17.11.2014

TerrorismusDie Kolonien des Kalifats

Der „Islamische Staat“ expandiert nach Ägypten, Libyen und Tunesien. Überall dort, wo auf den Arabischen Frühling Enttäuschung, Chaos oder Unterdrückung folgten, werden nun von Gleichgesinnten „Provinzen“ ausgerufen.
Das Kalifat hat einen Strand, es liegt am Mittelmeer, rund 300 Kilometer südlich von Kreta. Darna, im Osten Libyens, hat rund 80 000 Einwohner, eine schöne Altstadt und eine Moschee aus dem 18. Jahrhundert, an der die schwarze Flagge des "Islamischen Staates" weht. Es gibt in der Hafenstadt "Scharia-Gerichte" und eine "Scharia-Polizei", die mit Geländewagen durch die Stadt patrouilliert. In der Universität trennt jetzt eine Mauer weibliche und männliche Studenten, die Fächer Recht, Naturwissenschaften und Sprachen wurden abgeschafft. Wer diese neue Ordnung infrage stellt, riskiert den Tod.
Darna ist die erste Enklave des "Islamischen Staats" (IS) in Nordafrika, eine Kolonie des Terrors. Libyen bietet den Kalifatskriegern perfekte Voraussetzungen: ein Land in Auflösung, strategisch gut gelegen, das über die größten Erdölreserven des Kontinents verfügt. Sollte IS die Kontrolle über große Landesteile gewinnen, könnte das die gesamte arabische Welt destabilisieren.
Überall da, wo das Chaos groß genug, die Regierung schwach oder die Enttäuschung über die arabischen Aufstände tief ist, schlägt IS Wurzeln. In rascher Folge haben sich in den vergangenen Wochen bislang lokal operierende Terrororganisationen IS angeschlossen.
Im September bekannten sich die algerischen "Soldaten des Kalifats" zu IS. Als folgten sie deren Regieanweisung, köpften sie kurz darauf einen französischen Bergsteiger und stellten das Video ins Internet. Im Oktober wurde das "Kalifat" in Darna ausgerufen. Und vorige Woche erklärte die schlagkräftigste ägyptische Terrorgruppe ihren Anschluss.
Auch mehrere unbedeutende Gruppen haben IS die Treue geschworen. Andere haben zumindest ihre Unterstützung bekundet, etwa Boko Haram in Nigeria, Abu Sayyaf auf den Philippinen und die Taliban in Pakistan. Sie alle wollen von Anziehung und Abschreckungskraft des "Islamischen Staats" profitieren, von Waffen, Geld und Kämpfern, die sich unter diesem Label leichter anwerben lassen.
Aus ähnlichen Gründen haben sie sich einst al-Qaida angeschlossen, doch Osama Bin Ladens Schreckenstruppe sieht neben IS ziemlich alt aus. Während al-Qaida ein ideologisches Franchise-Unternehmen war, will IS Gebiete beherrschen, regiert von Abu Bakr al-Baghdadi, dem "Kalifen".
Ausgerechnet aus Tunesien, dem Musterland des Arabischen Frühlings, stammt die größte Gruppe der ausländischen Dschihadisten bei IS. Weil sie von der neuen Freiheit enttäuscht sind, und weil die Islamisten lange offen Anhänger rekrutieren konnten. In Ägypten, wo auf die Revolution eine neue Militärherrschaft folgte, haben sich radikale Terrororganisationen gegründet. Und in Libyen hat der Krieg zwischen den Milizen die staatliche Ordnung komplett zusammenbrechen lassen.
Hinzu kommt, dass in diesen Ländern bis zum Sturz der säkularen Herrscher Islamisten verfolgt wurden. Daher zogen unter Husni Mubarak, Zine el-Abidine Ben Ali und Muammar al-Gaddafi bereits seit Jahrzehnten Dschihadisten in die Welt. Jetzt sind sie zurück - und werben für IS.
