17.11.2014

Medizinethik Studenten des Tötens

Belgiens führende Sterbehelfer besuchen die Lager von Auschwitz. Am Ort des Hasses wollen sie Liebe lernen. Am Abgrund der Menschenverachtung diskutieren sie Freiheit und Demut. Eine Reise ans Ende schwarz-weißer Gewissheiten. Von Katrin Kuntz und Maria Feck (Fotos)
Der Mann, der mehrere Hundert Menschen, Tausende vielleicht, auf dem Gewissen hat, studiert sein Arbeitsfeld genau. In London besuchte er das erste moderne Hospiz der Welt, in Schottland das erste Sterbehaus dort, er flog nach Moskau, um den Umgang mit Sterbenden, mit dem Tod immer besser zu verstehen. Nun liegt eine neue Studienreise vor ihm, nach Polen. Wim Distelmans, Sterbehelfer und Palliativmediziner aus Brüssel, ist nervös. Er hat schlecht geschlafen, war früh wach. Die Aussicht auf Auschwitz beunruhigt ihn.
Es ist ein Oktobermorgen. Distelmans, 62 Jahre alt, steht am Flughafen von Brüssel, Steig A52. Ein Mann mit eisblauen Augen und grauem Haar, das sich im Nacken leicht wellt. Er trägt eine braune Lederjacke über dem T-Shirt, eine Wanderhose, einen blau-weiß gestreiften Leinenschal. Distelmans ist größer als die Leute um ihn herum. Er ist auch stiller. Vor wenigen Stunden, um fünf Uhr nachts, hat er einen Anruf bekommen. Eine Freundin und Überlebende eines Konzentrationslagers, die als Reiseleiterin für Auschwitz eingeplant war, hat ihm wegen einer Erkältung abgesagt.
Distelmans schaut die Leute an, die auf ihn zuströmen. Er sagt: "Goedemorgen, hoe gaat het?", er klopft den Männern auf die Schulter, er küsst die Frauen auf die Wangen. Er sagt ihnen, dass er nicht sicher sei, ob die Absage der Reiseleiterin etwas mit dem Ziel ihrer neuen, fünftägigen Studienreise zu tun habe, mit Auschwitz.
Um Distelmans herum versammeln sich nach und nach 70 Leute, Ärzte, Psychologen, Krankenschwestern aus Belgien. Die meisten arbeiten wie er in der Sterbehilfe. Da ist Eric Vandevelde, Mediziner, der in seinem Leben 20 Menschen auf ihren Wunsch hin tötete und jeden Tag Kinder zur Welt holt. Da ist dessen Frau Colette, die vor zwölf Jahren das belgische Euthanasie-Gesetz mit auf den Weg brachte. Da ist Manu Keirse, ein Psychologe, der 35 Bücher geschrieben hat, fast alle handeln von Trauer. Da ist Bea Verbeeck, eine Psychiaterin, die gerade das Euthanasie-Gesuch eines manisch-depressiven Mannes prüft, der in seinen guten Phasen Tausende Euro beim Glücksspiel verliert. Distelmans, der in Belgien Vorsitzender der staatlichen Euthanasie-Kommission ist, hat die Kollegen zu der Reise nach Polen eingeladen.
Er will mit ihnen in Auschwitz über ein würdevolles Lebensende nachdenken. So lautet auch der Titel der Reise, der auf das Programmheft gedruckt ist: "Würdevolles Lebensende". Es soll um existenzielle Fragen gehen. Um Selbstbestimmung. Um Angst. Um Freiheit. Darum, was das für uns heute ist. Und wie weit es geht. Gehen soll. Gehen darf.
Nicht nur Sterbehelfer sind bei dieser Reise dabei, auch ein belgischer Journalist mit Rimowa-Koffer steht am Gate, er sagt: "Ich komme mit bis nach Birkenau, und wenn ich genug Material habe, fahre ich wieder heim." Es ist der Veranstalter von BCD-Travel dabei, der sagt: "Ich mache normalerweise Fußballreisen." Es ist eine Homöopathin dabei, die sagt: "Ein Mensch, der im Gleichgewicht ist, braucht keine Sterbehilfe." Es sind Ehefrauen dabei, die sich auf das malerische Krakau freuen. Und es ist Guy Kleinblatt dabei, ein jüdischer Fotograf, dessen Familienangehörige in Auschwitz starben und der diesen Ort zusammen mit den Ärzten zum ersten Mal besuchen wird. All diese Menschen verbindet, dass sie für Sterbehilfe sind und für eine liberale Gesellschaft.
