17.11.2014

JugendBruder, Kämpfer, Dschihadist

Wie kann es sein, dass Jungs aus Dinslaken und Kreuzberg in Syrien einen Krieg gegen die sogenannten Ungläubigen führen, Menschen enthaupten und der Barbarei verfallen? Und was hat das alles mit der Rebellion junger Muslime in unseren Städten zu tun?
Wenn Ismail Cetinkaya mal wieder einen dieser jungen Männer trifft, die aus Hamburg in den Krieg nach Syrien ziehen wollen, dann fragt er sie: "Junge, hast du im Winter mal ohne Heizung geschlafen? Weißt du, wie es sich lebt ohne Strom und Wasser? Glaubst du, eine Kalaschnikow funktioniert so wie der Controller deiner Playstation 4?"
Er fragt dann auch, ob der Junge seine Mutter zurücklässt. Und zitiert aus den Überlieferungen des Propheten Mohammed: "Das Paradies liegt zu Füßen der Mütter." Wer die Mutter weinend zurücklässt, kommt nicht ins Paradies.
Cetinkaya ist 33 Jahre alt, er trägt einen Vollbart und betet fünfmal am Tag zu Allah, seit er sich selbst kennt, wie er sagt. Er ist der Sohn von Türken, sie stammen aus Mardin, einer Stadt an der syrischen Grenze. Er spricht fließend Arabisch und braucht keine deutschen Prediger oder YouTube-Videos, um zu verstehen, was Gott von ihm will.
Gott will, dass Ismail Cetinkaya sich dem "Dschihad" verschreibt. Dschihad aber ist eigentlich nur das arabische Wort für Kampf, für das Bemühen auf dem Weg zu Allah. Der "große Dschihad" im Koran ist nicht der Kampf gegen Ungläubige, er ist der Kampf jedes Einzelnen gegen sich selbst. Gegen die eigenen Fehler, das Böse, das in jedem steckt.
Ismail Cetinkaya ist ein erfolgreicher Kämpfer. Gegen sich selbst. Und gegen andere, wenn er ihnen bei Turnieren begegnet. Seine Sportart heißt Mixed Martial Arts, gekämpft wird in einem Käfig. Ihren Ursprung hat sie bei den alten Griechen, sie nannten es Pankration, auch Sokrates kämpfte schon auf diese Art. Ein Vollkontaktsport, bei dem die Kämpfer ringen, boxen, kicken.
Er ist ein beliebter Trainer und hat eine Kampfschule. Wenn er durch die Straßen von Hamburg zieht, dann zeigen junge Männer mit dem Finger auf ihn oder schütteln ihm die Hand. Sie sagen, irgendwann kämpfe ich wie du. Sie haben Respekt. Ein guter Kämpfer, ein frommer Muslim, ein Vorbild, das ihnen Ratschläge gibt.
Ismail Cetinkaya mag keine halben Sachen. Er will, dass die jungen Muslime selbst lesen, den Islam verstehen. Er mag es nicht, wenn sie nur nacheifern, was sie in YouTube-Videos gehört haben. Er mag es erst recht nicht, wenn sie 4000 Kilometer weit reisen, um gegen "Ungläubige" zu kämpfen, Menschen enthaupten, Koranverse zitieren und sich dabei filmen lassen.
Einer dieser Muslime nannte sich früher Deso Dogg und war ein Rapper aus Kreuzberg. Heute ist er der bekannteste deutsche Krieger des "Islamischen Staates" (IS) in Syrien. Ismail Cetinkaya kennt Deso Dogg. Er kennt ihn ziemlich gut, weil er ihm so nahegekommen ist, wie man einem Mann nur nahekommen kann: in einem Kampf, Mann gegen Mann, in einem Ring, wo es um Kraft geht und um Schnelligkeit, um Tapferkeit, taktisches Geschick und vor allem darum, jegliche Angst zu verlieren.
Das war im März 2010, in einer Halle in Berlin, wo sich die besten Kämpfer des Landes trafen. Cetinkaya war dreifacher norddeutscher Meister, deutscher Vizemeister, Vizeweltmeister. Neun oder zehn Kämpfe hatte er an diesem Tag zu bestehen, er gewann sie alle. Deso Dogg, der damals schon seine Karriere als Rapper frustriert beendet hatte, hoffte noch, ein Martial-Arts-Star zu werden. Mit dabei seine Jungs aus Kreuzberg, die ihn anfeuerten: Mach ihn fertig! Los!
Aber Deso Dogg war zu langsam, er konnte Ismail nicht treffen. Stattdessen kassierte er einen Schlag nach dem anderen, bis er auf dem Boden lag und wie ein Käfer mit den Beinen strampelte. Als er wieder aufstand, stieß Ismail ihn mit den Knien in die Rippen, links, rechts, hob ihn in die Luft, warf ihn auf den Boden, boxte ihm ins Gesicht. Ein kurzer Kampf. Es waren ein paar Minuten der totalen Erniedrigung. Das Video des Kampfes, das im Internet zu sehen war, wurde ziemlich häufig kommentiert: "Einer aus Hamburg kam und fegte sie alle we g, wie ein Löwe die Gnus riss er sie alle herunter."
Cetinkaya wusste lange nichts von der Radikalisierung seines damaligen Gegners, bis Freunde ihm Posts bei Facebook zeigten, in denen es hieß, Deso Dogg sei in Syrien gestorben, was sich bald als falsches Gerücht erwies. Es hat Cetinkaya überrascht, dass Deso Dogg für den "Islamischen Staat" kämpft und für das Kalifat, weil er sich genau an den Blick dieses Burschen vor dem Kampf erinnert: "Ich habe ihm tief in die Augen geguckt, und ich habe einfach gespürt, dass er kein Krieger ist."
Heute ist der Kämpfer, der kein Kämpfer war, ein Propagandaheld des "Islamischen Staates". Deso Dogg, der eigentlich Denis Cuspert heißt und sich heute Abu Talha al-Almani nennt, fährt nun in Geländewagen über Landstraßen in Syrien zu Massakern und meldet sich in Videobotschaften für die Dschihadisten und für solche, die es werden sollen, zu Wort.