Libyen: Wo der Staat verschwunden ist
Darna war seit je eine Hochburg der Radikalen, aus der Stadt kamen nach 2004 die meisten ausländischen Selbstmordattentäter im Irak. Die Unterdrückung durch Gaddafis Sicherheitsapparat machte es den Islamisten leicht, den Dschihad als Alternative zur Diktatur zu verkaufen. Und das Regime sah in jedem, der gegen Russen oder Amerikaner kämpfte, eine Gefahr weniger - und ließ ihn gehen.
Nach Gaddafis Sturz 2011 zogen viele Rebellen gleich weiter nach Syrien, um dort gegen Baschar al-Assad zu kämpfen. Zugleich entstanden im Zuge der Revolution Milizen, manche islamistisch, nicht alle radikal. Besonders im Osten Libyens erstarkten die Extremisten, sie verübten eine Reihe blutiger Anschläge gegen Polizei und Armee. Der Staat zog sich zurück, die Extremisten blieben. Darna wird von mehreren Milizen beherrscht, die wichtigste ist der "Schura-Rat der islamischen Jugend", eine im Frühjahr gegründete Abspaltung der libyschen Terrorgruppe Ansar al-Scharia. In Darna haben sich die Anführer von Ansar al-Scharia IS angeschlossen, in Bengasi nicht.
Zuerst tauchte IS in Form einer Gruppe von Rückkehrern aus Syrien auf. Die "Battar"-Gruppe brachte die Stadt mit Morden an Politikern, Richtern, Rechtsanwälten, aber auch an Kommandeuren anderer Milizen unter ihre Kontrolle. Im September dann kam ein von IS entsandter "Emir" nach Darna, ein bis dahin wenig bekannter Jemenit namens Mohammed Abdullah. Am 5. Oktober gab es das erste Unterwerfungstreffen zwischen den IS-Männern und dem "Schura-Rat", bei dem sie ihre Allianz sowie die Gründung der "Provinz Barka" des "Islamischen Staats" verkündeten. Ende Oktober schworen Hunderte Bürger öffentlich dem "Kalifen" die Treue.
Danach fragte der Aktivist Mohamed Batoha die mehrheitlich ausländischen Extremisten, was sie denn in Darna zu suchen hätten. Zwei Tage später wurde er aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen, so wie zuvor Dutzende andere Kritiker.
"In Bengasi hat am 17. Februar 2011 der Kampf gegen Gaddafi begonnen, hier wird sich entscheiden, ob der Kampf gegen die Islamisten zu einem Flächenbrand in ganz Nordafrika eskaliert", sagt ein junger Aktivist, der anonym bleiben möchte. Er ist einer der wenigen, die sich trauen, aus Darna zu berichten. Auch auf ihn schossen die Islamisten, sie verfehlten ihn knapp. Seitdem will er weg, aber die Extremisten haben rund um die Stadt Kontrollpunkte errichtet. "Ostlibyen unterscheidet sich kaum von Syrien oder dem Irak", sagt er.
Die Milizen jagen jeden, der sich kritisch äußert, ein Kommentar auf Facebook reicht. Erst vorigen Dienstag wurden in Darna drei junge Anti-IS-Aktivisten vor laufender Kamera geköpft. Vermeintliche Kriminelle werden ausgepeitscht, ein Mörder wurde im Fußballstadion hingerichtet. Auch Islamisten werden nicht verschont. Seit der Anführer von Ansar al-Scharia in Bengasi den Anschluss an das "Kalifat" verweigerte, ist er verschwunden, womöglich wurde er getötet. Ein anderer Milizenchef soll in der Türkei Asyl beantragt haben.
Die Milizen trainieren in vier Trainingslagern am Stadtrand mehrere Hundert Ausländer für den Kampf in Syrien. Doch seit die libysche Armee unter Führung von General Khalifa Haftar große Teile der bis dahin von den Islamisten beherrschten Stadt Bengasi eingenommen hat, ziehen die Dschihadisten hier in den Kampf. Einige kehrten sogar zur Unterstützung aus Syrien zurück. In den bewaldeten Bergen oberhalb von Darna sollen sie Waffenverstecke angelegt haben, in der Halle einer Textilfabrik Kurzstreckenraketen lagern.
