17.11.2014

MexikoZähne in Mülltüten

Die Entführung von 43 Studenten bewegt das vom Drogenkrieg abgestumpfte Land. Ihre Geschichte belegt die engen Verknüpfungen von Politik, Polizei und Kartellen - und den Zerfall des Staates. Von Marian Blasberg und Jens Glüsing
Die Nahaufnahme einer Handvoll schwarzer Zähne, ausgesiebt aus Ascheresten. Der Zoom auf einige verkohlte Knochenteile, aufgelesen auf einer Müllkippe nicht weit von Iguala. Dazu die Fetzen von großen Plastiksäcken, angeschwemmt an den Ufern des Río San Juan. Angeblich hatten die Mörder sie in den Fluss geworfen, um die Reste der verbrannten Leichen zu entsorgen.
Natürlich kennt Cristóforo García diese Bilder. Auf allen Fernsehsendern liefen sie an diesem Tag, nachdem der Generalstaatsanwalt vor die Presse getreten war, um nach Wochen voller Ungewissheit zu erklären: Das größte Rätsel, das Mexiko derzeit in Atem hält, sei offenbar gelöst.
Am Abend des 26. September hatten Polizisten in der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero, 180 Kilometer südwestlich von Mexiko-Stadt, das Feuer auf drei Busse mit Studenten eröffnet, die auf dem Weg zu einer Demonstration waren. Sechs Menschen starben, 43 weitere sind seitdem verschwunden. Und es deutet alles darauf hin, dass sie von den Polizisten an die Auftragskiller einer Drogenbande ausgeliefert wurden.
Es gibt keine Hoffnung mehr, sagen die Bilder von den Leichenteilen im Fernsehen, aber García fällt es schwer, ihnen zu trauen. "Ein paar Plastikfetzen", sagt er, "Knochenstücke und verkohlte Zähne, von denen selbst der Staatsanwalt glaubt, dass sie sich kaum dazu eigneten, einen Menschen zu identifizieren, das soll es jetzt also sein?"
García ist der Leiter einer Bürgerwehr, ein kleiner, untersetzter Mann, der am Morgen nach der Erklärung des Staatsanwalts auf dem großen Platz im Zentrum von Iguala steht. Er wirkt abgekämpft. Seit Wochen ist García unterwegs, um auf eigene Faust nach den 43 Verschwundenen zu suchen. Gemeinsam mit anderen, die wie er aus den Dörfern der Gegend stammen, in denen die Studenten lebten, ist er losgezogen. Sie haben abgelegene Bergsiedlungen durchkämmt, Kirchen, Schuppen, Wälder. 26 Massengräber haben sie dabei gefunden, aber von den Männern, die sie suchten, keine Spur.
García nimmt seine Mütze ab. Schweiß rinnt ihm von der Stirn. "Gestern sind wir noch mal auf die Müllkippe", sagt er, "um uns ein eigenes Bild zu machen, aber außer den Knochen einer Kuh war nichts mehr da."
Keine Leichen, keine Beweise. So sieht er das. Alles andere, sagt er, will er erst glauben, wenn es die österreichischen Forensiker bestätigen, die in Innsbruck seit vergangener Woche im Auftrag der mexikanischen Behörden die DNA der Leichenteile untersuchen.
Drei Dutzend Männer sind sie, Bauern wie García, Händler, Lehrer, die die Dinge selbst in die Hand nehmen, weil sie ihrer Regierung nicht mehr trauen. Ihr Basislager haben sie am Rathaus von Iguala aufgeschlagen, es ist seit einem Angriff aufgebrachter Bürger eine Ruine. "Unser Hotel" nennt García die ausgebrannten Räume im Erdgeschoss, in denen sie ihre Schlafsäcke ausgerollt haben. Draußen vor dem Ratssaal bereiten junge Frauen auf einem Grill Tortillas zu. Ein paar Schritte weiter fehlen Steine im Asphalt. An der aufgerissenen Stelle stehen Blumen, und ein Schild weist darauf hin, dass hier die mexikanische Verfassung ruhe.
