10.11.2014

TiereReibach für „kruff kruff“

Deutschland ist Drehscheibe des Handels mit exotischen Reptilien. Die Schmuggler riskieren den Artentod vieler seltener Warane, Geckos und Baumschleichen.
Wenn es um Lanthanotus borneensis geht, werden Kenner ganz ehrfürchtig. Sie sprechen vom "Heiligen Gral" der Reptilienwelt, von einer "mythischen Kreatur" und einem "lebenden Fossil". Dabei hat es der Borneo-Taubwaran darauf angelegt, niemals aufzufallen.
Das Wesen ist braun wie Erde. Sein gesamtes Leben verbringt das Reptil, das gern Regenwürmer mampft, im Verborgenen. Aktiv ist es vor allem nachts. Seine Beine sind kurz, die Augen klein. Ohröffnungen hat es keine.
Das alles scheint auf Kriechtierfans unwiderstehlich zu wirken, und deswegen ist der Taubwaran von der südostasiatischen Tropeninsel derzeit der Star bei den Reptilienliebhabern Europas.
Bis zu 10 000 Euro zahlen Sammler für ein Pärchen der etwa 40 Zentimeter langen Echsenart. Dabei war das unscheinbare Tier lange gar nicht auf dem Radar der Reptilienfans. Erst in den vergangenen zwei Jahren tauchten Exemplare der Echse urplötzlich in einschlägigen Internetforen auf.
"Taubwarane werden aktiv von einer kleinen Gruppe von Händlern ins Visier genommen, die Kuriere benutzt, um die Reptilien aus Borneo zu schmuggeln", heißt es in einem Report der Artenschutzorganisation Traffic. Allein in diesem Frühjahr seien 40 Exemplare für den Europäischen Markt gesammelt worden. Dabei ist der Taubwaran äußerst rar. Zwischen 1877, als er erstmals beschrieben wurde, und dem Jahr 2000 wurden auf ganz Borneo insgesamt nur etwa hundert Tiere gefangen.
Artenschützer sind alarmiert. Der weltweite Exotenhandel bedroht einige der seltensten Reptilien des Planeten, seien es Japanische Zacken-Erdschildkröten oder Fransen-Baumschleiche, Mount-Kenia-Buschvipern oder Te-Paki-Geckos. Sie kommen aus Ländern wie Sri Lanka, Indonesien, Vietnam, Neuseeland oder Guatemala. Hobby-Herpetologen gieren nach den schuppigen Preziosen, die in ihren Herkunftsländern oftmals streng geschützt sind, in der Europäischen Union jedoch frei verkauft werden dürfen.
"Deutschland ist Drehscheibe des Handels", sagt Sandra Altherr von der Artenschutzorganisation Pro Wildlife, die in dieser Woche einen Report zum Thema an die EU-Kommission nach Brüssel schicken will. "Was in den Ursprungsländern verboten ist, darf hier nicht legal sein", meint Altherr. Sie hofft auf eine Neufassung der Europäischen Artenschutzverordnung: "Viele dieser Tiere stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten, die Ausbeutung für den Haustiermarkt ist eine ernste Gefahr für ihr Überleben."
Reptilienhändler setzen in Europa Millionen um. Vor allem auf Facebook und bei Internettauschmärkten bieten sie die oft farbenfrohe Lebendware an. Auf einschlägigen Reptilienbörsen wie etwa der Terraristika im nordrhein-westfälischen Hamm wechseln die Tiere zu Tausenden den Besitzer.
Die meisten Terrarienfreunde begnügen sich dabei mit nachgezüchteten Kornnattern, Leopard-Geckos oder Bart-Agamen, die weder bedroht noch selten sind. Ein paar der Kriechtiersammler jedoch verfallen wertvollen Raritäten, die oftmals auch nur ein paar Klicks entfernt sind.
