10.11.2014

BundeskanzlerinKinder der Stille

Für junge Deutsche ist Angela Merkel die Frau, die immer da war, die so vieles bestimmt. Wie prägt das diese Menschen? Was könnten sie mit ihren Erfahrungen aus Deutschland machen? Ein Porträt der „Generation Merkel“. Von Dirk Kurbjuweit
Was Marco Megerle mit Angela Merkel verbindet, ist Richard Wagner. In Megerles Kindheit und Jugend klang an jedem ersten Sonntag im Monat Wagners "Walkürenritt" durch das Haus. In Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse Now" greift die amerikanische Luftkavallerie zu dieser Musik ein vietnamesisches Dorf an, Megerles Vater rief damit die Familie zum sogenannten Familiengespräch zusammen. Was gut lief und was nicht, das musste nun besprochen werden. Angela Merkel hört Wagner in jedem Sommer bei den Festspielen in Bayreuth.
Megerle, geboren am 22. Februar 1988 in Nürnberg, wurde früh einer wirtschaftlichen Erziehung ausgesetzt. Sein Taschengeld musste er sich selbst verdienen, für Hausarbeiten bekam er zunächst ein paar Pfennige, später ein paar Euro. Mit zwölf Jahren saß er im Festspielhaus in Bayreuth und hörte Wagners Opern.
Er hatte eine starke Legasthenie und sollte auf eine Sonderschule gehen. Seine Eltern schickten ihn stattdessen auf eine Waldorfschule. Er machte einen Hauptschulabschluss und dann eine Schreinerlehre. Die Theorie fiel ihm schwer, aber er schaffte die Gesellenprüfung und danach das Fachabitur.
Er hatte eine rebellische Phase und hörte den Rapper Bushido. Er machte eine Rucksackreise, Alaska, Mexiko, Australien, Fidschi, und lernte Atemtherapie und Meditation. Megerle hatte es wegen der Legasthenie nicht leicht, aber sein starker Wille ließ ihn viele Schwierigkeiten überwinden. Heute studiert er das, womit er schon als Kind zu tun hatte: Wirtschaftspsychologie, in München.
Ein 26-jähriges Leben in Kurzform. Was Megerle außerdem mit Merkel verbindet, ist dies: In einem guten Drittel dieses Lebens, dem letzten Drittel, in dem Megerle schon ein politisches Bewusstsein hatte, war immer dieselbe Frau in den Nachrichten, wenn es um deutsche Politik ging. Zu Beginn fand Marco Megerle das nicht erfreulich. Aber er hat sich an sie gewöhnt und sagt nun: "Jetzt ist sie eine relativ attraktive Frau geworden, im Vergleich zu ihren ersten politischen Jahren. Und vor allem eine sehr starke Frau. Sie inszeniert sich allerdings auch gut. Alles ist einstudiert, sie wirkt nicht echt nach außen, ohne Ecken und Kanten. In ihren politischen Aussagen flutscht sie wie ein Fisch im Wasser. Sie ist nicht greifbar."
Merkel regiert Deutschland seit neun Jahren, und es gibt Menschen, für die das eine Ewigkeit ist, junge Menschen. Seitdem sie denken können oder Politik wahrnehmen, ist da immer diese Frau, die sich nie aufregt, die aber viel verändert hat in der deutschen Politik. Das könnte diese Menschen stark beeinflussen und zu einer "Generation Merkel" verbinden.
Eine gesellschaftliche Generation entsteht vor allem durch eine gemeinsame Prägung in den jungen Jahren. Für die Deutschen zwischen 19 und 26, die Jahrgänge 1988 bis 1995, regiert Angela Merkel die ganze oder die weitaus überwiegende Zeit, in der sie sich Gedanken über Politik machen oder zumindest machen könnten. Der Name Generation Merkel wäre dann treffend, wenn sich die politischen Erfahrungen dieser Menschen stark von denen anderer Generationen unterscheiden würden.
Maßgeblich für ein Generationenbild seien jene 10 bis 15 Prozent, "die durch Bildung hochsensibel für ihre Zeit" sind, sagt Klaus Hurrelmann, Professor an der Hertie School of Government, der wohl bekannteste Jugendforscher des Landes. Er ist an vielen Studien beteiligt, unter anderem an der Shell Jugendstudie, die zuletzt 2010 erschien.
In diesem Text soll es um junge Menschen mit guter Bildung gehen, von denen zu erwarten ist, dass sie einmal Führungsrollen übernehmen werden, auch in der Politik. Es geht um ihre Biografien, ihre Meinungen über die Bundeskanzlerin und ihre Erwartungen. Es geht also auch um einen Blick in die Zukunft. Was werden diese Menschen aus ihrer Prägung machen? Wohin werden sie Deutschland führen?
Dieser Artikel stützt sich auf ein Dutzend Interviews mit Angehörigen der Jahrgänge 1988 bis 1995 sowie auf Umfragen und Forschungen über ihre Altersgruppe - über Studenten und die sogenannte Generation Y, die nach einer Definition von Hurrelmann von 1985 bis 2000 geboren wurde, deren Zentrum die Generation Merkel also ist. Die Interviews dauerten anderthalb bis drei Stunden, fanden meist in Cafés oder Restaurants statt, und mit jedem Gespräch wurde deutlicher, dass die Generation Merkel deutsche Politik einschneidend verändern könnte.