Vergangene Woche wurde erstmals auch Darna von der Luftwaffe des Generals bombardiert, der militärisch von Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wird. Doch damit werden die Islamisten nicht verschwinden. Eher wächst nun die Gefahr, dass bisher unabhängige Milizen sich im Widerstand gegen den General zusammentun - und eine Allianz mit IS eingehen. Was dem Land drohen könnte, davon bekam man vergangene Woche eine Ahnung, da zündeten die Islamisten reihenweise Bomben vor staatlichen Einrichtungen, auch vor den Botschaften Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate in Tripolis.
Die Hauptstadt wird seit Sommer von einer Islamistenallianz kontrolliert, die sich "Fajr Libya", "Morgendämmerung Libyens", nennt. Sie gehört nicht zu IS, doch trotzdem verläuft die Route ins "Kalifat" über Tripolis. Vor wenigen Monaten eroberte die "Morgendämmerung" den Flughafen Mitiga, das Abfertigungsgebäude ist eine Ruine, vor den Gates parken zerschossene Jets. Auf einer Plastikplane über dem Eingang steht "International Airport Tripoli". Und ein internationaler Flughafen ist Mitiga, auch wenn es vor allem ein Reiseziel gibt: das Kalifat.
Viele Behörden verweigern Flugzeugen aus Mitiga die Landegenehmigung, doch Istanbul und Casablanca werden mehrmals die Woche angeflogen. "Libyen ist das Drehkreuz für die Islamisten aus Europa und Nordafrika", sagt ein nach Tunis geflohener libyscher Aktivist. Die Dschihad-Route führt von Tunesien über Tripolis in die Türkei und weiter nach Syrien. Tausende sind auf ihr nach Syrien verschwunden. Und nur wenige sind zurückgekehrt.
Tunesien: Das Land der Dschihadisten
Auch Mohammed Soussi aus Tunis hat die Dschihad-Route genommen. Als Soussi, 27, bis dahin nicht sonderlich fromm, Diplom der Wirtschaftswissenschaften, seit zwei Jahren Soldat, seine Eltern anrief, war er in der Türkei. "Ich kämpfe für den 'Islamischen Staat', für die Befreiung Palästinas und gegen Baschar al-Assad."
Taoufik Soussi, 63, ein pensionierter Offizier, hat den Weg seines Sohnes rekonstruiert. Er weiß jetzt, wo alles seinen Anfang nahm, in der Elmanar-Moschee nahe der Technischen Universität von Tunis. Dort traf Mohammed einen Imam, der ihm vom "Islamischen Staat" erzählte und schließlich ein Sammeltaxi bezahlte, mit dem Mohammed zur libyschen Grenze fuhr. Auf der anderen Seite warteten Kämpfer einer Islamistenmiliz aus Sabratha, die zum Netzwerk von Ansar al-Scharia gehört. Vermutlich brachten sie Mohammed nach Sabratha, wie so viele Tunesier, und trainierten ihn mehrere Wochen für den Einsatz in Syrien, bevor sie ihn zum Flughafen Mitiga fuhren.
Nach Angaben der Regierung sind 2400 Tunesier nach Syrien gezogen, anderen Schätzungen zufolge sind es mehr als 3000, die für die Nusra-Front oder IS kämpfen. Laut dem Innenministerium wurden weitere etwa 8000 Männer von der Reise nach Syrien abgehalten. Manchem wurde schon ein Ticket nach Istanbul ohne Rückflugtermin zum Verhängnis, andere wurden an der libyschen Grenze verhaftet. Rund 400 Männer sollen aus Syrien zurückgekehrt sein, die meisten sitzen im Gefängnis.