Sie folgen Distelmans nach Auschwitz, um dort mehr Respekt vor dem Menschen zu lernen, sagen sie. Sie wollen in Auschwitz eine Antwort darauf finden, warum das Recht eines Menschen, über das eigene Leben zu entscheiden, absolut sein muss. Warum der menschliche Wille in dieser Hinsicht radikal frei sein muss. Auschwitz, sagen sie, ist das Gegenteil von allem, was sie hoffen. Sie wollen dort nachdenken über ein Töten aus Demut und Liebe.
Es gab Proteste vor dieser Reise. Das britische Portal Daily Mail Online nannte Wim Distelmans "Dr Death" und beschrieb seine Reise nach Auschwitz als geschmacklos. Belgische Journalisten griffen die Diskussion um "Dokter Dood" auf. In Antwerpen protestierten ultraorthodoxe Juden dagegen, dass Distelmans Auschwitz in seinem Reiseprogramm als "inspirierenden Ort" bezeichnet hatte. Sie nannten ihn einen "professionellen Killer", sagt er. Distelmans bekam eine E-Mail von einem deutschsprachigen Gelehrten, in der nur ein Wort stand: "Mörder". Und der stellvertretende Direktor der Auschwitz-Gedenkstätte wird, als die Reise vorbei ist, unter dem Eindruck der Proteste in einer E-Mail schreiben: "Die Versuche, die Geschichte von Auschwitz mit der gegenwärtigen Debatte über Euthanasie zu verbinden, halten wir für unangemessen."
In Krakau ist bei der Ankunft der Reisegruppe keine Wolke am Himmel zu sehen, ein weißer Doppeldeckerbus wartet vor dem Flughafen. Distelmans tritt aus der Tür der Ankunftshalle, er zieht einen roten Hartschalenkoffer hinter sich her. Er ist immer noch still, setzt sich im Bus nach oben neben seine Freundin Sonja. Eine aufrechte, blonde Frau, die Kriminologin ist und zur Degradierung von Menschen in Gefangenschaft forscht. Distelmans schaut aus dem Fenster. Als der Bus losfährt, legt seine Freundin ihre Hand kurz auf seine.
An den Fenstern ziehen graue, geduckte Häuser vorbei, von denen der Putz blättert. Ein Imbiss, in dem ein dicker Mann Wurst verkauft. Die Weichsel. Eine Burg auf einem Hügel. Ein Haufen Tauben unter einem Baum und viele Kirchen. Krakau ist eine Stadt, in die jedes Jahr Millionen Touristen kommen. Sie bewegen sich in kleinen, offenen Elektromobilen fort, auf deren Seiten in roter Farbe "Ghetto", "Schindler's Factory" oder "Last Minute Auschwitz Tour" steht. Als die Deutschen Krakau während des Zweiten Weltkriegs überfielen, sperrten sie die Juden zu Anfang in ein Viertel, an dessen Fluchtpunkten sie Stacheldraht spannten. "Willkommen", sagt der Reiseleiter zu den Belgiern. Er bittet ins Restaurant "Scandale Royal".
Das Restaurant ist ausstaffiert mit lilafarbenem Plüsch, an der Wand hängen vergoldete Spiegel. Die Kellnerinnen tragen Minirock. Sie servieren Fischsuppe, in der Küche klappert Geschirr. Distelmans setzt sich. Er begrüßt seine Gäste nicht. Er hält keine Ansprache. Eine Frau aus der Gruppe sagt: "Polen ist doch sehr katholisch. Wir sind vielleicht nicht willkommen." Sie blickt zu ihrer Nachbarin. Sie fragt sich, ob es in den nächsten Tagen wohl mehr Proteste geben wird. Distelmans isst.