Sebastian Abarbanell, geboren am 26. Mai 1994 in Frankfurt am Main, lebt in London und sagt über Angela Merkel: "Ich war nie besonders politisch, aber ich habe ein positives Gefühl mit ihr, ich finde sie sympathisch."
Abarbanell wollte sich als Kind von seinen Eltern nicht vorlesen lassen, er war "nicht geduldig genug". Er musste rauf auf alle Bäume, aber still sitzen? Auf keinen Fall. Die Schule interessierte ihn zunächst nicht. Als er 13 war, nahm er ein paar Stunden in zeitgenössischem Tanz, und dann war da plötzlich der Wunsch, seinen Körper auf diese Weise verstehen zu lernen. Abarbanell tanzte, zu Hause, im Studio, vor einer Prüfungskommission in London. Er wurde angenommen, und jetzt studiert Abarbanell Zeitgenössischen Tanz.
Ein Porzellangesicht, wie gemalt. Wohlerzogenheit. Langes Nachdenken. Angst vor der Zukunft hat er nicht. "Ich kann es kaum erwarten", sagt er, hält dann inne und ergänzt: "Ich kenne das Gefühl von Niederlagen nicht sehr gut, irgendwann werde ich Niederlagen haben, aber damit werde ich dann schon fertig."
Als typisch für die Generation Merkel scheint Abarbanells Satz, er sei nicht besonders politisch. Nur 24 Prozent der Studenten hielten Politik im Jahr 2013 für "sehr wichtig", ein Tiefstand. 2004 waren es 33 Prozent. Dies ergab der sogenannte Studierendensurvey, den die Universität Konstanz seit 1983 im Auftrag des Bundesbildungsministeriums erhebt. "Dieser Befund ist sehr bedauerlich", sagt Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU).
Das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest ermittelte für das Bundespresseamt zu den "Werten und Lebensorientierungen" der Studenten im vergangenen Jahr folgende Zahlen: 93 Prozent wollen finanziell abgesichert sein, 1995 waren es 78 Prozent. 86 Prozent wollen beruflich Erfolg haben (1995: 71 Prozent). 73 Prozent wollen sich schöne Dinge leisten können (1995: 31 Prozent). Der SPIEGEL schrieb daraufhin von einer "Generation Ich".
Materialisten also, Ichlinge, die sich um die eigene Karriere kümmern, nicht um gesellschaftliche Belange. Unpolitisch eben. Ist so die Generation Merkel?
Leonore Tauber, 22, studiert Politik in London. Warum hat sie sich für dieses Fach entschieden? Sie sagt: "Politik ist: gemeinsames Handeln zu koordinieren, individuelles und kollektives Denken zu vereinbaren. Politik findet man in jedem Bereich."
Das ist angeblich prototypisch für die Generation Y. Für Klaus Hurrelmann sind die jungen Leute "Pioniere und Pfadfinder" für eine neue, "ganzheitliche" Auffassung von Politik. Es sei nicht die klassische Politik der Parteien, die diese Generation interessiert. Politik sei überall da, wo Menschen miteinander umgehen.
Hurrelmann und der Journalist Erik Albrecht haben Erkenntnisse über die Generation Y in dem Buch "Die heimlichen Revolutionäre" zusammengefasst. Es ist im August erschienen. Es ist eines dieser Generationenbücher, die aus Millionen Menschen eine Figur machen, den Ypsiloner. Bei Hurrelmann heißt er "Egotaktiker".
Sein politischer Charakter sieht angeblich so aus: "Aus dieser selbstbezogenen, egotaktischen Grundhaltung entsteht kein Wirgefühl. Es kommt nicht zu einer kollektiven Solidarisierung, mit der frühere Generationen gemeinsam auf die Straße gegangen sind, wenn ihnen politische Weichenstellungen nicht mehr passten." Wenn sich die Ypsiloner engagierten, dann "aus einer Mischung aus Eigeninteresse mit dem Ziel der Selbstentfaltung und der Erwartung, auf diese Weise würde indirekt auch die Gesellschaft profitieren".
Studentenproteste gibt es kaum noch. Der Göttinger Politologe Franz Walter hat erforschen lassen, wer die Wutbürger sind, die Leute, die gegen Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21 aufbegehren. Die meisten sind über 45 Jahre alt. 16- bis 25-Jährige machen so gut wie gar nicht mit.
Der Soziologe Heinz Bude erlebt seine Studenten in Kassel als "extrem deutungsbedürftig, aber absolut empfindlich gegenüber autoritärer Deutung". Sie würden sich nicht festlegen, sagten nicht: Ihre Meinung gefällt mir oder gefällt mir nicht. Sie sagten: Ihre Meinung interessiert mich. Man meint fast, Angela Merkel reden zu hören.
Korbinian Weisser, geboren am 16. Januar 1989 in München, lebt in München: "Angela Merkel ist sehr sachlich, hat einen sehr nüchternen Stil. Mancher sehnt sich vielleicht nach mehr Brandreden, nach mehr Action. Aber das macht sie nicht. Nur in Richtung Griechenland hat sie schärfer geschossen."