Es ist ein Gemisch aus Wut, Verzweiflung, Trotz und Ohnmacht, das Garcías Leute hier auf diesem Platz ausharren lässt, vor diesem ausgebrannten Rathaus, das wie ein Symbol erscheint für einen Staat, der im Verfall begriffen ist. Wie kann es sein, fragen sie sich, dass in dieser Stadt, in diesem Land ein Bürgermeister offenbar den Befehl ausgeben konnte, eine Gruppe friedlicher Demonstranten aus dem Weg räumen zu lassen? Nur weil sie angeblich eine Wohltätigkeitsveranstaltung seiner Gattin stören wollten? Warum schritt niemand ein, als Ortspolizisten sie den Killertrupps der Drogenmafia übergaben? Wie tief ist das Verbrechen mittlerweile in die Gesellschaft vorgedrungen, nicht nur in Iguala, sondern im ganzen Land?
Mexiko ist ein Land, das sich gewöhnt hat an Gewalt, an grausame Verbrechen und monströse Zahlen. Mehr als 100 000 Menschen sind getötet worden im Drogenkrieg seit 2006, mehr als 25 000 gelten noch immer als vermisst. All das Blutvergießen, all die Massengräber, all die Enthauptungen und abgeführten Drogenbosse sind inzwischen so alltäglich, dass sie es kaum noch auf die Titelseiten schaffen.
Diesmal aber, nach Iguala, sind die Dinge anders. Als die Behörden wenige Tage nach dem Verbrechen den geflohenen Bürgermeister und seine Frau fassten, erschienen die Zeitungen mit Sonderausgaben am Nachmittag. Am Tag nach der Rede des Generalstaatsanwalts versuchten Demonstranten, in Mexiko-Stadt den Regierungssitz zu stürmen. In Chilpancingo, der Hauptstadt des Bundesstaats Guerrero, warfen sie Brandsätze in die Zentrale der Präsidentenpartei PRI.
43 unschuldige junge Männer, Zivilisten, Lehramtsanwärter, die der jüngsten Theorie zufolge hingerichtet und dann auf einer Müllkippe verbrannt wurden. 43 Familien, die die Ungewissheit nicht mehr aushalten, diese immer neuen, unbewiesenen Erklärungen zum Schicksal ihrer Söhne, mit denen man sie abspeist. 43. Einfach so. Es ist ein Fall, der auch in Mexiko unfassbar klingt, der die Menschen aufwühlt und den jungen Präsidenten Enrique Peña Nieto in seine erste große Krise stürzt.
Das Verbrechen in Iguala hat Peña Nieto kalt erwischt. Sein Amt hatte er im Dezember 2012 mit dem Versprechen angetreten, dass er die Dinge anders regeln werde als sein Vorgänger Felipe Calderón, der über Jahre mit Zehntausenden Soldaten gegen die Drogenkartelle vorrückte. Peña Nieto verkleinerte die Zahl der Truppen, die gegen die Kartelle kämpfen. Auf Auslandsreisen bewirbt er Mexiko als neuen "Tigerstaat". Sein Kalkül: weniger Tote gleich mehr Investitionen. Und es schien aufzugehen, bis die 43 verschwundenen Studenten die Welt daran erinnerten, dass die neue Sicherheit nur eine Illusion gewesen war.
Während Peña Nieto die Welt bereiste, stellten sich die Kartelle neu auf. Sie diversifizierten ihre Geschäfte und begannen, selbst nach der politischen Macht zu greifen. Allein im Bundesstaat Guerrero, heißt es, stellt die Mafia inzwischen 15 Bürgermeister.