Er kennt alle Vorwürfe. Er fühlt das Misstrauen, seit er diese Reise nach Auschwitz angekündigt hat. Die Welt hat Fragen an ihn. Darf ein Sterbehilfearzt diesen Ort besuchen? Darf er in einen solchen Abgrund schauen, um sich der Richtigkeit seines eigenen Tuns zu versichern? Darf man das Leid der einen studieren, um das Leid der anderen zu erleichtern? Ist das zynisch? Absurd? Ist es nicht so, als würde man an den Nordpol fahren, um etwas über Wärme zu lernen? Als starrte man auf die Farbe Schwarz, um dahinter Weiß zu erkennen?
Zwei Wochen zuvor war Distelmans durch sein Sterbehilfezentrum bei Brüssel gegangen. Es ist einer der Orte in Belgien, an denen Menschen sich über Euthanasie informieren. Kranke verbringen hier ihre Zeit, sie spielen Karten, manchmal sitzen sie stundenlang auf einem Stuhl und warten auf nichts. Wenn einer sagt, dass er bald sterben werde und den Tag und die Uhrzeit kenne, geben die anderen eine Party für ihn mit Sekt und Chips und seiner Musik.
Distelmans war entspannt gewesen an diesem Tag in Brüssel und stolz auf seine Arbeit. Er hatte über Filme von Wim Wenders gesprochen, die er mag, und den asthmatischen Büro-Mops vorgestellt. Dann hatte er ein paar Fakten erzählt aus seinem Land. Dass ein Arzt einen todkranken Menschen auf dessen Wunsch hin töten kann, ist in Belgien seit 2002 erlaubt. 1807 Menschen haben im vergangenen Jahr Sterbehilfe bekommen, zwei Prozent aller Verstorbenen. Seit wenigen Monaten können auch todkranke Kinder sie beantragen, egal, wie alt sie sind. Hilfe beim Sterben darf jeder bekommen, der unheilbar krank ist und dessen Leid unerträglich geworden ist. Was ist unerträglich? "Das bestimmt nur der Patient selbst", hatte Distelmans gesagt. Er sprach über Deutschland. Er sagte, dass ihm jeder Mensch leidtue, der kein Geld habe, um zum Sterben in die Schweiz zu fahren. Jeder Mensch, der also allein sterben müsse. Vor einem Zug. Im Wald.
In Belgien muss ein Mensch, der mithilfe eines anderen sterben will, bei klarem Verstand sein. Er muss seinen Wunsch aufschreiben, ihn mehrfach äußern. Dann schaut der Arzt, ob der Mensch im Endstadium einer Krankheit ist. Er erklärt ihm, welche Behandlungen noch möglich sind. Das Gesetz schreibt vor, dass Arzt und Patient zu der Überzeugung kommen müssen, dass es keine andere vernünftige Lösung gibt. Würde der Patient in der nächsten Zeit ohnehin sterben, müssen zwei Ärzte über seinen Wunsch entscheiden. Lässt sich seine Lebensdauer nicht schätzen, müssen drei Ärzte gefragt werden.
Distelmans bildet diese Ärzte aus, die anderen beim Sterben helfen. Er hat das System der "Leif"-Ärzte entwickelt, die Hausärzte in ganz Belgien beraten und unterstützen. Sie legen Sterbehilfeformulare in Apotheken und Bibliotheken aus. Sie halten Menschen die Hand, die nichts mehr tun können, außer sich zu erbrechen. Ihre Patienten können manchmal noch gehen, essen und trinken und sprechen, aber sie halten die Angst nicht mehr aus.
Distelmans hatte an diesem Tag kurz bei einer Abschiedsparty mitgefeiert, Steve würde gehen, ein junger Mann im Rollstuhl, der eine Tochter hat. Seine Gegner werfen Distelmans vor, dass er zu schnell Ja sage. Etwa als er einen Mann tötete, der wegen seiner missglückten Geschlechtsumwandlung litt. Als er einem 43-jährigen Zwillingspaar half zu sterben, das taub war und auch zu erblinden drohte. Ein junger Mann klagt gegen Distelmans, weil der seine depressive Mutter auf deren Wunsch hin tötete.
