet in Bochum wird gefeiert. Tief im Westen. Beim Klassenfeind sozusagen. Rund 200 Gäste, einige schon recht betagt, sitzen oder stehen in der Aula der Pestalozzi-Realschule, die geschmückt ist mit den Porträts von Honecker, Ulbricht, Pieck und Thälmann. Die DDR-Nationalhymne wird nun gesungen, wozu sich alle erheben. Schönes Lied eigentlich. Melodie von Eisler. Text von Becher.
Wobei den Text ab den Siebzigerjahren niemand mehr sang in der DDR. Wegen der Textzeile: "Laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland."
Aber das haben hier alle vergessen.
12.00 bis 12.30 Uhr. Oberst a. D. Karl-Heinz Kathert. "So war es! Aus dem Leben eines Grenzers der DDR".
Oberst Kathert teilt mit, "dass ich zum ersten Mal in meiner Originaluniform im westlichen Teil Deutschlands auftrete". Dafür gibt es großen Beifall. Auch Oberst Kathert ist im Westen angekommen. Bravo! Oberst Kathert teilt im Rahmen seines Vortrags weiterhin mit: "Wir haben alle Konfliktsituationen an der Grenze friedlich gelöst." Da hat er jetzt aber ganz schön geschummelt, der Oberst Kathert.
12.30 bis 12.50 Uhr. Grußwort.
Margot Honecker grüßt aus Chile. Egon Krenz grüßt auch.
12.50 Uhr bis 13.50 Uhr. Pause.
Was gibt's zu essen? Soljanka. Halberstädter Bockwurst. Für die Soljanka tut es mir leid. So eine schöne Suppe. Und dann wird sie immer ideologisch missbraucht. Auf DDR-Geburtstagen und so.
13.50 Uhr bis 14.00 Uhr. Grußwort.
Wer grüßt denn jetzt schon wieder? Der Singeclub "Ernesto Ché Guevara" aus Dresden. Der "Verband zur Pflege der Traditionen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR e. V.".
14.30 bis 15.00 Uhr: Ernst-Busch-Chor. Lieder zum Gründungstag der DDR.
"Venceremos, wir werden siegen ...", singt der Chor. Wenn man sich dann umguckt im Saal, muss man sagen: wohl eher nicht.
Klaus Feldmann, der Moderator der Feier, hat früher im DDR-Fernsehen die Nachrichten in der "Aktuellen Kamera" verlesen. Jetzt steht er in einem irgendwie senffarbenen Anzug auf der Bühne wie ein Geist. Alles hier im Saal ist in diesem Sinne "früher". Die Musik, die Reden, der Info-Stand über Kuba, der FDJ-Stand, der DKP-Stand, die T-Shirts mit dem Konterfei von Ernst Thälmann, der antifaschistische Büchertisch, die Lenin-Büste vorn am Podium. Es ist ganz seltsam: Der Sozialismus galt mal als fortschrittliche, revolutionäre Idee. Übrig geblieben ist öde Folklore. Genauso gestrig, bieder und konservativ wie ein Treffen der Landsmannschaft Schlesien.
16.35 bis 17.00 Uhr. Isabel Neuenfeldt, Akkordeon. "Rote Lieder hört man besser."
Gern hätte ich erfahren, ob man rote Lieder wirklich besser hört. Aber es geht nicht mehr. Ich muss raus. Zurück in die deutsche Gegenwart. Zurück in die BRD.