Guerreros Unidos, "vereinigte Krieger", nennt sich die Bande, die auch in Iguala in den vergangenen Jahren schleichend das Kommando übernommen hat. Es ist eine von mehr als hundert Splittergruppen, die seit der Zerschlagung der großen Kartelle überall im Land entstanden sind und ihre Einkünfte zunehmend mit dem Eintreiben von Schutzgeldern oder Entführungen erzielen.
Aus Sicht der Drogenbosse ist Iguala ein Ort von strategischer Bedeutung. Die Stadt, eingebettet ins weite, hügelige Hinterland der Pazifikküste, liegt an einer der wichtigsten Transportrouten für Kokain, gleichzeitig ist sie ein aufstrebendes Handelszentrum, das Möglichkeiten bietet, Geld zu waschen. Alles, was man braucht, um seine Geschäfte in Iguala geräuschlos abzuwickeln, ist die Kontrolle über den Sicherheitsapparat und einen kurzen Draht ins Rathaus.
Die Guerreros Unidos schufen sich den denkbar kürzesten. Sie stellten bei den Bürgermeisterwahlen einfach ihren eigenen Kandidaten auf.
Er hieß José Luis Abarca, und für ihn sprach, dass er verheiratet war mit einer Frau, deren Brüder als hochrangige Mitglieder der Guerreros Unidos auf den Fahndungslisten der Regierung gestanden hatten, ehe sie im Kugelhagel starben. Von Abarcas Schwiegermutter heißt es, sie sei als Buchhalterin für das 2011 zerschlagene Großkartell der Beltrán Leyva tätig gewesen, aus dem die Bande hervorging.
Abarca selbst hatte es als Sohn eines Sombrero-Verkäufers zu Reichtum gebracht. Er handelte mit Brautmoden, später mit Gold und besaß zuletzt neben mehreren Juweliergeschäften 18 Immobilien, unter anderem, wie Ermittler jetzt herausfanden, ein Apartment in Australien. Es war ein Aufstieg, der vielen in Iguala unerklärlich vorkam, aber in Mexiko kann Besitz als Vorteil gelten. Reiche Männer, sagt man, haben es nicht nötig, Gelder aus der Staatskasse zu stehlen. Auch wenn sie aus dem Nichts kommen, sie wissen, wie man Wohlstand schafft. Es war wie Berlusconi in Guerrero.
An einer Wand in Igualas ausgebranntem Rathaus hängt noch ein Foto, das Abarca zeigt. Ein schmächtiger Mann mit violettem Seidenhemd unter dem dunklen Anzug. Er wirkt wie ein Latino-Schnulzensänger auf einem Kreuzfahrtschiff.
Nicht weit davon entfernt, an einem Treppenabsatz gleich neben dem Eingang, belegt eine Tafel, nach welchen Kriterien Abarca die Schlüsselpositionen im Rathaus besetzte. Die Ressorts Haushalt, Wirtschaft und Liegenschaften vergab er an Verwandte seiner Frau. Zum Sicherheitschef ernannte er seinen Cousin Felipe Flores.
In seinem ersten Dienstjahr ließ Abarca die erste große Shoppingmall in Iguala bauen, mit internationalen Fast-Food-Restaurants und einem Kino. Am Stadtrand eröffnete ein Freibad mit großer Rutsche. Seine Frau, die ihr Büro im Rathaus gleich neben ihm bezog, leitete das größte Wohlfahrtsprogramm der Stadt.
Niemand fragte laut, woher das Geld für all diese Dinge kam, doch es gab Anzeichen: Der schwarze SUV, in dem Abarca durch die Straßen glitt, war ein Modell, das auch die Drogenbosse fahren. Die hohen Mauern mit dem Stacheldraht vor seiner Villa - als würde dahinter einer was verbergen. Und es gab Gerüchte. Ein Journalist, der es gewagt hat, offen über die Verbindungen des Bürgermeisters zu spekulieren, sagt, Abarcas Frau habe ihm auf einem Ball gedroht, sie werde ihm ein Ohr abschneiden, was sie nicht metaphorisch gemeint habe.