Distelmans hatte in seinem Arbeitszimmer in Belgien gesagt, vor Auschwitz: "Wir sind die erste Generation, die den Anfang und das Ende des Lebens künstlich bestimmen kann. Die Menschen werden älter, Maschinen lassen sie ewig leben. Wir müssen Verantwortung dafür übernehmen, dass nicht jeder Mensch diesen Weg mitgehen will." Er ist gegen eine Diktatur der Maschinen.
In Krakau haben Distelmans und die Ärzte jetzt das Dessert aufgegessen. Sie treten aus dem Restaurant, es gibt eine Stadtführung. Sie haben Namensschilder bekommen. Distelmans heftet das Schild an sein T-Shirt, dann legt er den Schal darüber, und über den Schal legt er die Jacke. "Ich weiß nicht, ob ich hier Gegner habe", sagt er. Vor der Reise ist ein Bild von ihm bei Google aufgetaucht, auf dem jemand eine SS-Uniform über seinen Pullover gebastelt hat.
Am Abend checkt die Gruppe im Hilton-Garden-Inn-Hotel ein, in der marmornen Empfangshalle haben sie ein Schild aufgestellt, auf dem "Würdevolles Lebensende" steht. Es ist der Vorabend des Auschwitz-Besuchs. "Hier entlang", sagt der Reiseleiter. Er dirigiert die Belgier in einen Konferenzsaal. Es soll eine Einstimmung auf Auschwitz geben. Wim Distelmans betritt das Podium. "Heute geht es darum, Gedanken zu einem würdevollen Lebensende zuzulassen", sagt er. "Es hat Proteste vor unserer Reise gegeben. Doch es gibt keinen besseren Ort, um über Würde nachzudenken, als Auschwitz. Wenn wir uns mit Sterbehilfe beschäftigen, müssen wir uns ihres Gegenteils annehmen. Wir benutzen in Belgien das Wort Euthanasie, es heißt übersetzt: guter Tod. Das ist ein Problem. Wir werden noch oft erklären, dass wir das Gegenteil von dem meinen, was in Auschwitz passiert ist."
Die Leute klatschen.
Seine Freundin Sonja Snacken betritt das Podium. Sie zeigt Bilder aus Abu Ghuraib. Bilder von gehenkten Menschen in Iran. Syrer, deren Körper in Foltergefängnissen geschunden wurden. Sie sagt: "Wenn ein Mensch einem anderen unterlegen und gleichzeitig von ihm abhängig ist, kann es passieren, dass er erniedrigt wird." Sie erzählt die berühmte Geschichte des Stanford-Prison-Experiments in den USA, bei dem Studenten für einen wissenschaftlichen Versuch zu Häftlingen oder Wärtern gemacht wurden. Das Experiment musste abgebrochen werden, weil die Wärter außer Kontrolle geraten waren und die Häftlinge misshandelt hatten.
"Was heißt das für uns?", fragt Distelmans. "Viele von uns sind Ärzte. Wir haben Macht über andere Menschen. Wir wissen alles besser. Man hat uns beigebracht, Leben zu erhalten. Wir müssen aber aufpassen, dass wir unsere Patienten nicht gegen ihren Willen weiterbehandeln, wenn sie eigentlich sterben wollen. Niemand darf sich einbilden, über den Wert eines Lebens urteilen zu dürfen. Wir müssen Diener unserer Patienten werden, und wenn es zu Ende geht, müssen wir unser Scheitern als Arzt akzeptieren."
Manu Keirse nimmt das Mikrofon, er ist Psychologe, ein kleiner Mann mit Brille, grauem Haar und Karohemd. Er hat 40 Jahre lang in belgischen Krankenhäusern gearbeitet. Er hat mehrere KZ-Gedenkstätten besucht. Der Titel seines Vortrages lautet: "Was Auschwitz mich für die Sorgen von Todkranken gelehrt hat". Er sagt: "Wir wollen uns das Unrecht von damals anschauen und es in Recht verwandeln. In Auschwitz haben die Nazis die Menschen zu Nummern gemacht. Sie haben ihnen gestreifte Kleider gegeben. Sie haben ihnen den Namen genommen und sie mit einer Zahl tätowiert. Was passiert bei uns? In unseren Krankenhäusern sprechen wir nicht von Menschen, wir nennen sie beim Namen ihrer Krankheit: der Krebs da hinten, die Lunge dort, der Darm nebenan." Keirse schweigt. "Lasst uns das nicht tun", sagt er. "Wer sind wir, uns so zu erheben?"
