03.11.2014

ParawissenschaftenGruselige Igel

Geschirr zerbricht, die Treppe knarzt, der Toaster brennt - war es der Poltergeist? Ein Brite erforscht die Kulturgeschichte des Spuks.
Im Heim von Caroline Mitchell verging kaum ein Tag, ohne dass der Poltergeist wütete: Mal schaltete sich das Bügeleisen von selbst ein. Dann wieder prasselten Hundekuchen und Müsli auf die Familie nieder. Geschirr zerschellte regelmäßig in der Küche des Hauses im britischen Essex.
Den "düstersten Tag" nennt Mitchell jenen, an dem eine "gelbe Flüssigkeit" auf den Dielenboden tropfte, scheinbar "direkt aus der Luft" kommend. Musste der Poltergeist pinkeln? Gar nicht so abwegig findet das die Polizistin, die ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben hat.
Mitchell schwört, dass sie ihr Haus seit 2010 nicht nur mit ihrem Partner Neil und ihren Kindern, sondern auch mit einem Poltergeist teile. Ach nein, nicht nur das Haus, einmal wurde Neil mit Steinen bombardiert: im Innern der Familienkarosse.
So ein Unsinn! Oder nicht? Der britische Literaturwissenschaftler Richard Sugg will dem Phänomen auf den Grund gehen. Der Gelehrte von der University of Durham untersucht die Kulturgeschichte des Poltergeistes. Mitchells Fall ist nur einer von Dutzenden, die er gesammelt hat. "Viele Poltergeist-Geschehen widersprechen allem, was wir für normal halten", sagt der Forscher, "gleichzeitig wirken die Erzähler meistens sehr ehrlich." Geradezu allgegenwärtig seien die volatilen Wesen: "Sobald ich Poltergeister erwähne, hat fast jeder eine eigene Erfahrung beizusteuern."
Poltergeister treiben ihren Schabernack schon seit Menschengedenken. Sugg beschreibt Fälle bis zurück ins 7. Jahrhundert vor Christus. Bis heute verfällt die Welt immer wieder dem Irrsinn:
‣ Im Sommer 2006 spukte es im britischen South Shield. Nach dem üblichen Stühlerücken übertraf sich der Poltergeist selbst. Ein Toilettenkasten füllte sich mit Blut. Geld regnete von der Decke. "Eine respektable Summe kam zusammen", berichtet Sugg. Immerhin.
‣ 1984 suchte ein Poltergeist Familie Resch in Columbus, Ohio, heim. Eier drangen durch die geschlossene Kühlschranktür. Ein Schraubenschlüssel flog nicht nur geradeaus, sondern sogar um die Ecke. Tochter Tina schien Zielscheibe des Unwesens zu sein. Ein Foto ging um die Welt, auf dem ein Telefon vor der 15-Jährigen zu schweben scheint.
‣ Im britischen Enfield wiederum quälte der Poltergeist 1977 die elfjährige Janet Hodgson. In ihrer Gegenwart bewegten sich Möbel. Streichhölzer entzündeten sich von selbst. Auf dem Höhepunkt des Treibens haben Zeugen fotografiert, wie Janet angeblich über ihrem Bett schwebt.
Der Columbus- und der Enfield-Fall seien typisch, berichtet Sugg. Der Poltergeist bediene sich häufig eines Jungen oder Mädchens im Alter zwischen 8 und 20 Jahren, "oftmals mit psychischen Problemen". Könnte die Angst und innere Zerrissenheit der Pubertät die Phänomene auslösen, wie mancher Poltergeist-Fan vermutet? Sugg nimmt die Erscheinungen zumindest ernst und verweist auf die vielen Augenzeugen, unter ihnen Ärzte, Polizisten und Feuerwehrleute. "Legosteine fingen einfach an zu fliegen und sprangen herum", gab zum Beispiel in Enfield ein alarmierter Polizist zu Protokoll. Als ihn das Spielzeug attackierte, nahm der Gesetzeshüter Reißaus.
Doch wie kann das alles sein? Gar nicht, sagt Martin Mahner von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. "80 Prozent der Fälle sind Schwindel", meint er, "da will sich ein Jugendlicher wichtig machen oder anderen einen Streich spielen." Das sei einfacher als gedacht. Denn Skepsis gehöre nicht unbedingt zur Natur des Menschen. "Wir glauben erst mal, was wir sehen", sagt Mahner. Und das sei auch gut so. "Wer ein Raubtier sieht, stellt keine Fragen, sondern haut ab."
Andersherum heißt das jedoch: Trickserei zu erkennen ist nicht des Menschen Stärke. "Erfahrene Geisterjäger" seien dafür nötig, sagt Mahner. Solche Leute könnten fast jeden Spuk schnell entlarven. Der Amerikaner James Randi ist so ein Gespensterdetektiv. Der Magier hat schon vor Jahren einen Preis von einer Million Dollar ausgesetzt, zahlbar an jeden, der ein Phänomen präsentiert, das sich nicht erklären lässt. Das Geld gehört Randi immer noch.
Viele Fälle lösen sich auch von selbst. Mal entpuppt sich ein vermeintlich gespenstisches Rumoren als das Geräusch von "Ratten, die Äpfel durch hohle Wände rollen", berichtet Sugg, mal als jenes von "Igeln, die im Garten kopulieren".
Auch andere natürliche Phänomene kommen gelegentlich als Erklärung infrage. Im Januar 1938 etwa saß die 80-jährige Mrs MacLeod im schottischen Tolastadh Chaolais beim Tee, als plötzlich einige Torfstücke neben ihrer Feuerstelle anfingen zu tanzen. Tassen und Krüge flogen alsbald durch das Haus. Wolle zerkrümelte. Sugg berichtet, dass zur gleichen Zeit ein äußerst heftiger Sonnensturm tobte. Nordlichter tanzten über Schottland. War energiereiche Strahlung schuld am Spuk?
Sugg wäre froh um jede wissenschaftliche Erklärung. Bald will er mit einem befreundeten Physiker zusammenarbeiten. "Solche Phänomene sind eine große Chance für die Forschung", findet er.
Immerhin: Jeder Poltergeist scheint irgendwann mürbe zu werden. Caroline Mitchell aus Essex bestellte sich schließlich die Exorzisten ins verfluchte Haus.
Die katholischen Geistlichen hätten erst die "Erlaubnis vom Vatikan" einholen müssen, berichtet Mitchell. Dann aber "segneten sie jeden Raum". Sie "sprachen mit fremden Zungen und beteten".
Mit Erfolg? Nun ja. Das "Wesen" sei immer noch da, berichtet Mitchell, aber immerhin nicht mehr ganz so präsent.
So ist es wohl, wenn man versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 45/2014
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