In einem dieser Videos kniet er vor einem Wasserfall. Er nimmt Wasser in seine Hände, wirft es in die Luft, schüttet es sich ins Gesicht, als ob er sich taufte oder reinigte. "Brüder", sagt er, "ich rufe euch zum Dschihad! Hier ist die Freiheit!" Man hört ein Maschinengewehr. Er lacht. "Hier kann man leben. Gibt es Spaß hier. Dschihad macht Spaß!"
Vor zwei Wochen tauchte ein neues Video auf. Leere Wüste, gelber Sand, irgendwo in Syrien, die Sonne scheint. Männer mit verbundenen Händen liegen bäuchlings auf dem Boden. Sie sind bei Bewusstsein, eine Hand, ein Messer, das eine Kehle durchtrennt, das Blut quillt heraus. Es ist das erste Video von Deso Dogg, das eine Enthauptung zeigt, bis dahin gab es nur das Vorher und Nachher. Es ist unanschaubar, man muss schreien vor Schmerz.
Dann hat Denis Cuspert seinen Auftritt, er sagt: "Sie haben den ,Islamischen Staat' bekämpft. Wir haben die Todesstrafe über sie verhängt. Sie haben bekommen, was sie verdient haben." Er kniet nieder, nimmt den blutigen Kopf in die Hand und legt ihn auf die Leiche. Die Dschihadisten rufen: "Allahu akbar!"
Cuspert nennt es Dschihad, was er tut. Ismail Cetinkaya nennt es verrückt.
Die Propaganda funktioniert. Es sind junge Männer, die empfänglich sind. Junge Männer wie Kreshnik B., dessen Eltern aus dem Kosovo geflüchtet waren und der früher für einen jüdischen Fußballverein in Frankfurt gespielt hat. Kreshnik ging nach Syrien, nun ist er wieder zurück in Deutschland, angeklagt wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland.
Es sind junge Männer wie David G. aus dem Allgäu, ein höflicher, ruhiger Junge, der eine Lehre machte und 18 war, als er Deutschland verließ, sich dem IS anschloss und getötet wurde im Gefecht.
Männer wie Mustafa K. aus Dinslaken, der mit abgetrennten Köpfen in Syrien in die Kameras lächelt. Übergewicht, schlecht in der Schule, keine Chance bei Frauen, einer, der oft verprügelt wurde und zu viel trank und im Morgengrauen besoffen in der Dönerbude am Marktplatz saß.
500 solcher Männer, so sagen es die deutschen Sicherheitsbehörden, sind aus deutschen Städten in den Krieg nach Syrien oder in den Irak gezogen. Ihr Kampf wird im Westen der "heilige Krieg" getauft, obwohl es im Koran keine einzige Sure gibt, die die Wörter "heilig" und "Krieg" zusammen nennt.
Die meisten Reisenden sprechen kein Arabisch, sie haben den Koran kaum gelesen und noch seltener verstanden. Sie sind Freunden gefolgt, Predigern und Rekrutierern. Sie wollten Helden sein, Beschützer der Schwachen, der Brüder und Schwestern vor dem Giftgas Assads, das sie das "Gas des Westens" nennen. Junge Männer aus Berlin, Hamburg oder Dinslaken, die in Gruppen ausreisten. Unter ihnen sind Underdogs aus vergessenen Vororten, aber auch Maschinenbauingenieure.
Für Terrororganisationen wie den "Islamischen Staat" sind gerade die Underdogs wichtig. Weil ihr Schicksal zeigen soll: Sogar Verlierer können etwas werden, nicht in Dinslaken oder Berlin, aber hier bei uns, im Dschihad, auch wenn die meisten, die medial bekannt sind, irgendwann den sogenannten Märtyrertod sterben.
Was zurückbleibt, sind ihre Videobotschaften und erschrockene Deutsche, die glauben, dass das, was dort geschieht, etwas mit dem Islam zu tun habe, dass eine kriegerische Religion den Westen mit Barbarei und mit Hinrichtungen wie aus dem Mittelalter bedrohe. Und die Posterboys des Bösen sind Männer wie Deso Dogg.
Heute ist Denis Cuspert eine Art Popstar, der in mehr Videos auftritt als sein früherer Konkurrent Bushido. Er wollte nie viel Geld haben und auch keine dicken Autos. Er wollte, dass Menschen ihn kennen, vielleicht fürchten, auf jeden Fall bewundern. Er wollte ein Vorbild sein. Cuspert wollte Respekt. Nun hat er eine Heimat gefunden, Respekt unter Barbaren, er scheint sich wohl zu fühlen.
Seine erste Heimat war Berlin. Als Sohn eines Afrikaners wurde er 1975 geboren. Der Vater wurde abgeschoben, als Cuspert noch klein war. Sein Stiefvater war ein amerikanischer Militärangehöriger, seine Mutter Deutsche. Sie war mit Denis oft überfordert, er verbrachte viel Zeit auf der Straße, wo die Westberliner Gangs das Sagen hatten. Er stahl und raubte, schlug zu und wurde festgenommen, immer wieder, bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei 16 scharfe Patronen, dazu Drogendelikte, Körperverletzung. Bei einem Streit um die Beute schoss er einem Freund mit einer Gaspistole ins Gesicht.
Im Gefängnis begann er zu rappen und nannte sich Deso Dogg. Deso, die Abkürzung für Devil's Son, Sohn des Teufels. Es gefiel ihm. "Murda Cocctail" hieß ein Mixtape, "Schwarzer Engel" nannte er ein Album. Gangsta-Rap, hartes Zeug, Straßenpoesie, Kritik am Alltagsrassismus in Deutschland, Gewaltfantasien, Wut in Versen: "Auf dem Schulhof war ich noch der kleine Nigga-Junge / Mit kaputter Jeans, dem bösen Blick und der frechen Zunge / Musste zehnmal besser sein, musste zehnmal schneller sein / Musste zehnmal härter sein, zehn kleine Negerlein!"