Weisser sieht auf den ersten Blick aus wie das typische BWL-Bürschchen. Schmal und adrett, Haar und Pullover sitzen ausgezeichnet. Problemfreie Jugend, dann wollte er Fallschirmspringer bei der Bundeswehr werden. Plattfüße, durchgefallen. Er entschied sich für Zivildienst und betreute einen schwerbehinderten Jungen, auch noch nach dem Zivildienst. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und gründete mit anderen ein Start-up-Unternehmen, sie entwickelten eine App, die dabei hilft, Prüfungen vorzubereiten. 18 Mitarbeiter hat dieses Unternehmen. Weisser ist schon wieder ausgestiegen, um weiter zu studieren. Ein BWL-Bürschchen ist er nicht. Er ist ein junger Mann mit Lebenserfahrung, ohne dass er sich das zugutehält. Sein Auftritt ist bescheiden.
Weisser ist Mitglied der Jungen Union, ohne wirklich konservativ zu sein, ohne Posten anzustreben. Er will nur daran mitarbeiten, dass diese Gesellschaft vorankommt. Er ist politisch und empfindet das Urteil über seine Generation als ungerecht.
Auch die Generation Merkel protestiert, allerdings nicht auf der Straße, sondern wenn, dann im Internet. Sie hat auch schon daran mitgewirkt, eine Partei zu gründen, die Piratenpartei. Die erschien zunächst reizvoll, weil sie mit den ermüdenden Ritualen der klassischen Politik brach, keine starken Hierarchien hatte und jeden über das Internet immerzu mitreden ließ. Zudem kümmerte sie sich vor allem um Belange des Netzes und war damit nah an der Lebenswelt junger Menschen.
Aber das Interesse an den Piraten ließ nach, sobald sie sich in den Parlamenten auf klassische Politik einlassen mussten. Sie führten sich zum Teil dumm auf, zudem soll Kontinuität nicht die Stärke der Generation Y sein. Eher Flexibilität. Es fehlte wohl auch die große politische Idee, hinter der sich viele versammeln können. Wie das Ökologische bei den Grünen. Eine solche Idee gibt es in der Generation Merkel bislang nicht. Nicht einmal die Idee, dass Merkel weg muss.
Wer mit dieser Bundeskanzlerin aufwächst, der wird nicht gerade angeregt, sich für Politik zu interessieren. Polarisierung schafft Widerstand, und nichts will Merkel weniger. Sie will beruhigen, will wie ein Sandmännchen der Politik für angenehme Stille sorgen. Aufregungslose Wohlstandsmehrung heißt ihr Projekt. Merkels Regierungszeit gilt als Neobiedermeier, als Zeit des Rückzugs ins Private, weil politisch wenig los ist, wenig los sein soll.
Erforscht ist das noch nicht, aber es fällt auf, dass die Generation Merkel im Spiegel der Umfragen zu großen Teilen eine Haltung zeigt, die mit Merkels Politikstil korrespondiert. In gewollt unpolitischen Zeiten wächst eine vergleichsweise unpolitische Generation heran, die sich das Projekt der aufregungslosen Wohlstandsmehrung offenbar zu eigen gemacht hat. Wer sich eine politischere Jugend wünscht, müsste eher die Bundeskanzlerin kritisieren als die Jugend. Politisch sind sie Kinder der Stille.
Josephina Haunschild, geboren am 1. April 1990 in Leipzig, lebt in Markkleeberg bei Leipzig: "Merkel ist ein Vorbild für mich. Ehrgeiz gilt bei Männern als positiv, bei Frauen als hart. Vielleicht trägt Merkel dazu bei, dass man auch den Ehrgeiz von Frauen als positiv sieht. Sie geht nüchtern an die Dinge ran, mit analytischem Denken. Sie wirkt kühl, aber nicht, wenn sie im Fußballstadion ist. Wenn sie jubelt, ist sie mir außerordentlich sympathisch."
Haunschild lernte Blockflöte, Altflöte, Klavier. Mit vier Jahren besuchte sie einen Kurs für Frühenglisch. Sie machte Judo, weil ihr Großvater eine große Nummer im Judo der DDR war. Nach der zehnten Klasse ging sie für ein Jahr auf ein englisches Internat.
Ihr war früh klar, dass sie Ärztin werden wollte, sie habe "eine Affinität zum Herzen", sagt sie. Ihr Abiturschnitt lag bei 1,3, und damit konnte sie in Leipzig Medizin studieren. An der Universität begegneten ihr Studenten aus dem Westen, die sich darüber mokierten, dass sie nun im Osten leben müssen. Haunschild gefiel das nicht. "Ich mag diese Unterteilung in Ost-West nicht", sagt sie. Haunschild ist Deutsche, nicht Ostdeutsche. Im Gespräch wirkt sie ernst, zurückhaltend.
