10.11.2014

KunstDie Farbe der Körper

Lange galt er mit seinen sanften Knabenbildern als moderner Salonmaler. Nun zeigt eine Schau in Rostock: Norbert Bisky kann viel mehr.
Dieser Künstler ist ein ordentlicher Mensch. Sein Atelier im Berliner Stadtteil Friedrichshain ist aufgeräumt, es riecht nach Farbe. Einige Bilder, die meisten groß, sind gerade erst fertig geworden, sie lehnen an der Wand, von manchen ist nur die Rückseite zu sehen. Im Büroraum nebenan stehen Aktenordner in Reih und Glied, und auch die Pinnwand mit Fotos, Zetteln und anderen Fundstücken wirkt wohlorganisiert.
Norbert Bisky, einer der erfolgreichsten Maler seiner Generation, trägt das Haar akkurat geschnitten, er hat ein blau kariertes Hemd und New-Balance-Sneaker an, und nur die farbbeklecksten Jeans lassen auf den Beruf schließen. In einer Ecke des geräumigen, hellen Ateliers steht ein Modell der Kunsthalle in Rostock. Das Dach über den Ausstellungsräumen ist entfernt. Miniaturreproduktionen seiner Bilder sind an die nachgebauten Wände gepinnt. Bisky probiert die beste Hängung aus. Am kommenden Sonntag beginnt in Rostock die Ausstellung "Zentrifuge", eine Werkschau mit Biskys Bildern. Die erste große Retrospektive. Das Wort erschreckt den 44-jährigen Maler, der jünger wirkt: "Da könnte ich mir ja gleich eine Kugel in den Kopf jagen."
Die Rostocker Schau zeigt rund 80 Arbeiten aus den vergangenen Jahren und natürlich die aktuellen Bilder. Dokumentiert wird hier der konsequente Weg eines Malers vom Figürlichen zum Abstrakten.
Die Ausstellung wird auch mit den alten Bildern aufräumen, die viele noch immer von und über Norbert Bisky im Kopf haben. Es sind die frühen Leinwände, die den Maler berühmt und anrüchig gemacht haben. Es sind die Darstellungen junger blonder Männer, nicht mehr Knaben und noch keine Kerle, wenig bekleidet, gesund und auf irritierend moderne Weise germanisch. Parallelen zur Ästhetik der Nazis wurden bemüht, mochte sich Bisky noch so heftig und häufig gegen die Assoziationen verwahren.
Im Osten, da, wo er aufgewachsen ist, so sagt er heute, wurden diese Bilder von den meisten schon immer anders gesehen. Als Zitate sozialistischer Körperkunst, Propaganda für den tüchtigen Menschen in einem gesunden Gemeinwesen. Bisky malte sich Erinnerungen an Jugendlager aus dem Kopf, es war seine visuelle Umsetzung der Erinnerungen an eine Zeit, in der das kommunistische Kollektiv wichtiger war als das bedeutungslose Individuum.
Die Sache wurde nicht einfacher für ihn, als 2001 herauskam, dass Guido Westerwelle, damals schon ein FDP-Häuptling und noch nicht geoutet, aber in Berliner Politzirkeln als homosexuell eingeordnet, drei Bisky-Bilder besaß. Bisky, der es "einfacher" findet, "Männer als Frauen zu malen", galt bald als eine Art Salonmaler fürs hippe schwule Bürgertum.
Dass er später Bilder malte, auf denen junge Männer mit weißen verlaufenden Flecken auf dem Gesicht zu sehen sind, und die Arbeiten "Bukkake" betitelte, schien das zu bestätigen. Bukkake kommt aus dem Japanischen und bezeichnet eine sexuelle Praktik, bei der mehrere Männer auf das Gesicht eines Mannes oder einer Frau ejakulieren. Es gibt Pornofilme, die solche Begebenheiten dokumentieren.
Die weißen Flecken auf Biskys Bildern waren nicht gemalt, sondern frei gelassene weißgrundige Leinwand. Das ist Biskys verschmitzter Humor.
Man kann das auch mit mehr Tiefenschärfe versehen und in den großen gesamtgesellschaftlichen Rahmen stellen. Der Katalog zur Ausstellung tut das natürlich, und dann liest es sich so: "Weil der heute herrschende 'extreme Schönheitsdrang' seiner Meinung nach etwas zutiefst Unmenschliches hat, versucht Bisky ihn mit den Mitteln der Malerei zu durchkreuzen. Durch die Störung der Oberfläche wird das inhumane Ansinnen von perfekten Menschen in wohlgeformten Körpern infrage gestellt."