Sein Label, seine Produzenten setzen große Hoffnungen in diesen Gangsta-Rapper, der alles erfüllte, was das Klischee verlangt: Er sah gut aus, ein Schwarzer mit Talent und Tattoos, mit Knasterfahrung und einer kaputten Familie. Cuspert verdiente nicht viel Geld, aber das war ihm egal, er wollte ja bekannt werden und nicht reich. Er fuhr mit dem Bus, seine T-Shirts faltete er auf Kante, die Klamottenlabels der HipHop-Szene statteten ihn aus; was er nicht brauchte, schenkt er seinen Freunden, Sportschuhe, Kapuzenpullover, Camo-Hosen. Er hatte plötzlich viele Freunde. Sein Vorbild war die amerikanische Rap-Ikone Tupac Shakur, auch so ein echter Gangster mit dem Poesietalent. Cuspert träumte vom großen Aufstieg, nennt seine letzte Platte "Alle Augen auf mich", es ist die Übersetzung von "All Eyez on Me", dem Titel des letzten Albums von Tupac, kurz bevor der 1996 in Las Vegas erschossen wurde. Cusperts Alben schafften es nie in die Verkaufscharts.
Die anderen aber zogen vorbei: Bushido, Sido oder Kool Savas machten vor, wie man als Gangsta-Rapper auch in Deutschland ein Star werden kann, selbst wenn man nur so tut, als wäre man ein Gangster. Doch Deso Dogg blieb nur ein Kreuzberger Held. HipHop ist eine Erfolgskultur. Es gibt keine glücklichen Verlierer. Wer verliert, ist ein Opfer, eine Heulsuse, eine Null.
Denis Cuspert, so erzählen es Freunde und Leute, mit denen er zusammengearbeitet hat, verschwand immer öfter, wochenlang wusste niemand, wo er steckte. Wenn er zurückkam, erzählte er von psychotischen Schüben. Er hörte Stimmen, sie lockten ihn, zum Guten, zum Bösen.
Cuspert gab das Rappen auf und fing mit dem Kampfsport an, trainierte hart. Aber die Niederlage in Berlin gegen den Hamburger Ismail Cetinkaya war sein letzter Kampf. Stattdessen ging Cuspert jetzt öfter in die Moschee. Wer zum Islam konvertiert und fromm ist, dem vergibt Allah am Ende. Reset. Denis Cuspert hatte viel gesündigt. Die Idee gefiel ihm. Neustart.
Ein YouTube-Video zeigt ihn in dieser Zeit im Gespräch mit dem Bergheimer Prediger Pierre Vogel. Die beiden sitzen auf dem Boden, auf einem Teppich, im Hinterraum einer Moschee in Berlin, reden über eine Messerstecherei, reden über Rap-Songs, nennen sie "zu krass", die Sache mit den Frauen und so, sie reden über Desos Kollegen, über Bushido und Massiv.
Vogel will die Rapper für seine Zwecke benutzen. "Wenn wir die alle zusammenbringen würden, weil, jeder hat ja so seine Fans, das ist ja nicht nur Berlin", sagt er. Sie reden über den Konkurrenzkampf in der Rapperszene. "Es gibt viele Parallelen, näh?", sagt Vogel und lacht. Im Hintergrund hört man die Moschee-Gemeinde Allahu akbar rufen. Cuspert sagt, dass er mal nach Düsseldorf umziehen wollte, nach Klein-Berlin, er mag es dort. Niemals könne er sich vorstellen, im Osten zu leben, in Rostock oder Dresden, wo sie die Schwarzen beschimpfen. Er will dorthin, wo es ruhig ist, sagt Cuspert und lacht. Er sieht friedlich aus auf diesem Film, wie ein Schüler in seinen ersten Schultagen.
"Dir würde ich den Tipp geben, dass du dir ein anderes Beschäftigungsfeld suchst. Aber du bist ja sowieso schon auf dem Weg", sagt Vogel.
Im Mai 2010 postet Denis Cuspert ein neues Video. Er sagt, mein Name "war" Deso Dogg. Er nennt sich jetzt Abu Malik. In dem Video ruft Abu Malik seine Geschwister im Islam zum Wochenendseminar in die Moschee. "Ich werde auch da sein", sagt er. "Ein Wochenende mal ohne Disco, ohne Spaß." Er stutzt kurz, korrigiert sich. "Ihr könnt hier auch Spaß haben. Lernt mal ein bisschen was für euch, für eure Seelen, für eure Herzen."
Abu Malik zieht jetzt von Stadt zu Stadt, wie ein Wanderprediger erzählt er in Moscheen, wie er zum Glauben gefunden habe. Der Sohn des Teufels rappt nicht mehr, er singt jetzt Naschids, religiöse Gesänge, in denen er zum Krieg gegen die Ungläubigen aufruft, die einzige Musik, die bei seinen neuen Freunden erlaubt ist.
Ein Video auf YouTube zeigt Abu Malik in dieser Zeit auf einem Islamseminar in Mayen in der Eifel. Er wird gefragt, was ihm an dem mehrtägigen Seminar am meisten gefallen hat.
"Die Brüderlichkeit. Sie bewegt mich, hält mich wach", sagt er.
"Was ist besonders hängen geblieben?"
"Mein Naschid. Das war das Highlight. Die Freude zu sehen in den Gesichtern."
Dann Schnitt, neues Bild: Denis sitzt hinter einem Tisch, singt in ein blaues Mikrofon: "Wacht doch auf, wacht doch auf / Krieg überall auf der Welt, Muslime fallen für Öl und Geld, Allahu akbar / Mütter schreien, Kinder weinen, keine Angst vor den Kuffar / Wandert aus, wandert aus / Usbekistan, Afghanistan, wir kämpfen in Khorasan / Wir kämpfen, fallen, schuhada / Den Feind im Auge, bismillah, Allahu akbar."
Cuspert legt das Mikrofon auf den Tisch. Die jungen Männer im Raum rufen: "Allahu akbar." Sie halten ihre Smartphones hoch und filmen ihn. Er steht wieder im Mittelpunkt, sie hören ihm zu, bejubeln ihn.
Zwei Monate später, am 2. März 2011, erschießt der Frankfurter Arid Uka, geboren im Kosovo, am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten. Die Tat ist bis heute der einzige islamistische Anschlag mit Todesopfern in Deutschland. Kurz vor seinem Attentat postete Uka auf seiner Facebook-Seite: "Ich liebe dich für Allah Abu Malik".