Als Thema ihrer Doktorarbeit wählte sie einen bestimmten Herzfehler bei Kindern. Sie saß viel im Labor, schnitt ein Stück von einem Herzen raus und untersuchte es. Das machte ihr "sehr, sehr viel Spaß", sagt sie. Sie wohnt noch bei ihren Eltern, sie verlässt morgens um sechs das Haus und ist gegen zehn Uhr abends zurück. Universität, Labor. Am Wochenende bleibt sie nicht ganz so lang. Du hast doch kein Leben, werde manchmal zu ihr gesagt, sagt sie, aber das "sehe ich nicht so".
Als typisch für ihre Generation gilt, dass Josephina Haunschild zu Hause wohnt. Fast 40 Prozent der 22- bis 25-Jährigen leben noch in ihrem Kinderzimmer, mehr denn je. Über 90 Prozent der 12- bis 25-Jährigen berichten von einem guten Verhältnis zu den Eltern. So war es auch bei dieser Recherche. Alle haben gesagt, dass sie eine schöne Kindheit hatten und dass das auch an den Eltern lag. Selbst bei Scheidungen bleibt das so. Vater und Mutter in dieser Schicht kümmern sich in der Regel weiterhin liebevoll um die Kinder.
Die Eltern der Generation Merkel, das sind die 68er und deren Epigonen. Sie haben einen Aufstand gegen die verknöcherten Zustände gemacht, auch zu Hause, und haben daraus offenbar den Schluss gezogen, dass sie den eigenen Kindern keinen Grund liefern wollen, einen Aufstand zu machen. Sie sind liberal, sie sind großzügig, sie bilden mit ihren Kindern ein "strategisches Bündnis", wie Hurrelmann schreibt. Die Eltern wollen Leistung sehen und sind bereit, den Nachwuchs lange zu unterstützen, auch im "Hotel Mama".
Hurrelmann erzählt davon, dass Bausparverträge bei jungen Menschen eine Renaissance erlebten. Er kann das nicht ohne ein kleines, mokantes Lächeln sagen. Er ist 68er, und wenn die etwas an ihren Kindern oder Enkeln auszusetzen haben, dann das Ausbleiben der Aufstände, auf die sie selbst so stolz zurückblicken.
Josephina Haunschild, die ein glückliches Kind in ihrer Familie war und ist, möchte selbst ein Kind haben, eins, "die Sparvariante der Familie", sagt sie. Sie hat die Chance auf eine Karriere, und die möchte sie nutzen. Knapp 70 Prozent der 12- bis 25-Jährigen wollen Kinder, 73 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer. Die Lücke wird nicht leicht zu schließen sein, zumal Frauen wie Josephina Haunschild die Männer sicher nicht damit locken werden, dass sie zurückstecken. Sie wollen selbstverständlich Beruf und Kinder miteinander vereinbaren.
Fast zwei Drittel der Studierenden im Fach Medizin sind Frauen, auch weil sie bessere Schülerinnen sind und damit häufiger den Numerus clausus schaffen. Sie werden Männerdomänen stürmen, zum Beispiel die Herzchirurgie, einen Olymp der männlichen Götter in Weiß, und schon deshalb liegt das Vorbild Merkel so nahe für Josephina Haunschild. Auch die Bundeskanzlerin habe in Leipzig studiert, sagt sie, und es klingt, als könne sich Merkel darauf verlassen, dass sie Nachfolgerinnen finden wird, auch in anderen Berufen. Von den befragten Frauen standen manche Merkel politisch nahe, manche fern. Gleich war bei allen, dass sie Merkel als eine Frau wahrnehmen, die sich gegen Männer durchgesetzt hat, und dass sie das Klasse finden. Der weibliche Teil der Generation Merkel wird von dieser Bundeskanzlerin profitieren, weil ihr Erfolg den jungen Frauen Mut macht.
Julia Brettel, geboren am 12. März 1995 in Kronach in Franken, lebt in Dresden: "Angela Merkel war auf einmal da und war konstant. Ich fand gut, dass sie eine Frau ist. Dass sie Männern die Stirn bieten kann, finde ich toll. Irritiert hat mich allerdings der plötzliche Atomausstieg. Merkel hängt ihre Fahne oft in den Wind. Aber ich finde, dass sie Deutschland ziemlich gut durch diese ganzen Krisen geführt hat. Sie strahlt Sicherheit aus."
Als Julia Brettel von ihrem ersten Schultag nach Haus kam, feierten die Freunde und Verwandten ein kleines Fest mit ihr. Aber plötzlich war die Stimmung der Erwachsenen gedrückt, sie taten etwas, was sie nachmittags sonst nicht tun: Sie schauten fern. Es war der 11. September 2001.
Brettel ist in einem Dorf aufgewachsen, sie nennt das ihre "Bullerbü-Welt", nach dem idyllischen Ort, den Astrid Lindgren erfand. Da die Mutter arbeitete, war die Tochter viel bei ihrer Oma, einer Bäuerin. Irgendwann tauchten an der Schule "Emos" auf, eine Jugendbewegung. Schwarz gekleidet, Haare ins Gesicht, das Styling an japanische Manga-Comics angelehnt, traurige Grundstimmung. Brettel ist das Gegenteil, gut gelaunt, offen. Ein Perlenohrring.