Vor allem aber erzählen sich die Leute in Iguala immer wieder die Sache mit Arturo Hernández Cardona, einem Bauernführer, dem Abarca im Mai des vergangenen Jahres nach einer hitzigen Debatte in der Stadtverordnetenversammlung eine Kugel in den Schädel gejagt haben soll. Cardona hatte Düngemittel eingefordert, die ihm der Bürgermeister während seines Wahlkampfs zugesichert hatte. Als einen Lügner und Mafioso beschimpfte Cardona ihn öffentlich, auf dem Heimweg in sein Dorf verschwand er, und mit ihm verschwanden sechs Bauern und ein Fahrer, der später wieder auftauchte und bei den Behörden aussagte. Niemand ist den Vorwürfen je nachgegangen.
Der Vorfall mit Cardona, diese willkürliche Gewalt, die jeden treffen kann, in jedem Augenblick, war wohl einer der Gründe, weshalb die Studenten am 26. September protestieren wollten. Sie kamen aus dem drei Stunden entfernten Dorf Ayotzinapa, dessen Lehreruniversität schon immer als aufrührerisch galt. Überlebende aus der Gruppe sagten aus, dass sie nach dem Zwischenstopp in Iguala zu einer Demonstration nach Mexiko-Stadt weiterfahren wollten. Sie wussten nicht, dass Maria de los Angeles Pineda, die Gattin des Bürgermeisters, an diesem Abend verkünden wollte, dass sie als Nachfolgerin ihres Mannes kandidieren werde.
Iguala ist überall, sagen die Leute, die heute auf die Barrikaden gehen. Sie marschieren durch Städte, die ihnen fremd geworden sind. Deren Politikern sie nicht trauen, weil nicht klar ist, ob sie unter ihrem Anzug eine Waffe tragen. In deren Straßen sie sich schutzlos fühlen, weil auch die Uniformen der Polizisten wenig über deren Absichten verraten.
Als die Ermittler der Staatsanwaltschaft vor zwei Wochen ein Waffenlager der Drogenmafia aushoben, fanden sie neben Kalaschnikows und einem Flugabwehrgeschütz auch Uniformen der lokalen Polizei. Nach Einbruch der Dämmerung ziehen Uniformierte durch die Straßen, mit schwarzen Masken auf dem Kopf. Wer sind diese Männer? Was wollen sie? Wer zeigt noch ein Verbrechen an, wenn ihm auf der Wache womöglich ein Komplize des Verbrechers gegenübersitzt?
Im Innenhof des Rathauses haben Arbeiter inzwischen damit begonnen, den Schutt zusammenzukehren. Sie tragen Schreibtische und leere Aktenschränke auf die Straße, während am Tor des Hofes eine Gruppe suspendierter Ortspolizisten darauf wartet, dass man ihnen etwas zu tun gibt.
Noel de la Cruz Domínguez ist einer von ihnen, ein 34-jähriger Mann in Jeans und T-Shirt, der nach dem 26. September seine Uniform abgeben musste, weil in Iguala jetzt die Bundespolizei die Arbeit übernommen hat, die als weniger korrupt gilt. 22 von Noels Kollegen wurden nach den Schüssen auf die Busse der Studenten festgenommen, die restlichen 298, die erst einmal unverdächtig schienen, schickte man in eine Kaserne in den Bergen, wo sie Nachhilfe in Polizeiarbeit bekamen. Noel sagt, er habe Menschenrechte büffeln müssen, Psychologen stellten ihm Fragen, aber vor allem sollte es für die Öffentlichkeit so wirken, als ob etwas passierte.
Nach einer Woche hat man Noel mit 20 anderen vorzeitig zurückgeschickt. "Mein Herz", sagt er, "verträgt die Höhe in den Bergen nicht." Jetzt machen sie eine Art Beschäftigungstherapie.