Tunesien ist das Land, in dem der Arabische Frühling begann. Und während in Ägypten, Syrien und Libyen Diktatur oder Chaos folgten, hat Tunesien zwei Parlamentswahlen abgehalten. Gerade erst kam es zum friedlichen Machtwechsel von den Islamisten der al-Nahda zu der säkularen Partei Nida'a Tounes. Die rund elf Millionen Tunesier sind so gut ausgebildet wie kaum ein Volk der Region. Wie kommt es, dass ausgerechnet dieses Land so viele seiner Bürger in den Dschihad schickt?
Der Imam, der Mohammed Soussi rekrutiert hat und anonym bleiben will, sagt: "Der 'Islamische Staat' ist unser gelobtes Land", ein Staat, "in dem die Muslime ihre Würde zurückerkämpft haben." Dass die IS-Kämpfer auch Muslime ermorden, dass sie Frauen vergewaltigen, seien Horrormeldungen westlicher Medien.
Viele Tunesier sind bereit, ihm zu glauben. Für sie ist der Kampf gegen Assad - zumindest das, was sie dafür halten - nur eine Fortsetzung ihrer eigenen, unvollendeten Revolution. Denn die Gründe, die den Gemüsehändler Mohammed Bouazizi dazu brachten, sich selbst zu verbrennen, sind noch immer da: Die neue Freiheit ist für viele kaum spürbar, die Polizei brutal wie zuvor. Ein Drittel der Männer mit Universitätsabschluss ist arbeitslos, und wer einen Job hat, kann davon kaum leben. Sie stehen vor der Wahl: jahrelanges Hoffen auf einen Job in Tunesien, ein Schiff nach Europa - oder Dschihad in Syrien.
"Die Propaganda des IS verspricht einen Befreiungskampf, ähnlich wie viele lateinamerikanische Bewegungen in den Siebzigerjahren", sagt Ahmed Naifar, Religionswissenschaftler an der Zitouna-Universität. Er glaubt, für die frustrierten Jugendlichen sei die Reise nach Syrien eine Art Revolte gegen die Korruption, die Brutalität, die tägliche Erniedrigung. Es ist eine Stimmung, wie sie in vielen Ländern des Arabischen Frühlings herrscht.
Es gibt regelrechte tunesische Exilgemeinden im "Kalifat". Über Facebook und Twitter halten sie ihre Freunde zu Hause auf dem Laufenden. Das Bild, das sie zeichnen, ist das eines guten Lebens, mit eigenem Haus, Ehefrau und Monatsgehalt. Das ist es, was viele lockt. Denn nicht alle Tunesier wollen kämpfen. So beliebt ist das "Kalifat", dass sich dessen Anführer ihre Neubürger auswählen können. Auf Facebook veröffentlichen sie Stellenanzeigen, gesucht werden Ölingenieure, Mechaniker und Übersetzer.
Der Computerexperte Hamsa Bin Ekbel sollte in Syrien Workshops für europäische Dschihadisten organisieren, die oft kaum Arabisch sprechen, aber wichtig sind für die IS-Propaganda im Westen. Es war auch das Einzige, was er hätte machen können. Denn seine untere Körperhälfte ist gelähmt, er sitzt im Rollstuhl. Hamsa habe Anerkennung gesucht, sagt sein Bruder Mohammed Bin Ekbel. Tatsächlich wurde Hamsa gefeiert, als er in Syrien ankam.
Doch die Bewunderung hielt nicht lange an, nach dem Propagandaerfolg mit dem Rollstuhl-Dschihadisten war Hamsa Bin Ekbel schnell im Weg. Die Schwierigkeiten begannen damit, dass Hamsa Bin Ekbel drei Betreuer brauchte, denn das "Kalifat" ist nicht unbedingt behindertengerecht. Er schnitt ein paar Videos, dann legte ihm sein sudanesischer Kommandeur nah, lieber wieder nach Hause zu fahren.