Eineinhalb Stunden dauert am nächsten Morgen die Fahrt von Krakau nach Oświęcim über die Autobahn. Manu Keirse liest auf der Fahrt ein Buch. Es heißt "Das erleuchtete Herz - über die psychologischen Folgen von einem Leben in extremer Angst". Ein Überlebender eines Konzentrationslagers hat es geschrieben. Guy Kleinblatt, der Fotograf, dessen Familie in Auschwitz umkam, stützt seinen Kopf in die Hände, seine Augen sind geschlossen. Wim Distelmans schaut einen Film über Auschwitz, der im Bus gezeigt wird. Draußen zieht das Marschland vorbei.
Vor dem Eingang des sogenannten Stammlagers von Auschwitz drängeln Schulklassen und lärmen, Busse fahren heran. Die Belgier steigen aus dem Bus und stellen sich in kleinen Gruppen zusammen auf eine Wiese. Der Herbst hat die Blätter der Bäume gelb verfärbt. "Warum kann es nicht regnen?", sagt eine Frau. Die Ärzte warten auf die Führung.
Sie nehmen sich Kopfhörer. Sie gehen durch Drehkreuze aus Metall. Im Innenhof des Geländes steht ein Mann, der eine Führung auf Niederländisch geben wird. Die Ärzte stellen sich um ihn herum. Sie folgen ihm durch den Eingang, durch den die Juden gebracht wurden. Unter dem Tor mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei" bleiben sie stehen. Sie schauen das Tor an.
Sie gehen weiter durch Gebäude aus Backstein. Sie sehen eine Urne mit der Asche der Toten. Hinter einer Scheibe das Modell einer Gaskammer, durch Öffnungen in der Decke wurde das Gift geworfen, Zyklon B. Sie gehen vorbei an Bergen von Haaren, ausgebreitet in einer langen Reihe. Es ist das Haar, das den Frauen vor dem Sterben abgeschnitten wurde. Menschen fertigten Teppiche daraus. Sie gehen vorbei an einem Teppich. Sie sehen einen Haufen Brillen mit zersplitterten Gläsern. Einen Raum, dessen Boden mit Näpfen gefüllt ist, aus denen die Gefangenen aßen. Tausende Schuhe, aufeinanderliegend, mit Riemen, Absätzen, verstärktem Schaft. An ihnen kleben Staub und Reste von Erde. Eine Reihe mit Krücken. Prothesen für Kinderbeine. Berge aus Koffern. Auf ihnen stehen Namen und Daten: Waisenkind Hana Fuchs. 3. Juni 1936.
Wim Distelmans Schritte sind schwer, er stolpert fast, als er über die Pflastersteine geht. Seit Monaten hat er an diesen Ort gedacht. Er wollte verstehen, was Menschen treibt, die Menschen auslöschen. Er wollte den industriellen Massenmord für sich erfahrbar machen, er wollte das Monströse, das Abgründige sehen, um zu verstehen, was der Unterschied ist zu einem Töten aus Respekt und aus Liebe. Er hatte auch Angst, sich an diese Schwelle zu begeben. Jetzt spürt er die Angst, die über diesem Ort liegt. Sie nimmt seinen Worten den Sinn. Er sagt, er verstehe nichts.
Guy Kleinblatt, der jüdische Fotograf, geht an ihm vorbei, er sucht seinen Urgroßvater, ein Zeichen von seinem Urgroßvater. Er geht durch die langen Gänge der Häuser, auf dem Boden liegt Stroh. An den Wänden hängen Fotografien von Männern und Frauen mit ihren Namen. Er schaut den Häftlingen ins Gesicht. Er sieht ihren Schmerz, wo ist sein Urgroßvater?