An diesem Morgen erhält Noel von seinem neuen Chef einen Stapel Flugblätter, die er an Motorradfahrer in der Stadt verteilen soll. Vermeide Strafmandate, trage einen Helm, steht auf den Zetteln. Noel läuft über den Rathausplatz, auf dem Cristóforo Garcías Leute gerade 43 leere Stühle aufstellen, er sieht nicht hin. Seit 13 Jahren ist Noel bei der Polizei, er würde gern bleiben, aber er weiß nicht, ob sie ihn behalten werden, nach allem, was geschehen ist.
"Es ist ein guter, sicherer Job", sagt Noel. Besser als in Cancún, wo er früher als Sicherheitsmann die Hotels bewachte. Er hat Kollegen, die in Taco-Buden jobbten oder in Supermärkten Tüten packten. Es ist nicht schwer in Mexiko, zum Polizisten umzuschulen. Noel musste nur eine Bewerbung einreichen und einen Test am Lügendetektor bestehen, ehe er während einer achtwöchigen Ausbildung lernte, wie man Verdächtige durchsucht und wie man mit dem Schlagstock umgeht. Dann bekam er eine Uniform und eine Dienstwaffe und durfte Patrouille fahren. Ab und zu, sagt er, bewachte er auch den Bürgermeister.
Mehr als 1600 Polizeieinheiten gibt es in Mexiko. Ortspolizisten wie Noel stehen am unteren Ende der Befehlskette, sie sind das schwächste Glied. 7000 Peso, etwa 414 Euro, verdienen sie im Monat. Es reicht, um über die Runden zu kommen, aber für ein Auto oder Smartphone reicht es nicht. "Klar, das macht die Leute anfällig", sagt Noel. Dann legt er sich den Finger auf die Lippen, als hätte er schon zu viel gesagt. Man könne ja nie wissen, meint er. Überall Falken in den Hauseingängen, Späher, die jede auffällige Bewegung melden.
60 Prozent der Polizisten, heißt es, haben in Iguala für die Drogenmafia gearbeitet. Für ihre Dienste erhielten sie angeblich Bargeld aus der Hand des Bürgermeisters, der jeden Monat rund 300 000 Peso springen gelassen habe, die er offiziell als "Ausgaben für Snacks" deklarierte. Dafür sahen sie weg, wenn Drogenkuriere durch Iguala rollten, oder informierten die Mafiabosse über bevorstehende Razzien. "Ortspolizisten", sagt Noel, "sind Leute, die nicht nachfragen, wenn man ihnen Befehle gibt. Sie führen sie aus."
In der Nacht des 26. September, als sich die Studenten in drei ausgeborgten Bussen auf den Weg in die Stadt machten, erhielten Noels diensthabende Kollegen angeblich auf der direkten Funklinie des Bürgermeisters die Anweisung, die Studenten aus dem Weg zu schaffen.
Sie forderten Verstärkung aus dem Nachbarort Cocula an, die Schüsse auf die Busse fielen, einige Studenten flohen in die nahen Hügel, 43 wurden von den Polizisten zusammengetrieben. Und vielleicht war es kein Zufall, dass sie die Gefangenen in die Obhut des Vizepolizeichefs César Nava übergaben, eines mutmaßlichen Gangsters, der seit ein paar Monaten die Wache von Cocula kontrollierte.
Um sich darüber abzustimmen, wie weiter zu verfahren sei, soll Nava den Anführer der Drogenmafia Guerreros Unidos angerufen haben. Der gestand im Verhör nach seiner Festnahme, dass er den Befehl erteilt habe, die Männer seinen Killern auszuhändigen. Er sei davon ausgegangen, sagte er den Ermittlern, dass es sich um Angehörige einer anderen Bande gehandelt habe. Es sei um die Verteidigung von Territorium gegangen.