Auch sie erlebte ihre Kindheit und Jugend als fröhlich. Daran änderte der 11. September nichts. Sie spürte damals, "dass es dramatisch war", aber es war weit weg. Die Finanzkrise, die 2007 begann, habe ihr ebenfalls keine Angst gemacht, sagt sie. Folgen spürte sie nicht. Aber als sie nach einem Beruf suchte, entschied sie sich für Zahnärztin, auch weil sie das als "sicher" empfindet. Auch bei ihrem Geld geht sie "auf Nummer sicher", würde es "nicht irgendwelchen Fonds" anvertrauen.
Sie ist neuerdings etwas beunruhigt durch den "Islamischen Staat", aber auch diese Bedrohung ist noch weit weg, sodass Julia Brettel optimistisch ist, was ihre Zukunft angeht.
Das ist typisch für diese Generation. Die großen Krisen in ihrer Lebensspanne hat sie nicht erlebt, sondern wie durch eine Milchglasscheibe betrachtet. Am 11. September 2001 waren diese Menschen jung, und der Terror von Al Qaida hat die Bundesrepublik nicht erreicht. Die Finanzkrise hat den Lebensstandard und den Arbeitsmarkt kaum beeinträchtigt. Die jungen Deutschen dieser Schicht leben in ihrem Land in einer nahezu heilen Welt, vergleicht man sie mit den jungen Spaniern. Al Qaida hat in Madrid einen Anschlag mit 191 Toten verübt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent, auch wegen der Finanzkrise.
Nach einer Umfrage befürchteten 2013 nur sieben Prozent der deutschen Studenten an Universitäten, dass sie Schwierigkeiten haben werden, eine Stelle zu finden. 2004 waren es doppelt so viele. Nach der Shell Jugendstudie von 2010 waren 59 Prozent der jungen Menschen optimistisch, gegenüber 50 Prozent im Jahr 2006.
Hurrelmann, der diese Generation nicht besonders mag, spricht von "Leistungsstrebern". Sie würden stark auf gute Noten achten, ohne sich um eine umfassende Bildung zu kümmern. Es werde für Prüfungen gelernt, nicht für einen Wissensschatz, nicht für die Herausbildung eines schönen Geistes. Der Soziologe Heinz Bude sieht bei seinen Studenten "kurze Aufmerksamkeitsspannen" und "strips of knowledge", wie er sagt, also Wissensschnipsel.
Allerdings macht man den jungen Menschen die Bildung nicht gerade leicht. Einem Teil dieser Generation wurde ein Schuljahr am Gymnasium genommen, als man von G9 auf G8 umstellte. Ihre Hochschulen haben den Bologna-Prozess durchlaufen, der das Lernen verdichtet und weniger auf Bildung als auf Jobtauglichkeit Wert legt. Jürgen Kaube, Bildungsexperte der FAZ und ein Kritiker Hurrelmanns, schreibt: "Wen also muss man sich näher anschauen, wenn Studenten, die 15 Kurse in der Woche haben, nicht mehr lesen? Nicht die Jugend von heute, sondern die Erwachsenen von gestern." Die für das Bildungssystem verantwortlich sind.
Dabei hat der Bildungsweg der Generation Merkel klassisch begonnen. Fast alle Interviewten berichten, dass ihre Eltern ihnen vorgelesen haben, bei Julia Brettel vor allem aus "Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren. Später haben sie fast alle "Harry Potter" und "Herr der Ringe" gelesen oder im Kino gesehen. Diese Generation ist mit Fantasy aufgewachsen, was nicht heißt, dass sie viele Fantasien entwickelt. Es kann auch das Gegenteil passieren, dass Harry Potter und die Hobbits ein Bedürfnis befriedigen, dass man sich in ihre Welten hineinträumen kann und keine eigenen entwickeln muss.
Der Fernseher spielte eine kleinere Rolle für diese Jugendlichen. Die Sehzeiten waren streng begrenzt, "Die Sendung mit der Maus", "Sesamstraße", das war es schon. Marco Megerle bekam jede Woche einen Fernsehchip, den er bei seinen Eltern einlösen musste. Dann durfte er eine halbe Stunde lang fernsehen.
Sie sind die erste Generation, in der viele Kinder ein Handy hatten. Julia Brettel war elf, als ihre Eltern ihr eines schenkten. Sie sollte damit zu Hause anrufen, falls der Bus einmal nicht kam. Fast alle erzählen genau das. Ihr erstes Handy war kein Instrument der Freiheit, sondern ein Beruhigungsinstrument für die Eltern; und eines der Kontrolle. Sie waren nun immer erreichbar.
Als Teenies begannen die Mädchen auf dem Computer der Eltern zu chatten, die Jungs Kriegsspiele zu spielen. Aber auch das war reglementiert. Julia Brettel sieht einen Generationenbruch zu ihrer jüngeren Schwester, die mit einem Smartphone aufwuchs und nicht mit so einem lahmen Knochen wie sie selbst. Die Schwester sei eine Virtuosin der sozialen Netzwerke, Julia Brettel selbst schaut nur hin und wieder bei Facebook rein. Das Netz empfindet sie als "Zeitfresser". Gleichwohl ist das keine Generation der Zeitungsleser. Die Informationen kommen vor allem aus dem Internet.