5. Unrechtsstaat

Sandra Maischberger fragt kopfschüttelnd: "Wer stellt sich heute neben Erich Honecker und lässt sich fotografieren?"
Dagmar Frederic: "Frau Maischberger, Entschuldigung. Ganz dicht daneben steht Stalin, steht Hitler ..."
Sandra Maischberger: "Eben!"
Dagmar Frederic: "Na, was heißt eben? Das ist ein weltberühmtes Wachsfigurenkabinett, und der Mann, ob man ihn mag oder nicht, ist eine Figur der Geschichte."
Ein Abend vor dem Fernseher. Ich schaue "Menschen bei Maischberger", der Titel der Sendung lautet: "25 Jahre Wende: War die DDR Heimat oder Unrechtsstaat?" Klingt ja interessant. Und dann geht es auch gleich um einen "handfesten Skandal", wie Sandra Maischberger in der Anmoderation erklärt. Die Entertainerin Dagmar Frederic (unter deren Namen die Maischberger-Redaktion die dämlichen Erklärungen einblendet: "Grande Dame der DDR-Unterhaltung", "Caterina Valente des Ostens") hat bei einem Fototermin bei Madame Tussauds in Berlin neben der Wachsfigur von Erich Honecker gestanden. Und hat scherzhaft salutiert.
Weil Jubiläumsherbst ist, gab es daraufhin einen großen medialen Aufschrei. Nun sitzt Dagmar Frederic hier und soll sich erklären. Und am besten auch entschuldigen. Die Frage ist: wofür?
Ernst Elitz, Bild-Kolumnist und Ex-Intendant des Deutschlandradios, schaltet sich ein: "Frau Frederic, vor Erich Honecker macht man keinen Salutgruß! Es hat viele Menschen tief verletzt, die unter diesem Regime gelitten haben!"
Es ist nur eine Fernsehsendung. Aber man sieht den ganzen Ost-West-Krampf. Die ganze Fremdheit. Manchmal glaube ich, man muss heute nur eine alte DDR-Unterhose anziehen, und schon ruft garantiert jemand: Verharmlosung!
Vor gut zehn Jahren wurden mit der Verharmlosung noch Fernsehshows bestritten. RTL, Sat.1, das ZDF, alle hatten eine DDR-Show oder Ostalgie-Show im Programm, in der Katarina Witt in FDJ-Bluse posierte, Pioniere aufmarschierten oder alle lustig den Lipsi tanzten. Es war vollkommen absurd. Vollkommen irre. Aber es fiel anscheinend niemandem auf.
Jetzt sehe ich "Maischberger" und denke: Irre ist es geblieben. Die DDR ist seit Ewigkeiten tot, und noch immer gibt es keinen angemessenen Umgang mit ihr. Keine Normalität. Keine echte Diskussion.
Die einen haben vor lauter Krampf die Lust verloren. Die anderen werfen mit Schlagworten. Diktatur. Unrechtsstaat. Es sind längst politische Rituale. Man kann bei jedem Mauerfalljubiläum darauf warten und wartet nie umsonst.
Ich weiß nicht, wem dieses versteinerte DDR-Geschichtsbild nützen soll, an dem niemand mehr kratzen darf. Es beantwortet keine Fragen. Es tabuisiert Fragen.
So wie auch der Begriff "Unrechtsstaat". Er wird ja nicht als Teil der Auseinandersetzung mit der DDR benutzt. Sondern als Gesinnungstest. Bist du ein fleißiger Aufarbeiter? Oder etwa ein Verdränger? Ironischerweise erinnert mich das an die DDR. Dort wurde gern gefragt: Du bist doch auch für unsere Sache, oder?
Dass die DDR kein Rechtsstaat war, wer will das bestreiten? Aber man muss die DDR auch nicht mit jedem Jahr schärfer machen, als sie war. Sonst ist sie irgendwann nicht mehr verstehbar. Sondern nur noch ein Absurdistan kurz vor Polen, mit Tätern, Opfern und Gefängnissen.