In Cusperts selbst verfassten Naschids wird das erste Mal öffentlich islamistisch-terroristische Ideologie in Deutschland besungen. Mehrere Naschids werden verboten. Es ist eine Premiere und Denis Cuspert der Star. Es scheint zu funktionieren. Er nennt sich jetzt "Euer treuer Staatsfeind Nr. 1" und verkündet: "Ich bin ein Muslim, ich bin gegen Demokratie, ich bin gegen Integration, ich bin für die Scharia."
Im November 2011 gründet Denis Cuspert mit anderen die radikalislamistische Vereinigung "Millatu-Ibrahim", die Gemeinde des Abraham. Der Kopf der Bewegung ist Mohamed Mahmoud, ein Islamist, der in Wien im Gefängnis saß und sich nach seiner Entlassung für Deutschland entschied. Ihr Stützpunkt wird vorübergehend eine Moschee in Solingen. Bei einer Demonstration im Mai 2012 in Bonn sind viele ihrer neuen Anhänger dabei, Cuspert ist der Wortführer. Er betet in der ersten Reihe, schreit in ein Megafon, später fliegen Steine. Mit einer Zaunlatte in der Hand will auch Denis verhindern, dass die Pro-NRW-Anhänger die Plakate mit Mohammed-Karikaturen hochhalten. Einer aus ihren Reihen greift zwei Polizisten an, sticht ihnen mit einem Messer in den Oberschenkel. Cuspert widmet ihm später ein Naschid: "Der deutsche Löwe Murat K.", "ein Löwe Allahs, der nur eines hat im Sinn, die Ehre des Propheten zu beschützen und zu verteidigen".
Parolen, Steine, wackelnde Polizeiautos, das ist neu. Die Moschee in Solingen wird geschlossen, Cusperts Verein verboten, gegen ihn wird bereits wegen Volksverhetzung ermittelt. Er wird observiert, Freunde reden davon, dass es Anwerbungsversuche vom Verfassungsschutz gegeben habe. Cuspert reist aus, nach Ägypten, von dort weiter nach Syrien. In einem Abschiedsvideo sitzt er am Rhein, erklärte Deutschland zum Kriegsgebiet, das Ziel von Angriffen sein werde.
Cuspert geht nach Syrien, bekommt sein Geld vom "Islamischen Staat", hält Kontakt zu seiner Frau in Deutschland, lässt sich Akkuladestationen, Helmkameras und Smartphones schicken, schiebt Wache und fährt auf Einsätze. Cuspert wird verwundet, als Märtyrer gefeiert, ein Held, der bereit war, für Allah zu sterben. In einem Video sagt er: "Ich war nur leicht halb gelähmt. Mein Kopf war offen gewesen, und mein Gehirn kam ein bisschen heraus."
In Kreuzberg hat man mit dem alten Lokalhelden abgeschlossen, ein paar seiner alten Freunde sind durch die Straßen gezogen und haben alle Tags entfernt, die Cuspert an die Wände gesprüht hatte. Nichts soll an ihn erinnern. Auch seine Musik kann man nicht mehr kaufen. iTunes und Amazon haben seine Songs rausgenommen - die Bundesregierung möchte ihn auf die Terrorliste der Uno setzen, dann darf ihm kein Geld mehr überwiesen werden.
Es ist nicht viel übrig von dem sympathischen, unsicheren Mann, der auf dem Teppich saß in der Moschee in Berlin. Die Aufnahmen aus Syrien zeigen einen Denis Cuspert, der mal wieder einen neuen Namen hat. Jetzt heißt er Abu Talha al-Almani und ist voller Wut. Er identifiziert sich nicht mehr mit seinen Glaubensbrüdern in der Ferne, er rechnet mit ihnen ab, er will nicht mehr zu ihnen gehören. Die Zurückgebliebenen nennt er jetzt Schnecken, so weich und langsam seien sie. Er sagt: "Danke, ja, von euch habe ich gelernt, mehr braucht man von euch aber nicht, heute bin ich weiter als ihr." Er sagt: "Bleibt ihr mal da, trinkt Tee und esst Sonnenblumenkerne wie Frauen." Für ihn sind sie "Fake-Muslime", "Internethelden", "Angsthasenprediger".
Aber eigentlich hat sich Cuspert kaum verändert. Besser sein, schneller sein, alles ein wenig so wie früher, als er noch ein Rapper war und einen Weltstar wie Tupac einholen wollte. Express-Erfolg, mit seinen neuen Freunden kann es klappen, die so brutal und hungrig sind wie er.
"Ich und diejenigen, die gegangen sind, haben viel geopfert auf dem Weg von Allah", sagt er. Gesundheit, Familie, Freiheit. Er sagt, wir brauchen mehr Diener, mehr Soldaten an der Front. Cuspert ist stolz auf seine neue Gang, eine neue Familie in der Ferne. Die Zurückgebliebenen, sie sollen sich verstecken hinter der Couch, hinter ihren Frauen. Unter den Betten ihrer Kinder. Für Denis Cuspert sind diejenigen, die sich Muslime nennen und in Deutschland bleiben, Ungläubige, Mutlose. "Möge Allah die Angst aus euren Herzen rausnehmen, euch zu Löwen machen, zu wahren Männern."
Im Internet kursierte ein Bild, das David G. mit blutüberströmtem Gesicht zeigt. "Ein Löwe", das steht unter diesem Bild.
David G., damals 19 Jahre alt, gestorben 2014 bei einem Gefecht für den "Islamischen Staat", irgendwo in Syrien. David war 16, als er zum Islam konvertierte. Er wollte sich selbst einen Gott suchen, erinnern sich Verwandte. "Jugendliche Sinnsuche" nennen es andere. Er fuhr jetzt oft nach Dinslaken, zu seinem neuen Freund Mustafa K. Er schmiss seine Lehre zum Elektriker, hörte auf mit dem Boxen.
Als Mustafa K. nach Syrien gezogen war, verkaufte David seine Bücher auf dem Flohmarkt in Kempten, schrieb einen Abschiedsbrief. Sein erster Ausreiseversuch endete am Flughafen in München. Seine Eltern hatten es geahnt, ihren Sohn Monate zuvor der Polizei gemeldet. Sein Ausweis wurde ihm abgenommen und bekam einen Aufkleber: außerhalb von Deutschland ungültig.
Die Eltern erhielten ein Merkblatt für den Umgang mit radikalisierten Kindern. Es half nichts. David nahm kurze Zeit später den Zug über Ungarn, nach Serbien. Zu Fuß soll er weiter sein nach Bulgarien, von dort in die Türkei, Endstation Syrien.