Die Personalchefs erwarten die Ypsiloner offenkundig mit einer gewissen Nervosität, nach ersten Erfahrungen mit dieser Generation, zu der auch knapp 30-Jährige gehören. Hurrelmann sagt, dass sie drei große Anliegen haben: flexible Arbeitszeiten; Vereinbarkeit von Familie und Beruf; ausgewogene Work-Life-Balance. "Sie möchten sich nicht vom Beruf verschlingen lassen", schreibt er.
Eine Generation, die zu Hause gut behandelt wurde, erwartet von den Chefs offenbar das Gleiche. Hurrelmann glaubt deshalb, dass die Ypsiloner die Arbeitswelt stark verändern werden. Das vor allem meint er mit dem Buchtitel "Die heimlichen Revolutionäre".
Hält dann Deutschland, traditionell das Land des Fleißes und der Disziplin, nicht mehr mit? Zumal diese Generation in einem asiatischen Jahrhundert lebt, mit wirtschaftlicher Konkurrenz vor allem aus China.
Marco Megerle hat für ein paar Monate im chinesischen Qingdao gearbeitet. Nun habe er keine Angst mehr vor denen, sagt er. Die Chinesen arbeiteten nach Schema F und würden Problemen aus dem Weg gehen, statt sie zu lösen. So ähnlich sieht das Korbinian Weisser, der ein Praktikum in Shanghai gemacht hat.
Nein, diese Generation lässt sich nicht so leicht verunsichern. Was zu einer Kanzlerin passt, die Sicherheit ausstrahlt, wie nicht nur Julia Brettel bemerkt hat.
Der Soziologe Heinz Bude sagt, Prominente seien "Modelle für die Verarbeitung von emotional schwierigen Situationen". Von Merkel könnte die Generation Merkel Gelassenheit gelernt haben. Hier liegen ihre Stärken, in der Ausstrahlung, also nicht im Konkreten, sondern im Ungefähren. Kaum einer könnte genau sagen, was sie bislang für die Sicherheit der Deutschen getan hat, aber es hat sich ein Gefühl eingestellt, dass es nicht so ganz schlimm kommen wird, solange sie regiert.
Nora Nagel, geboren am 3. April 1994 in Düsseldorf, lebt in Witten: "Meine erste Erinnerung ist, dass sie da in diesem orangefarbenen Jackett und der weißen Hose steht. Ich dachte, toll, eine Frau, doch je älter ich wurde, desto enttäuschter war ich. Dieses Abwarten von ihr, dieses Passive macht mich wütend. Dass sie uns keine klaren Standpunkte zutraut, dass sie sich das nicht zutraut. So eine schlaue Frau, aber was will sie denn? Ich weiß nicht, was sie will. Ich kann sie nicht verstehen."
Nagel sitzt in einem Café und löffelt in einer Kartoffelsuppe. Das ist eines der Gerichte, die Angela Merkel gern kocht, aber das ist nur ein Zufall. Nagel redet schnell, forsch. Ihre Kindheit sei "superschön" gewesen, sagt sie, liebevolle Eltern, große Ausflüge am Wochenende, der Vater war tagsüber viel weg, las abends aber vor. Sie spielte Fußball, Hockey, ging 2009 für ein Jahr in die USA. Sie hörte Fettes Brot und sah manche Alterskollegin nach dem Genuss von Alcopops "übel abschmieren". Chatten, die Freundeswelt mit Emoticons überschütten.
Ihre Mutter trat einmal bei Günther Jauch auf, mit einem Buch über Demenz. Nora Nagel war dabei, wurde auch kurz befragt. "Zwei Minuten 'fame'", sagt sie. Am Abend der Sendung traf sie Manuela Schwesig (SPD), damals Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, die Nagel zu einem Praktikum einlud. Jetzt studiert sie Philosophie, Politik und Ökonomie an der Universität in Witten/Herdecke.
Generation Merkel? Nö. Das hat sie gleich zu Beginn gesagt, noch vor der Kartoffelsuppe. Findet sie blöd, dass sie mit anderen über einen Kamm geschoren werden soll. Sie habe ein Dutzend Freundinnen und Freunde, und jeder sei anders.
Alles Unsinn also, was Generationenforscher und Journalisten tun?
Hurrelmann sagt, Generationen seien "aufeinanderfolgende Alterskohorten gleichartiger Prägung, durch Technik, Kultur, Ökonomie, Politik". Er bezieht sich dabei auf den Soziologen Karl Mannheim, der 1928 den bahnbrechenden Text "Das Problem der Generationen" geschrieben hat. Die Menschen erleben in einem ähnlichen Alter ähnliche Dinge, und das prägt sie. So entstehen "ähnliche Sozialcharaktere", sagt Hurrelmann.
Das gelte jedoch nur für einen Ausschnitt dieser Jahrgänge. Die 10 bis 15 Prozent, die eine Generationenidentität entwickeln, strahlen auf weitere 40 bis 50 Prozent ab. Es bleiben rund 40 Prozent, die entkoppelt sind, in eigenen Welten leben oder aus sozialer Not vor allem mit dem Überleben befasst sind. Sagt Hurrelmann. In der Generation Y sind das die 41 Prozent, die nach der Shell Jugendstudie nicht optimistisch sind. Insofern zeigt eine solche Generationenbetrachtung einen Ausschnitt der Gesellschaft. Das ist dann kein Problem, wenn es um die Frage geht, wer eine Gesellschaft anführen und prägen wird.