Danach wurden die Entführten nach Angaben der Staatsanwaltschaft zur Müllkippe gefahren, auf der Nava mit ein paar Banditen, die er zu Polizisten gemacht haben soll, regelmäßig Schießen übte. Drei Killer des örtlichen Kartells, Patricio Reyes Landa, Jonathan Osorio Gómez und Agustín García Reyes, haben inzwischen ausgesagt, dass sie die 43 Studenten getötet und ihre Leichen mit Reifen und Benzin verbrannt hätten.
Vielleicht war aber alles ganz anders. Vielleicht leben die Studenten noch. Die Angehörigen glauben fest daran, genau wie Cristóforo García, der Anführer des Suchtrupps. Zu häufig kommt es in Mexiko vor, sagt er, dass die Behörden falsche Geständnisse präsentieren, um schnelle Erfolge vorzuzeigen. Wer glaubt schon einem Staat, der in großen Teilen von der Mafia kontrolliert wird?
An einem dieser Tage macht sich Cristóforo García deshalb mit seinen Leuten wieder auf die Suche, 30 Männer, von denen die meisten auf den Ladeflächen weißer Pick-ups stehen. García fährt voran. Langsam rollen sie aus der Stadt hinaus. Die Landstraße nach Cocula. Es geht an der Müllkippe vorbei, an dem Freibad mit der großen Rutsche. Irgendwann biegen sie in eine Straße ein, die sich langsam in die Hügel windet. Der Busch wird dichter. "Überall", sagt García, "könnten sie sein."
Nach mehr als einer Stunde Fahrt erreichen sie ein abgelegenes Kaff, wo eine Straßensperre den Konvoi zum Halten bringt. Ein Dutzend Männer mit Gewehren läuft auf sie zu und bedeutet ihnen auszusteigen.
García stellt den Wagen ab. Dann stehen sie auf einer Kreuzung, eingekreist von skeptisch blickenden Männern, und wieder mal weiß niemand, wer sich hinter der Maske des anderen verbirgt.
"Was wollt ihr hier?", ruft ein älterer Mann mit Sombrero, der ein Anführer zu sein scheint.
García sagt, sie suchten die verschwundenen Studenten, aber der Mann traut ihm nicht. Vor ein paar Minuten, sagt er, sei ein Militärkonvoi durchs Dorf gerollt, er deutet auf die Hubschrauber, die über ihnen am Himmel kreisen. Es sieht so aus, als führten sie in der Nähe eine Operation durch, vielleicht suchen sie wieder nach Massengräbern.
"Was habt ihr damit zu tun?", fragt der Anführer.
"Mit dieser Regierung?", fragt García. "Nichts. Wir haben keine Regierung. Habt ihr eine?"
Der Mann mit dem Sombrero schüttelt den Kopf. Tianquizolco heißt sein Dorf, in dem ein paar Hundert indigene Bauern leben. Wie in anderen Dörfern in Guerrero haben sie ihre eigene Polizei gegründet. Irgendjemand muss uns ja beschützen, sagt der Mann mit dem Sombrero, zu oft sind auch von hier Menschen verschwunden. Dann ändert sich die Lage plötzlich.
Das Misstrauen zwischen den beiden Gruppen verfliegt in dem Augenblick, als der Militärkonvoi das Dorf wieder passieren will. Gemeinsam stellen sie sich nun vor die Transporter und stoppen sie. Das ganze Dorf ist jetzt in Aufruhr. Der Anführer mit dem Sombrero fordert, dass sich die Militärs mit einem Dokument ausweisen, aber sie haben nichts dabei.
Natürlich hat das keinen Sinn, aber es geht hier um die Geste, und so steht für mehr als eine Stunde alles still, die Soldaten schwer bewaffnet oben auf ihren Fahrzeugen, Garcías Leute und die selbst ernannte Bürgerwehr mit ihren Jagdgewehren drum herum. Es ist ein Bild für Mexiko im November 2014. Alle sind bewaffnet, aber es ist nicht klar, wer die Kontrolle hat.
Von Marian Blasberg und Jens Glüsing

DER SPIEGEL 47/2014
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