Im Gespräch bleibt Bisky theoriefrei. Er erzählt von seiner Schüchternheit und davon, dass er in einer Bar nicht mit Worten, sondern lieber mit Blicken kommuniziere.
Seine technisch makellose Malerei ist freier geworden. Kein bisschen schüchtern. Zwar geistern ab und zu noch - allerdings etwas älter gewordene - wohlgeformte Jünglinge über seine Leinwände, bei den neuesten Arbeiten haben sich die Formen jedoch verselbstständigt. Auf himmelblauem Grund schweben amorphe Gebilde in der Atmosphäre. Und doch ist auch hier Ironie im Spiel. Manche Formen sind in den Fleischfarbtönen gehalten, mit denen Bisky seine Knabenkerle gemalt hat. Er selbst macht im Atelier darauf aufmerksam, und es scheint ihn zu amüsieren, dass bei manchem Betrachter allein seine Farbwahl ausreicht, um erneut die alten Assoziationsketten auszulösen.
Auch dass er jetzt mit Collagen experimentiert, ist neu. Zwei Bilder, an denen er nicht mehr weiterarbeiten mag oder kann, hat er zerschnitten und die Teile auf eine andere Leinwand geklebt, zu einem neuen Ganzen. Und dort, noch so ein Bisky-Scherz, setzt sich das Aufgeklebte auf dem Bild als gemaltes Motiv fort. Nur wer nah herantritt und von der Seite auf das Bild schaut, bemerkt es.
Seine Farben sind intensiver geworden, eindeutiger und entschiedener. Das Pastellhafte der Jünglinge ist Vergangenheit. Biskys Kunst wird männlicher.
Norbert Bisky, Sohn des ehemaligen PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky, war bei der Nationalen Volksarmee, als die Mauer fiel, desertierte quasi kurz vor Toresschluss und studierte bei dem Maler Georg Baselitz, selbst ein ehemaliger DDR-Bürger, von 1994 bis 1999 als einer der ersten Ostdeutschen an der Westberliner Hochschule der Künste. Er hatte sich auch in der Ostberliner Akademie umgeschaut. Dort aber, fand er, waren alle zu sehr mit "sich selbst beschäftigt. Es roch nach Angst, Schweiß und Pipi auf den Fluren. Außerdem: Die DDR kannte ich ja".
Er wohnte nun also in Prenzlauer Berg und studierte in Charlottenburg. Malen, das war für ihn am Anfang immer auch Porträtmalerei. Es hatte ihn fasziniert, dass der junge Picasso durch Paris gezogen war, Menschen auf der Straße angesprochen und sie mit dem Versprechen, sie zu malen, in sein Atelier gelockt hatte. Bisky machte es ihm nach.
Solche Bilder und "abstrakte Landschaften" zeigte er Baselitz, der nahm ihn in seine Klasse auf. Den Moment, an dem aus Norbert Bisky, dem Kunststudenten, der von einem Kommilitonen noch jovial mit "der Ost-Fritze" begrüßt worden war, Norbert Bisky, der Maler, der gut und gern 60 000 Euro für ein Bild bekommt, werden sollte, kann er beschreiben.
Baselitz riet ihm 1997: "Malen Sie doch mal ein Bild über Ihre Kindheit, wo Sie herkommen." Nach einigem Zögern malte der Schüler eine Sommerszene mit Birken und einem Zelt. Es war, wie Bisky heute sagt, das Bild, das ihn "die Bilder malen ließ, die in meinem Kopf waren", das Urbild. Es löste das Gefühl aus, "dass ich auf dem richtigen Weg bin".
Sieht er sich als deutschen Maler mit deutschen Sujets? "Ich habe einen litauischen Namen", sagt er, "bin in Leipzig geboren, habe in Ostberlin gelebt, in Westberlin und Madrid studiert, habe einen Galeristen in São Paulo in Brasilien", demnächst tauscht er sein Atelier mit einem Künstler aus Tel Aviv.
Bis jetzt lief alles glatt. Nur ein kleines Memento mori erinnert ans Scheitern. Dort, zwischen Bürotür und Regal, hängen die Reste eines Bildes, das nicht gelingen wollte. Bisky hat es zerschnitten und die Fetzen aufgehängt. Es sieht sehr ordentlich aus.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 46/2014
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