1200 Euro beispielsweise verlangt Anbieter "Tom Ch" auf der Szene-Website Terraristik.com für zwei seltene Nashorn-Agamen aus dem Bergwald Sri Lankas ("Dem Weibchen fehlt die Schwanzspitze. Sonst beide tadellos"). Ein "yann bidier" aus Frankreich bot jüngst die Tannenzapfenechse aus Australien an, für die Sammler bis zu 15 500 Euro pro Exemplar bezahlen. "Kirill" aus Sankt Petersburg wiederum, Szenename "kruff kruff", verschickt per E-Mail gleich ganze Preislisten mit Dutzenden exotischen Reptilien, unter ihnen Grau-Geckos aus Neuseeland, das Paar zu 5300 Euro, und - "Preis auf Anfrage" - Cnemaspis psychedelica, einen Gecko mit schillerndem orange-gelb-grün-blauem Schuppenkleid, der erst 2009 auf der kleinen vietnamesischen Insel Hon Khoai entdeckt wurde.
All diese Tiere dürfte es auf dem Markt gar nicht geben, weil ihr Export oder Fang verboten ist und sie in ihren Herkunftsländern geschützt sind. Gegen das Gesetz verstößt ihr Verkauf in der EU dennoch nicht. Das Problem: Keines der entsprechenden internationalen Abkommen stellt diese Arten unter Schutz.
"Es ist ethisch verwerflich, was da getan wird, aber wir haben keine rechtliche Handhabe", sagt Dietrich Jelden, Artenschutzexperte des Bundesamts für Naturschutz in Bonn. Das Geschäft trage Züge "organisierter Kriminialität" und sei hoch lukrativ. "Wer zuerst eine neue Quelle für ein begehrtes Reptil erschließt, macht richtig Reibach", sagt Jelden.
Stoppen lässt sich der Schmuggel nur, wenn die Täter schon im Ausfuhrland gefasst werden. So wie der Brite und der Kenianer, die im vergangenen Jahr in Kenia mit sechs Hornvipern der Art Bitis worthingtoni aufgegriffen wurden. Die beiden konnten nicht erklären, warum sie die Giftschlangen im Wert von etwa 2500 Euro in ihrem Hotelzimmer hatten. Der Brite gab an, nur Urlaub zu machen. Es half ihm nicht. Ein Gericht verurteilte die Täter zu jeweils fünf Jahren Gefängnis.
Viele Schmuggler kommen indes glimpflich davon. Im September dieses Jahres etwa nahmen Polizisten am Flughafen von San José, der Hauptstadt Costa Ricas, einen 31-jährigen Mann aus Deutschland fest. In Dosen und Plastiktüten verpackt, hatte er nicht weniger als 184 Frösche, 42 Echsen und 9 Schlangen im Gepäck. Doch anstatt den Kriechtierdieb einzubuchten, ließen ihn die Gesetzeshüter nach neun Tagen laufen.
Zusätzlich zu den satten Gewinnen verleihen Raritäten und Rote-Liste-Arten ihren Anbietern Ruhm und Ehre in der Welt der Reptilienfans. "Das hat ganz viel von einer Briefmarkensammlung", sagt Sandra Altherr. "Je näher man an die Blaue Mauritius herankommt, desto mehr Ansehen genießt man in der Szene."
Der herpetologische Ritterschlag ereilt jene, denen es gelingt, seltene Arten nicht nur zu ergattern, sondern auch zu vermehren. Sammler "Gunther Hoermann" beispielsweise wirbt auf Facebook sogar für Taubwarane aus eigener Züchtung und nimmt Reservierungen "für die Reptilien-Show in Hamm" entgegen. Dass die Tiere nur Abkömmlinge von Taubwaranen sein können, die aus Borneo herausgeschmuggelt wurden, liegt auf der Hand. Hoermann, der vermutlich unter Pseudonym verkauft, will sich dazu nicht äußern.
Für Artenschützer sind solche Onlineangebote der reine Horror, kurbeln sie doch die Nachfrage nach Reptilien an, deren Überleben in der Wildnis akut bedroht ist. "Es gibt sehr viele Rote-Liste-Arten, die nachweislich gehandelt werden", sagt Mark Auliya, Biologe vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Problematisch sei dies vor allem bei Tieren "mit ganz kleinräumiger Verbreitung".