Aber wer legt fest, welche Jahrgänge eine Generation bilden? Da ist viel Willkür im Spiel. Für die Bundesrepublik gilt als Nullpunkt eine Studie des Soziologen Helmut Schelsky über "Die skeptische Generation", die als Jugendliche von der Nazizeit und den Schrecken des Krieges geprägt waren. Mit Ideologie und großen Versprechungen musste man ihnen nicht mehr kommen.
Hurrelmann teilt die nachfolgenden Generationen so ein:
Die 68er wurden zwischen 1940 und 1955 geboren und rebellierten gegen den Konservatismus der Nachkriegsgesellschaft und das große Schweigen über die Nazizeit.
Die Babyboomer wurden zwischen 1955 und 1970 geboren und entwickelten aus dem Wohlstand heraus postmaterialistische Werte. Die Umwelt- und Friedensbewegung sowie der Feminismus wurden in ihrer Jugend stark.
Die Generation X, benannt nach einem Buch von Douglas Coupland, wurde zwischen 1970 und 1985 geboren und ist auch als "Null-Bock-Generation" bekannt. Sie gilt als hedonistisch und orientierungslos.
Die Generation Y bekam ihren Namen nach dem nächsten Buchstaben im Alphabet. Es gibt auch andere Raster, andere Begriffe. Generation Golf, Generation Praktikum und so weiter. Sinnvoller als eine starre Einteilung nach Jahrgängen ist die Einteilung nach Ereignissen. Und Merkel ist ein Ereignis.
Leonore Tauber, die schon weiter oben aufgetreten ist, wurde am 3. April 1992 in Berlin geboren und lebt in London: "Meine erste Erinnerung an Angela Merkel ist der Anzug. Der hat mir gut gefallen. Jetzt würde ich sagen: Sie geht die Dinge eher pragmatisch an, sie schafft Vertrauen durch ihre Art, aber die Frage ist, ob ein Vertrauensgefühl immer gut ist, weil sich viele Leute dann nicht mit den politischen Themen auseinandersetzen. Es gibt so ein Gefühl: Die macht das schon."
Die Mutter von Leonore Tauber stammt aus Portugal, ihr Vater ist Deutscher. In den Ferien war sie oft bei ihrer portugiesischen Familie, zwölf Cousins und Cousinen hat sie. Ihre Kindheit und Jugend waren glücklich, und voll. Klavier. Ballett. Tennis. Weil ihr der Politikunterricht in der Oberstufe gefiel, entschied sie sich für ein Studium der Politikwissenschaften in London. Dort lebt sie jetzt, in einer WG. Sie sagt den entzückenden Satz: "Ich lese gern die Zeitung und kaufe sie dann auch."
Das Einzige, was sie bedrückt, ist der Klimawandel, sie macht sich Sorgen, dass "wir mit den Konsequenzen nicht mehr umgehen können". Tauber hat ein Praktikum bei dem Umweltpolitiker Jo Leinen (SPD) im Europäischen Parlament gemacht. Sie würde später gern in diesem Bereich arbeiten.
Mit ihrer Mutter spricht sie Portugiesisch, aber alles in allem fühlt sie sich eher als Deutsche. "Ich denke gut über Deutschland", sagt sie. Anders als sie leiden ihre Cousins und Cousinen in Portugal unter der Finanzkrise. Einige werden jetzt nach Brasilien auswandern, weil sie in ihrer Heimat keine Chance mehr sehen.
Als typisch für ihre Generation gilt, dass Leonore Tauber Deutschland als stark wahrnimmt. Sie kann das gut beurteilen, weil sie einen Migrationshintergrund hat, wie ein knappes Viertel der aktuellen Studentenjahrgänge. Ihre portugiesischen Verwandten schimpfen oft über die Bundeskanzlerin. Tauber kann sie verstehen, wirbt aber auch ein bisschen um Verständnis für die deutsche Position.
Als Nora Nagel im Schuljahr 2009/10 in den USA war, sah sie auf den politischen Magazinen manchmal die Bundeskanzlerin. Sie erinnert sich an ein Cover mit der berühmten Raute aus Merkels Händen und dem Satz: "Waiting for Mrs. Merkel", Warten auf Frau Merkel. Sie wusste, dass die Bundeskanzlerin als die mächtigste Frau der Welt galt, und nun sah sie, dass auch die Amerikaner ihr große Bedeutung beimaßen. Nagel sagt, dass sie das Wort nicht gern sage, aber sie habe schon "eine Art Stolz empfunden".
Später war sie in Paris und in Sevilla und war mit dem Zorn von Franzosen und Spaniern auf Merkels Europolitik konfrontiert. "Puta Merkel", hörte sie, die Hure Merkel. Sie empfindet keinen Stolz mehr auf die Bundeskanzlerin, aber sie hat mitbekommen, dass diese Frau innen und außen als stark wahrgenommen wird. Dass Deutschland als stark gilt.