David war blass, blond, ein Bart wuchs ihm nicht. Er sah aus wie ein Austauschschüler. Niemand stoppte ihn auf seiner Reise in den Krieg. Von unterwegs postete er noch ein letztes Bild, darauf posierte er mit Mustafa. Sie tragen schwarze T-Shirts, die an Adidas-Shirts erinnern. Statt "adidas" steht aber "alqaida" drauf, ein Flugzeug fliegt auf den größten der drei Streifen. Hinten drauf: "Millatu-Ibrahim", der Name von Cusperts islamistischer Truppe.
Ermittler gaben später zu, dass David vielleicht noch leben würde, hätten sie ihn besser observiert. Aber auch alarmierte Eltern haben kaum eine Chance. Wenn das Kind gehen will, dann geht es. Irgendwie Glück oder Zufall, ob sie ihre Söhne an den Krieg verlieren. Glück oder Zufall, ob es einer von ihnen wieder zurückschafft.
Die Mutter von Kreshnik B. sitzt in Saal II des Oberlandesgerichts Frankfurt, wischt sich Tränen aus dem Gesicht und sieht glücklich aus. Von ihrem Sohn trennen sie nicht mehr Tausende Kilometer, es ist nur noch dieses Panzerglas zwischen Zuschauer und Anklagebank. Dort sitzt er. Kreshnik ist 20 und angeklagt wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.
Es ist der erste Prozess in Deutschland gegen ein Mitglied des "Islamischen Staates". Kreshnik, der Fußball gespielt hat in einem jüdischen Verein in Frankfurt, begann sich zu verändern, als er die Schule wechselte, neue Freunde fand, mit ihnen den Islam, der Sinn gab. Die Freunde hätten oft über den Krieg in der Ferne gesprochen, sagt er heute. Kreshnik sei wütend gewesen, fassungslos darüber, was in Syrien geschah, dass niemand den Menschen dort half.
Kreshnik wollte anders sein, mutig, wie ein Löwe, ein echter Mann, ein wahrer Muslim, kein Angsthase. Er war 19, als er losreiste, es war im Juli 2013, er und seine Freunde fuhren mit dem Bus von Frankfurt nach Istanbul, dann weiter nach Syrien. Dort angekommen, leistete Kreshnik den Treueschwur auf den IS, machte einen Crashkurs an Pistolen und Sturmgewehren. Gerichtsakten enthalten die damaligen Chatprotokolle mit seiner Schwester:
"Ich chille, gehe kämpfen, tu meinen Job für Allah", schreibt Kreshnik.
"Du bist jung, dumm und naiv, mit 25 wirst du das bereuen", antwortet die Schwester. "Für 50 Euro sollen hängen gebliebene Kinder Menschen umbringen."
"Ich bin wegen meiner Religion hier. Im Koran steht: 'Tötet sie, wo immer ihr sie findet'."
"Erzähl mir nichts vom Koran, komm nach Hause."
"Merkst du, ich hab keinen Bock, in Deutschland zu leben", schreibt Kreshnik, den seine Schwester nur Nik nennt.
Zu Beginn fühlt er sich noch wie ein Held. Er scheint in seiner neuen Heimat glücklich zu sein, mit Chancen auf Aufstieg. In Deutschland war er schlecht in der Schule, in Syrien träumte er von einer richtigen Ausbildung, zum Scharfschützen, für Allah. Wichtig und erfolgreich wollte er werden, gemeinsam mit seinen neuen Brüdern kämpfen, für eine große Sache, einen eigenen Staat, nur für Muslime.
Bei dem ersten großen Gefecht steht Kreshnik weit hinten. Die Araber und die Tschetschenen hätten ihnen, den Jungs aus Europa, nicht viel zugetraut, erzählt er später seiner Schwester im Chat.
Kreshnik spricht kein Arabisch. Wenn der Übersetzer nicht im Camp ist, versteht er nicht, worum es gerade geht, was sie planen, worüber sie streiten. Er versteht erst jetzt, dass in diesem Krieg Muslime Muslime töten. Seltsame Brüderlichkeit.
Aber er spricht immer noch von den "Brüdern". "Die Brüder" brachten Telefonkarten, "die Brüder" brachten Essen. Er musste "den Brüdern" Bescheid geben, wenn er fremde Autos entdeckte. Kreshnik B., ein Junge mit leiser Stimme, den alle als einen friedlichen Teamplayer in Erinnerung haben. Ein typischer Mitläufer, auch in Syrien beim "Islamischen Staat".
Zurück in Deutschland, soll er jetzt den Richtern diesen Krieg erklären. Wie werben die Terroristen an? Wie ist ihre Strategie vor Ort? Das alles wirkt hilflos. Die Richter haben einen Islam-Experten geladen, der nur umständlich erklären kann, was ein Märtyrertod ist. Das Gericht hat einen Übersetzer bestellt, der nicht mal weiß, wer IS-Chef al-Baghdadi ist. Während des Verfahrens wird ein Video auf eine Leinwand projiziert, es zeigt Kreshnik bei einer Kundgebung in Aleppo. Ein Junge aus Deutschland, der kein Wort versteht und sich langweilt. Plötzlich unterbricht der Richter das Video. "Ich habe dreimal das Wort Dschihad gehört", sagt er. Der Übersetzer erklärt dem Richter, dass das arabische Wort Dschihad auf Deutsch nur "tun" oder "sich bemühen" bedeutet.
Schließlich soll Kreshnik Mittelsmänner nennen, Wege und Routen nachzeichnen. "Wie sind Sie über die syrische Grenze gekommen?"
Kreshnik: "Ganz normal eigentlich."
Richter: "Na ja, wenn ich über die türkisch-syrische Grenze laufen würde, dann hätte ich erst mal Angst. Sie?
"Ja, bisschen Angst hatte ich auch."
"Aber junge Männer haben doch Lust auf Abenteuer, oder?"
"Syrien ist kein Abenteuer."
Was er vom Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr hält? Wie er es findet, dass Journalisten enthauptet wurden? Warum er den Wehrdienst verweigert hat? "Weiß ich nicht", sagt er, er sagt es ziemlich oft und zuckt dann mit den Schultern. Dann erwähnt sein Anwalt, dass es keine Wehrpflicht mehr gab, als Kreshnik 18 wurde.