Die Ärzte steigen eine Treppe hinab in einen Keller. Sie sehen die Stehzellen. Andere Zellen, in die Menschen gesperrt wurden, um zu verhungern. Die Ärzte gehen durch eine Gaskammer, sie schauen auf die Wände. Auf Kratzspuren von Fingernägeln. Es gibt einen Häftlingskrankenbau mit einer Kammer, in der die SS-Ärzte Versuche an den Häftlingen unternahmen. Sie sterilisierten Frauen und Männer. Sie spritzten ihnen Phenol ins Herz. Die belgischen Ärzte bleiben lange stehen vor dieser Kammer. Ein Stethoskop liegt darin und ein weißer Kittel auf einem Tisch.
Wim Distelmans und Manu Keirse, der Psychologe, gehen nach draußen. Keirse sagt, das Schlimmste sei, dass die Nazis manchmal Tierfreunde waren. Er sagt: "Der Heß liebte Hunde." Eine Frau aus der Gruppe geht hinter ihnen. Sie sagt, sie würde Euthanasie in Belgien gern ausweiten auf lebensmüde Menschen. Sie findet, todkranke Kinder sollten auch nicht die Unterschrift ihrer Eltern brauchen, wenn sie sterben wollten.
Distelmans und Keirse gehen in ein Buchgeschäft am Ausgang. Beide kaufen ein Buch, es heißt: "Ich war Doktor Mengeles Assistent". Miklós Nyiszli hat es geschrieben. Er war Häftling in einem Sonderkommando und arbeitete für den SS-Arzt Mengele in den Krematorien. Er beschreibt, wie er Leichen in Fässern kochen musste, um ihre Knochen zu präparieren, und wie er einmal eine lebende Frau unter einem Berg von Toten fand.
Distelmans schaut auf die Seiten des Buches. Er sagt, dass er verstehen wolle.
Die Gruppe fährt zum Essen in ein Begegnungszentrum in der Nähe von Auschwitz. Aus Respekt vor dem Ort wird dort kein Alkohol ausgeschenkt. Einige haben keinen Hunger. Distelmans sitzt auf einer Holzbank neben seiner Freundin. Später machen die Ärzte ein Gruppenfoto im Garten unter den Bäumen. Es ist ein heller Tag. Der Reiseleiter sagt: "Wir fahren weiter. Dann können wir bei Sonnenuntergang in Birkenau sein."
Hier, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, kamen die Menschen in Zügen an. Sie mussten sich nach dem Aussteigen in zwei Reihen aufstellen. Distelmans und seine Kollegen laufen an den Schienen entlang. Die tief stehende Sonne taucht das Gelände in goldenes Licht. Auf den Gleisen steht ein Waggon ohne Fenster.
Das Gelände ist weit, sattgrünes Gras wächst auf dem Boden. Distelmans geht an Stacheldraht vorbei. Er will jetzt reden. Er spricht über den falschen Paternalismus von Ärzten. Ein paternalistischer Arzt ist für ihn ein Arzt, der einem Menschen das Leben aufzwingt. Einer, der alles besser weiß und den Patienten zur Behandlung überreden will, anstatt ihn nur über seine Möglichkeiten zu informieren. Ein paternalistischer Arzt ist ein Machtmensch. Distelmans Hände bewegen sich in zwei Richtungen. Der Patient ist die untere Hand, der Arzt die obere. Distelmans hasst Macht. Er sagt, dass er als Kind auf einer Jesuitenschule war, auf der man Punkte bekam, wenn man andere Kinder verriet.
Manu Keirse kommt von hinten heran. Die beiden kennen sich seit 20 Jahren. Keirse ist Katholik, Distelmans ist Atheist. Keirse sagt, dass er sich eben, vor der Ruine der Gaskammer, setzen musste, weil er nicht mehr konnte. Weil das hier ein Ort ohne Hoffnung sei. Dann erzählt Keirse, dass er versuche, einen Menschen während einer Sterbehilfeberatung immer auf die Seite des Lebens zu ziehen. "Er ist so einsam in seinem Schmerz. Ich muss ihm eine Aussicht geben. Noch ein Geburtstag, noch eine Hochzeit, einmal noch ans Meer fahren und einen Menschen an die Hand nehmen, so etwas. Sonst wird die Angst zu viel. Verstehst du, Distelmans", sagt Keirse, "die Angst wird sonst zu viel."
