10.11.2014

Pharmaindustrie„Verbrechen zahlt sich aus“

Die Branche arbeite mit Methoden der organisierten Kriminalität, behauptet einer der profiliertesten Medizinprofessoren der Welt.
Peter Gøtzsche hat schon vieles erlebt in seiner glanzvollen Karriere. Vor 40 Jahren trat er seinen ersten Job als Außendienstler beim schwedischen Pharmakonzern Astra an, er leitete klinische Studien für große Medikamentenhersteller in aller Welt. Später gründete er eine Vereinigung von Ärzten und Wissenschaftlern mit, die den Nutzen von Arzneimitteln unabhängig untersucht. Er hat mehr als 70 Artikel in den fünf wichtigsten Fachzeitschriften veröffentlicht, seine Arbeiten wurden mehr als 15 000-mal zitiert.
Gøtzsche gilt seit Jahren als einer der schärfsten Kritiker der Pharmaindustrie, jetzt hat er ein Buch geschrieben, das Ende der Woche auf Deutsch erscheint und schon im Titel klarmacht, dass er die Branche für einen Zweig der "organisierten Kriminalität" und ihre Produkte häufig für "tödlich" hält(*).
Auf mehr als 500 Seiten listet Gøtzsche Fälle auf, in denen Pharmaunternehmen Ärzte bestochen, die Redaktionen von Fachzeitschriften bedroht, Studien manipuliert, Wirkungen übertrieben und tödliche Nebenwirkungen verheimlicht haben.
Allein die Fülle des dokumentierten Materials, das alle großen Pharmakonzerne betrifft, ist beeindruckend. Es lasse die übliche Entgegnung aus den Konzernzentralen, dass es sich um "Einzelfälle aus der Vergangenheit" handele, als lächerliche Ausrede erscheinen, schreibt er.
"Die Gesetzesverstöße sind derart verbreitet, häufig und vielfältig", so Gøtzsche, "dass nur eine Schlussfolgerung möglich ist: Sie werden vorsätzlich begangen, weil Verbrechen sich auszahlen."
Für Gøtzsche agiert die Branche wie die Mafia, die mit Erpressung, Bestechung und Behinderung der Justiz ihre Geschäfte absichert. "Pharmakonzerne begehen solche Straftaten andauernd; deshalb ist kein Zweifel daran möglich, dass ihr Geschäftsmodell die Kriterien für das organisierte Verbrechen erfüllt."
Die meisten Beispiele stammen aus den USA, viele aus Gøtzsches Heimat Dänemark, nur wenige aus Deutschland.
Doch Grund zur Entwarnung ist das nicht. Denn in Deutschland ist es im Unterschied zu vielen anderen Staaten sogar erlaubt, dass Pharmafirmen niedergelassene Ärzte mit Zuwendungen gefügig machen. Deshalb werden regelmäßig Ermittlungen wieder eingestellt, wie jüngst etwa das Verfahren gegen 3000 Ärzte, die von Ratiopharm Geschenke erhalten hatten. Die Regierung Merkel hat zwar in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, gegen die Korruption von Ärzten vorzugehen - geschehen ist das bisher aber nicht.
Außerdem gehen Gerichte hierzulande mit korrupten Pharmamanagern erstaunlich nachsichtig um. So hat die Firma Sanofi in diesem Jahr eine Geldbuße des Amtsgerichts Winsen an der Luhe akzeptiert und 28 Millionen Euro in einem Fall von Bestechung gezahlt. Bis heute weigern sich die Behörden aber, die Details mitzuteilen.
Damit die Öffentlichkeit über den Nutzen angeblich neuer Arzneimittel nicht mehr getäuscht wird, will Gøtzsche das Zulassungsverfahren grundsätzlich ändern. "Wir dürfen der Industrie nicht länger erlauben, klinische Studien durchzuführen", schreibt er. Diese Aufgabe sollten stattdessen Universitäten übernehmen.
Die Patentierung von Arzneimitteln will Gøtzsche ebenfalls reformieren. So soll der Staat einem Pharmaunternehmen, das ein hilfreiches neues Präparat entwickelt hat, kein Patentmonopol mehr gewähren, sondern anstelle dessen eine Prämie für die Zulassung zahlen. Dann könnte das Medikament sofort nachgebaut und Patienten in Armutsländern zur Verfügung gestellt werden. Heute stehen viele Medikamente praktisch nur Patienten in Industrieländern zur Verfügung.
Patienten könnten aber auch selbst etwas gegen die Macht der Pharmabranche tun, empfiehlt Gøtzsche. So könnten sie ihren Arzt fragen, ob er Geld von der Industrie bekomme. Antwortet er mit Ja, sollten sie sich einen anderen Arzt suchen. Und sie sollten nur dann ein Medikament nehmen, wenn sie es unbedingt brauchen - denn 95 Prozent der neuen Arzneien hätten keinen zusätzlichen Nutzen, behauptet Gøtzsche.
Gøtzsches Buch ist nicht das erste pharmakritische Werk von Rang, aber es ist das bisher radikalste. Vor Kurzem wurde es sogar mit einem ersten Platz bei den Buchpreisen der British Medical Association ausgezeichnet.
Birgit Fischer, Chefin der Verbands forschender Arzneimittelhersteller, weist auf Anfrage die Kritik zurück. "Das Fehlverhalten einzelner Firmen wird als Standardarbeitsweise der Branche ausgegeben", schreibt sie. Das Buch ignoriere, was "in den letzten Jahren getan wurde, um das Arzneimittelmarketing wie auch die Kooperationen zwischen Firmen und medizinischem Personal so zu gestalten, dass sie sich keinen Korruptionsvorwürfen aussetzen müssen".
Peter Sawicki dagegen, ehemals Deutschlands oberster Arzneimittelprüfer, ist überzeugt, dass Gøtzsches Anklage noch immer berechtigt ist: "Auch wenn nach jedem solchen Buch behauptet wird, dass es sich um Vorkommnisse aus der Vergangenheit handelt und dass in der Zwischenzeit die Fehler behoben worden sind, ändert sich wenig."
* Peter C. Gøtzsche: "Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert". Riva Verlag, München; 572 Seiten; 24,99 Euro.
Von Markus Grill

DER SPIEGEL 46/2014
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