Dann geht es wieder um Syrien. Kreshnik sagt: "Ich wollte dort weg, nach Hause. Aber ich wollte kein Verräter sein."
Das Gericht glaubt ihm nicht, es will wissen, ob die Eltern ihn zur Rückkehr gezwungen haben. Ein Onkel, der auch in Syrien kämpfe, habe ihn rausgeholt und in die Türkei gefahren. Dort wartete seine Schwester, sie nahm Kreshnik mit nach Deutschland. Bei der Einreise wurde er am Flughafen festgenommen.
Der Richter will wissen, wie er sich seine Zukunft vorstellt. "Eine Ausbildung, irgendwas Handwerkliches", sagt Kreshnik.
Eigentlich wollen die Richter nur klären, ob der Rückkehrer jetzt nach einem Ausbildungsplatz strebt oder einen Selbstmordanschlag plant. Stunden voller Klischees, voller Erwartungen. Es funktioniert nicht. Sicher ist nur, dass Kreshnik B. zurück in Deutschland ist.
Er ist einer von etwa 150 Rückkehrern bundesweit. Junge Deutsche, von denen viele im Krieg waren, sich einer Kampfeinheit angeschlossen haben und wieder zurückkehrten. Niemand weiß genau, was sie dort taten, was sie erlebten, wie viele traumatisiert sind. Es gibt Eltern von Dschihadisten, die erzählen, dass ihre Jungs anrufen, zurückwollen, aber nicht dürfen. Die meisten der Rückkehrer haben es nur in die sogenannten Vorcamps des IS geschafft, sie bekommen es mit der Angst zu tun, sie wollen nach Hause, weil sie ihre Freunde oder Mütter vermissen.
Die Sicherheitsbehörden warnen vor jungen Männern wie ihnen. Sie könnten radikalisiert worden sein, tickende Zeitbomben. Wie Walid D., in dessen Wohnung hessische Ermittler Ende September bei einer Hausdurchsuchung eine Kalaschnikow samt Munition, eine schusssichere Weste und eine Fahne des IS sicherstellten. Auf die Spur des Islamisten waren die Fahnder gekommen, weil sie gegen ihn wegen Drogenhandel ermittelten.
Ein Reintegrationsprogramm aber für Rückkehrer gibt es nicht. Keine Psychologen, keine Selbsthilfegruppen, nur die Mittel des Rechtsstaats. Und dann gibt es die Hoffnung, dass diese Rückkehrer erklären, wie dieser Krieg in Syrien funktioniert. Und das Einzige, was einer wie Kreshnik sagt, ist, dass er dort nicht nützlich gewesen, nie angekommen sei in dieser neuen Heimat, in der Ferne, bei den Brüdern; verlorene Seele, die er ist.
Es ist ein Krieg, in dem junge Männer wie Kreshnik nichts zu gewinnen haben. Aber warum gehen sie aus Deutschland in den Krieg, verlassen Freunde und Wohlstand, Playstation und Nutella? Wie kann es sein, dass sie bereit sind, diese Gräuel zu ertragen oder selbst mitzumachen, abgetrennte Köpfe in die Luft zu halten? Mitten in einem Krieg zu leben, in dem nichts an ihr altes Leben erinnert?
Junge Männer wie Kreshnik oder Denis Cuspert kommen aus einer Welt, in der Krieg und Religion aus dem politischen Selbstverständnis verbannt sind. Der 70-jährige Frieden, der in Westeuropa herrscht, hat kriegerische Gewalt tabuisiert, die Konfrontation mit den Gräueln eines Krieges macht eine moderne Gesellschaft fassungslos. "Menschen sind nicht nur auf der Suche nach Glück, sondern nach Sinn. Und tragischerweise ist der Krieg manchmal die mächtigste Form der Sinnstiftung in der menschlichen Gesellschaft", schreibt der amerikanische Journalist Chris Hedges in seinem Buch "War Is a Force That Gives Us Meaning".
Der Krieg als höchste Erfahrung, der Kampf, eine hohe Form der Selbstbestätigung. US-Psychologen, die Veteranen behandelt haben, berichten vom Rausch, den Soldaten beim Töten erleben. Nicht nur IS-Kämpfer in Syrien oder im Irak posieren mit abgeschlagenen Köpfen, auch US-Soldaten in Vietnam ließen sich mit Körperteilen ihrer Feinde fotografieren. Die Religion allein kann keine Erklärung liefern für die barbarischen Morde. In der Geschichte der Religionen war das Streben nach Frieden immer ein hohes Ziel. Auch der Koran wird als Botschaft des Friedens und der Versöhnung ausgelegt. Ein bekannter Vers des Korans lautet: "Keine lasttragende Seele trägt die Last einer anderen." Die britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong vertritt in ihrem Buch "Im Namen Gottes" die These: Nicht die Religion rechtfertigt den Krieg, der Krieg selbst ist das religiöse Erweckungserlebnis.
Aber was ist es dann? Die Flucht vor der Langeweile und der Banalität des Alltags? Die Suche nach Gemeinschaft und Brüderlichkeit, weil die persönlichen Selbstzweifel und ungelösten Fragen zu groß sind und der neue Zusammenhalt eine gefühlte innere Größe und Sicherheit produziert, wie es der Gießener Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth erklärt? Oder sind es, wie der Forscher Norbert Leygraf aufgrund seiner psychiatrischen Gutachten über in Deutschland aufgewachsene islamistische Attentäter glaubt, junge Männer, "die den fundamentalistischen Islam dazu genutzt hatten, ihr überhöhtes Selbstwertgefühl nach außen zu präsentieren" und Aggressionen "scheinbar moralisch legitimiert" auszuleben?
In einem aber sind sich Experten wie Wirth und Leygraf einig: Es gibt keinen klar definierbaren Typus "junger Attentäter", der aus Deutschland in den Krieg zieht, und man kann die bisherigen Taten auch nicht als eine Folge "typischer psychiatrischer Störungen" betrachten, was ja irgendwie beruhigend wäre.