6. Wir sind das Volk, 2014

Ein alter DDR-Barkas fährt im Schritttempo am Alexanderplatz vorbei, Musikboxen stehen auf dem Dach. Touristen und Passanten wundern sich. Was ist denn da nun wieder los? Love Parade?
Auf der Ladefläche des Barkas, kaum zu sehen, sitzt der Sänger und DDR-Bürgerrechtler Stephan Krawczyk und singt und spielt Gitarre: "Da kommt sie schon, die Revolution, friedlich auf der Straße ..."
Ich weiß leider noch immer nicht, wie es korrekt heißen muss: Ehemaliger Bürgerrechtler? Ex-Bürgerrechtler? Oder bleibt man ein Leben lang einfach "DDR-Bürgerrechtler", auch ohne DDR?
Hinter dem Barkas laufen wir - der "Revolutionszug". Es regnet, und der Revolutionszug geht die historische Route vom 7. Oktober 1989 ab. Ein Erinnerungsmarsch. Damals demonstrierten Tausende Menschen vor dem Palast der Republik in Ostberlin, wo die Staatsführung gerade 40 Jahre DDR feierte. Anschließend zogen die Demonstranten zur Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg. Es kam zu Verhaftungen und Prügeleien durch Polizei und Stasi.
25 Jahre später besteht der Revolutionszug aus rund 150 Demonstranten. Vera Lengsfeld, auch ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin, und viele Kinder sind darunter, die selbst gebastelte Pappschilder hochhalten, auf denen steht: "Gorbi!", "Freiheit!", "Wir sind das Volk!"
Passanten und Touristen schauen verwundert. Gorbi? Freiheit? Die Eltern der Kinder schießen Handyfotos und loben: Das machst du prima, Johannes!
Wir laufen Richtung Prenzlauer Berg, wo es heute keine Revolutionäre mehr gibt, sondern Eigentumswohnungen, die ein Vermögen kosten. Deshalb ruft auch niemand aus dem Revolutionszug: "Auf die Straße!", so wie damals. Denn wer soll hier herunterkommen? Ein Immobilienmakler?
Plötzlich taucht ein grauer Lkw auf. Der Historiker Stefan Wolle erklärt in einem kleinen Vortrag, dass dies ein DDR-Gefangenentransporter ist und wie das damals war mit der Stasi.
Dann gehen wir weiter, es regnet, und ich denke: Wir können uns jetzt auch alle einen Bürgerrechtlerbart ankleben und wieder 89er-Stonewashed-Jeans tragen, aber es wird dadurch auch nicht authentischer. Wir sitzen nicht in einer Zeitmaschine. Die Revolution ist vorbei. Schade, ja.

7. Freiheit!

Zuerst spricht der Leipziger Oberbürgermeister. Dann spricht der Bundespräsident, dann spricht der sächsische Ministerpräsident, dann spricht der sächsische Landtagspräsident. Wovon sprechen sie überhaupt? Von der Freiheit.
Freiheit ist der große Jubiläums-Hit. Er wird rauf und runter gespielt. Freiheitswille, Freiheitswunsch, Freiheitskampf, Freiheitsbewegung. Wohin sind die Ostdeutschen gerannt? In die Freiheit.
Es ist der 9. Oktober. Im Leipziger Gewandhaus läuft der "Festakt anlässlich des Erinnerns an 25 Jahre Friedliche Revolution". Joachim Gauck steht am Rednerpult, wippt kurz in den Knien und sagt: "Die Sehnsucht nach Freiheit war größer als die Furcht." Er sagt: "Vor der Einheit kam die Freiheit!" Später singen alle Festgäste die Nationalhymne. Einigkeit und Recht und Freiheit.
Es ist natürlich völlig unrealistisch und wird nie passieren, aber in meinem Jubiläumstraum tritt ein aufrechter Festredner ans Mikrofon und sagt in seiner wahrhaftigen Gedenkrede: "Sicher, wir Ostdeutschen dachten damals an die Freiheit. Aber wir dachten auch viel ans Einkaufen. Sehr viel ans Einkaufen. An Marlboro, Jeans, Cornetto Nuss und den Golf GTI. Hätte man im Westen nicht so schön einkaufen können, vielleicht würde die Mauer heute noch stehen."
Die Revolution vom Herbst '89 ist die erste gelungene deutsche Revolution. Eine Happy-End-Story nach zwei Weltkriegen. Und so wird die Revolution jetzt gepflegt, parfümiert und mit Pathos einbalsamiert. Vor allem mit Freiheitspathos. Die Heilige Revolution. Das macht es manchmal schwierig, sich in der eigenen Geschichte zurechtzufinden. Sie erscheint mir heute so eindeutig und märchenhaft, als hätte ich sie nie erlebt.