Die Ärzte verlassen das Gelände. Sie haben an diesem Ort die extreme Beschneidung der Freiheit gesehen, sie wollten grenzenlose Freiheit dadurch finden. Die meisten Ärzte sagen nach dem Besuch, Auschwitz habe sie berührt. Sie könnten im Umgang mit ihren Patienten jetzt bessere, mitfühlendere Menschen sein. Auch Distelmans sagt das.
Aber Distelmans ist, anders als die anderen Ärzte, mit einer Idee nach Auschwitz gekommen. Er wollte, dass seine Kollegen seine Definition von Freiheit verstehen. Dass sie einsehen, dass es Freiheit nur geben kann, wenn ein Mensch sich aus der Macht von anderen löst. Distelmans ist ein radikaler, ein absoluter Mensch. Er sieht nicht, dass die Freiheit, über das eigene Leben zu entscheiden, einen Patienten auch überfordern kann. Er sieht nicht, dass sich ein Mensch auf der Schwelle zwischen Leben und Tod vielleicht jemanden wünscht, der sagt: Geh nicht.
Auf der Rückfahrt nach Krakau ist es still im Bus. Draußen ist es dunkel geworden, der Wald wirft im Scheinwerferlicht Schatten auf die Straße. Eben, vor der Ruine der Gaskammer, hat er einen Anruf bekommen. Eine Familie aus Belgien war am Apparat und bat ihn, einen unheilbar kranken Angehörigen zu töten, der ins Koma gefallen sei. Distelmans erklärte ihnen, dass er nichts tun könne, solange der Patient seinen Willen nicht schriftlich festgehalten habe. Dann schaltete er sein Handy aus.
Er hat sich geärgert über die Familie. Wenn dieser Mensch noch wach wäre, sagt Distelmans, hätte er das Gefühl, er störe seine Familie so sehr, dass es besser wäre, zu sterben. "Aber wir sortieren doch keine Menschen aus. Wir brauchen die Freiheit, zu sterben. Aber dazu gehört auch die Freiheit, sie nicht zu nutzen."
Am letzten Abend in Polen geht Distelmans mit seiner Gruppe in ein Restaurant im alten jüdischen Viertel von Krakau, es gibt Wodka und Hering, ein Mann spielt Geige, die Stimmung ist gut. Die Ärzte reden über ihre Kinder und über Urlaub in Schweden. Dann, spät, um Mitternacht, kommen sie auf die Arbeit zurück. Sie diskutieren den Fall eines Kollegen aus der Runde, der sich gefragt hatte, ob man einen Nazi töten darf. Der Patient, um den es geht, ist halbseitig gelähmt und war früher bei der Waffen-SS. Über seinem Sofa hängt ein Porträt von Hitler. Der Kollege hat ihm Sterbehilfe verweigert, weil er findet, dass ein Nazi keinen schönen Tod verdient hat. Sein Nachbar am Tisch sagt: "Ich könnte ihm in seinem Leiden als Mensch nicht folgen, weil der Typ sich im normalen Koordinatensystem nicht wie ein Mensch verhält. Wenn ich ihn töten würde, fühlte ich mich wie ein Mörder."
Distelmans saß daneben, er sagte nichts.
Als er am Montag der darauffolgenden Woche in Belgien wieder zur Arbeit geht, denkt er noch einmal an das Gespräch zurück. Er trägt jetzt wieder einen Arztkittel und steht in einem Brüsseler Krankenhaus, im Sterbezimmer. Vor dem Fenster sieht man regennasse Bäume, die ihre Blätter verlieren. Hier legt er seine Patienten hin, bevor er ihnen eine tödliche Infusion gibt. Sie können die Bäume sehen. Auf der breiten Fensterbank ist Platz für Freunde zum Sitzen. Distelmans sagt, dass sie hier oft Champagnerflaschen wegräumen.
Er schaut hinaus, sein Atem beschlägt die Fensterscheibe. Distelmans denkt einen Moment lang an den Nazi. Dann sagt er, dass er den Mann töten würde, wenn seine Bitte nach dem Gesetz in Ordnung wäre. Er sagt, er würde es aus Respekt vor seinem Schmerz und seinem Menschsein tun. Als Akt einer bedingungslosen Liebe.
Von Kuntz, Katrin

DER SPIEGEL 47/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 47/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Medizinethik:
Studenten des Tötens