Was allerdings auffällt bei den Kämpfern aus Deutschland, ist, dass viele, egal ob gebildet oder ungebildet, Kinder von Migranten sind. Langeweile, Narzissmus, Kriegslust - vielleicht, bestimmt spielt das alles eine Rolle, aber möglicherweise hat es auch mit einem Leben ohne Heimat zu tun, ohne das Gefühl, dazuzugehören in einem Land, in dem man geboren wurde und aufgewachsen ist, aber nie das Gefühl bekam: Hier gehöre ich hin.
Die Dschihadisten Cuspert, Kreshnik, Daniel G. und Mustafa K. haben noch eines gemeinsam: Sie gehören zu einer Szene, deren Mitglieder von Sicherheitsbehörden Salafisten genannt werden. Salafisten, weil sie den Islam verstehen wie die "Salaf", die Gefährten des Propheten Mohammed, und keine andere Auslegung akzeptieren als eine orthodoxe Form des sunnitischen Islam.
Sie selbst nennen sich einfach nur Muslime. Der Verfassungsschutz schätzt die Bewegung auf 6000 Mitglieder, die sich als Teil einer Generation von Migrantenkindern fühlen, die eine Heimat im Glauben suchen. Es gibt Leute, die dieses Phänomen Dschihad-Pop nennen. Man könnte das als eine Form von Subkultur beschreiben, als eine Jugendrebellion, ausgedacht, erfunden und gelebt in den Großstädten Westeuropas. So wie es früher mal die Hippies gab oder die Punks oder vielleicht sogar die Neonazis im Osten - alles auch Rebellionen gegen die Elterngeneration und ihre Werte, nicht immer schön, manchmal gefährlich.
Mitten in Europa, mitten in Deutschland glauben heute junge Muslime, dass das Leben auf Erden eine Strafe sei und eine Prüfung Allahs für das Jenseits. Der Islam mit seinen Regeln ist für sie keine Last, sondern eine Befreiung von Werteverfall und Reizüberflutung. Der Koran ist ihr Gegenmittel, 1400 Jahre lang erprobt. Allah hat an alles gedacht, vom Händewaschen über den Nachbarschaftsstreit bis hin zum Orgasmus der Frau. So steht es in den heiligen Schriften, in den Überlieferungen.
Der Islam als Lebenssinn, der Koran als Anleitung für ein gelungenes Leben. Die meisten sind Kinder von Türken und Arabern, von Albanern und Tschetschenen. Junge Menschen, groß geworden in Deutschland, denen ihre Eltern beibrachten, auf der Klassenreise kein Schweinefleisch zu essen, aber die nicht erklärt bekamen, warum die Religion es verbietet. Sie mussten die Gebete auf Arabisch auswendig lernen, doch erfuhren nie von ihren Eltern, was genau man sich von Allah erhoffen durfte. Fügsam und klein, so erleben diese jungen Muslime ihre Eltern, Menschen ohne Heimat, weder hier in Deutschland noch dort, wo sie einst hergekommen sind. Und nun verbringen sie ihr Leben in einer Zwischenwelt aus türkischen Teestuben, arabischen Fußballvereinen, tschetschenischen Frauenklubs.
Ihre Kinder haben sich eine neue Heimat geschaffen: Sie nennen sie Islam, und jeder ist gleich, und wer sich zu dieser Heimat bekennt, kann alle Sünden löschen, neu anfangen, Punkte sammeln für das Paradies.
Und sie haben auch eine neue Sprache gefunden: eine Art Islamodeutsch. Sie reden sich mit Akhi und Ukhti an, arabisch für Bruder und Schwester. "Geil" heißt jetzt maschallah, Gott soll es schützen, und "erlaubt" halal, "verboten" haram. Sie kaufen Hadschi Cola und atmungsaktive Schleier für die Frauen. In Buchhandlungen finden sie die "Sunna des Propheten" auf Deutsch.
Sie stehen am Hamburger Hauptbahnhof und nennen sich "Dawa Movement" und tragen dabei T-Shirts mit dem Schriftzug: "Das Leben ist kein Spiel". Sie erklären Passanten, warum es Sünde sei, Halloween zu feiern, weil sie niemanden außer Allah feiern, schon gar nicht Geister. Sie sind nicht böse dabei, sondern engagiert und laut. Es geht um die "Dawa", den Aufruf zum Islam, und sie rufen bundesweit. Sie gehen in Wuppertal als Scharia-Polizei in die Spielhöllen, um junge Leute davor zu bewahren, ihr letztes Geld auszugeben. Sie verteidigen ihren Islam, wenn es sein muss auch mit Straßenschlachten gegen Kurden in Hamburg oder Celle.
Sie leben nach festen Regeln und diskutieren bei Facebook. Sie sind Digital Natives. Die Moschee und das Netz, das ist ihr Lebensraum, auf Internetseiten wie "Generation Islam" informieren sie sich über das islamische Wirtschaftssystem und lernen, wie sie mit "nicht-Muslimen" zu diskutieren haben, belehren sich gegenseitig in Kommentarleisten von Internetseiten wie "Islam, der wahre Weg" oder "Ummah Radio" und schicken sich zur Gebetszeit raus aus dem Chat. Und die Unwissenden unter ihnen? "Der wahre Weg ist nur einen Mausklick von dir entfernt."
Früher ging es vielen darum, wer der beste Schläger im Kiez ist oder wer sich traut, Stühle aus dem Fenster der Rütli- Schule auf Lehrer zu werfen. Heute geht es darum: Wer ist der bessere Muslim?
Spätpubertär? Posen? Bizarr, sicherlich. Aber als ob sie keine Gründe hätten. Es sind Hauptschüler genauso wie BWL-Studenten. Junge Deutsche, deren Bewerbungen scheitern, weil sie Ali oder Mehmet heißen. Abiturienten aus Migrantenfamilien, die häufiger von Armut bedroht sind als Hauptschüler deutscher Herkunft. Es sind junge Deutsche, ihre Rebellion ist kein Import aus der arabischen Welt, sondern eine Antwort auf ihr Leben hier, ein Leben ohne Heimat. Und wenn sie ein Problem sind, sind sie es für das ganze Land.
Seit aber die Ersten aus ihren Reihen in den Krieg gegangen sind und in Videobotschaften der alten Heimat mit Anschlägen drohen, sehen sie sich alle zu Feinden dieser Gesellschaft und ihrer Werte erklärt.