8. Bornholmer Straße

Am Ende der Herbstreise betritt ein alter Stasi-Offizier die Bühne des Kinos "International" in Berlin, und alle klatschen. Volker Herres, der ARD-Programmdirektor, klatscht. Der Filmproduzent Nico Hofmann, die Schauspieler Charly Hübner und Ulrich Matthes, sie klatschen.
Harald Jäger, Oberstleutnant der Staatssicherheit a. D., steht im Beifallsregen, und dann merke ich, dass auch ich klatsche. Und frage mich, in einer Art Gedenkreflex, ob das eigentlich okay ist. Darf man für die Stasi klatschen? Was würde Joachim Gauck jetzt tun?
Harald Jäger hat die Mauer geöffnet. Nicht als Widerstandsakt, sonst gäbe es längst Gedenkmünzen mit Jägers Konterfei. Eher aus Verzweiflung.
Harald Jäger war Leiter des Grenzübergangs Bornholmer Straße in Ostberlin. Er hatte Dienst am Abend des 9. November, als plötzlich die Massen kamen. Tausende Menschen wollten in den Westen. Was sollte Jäger tun? Stellung halten? Schießen?
Die Situation drohte zu eskalieren. Und dann tat Jäger das Undenkbare: Er öffnete den Schlagbaum. Eigenmächtig. Ohne Befehl. Anschließend zog Jäger sich zurück. Draußen jubelten die Leute, tranken Sekt. Drinnen saß Jäger in seinem Zimmer und weinte. Die DDR, die Mauer - das war sein Leben. Scheißtag, der 9. November.
Aus Jägers Geschichte hat der Regisseur Christian Schwochow einen Film gemacht. Er läuft am 5. November in der ARD. Der große Jubiläumsfilm. Jägers Geschichte wird damit endgültig in die umfangreiche DDR- und Revolutionserzählung einsickern. So wie zuvor das "Leben der Anderen" oder "Die Frau vom Checkpoint Charlie". Das ist schön, denn Jägers Geschichte weitet das historische Blickfeld.
"Ich bin kein Held", sagt Jäger auf der Kinobühne und legt unbeholfen die Hände an den dicken Bauch. "Helden sind die, die vor uns standen."
Ach, zum Glück. Nicht noch ein Revolutionsheld. Nicht noch mehr Pathos. Nur ein Mann, den die Ereignisse überrumpelten und der versuchte, sich irgendwie anständig zu verhalten. Das ist so schön normal in diesem polierten Gedenkherbst. So schön normal und versöhnlich wie die Botschaft, dass eine friedliche Revolution zwei Seiten hat: diejenigen, die aufbegehren; und diejenigen, die nicht schießen. Gut gemacht, Genosse Stasi-Oberstleutnant.
Jäger geht hinaus, gibt Interviews, steht vor Handykameras, und ich merke, dass ich jetzt großen Durst habe. Auf West-Bier. Und nach all den ostdeutschen Gedenkwochen auch großen Hunger.
Nach West-Geschichte, West-Erfahrungen, West-Leben, West-Revolution, sogar nach Westalgie. Was haben eigentlich die Westler gemacht im Herbst '89?

9. Korrektur

Aus der Süddeutschen Zeitung vom 28. Oktober: "David Hasselhoff, 62, US-Sänger, hat noch einmal betont, nicht für den Fall der Mauer verantwortlich zu sein. Die Behauptung habe ihn jahrelang verfolgt, sagte er am Montag." ■
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 45/2014
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