Sebastian Abarbanell hört in London, wie respektvoll die Kommilitonen aus aller Welt über Merkel und Deutschland reden. "Mir wird hier klar, wie groß Deutschland eigentlich ist als Macht", sagt er.
Korbinian Weisser sagt: "Merkel ist gut darin, den Staatsgrößen zu trotzen, gut darin, den anderen zu zeigen, was geht und was nicht geht."
Lange war es weitgehend Konsens, dass sich die Bundesrepublik, als Folge des Naziterrors, politisch kleinmacht, bescheiden auftritt und möglichst nur in Bündnissen handelt. Durch die Eurokrise kam Merkel in eine neue Rolle. Sie sah es als ihre oberste Aufgabe an, den Wohlstand der Deutschen zu schützen, auch wenn das andere gegen sie aufbringt. Ihr Widerstand gegen eine unbedingte Solidarität mit anderen europäischen Völkern lässt sie als stark erscheinen.
Noch einmal die Generation Merkel im Originalton. Die Frage ist, wie sie zur Nazivergangenheit steht.
Marco Megerle: "Auf meiner Rucksackreise durch die Welt wurde ich oft auf den Holocaust angesprochen. Mich hat das etwas genervt. Zwischen dem NS-Regime und mir liegen mehr als zwei Generationen. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft daraus gelernt hat, aber ich stehe nicht mehr direkt als Deutscher damit in Verbindung oder gar in der haftbarmachenden Verantwortung für die furchtbaren Ereignisse."
Sebastian Abarbanell: "Selbst mein Großvater hatte mit den Nazis nichts zu tun. Ich bin manchmal in Israel, weil mich eine Tanzgruppe dort interessiert, aber auch da komme ich mir als Deutscher nicht seltsam vor."
Nora Nagel: "Ich war mit der Schule in der Gedenkstätte Auschwitz, und selbstverständlich berührt mich dieses Thema. Aber man sollte aufhören, das so verkrampft zu behandeln, eher als wichtigen Teil unserer Geschichte."
Da zeigt sich eine unbefangene Haltung zu den grauenvollen Seiten der deutschen Vergangenheit. Was zu erwarten war und was von manchen befürchtet wurde, wird Realität: Irgendwann nimmt die Wucht der Erinnerung ab. Es ist so weit.
Zwei Dinge kommen also zusammen: Die Generation Merkel fühlt sich vom Nazi-Erbe kaum noch eingeschränkt. Und sie erlebt die Bundeskanzlerin und Deutschland als mächtig. Daraus könnte sich ein ganz neues Selbstverständnis entwickeln, auch ein Anspruch: Deutschland muss eine starke Rolle in der Welt spielen.
Damit wären diese jungen Menschen der Albtraum der skeptischen Generation und der 68er. Sie gingen davon aus, dass deutsches Selbstbewusstsein schnell in Hybris umschlägt, dass ein neues Nazitum möglich ist. Darüber müssen diese jungen Menschen lachen, sie sind Demokraten, sie sind friedliebend. In einem starken Deutschland sehen sie keinen Widerspruch dazu.
Alles in allem ergibt sich folgendes Bild dieser Generation: an der klassischen Politik nicht besonders interessiert, aber die ist im Inneren zurzeit auch nicht besonders interessant. In einen Kokon der Sicherheit eingewoben, wozu auch Merkel beiträgt. Im weiblichen Teil stark ermutigt, die Männer herauszufordern, wie Merkel es getan hat. Von Merkels Anschein der Stärke beeindruckt. Es ist wahrlich eine Generation Merkel, die da heranwächst. Sie ist ein Abbild dieser Zeiten.
Zum Schluss eine Art Gegenprobe, zwei Jusos, beide stellvertretende Landesvorsitzende in Berlin. Sie sitzen im Restaurant Il Punto, ausgerechnet unter einem großen Foto von Ludwig Erhard. Robert Budras, Volkswirt, geboren am 25. November 1988 in der Nähe von Oschersleben, Anna Müller, Jurastudentin, geboren am 12. Juli 1988 an der Nordseeküste. Er trägt einen Vollbart, sie einen Ring in der Lippe. Glückliche Kindheit, er war ein Computer-Nerd, sie ein Punk.
Sie haben nichts übrig für Angela Merkel, außer dass sich Anna Müller doch ein bisschen freut, dass eine Frau im Bundeskanzleramt sitzt. Auf die Frage, wie sie Deutschlands Rolle in der Welt wahrnehmen, sagt Budras: "Früher waren die Europäer in amerikanischen Serien Briten oder Italiener. Heute sind es oft Deutsche. Die Wahrnehmung der Bundesrepublik Deutschland hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert." Beide sehen ihr Land als starke Macht in Europa, finden aber, dass Merkel nicht gut umgeht mit dieser neuen Rolle, beklagen eine "Entsolidarisierung". Grundsätzlich jedoch sitzt der Eindruck von Stärke tief in dieser Generation.
Budras und Müller hoffen natürlich, dass Merkel nach der nächsten Wahl verschwindet. Aber sie glauben nicht daran. Es wird wohl weitergehen mit der Prägung. ■

Von Dirk Kurbjuweit

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DER SPIEGEL 46/2014
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