Wie kompliziert das alles ist, dafür ist Ismail Cetinkaya, der Martial- Arts-Kämpfer aus Hamburg, ein gutes Beispiel.
Die Wände in dem Vorraum seiner Kampfschule in Hamburg hat er in Lila gestrichen. Lila beruhige, sagt er. An der Wand hängt ein Bild von Mehmet II., dem Eroberer von Konstantinopel, daneben das Wappen des Osmanischen Reiches. Cetinkaya hat einen eigenen YouTube-Kanal und drei Facebook-Seiten, in denen er erklärt, wie Rollstuhlfahrer sich gegen Angriffe wehren oder Mädchen mit Kopftuch Sport machen können.
Ismail ist als Sohn türkischer Gastarbeiter in Hamburg geboren, sein Vater bekam Heimweh, kehrte mit seiner Familie in die Türkei zurück, aber sie haben dort keinen Anschluss mehr gefunden, politisch zu unsicher, die alte Heimat.
Ismail war 14 Jahre alt, als er nach Deutschland zurückkehrte, seine Familie beantragte Asyl im Wendland, "wo der Castor immer langfährt", sagt er. Zu Beginn sprach er kein Wort Deutsch, in seinem Pass stand der Aufenthaltsstatus: "geduldet". Ein hässliches Wort, sagt Cetinkaya, das die Deutschen sich da ausgedacht hätten für Menschen, die kommen und um Hilfe bitten.
Er war immer der "Schwarzkopf", mit dem niemand wirklich redete. Er machte eine Ausbildung zum Bäcker, nachts um eins fuhr er los auf dem Fahrrad, zehn Kilometer durch den Wald. Und er begann mit dem Kampfsport. Er hat später in Hamburg auf dem Kiez nachts die Türen der Klubs bewacht. Es gab oft Ärger, Urteile wegen Körperverletzung, aber morgens stand er in der Moschee und betete zu Allah. Cetinkaya sagt: "Es gab Zeiten, da dachte ich, alle Frauen der Welt gehören mir. Es gab Phasen in meinem Leben, da wollte ich jedem auf die Fresse hauen. Ich dachte, ich muss viel Geld haben. Ich hab Fehler gemacht."
Ismail kennt sie alle, die alten Kiezschläger und die Jungs aus der Moschee. Aus den einen wurden Zuhälter, aus den anderen selbst ernannte Gotteskrieger. In Ismails Kampfschule dürfen keine Zuhälter und Drogendealer trainieren. Es sei schwierig, junge Männer zu echten Männern zu erziehen in einer Zeit, da jede Art der Männlichkeit tabuisiert sei. In einer Welt, in der Frauen keinen Beschützer mehr brauchen. Ismail mag beschützen, er war in Afghanistan, in Syrien und Kambodscha, er hat einen Verein gegründet, der "Schau nicht weg e. V." heißt und Kindern in Not hilft. Mann sein heißt helfen.
Kreshnik wollte auch helfen. Deso Dogg will helfen, auf eine monströse Art. Ismail sagt, trotzdem sei es falsch, was Deso Dogg tut. Ismail klickt sich durch seine Koran-App und zitiert einen Vers: "Oh ihr Menschen, ich habe euch aus Mann und Frau erschaffen und zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget." Ismail klickt weiter: "Und hätte dein Herr es gewollt, so hätte er die Menschen alle zu einer einzigen Gemeinde gemacht; doch sie wollten nicht davon ablassen, uneins zu sein."
Für Cetinkaya ist es der Beweis, dass es keinen Zwang im Glauben gibt und der Koran kein Grund sein kann für den Feldzug, den Deso Dogg und seine Mitstreiter im Namen der Religion Ismails gegen andere Religionen und Völker betreiben.
Bei ihm in der Kampfschule gilt Allahs Wort. Unter seinen Kämpfern sind Franzosen, Schweizer, Latinos, Tschetschenen, Russen, deutsche Juristen oder Medizinstudenten, sogar Polizisten, unter ihnen viele Muslime. Auch sie nennen sich Akhi, aber sie trainieren zusammen mit christlich-orthodoxen Armeniern oder Juden.
Ismail ist es egal. Hauptsache, gute Kämpfer. Im Ring, im Käfig, für ihn sind sie eine Einheit, sie tragen gelbe T-Shirts mit der Aufschrift, "Team Ismail". Kämpfer, Sieger möchte er da haben. Sie sollen ihr Testosteron in den Käfig schütten. Fair, Mann gegen Mann. Mit Regeln. Danach wird der Gegner umarmt.
Cetinkaya und seine Jungs kritisieren zwar den Westen, die USA, den Einsatz in Afghanistan, und sie finden es schrecklich, was mit den Brüdern in der Ferne geschieht, aber sie wollen nicht nach Syrien. Sie machen Abitur in Bahrenfeld, sie wollen nach Amerika und Maschinenbau studieren. Sie streben nicht nach dem IS, sondern nach einer Zukunft in Hamburg, das sie ihr Zuhause nennen.
Ismail hat die Bücher zugeklappt, steht jetzt wieder im Käfig und trainiert einen seiner Jungs. Einer von ihnen wird im Dezember bei der Weltmeisterschaft in Japan kämpfen. Sie drehen ein Video von ihrem Training, Cetinkaya postet es auf seiner Seite im Netz. Es ist der Abend, an dem auch Deso Dogg sein neues Video aus Syrien ins Netz stellt.
Später am Abend postet eine Mutter auf Facebook die Geschichte ihrer Tochter, eines türkischen Mädchens, es ist verschwunden. Die junge Frau war nur wenige Kilometer von Cetinkayas Kampfschule entfernt aufgewachsen, nächstes Jahr hätte sie ihr Abitur gemacht. Sie verliebte sich in einen Jungen, der vor wenigen Monaten nach Syrien ging. Sie heiratete ihren Freund per Telefon, islamisch getraut von einem Imam, damit sie losreisen kann, zu ihm, in den Krieg. Die Mutter fleht: Bringt mir mein Kind zurück.
Bald ist Winter in Syrien, sagt Ismail Cetinkaya.
Von Gezer, Özlem, Gorris, Lothar, Leick, Romain, Rapp, Tobias, Schmitter, Elke

DER SPIEGEL 47/2014
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