Endemisch nennen Biologen solche Arten. Geraten sie ins Visier der Sammler, kann alsbald der Artentod folgen. Vom Aussterben bedroht ist beispielsweise die Campbells-Baumschleiche, die nur in einem einzigen kleinen Waldgebiet in Guatemala vorkommt. Kurz vor der Ausrottung durch den Reptilienhandel steht auch die McCords-Schlangenhalsschildkröte von der Insel Roti südwestlich von Timor. Zwar ist der Handel mit dem langhalsigen Süßwassertier seit 2001 verboten. Auf dem internationalen Markt landen die Tiere dennoch immer wieder.
Was also ist zu tun? Im Fall des Taubwarans beispielsweise fordert Traffic die Listung auf dem sogenannten Anhang I des Washingtoner Artenschutzübereinkommens Cites (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora). Tiere, die dort verzeichnet sind, dürfen weltweit nur unter strengsten Auflagen, etwa für die Wissenschaft, verschickt werden.
Doch Cites hat Nachteile. Die Anträge werden meist von jenen Ländern gestellt, in denen die Tiere vorkommen, berichtet Altherr: "Und solche Anträge dann auch noch international politisch durchzusetzen ist sehr aufwendig und langwierig." Oftmals reichten in Ländern wie Sri Lanka, Indonesien oder Vietnam "weder Ressourcen noch Leidenschaft" aus, um Handelsverbote für einzelne Reptilienarten durchzuboxen.
"Weniger als zehn Prozent der weltweit beschriebenen Reptilien sind in den Cites-Anhängen aufgelistet", klagt Altherr. Die Artenschützerin will deshalb nun einen anderen Weg gehen und nicht die Ursprungsländer der Arten, sondern die EU als einen der größten Absatzmärkte für die Exoten in die Pflicht nehmen.
Sie fordert eine Gesetzgebung nach Vorbild des schon seit dem Jahr 1900 geltenden US-amerikanischen Lacey-Acts, der es ganz grundsätzlich untersagt, mit Tieren zu handeln, deren Import, Export, Kauf, Verkauf und Transport in irgendeinem anderen Land der Erde verboten ist. "Ein vergleichbares Regelwerk in der EU wäre ein großer Wurf", sagt Altherr. Gleichzeitig fordert sie eine "Positivliste" für die Privathaltung, auf der nur unbedenkliche, leicht zu haltende Arten aus Nachzuchten stehen sollen.
Vergangene Woche hat die Artenschützerin in Berlin bei einer Anhörung der SPD für ihre Ideen geworben. Denn auch im Koalitionsvertrag steht, dass "Importe von Wildfängen in die EU" und "gewerbliche Tierbörsen für exotische Tiere" verboten werden sollen.
Kann es noch gelingen, Tiere wie den Taubwaran zu retten? Gerade der Fall des unscheinbaren Waldbewohners zeigt eindrücklich, welche Dynamik der Handel mit exotischen Reptilien haben kann.
Die Geschichte beginnt am 30. Mai 2008 um 11.28 Uhr, als ein Biologenteam im Regenwald von West-Kalimantan auf Borneo beim Mittagessen sitzt und durch Zufall ein unscheinbares Reptil im Laubwerk entdeckt. Erst später wird den Experten klar, dass es sich bei dem Schuppentier um den äußerst raren Taubwaran handelte.
Die Biologen um Betsy Yaap von der australischen James Cook University veröffentlichten ihre Entdeckung 2012 in einem Fachjournal. Den Fundort gaben sie in weiser Voraussicht nur auf einer groben Karte an und verschwiegen die GPS-Daten, weil "nicht ausgeschlossen werden kann, dass Reptiliensammler und -händler diese zusätzliche Information missbrauchen könnten".
Genützt hat es nichts. Nicht lange danach wurde das Tier erstmals in Onlineforen zum Kauf angeboten.
Von Bethge, Philip

DER SPIEGEL 46/2014
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