10.11.2014

MedizingeschichteRom auf der Couch

Galen, Arzt der Antike, galt als formidabler Anatom. Nun entdecken ihn Historiker als Psychotherapeuten der ersten Stunde.
Die öffentlichen Sektionen des römischen Arztes Galen (129 bis 199 nach Christus) waren nichts für Zartbesaitete: Der berühmteste Anatom der Antike schnallte lebende Schweine auf Tische, um seinem Publikum zu demonstrieren, an welcher Stelle im Hirn nach seiner Auffassung der Sehnerv sitzt. Dazu entfernte der Medicus dem quiekenden Borstenvieh zunächst einen Teil der Schädeldecke und dann die harte Hirnhaut.
Auch Wölfe, Flusspferde und Löwen landeten auf seinem Seziertisch; blutige Darbietungen am lebenden Objekt begründeten Galens Ruf als Virtuose seines Fachs. Bis weit ins Mittelalter hinein beeinflussten die Lehren des im alten Rom praktizierenden Arztes die Auffassung von Körperfunktionen und Heilungsmethoden in der westlichen Welt.
Doch jetzt entdecken Altertumsforscher eine neue Seite an dem Praktiker: Galen gab sich auch als Psychotherapeut, bemüht um Heilung für die geschundenen Seelen des Kaiserreichs.
Ein Sensationsfund aus dem Vlatades-Kloster im griechischen Thessaloniki gibt erstmals Einblick in das bislang unbekannte Wirken des Freud-Vorläufers aus der Antike. In dem alten Gemäuer war ein Student 2005 eher zufällig auf das historische Dokument gestoßen, als er in den Archiven schürfte.
Es dauerte, bis das Original aus dem Altgriechischen die Fachwelt erreichte. Erst seit Kurzem liegt eine weithin akzeptierte Übersetzung der Schrift ins Englische vor. Nun entdecken auch die Experten jenen Essay, dem Galen einst die pragmatische Überschrift verpasste: "Stress vermeiden".
Vor wenigen Monaten versammelten sich internationale Galen-Spezialisten im englischen Coventry, um sich der Novität ausgiebig zu widmen.
"In der Tat ist die Entdeckung dieser Schrift von Galen von riesiger Bedeutung", urteilt der Altphilologe Philip van der Eijk von der Berliner Humboldt-Universität. Der britische Medizinhistoriker Vivian Nutton bewertet die Entdeckung des Traktats gar als "einen der spektakulärsten Funde altertümlicher Literatur aller Zeiten".
In der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Medical History untersucht Sophia Xenophontos, Altertumskundlerin an der University of Glasgow, Galens psychotherapeutischen Ansatz. Das Fazit der Wissenschaftlerin klingt wie die Beschreibung eines modernen Psychoratgebers: "Galen bietet Techniken der Bewusstseinskontrolle an, mit denen sich Glück hervorrufen lässt", resümiert Xenophontos.
Wie fand der Guru aus der Antike seine Glücksformel?
Galens therapeutische Unterweisungen sind abgefasst in Form eines Briefes an einen anonymen Freund. Der Mediziner war zu diesem Zeitpunkt bereits über sechzig Jahr alt und durchlebte gerade eine seiner größten Krisen: Eine Feuersbrunst auf dem
Palatin, einem der sieben Hügel Roms, hatte Galens Hab und Gut zerstört.
Von den Flammen vernichtet war kostbares Tafelsilber und Geschirr. Noch schlimmer: Auch medizinische Fachbücher, wertvolle Rezepturen und Mixturen hatten den Brand nicht heil überstanden.
Ein weiterer Stressfaktor für Galen war das Terrorregime des amtierenden Kaisers Commodus. Dessen Vater, Mark Aurel, war ein Förderer des Arztes gewesen - den Sohn fand Galen zum Fürchten. "Es hat schon weniger schlimmes Leid unter den Menschen gegeben als jenes Unglück, das Commodus in den vergangenen Jahren über uns brachte", berichtet der Medicus. Und doch meldete Galen dem Freund: "Du siehst mich nicht im Geringsten aufgewühlt." Gleichsam vorsorglich habe er sich im Geiste präpariert "für den Verlust von allem, was ich besitze". Er erwarte, "wie andere, die nichts verbrochen haben, auf eine einsame Insel verbannt zu werden".
Derlei unmittelbare Schilderungen kaiserlicher Despotie sind rar; denn jene Berichte, die uns heute Auskunft über die Eigenheiten römischer Regenten geben, wurden oft hundert und mehr Jahre nach deren Ableben verfasst und sind entsprechend verfälscht. Auch deshalb zeigen sich die Historiker so fasziniert von Galens zeitgenössischer Schrift.
Besondere Aufmerksamkeit erhält der Aufsatz aber als Lehrstück antiker Psychologie, das sich an ein breites Publikum richtet. Galen schildert dem Adressaten im Detail seine erheblichen Verluste und fragt: "Warum ist es also eine große Leistung von mir, durch den Verlust des Geldes überhaupt nicht aufgewühlt zu sein?" Die Antwort gibt er selbst: "Weil das, was übrig bleibt, immer noch reicht."
Der britische Altertumsforscher Christopher Gill von der University of Exeter entdeckt in Galens Konzept der Trauerbewältigung den Beginn der kognitiven Verhaltenstherapie: Schlimm sind demnach nicht die Zustände, sondern allenfalls die Sicht des Menschen darauf. Diese Art der antiken Problembewältigung biete die Möglichkeit "zur emotionalen Widerstandsfähigkeit und helfe, einen Sinn im Leben zu finden", behauptet Gill. Daher seien Galens Weisheiten auch in der Gegenwart noch erfrischend.
Trauer im Todesfall ließ den Therapeuten allerdings recht hilflos zurück: "Ich bete: O Zeus, verschone mich mit Krisen, die mir Sorgen bereiten." Diese Methode gilt inzwischen nicht mehr als zeitgemäß.
* Illustration, 18. Jahrhundert.
Von Thadeusz, Frank

DER SPIEGEL 46/2014
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