Nach wenigen Wochen war er zurück in Tunis. Bin Ekbel will sich nur auf ein kurzes Gespräch einlassen, er hat Angst, festgenommen zu werden. Doch sein Wille, das "Kalifat" aufzubauen, ist ungebrochen. "Die Gesellschaft, die dort entsteht, ist gerechter als Kapitalismus und Demokratie", sagt er. "In Rakka gibt es einen Verbraucherschutz, der sich um Hygiene in den Schlachthöfen kümmert, der Müll wird entsorgt, und die Busse fahren regelmäßig."
Hamsa Bin Ekbel hatte mehr Glück als Mohammed Soussi, der junge Soldat.
Im Juni dieses Jahres, acht Monate nach seinem Verschwinden, erhielt Taoufik Soussi einen zweiten Anruf aus Syrien: "Dein Sohn ist jetzt Märtyrer, du kannst stolz auf ihn sein." Mohammed sei bei einem Raketenangriff der Nusra-Front verletzt und in ein Krankenhaus in der Türkei gebracht worden, wo er gestorben sei. Beerdigt habe man ihn in Syrien.
Der trauernde Vater und der Bruder von Hamsa haben nun "Ratta" gegründet, die "Initiative zur Rettung im Ausland verschollener Tunesier". Mittlerweile betreut die Organisation rund 150 Familien. Für ein Büro fehlt ihnen das Geld, deshalb treffen sie sich in einem Straßencafé und schauen sich die neuesten IS-Videos an. Mohammed Bin Ekbel klickt ein YouTube-Video aus Kobane an, wo viele Tunesier für IS im Einsatz sind. Einen der Kämpfer kennt er aus anderen Filmen, seine Familie hat Ratta um Hilfe gebeten, den Sohn zurückzuholen. "Keine Chance", sagt Ekbel leise.
Doch sie hoffen, zumindest die Enttäuschten zurückholen zu können. Denn viele merken in Syrien, dass IS mehr gegen andere Rebellen kämpft als gegen das Regime. Etwa 300 Rückkehrwillige, sagt Soussi, hätten sich den syrischen Regimetruppen gestellt und seien verhaftet worden.
Die beiden Aktivisten beschuldigen die Nahda-Regierung, zu lange nichts gegen den Dschihad-Tourismus unternommen zu haben. Die moderaten Islamisten glaubten wohl, sie könnten die Radikalen einbinden und mäßigen. Stattdessen erstarkten die Extremisten; ihre Imame übernahmen mehr als 1100 der früher vom säkularen Regime kontrollierten Moscheen.
Schon in den Achtzigerjahren zogen Tunesier nach Afghanistan. Der Tunesier Abu Ayyat war einer der Gefährten Osama Bin Ladens; 2003 wurde er verhaftet und in seine Heimat ausgeliefert. Nach der Revolution kam er frei - und gründete Ansar al-Scharia. 2012 griff die Gruppe die US-Botschaft in Tunis an, 2013 ermordete sie zwei Oppositionspolitiker. Erst danach erklärte die Regierung Ansar al-Scharia zur Terrororganisation. Doch da hatte die Gruppe bereits Hunderte, vielleicht Tausende Männer nach Syrien geschickt.
Im März 2012 verhängte die Regierung ein Reiseverbot in die Türkei und nach Syrien für Männer unter 35 Jahren. Die Sicherheitsbehörden gehen aggressiv gegen Radikale vor. Inzwischen ziehen weniger Männer nach Syrien; daher konzentrieren sich die Behörden nun auf radikalisierte Rückkehrer. Wer verdächtigt wird, gekämpft zu haben, kommt ins Gefängnis. Aber es wird schwer, alle Dschihadisten zu kontrollieren. Und was passiert, wenn Männer wie Abu Jihad zurückkehren?
So nennt sich ein etwa 30-jähriger Tunesier, der Mitglied der berüchtigten "Militärpolizei" von IS ist - und der in einem Video mehrere Gefangene per Kopfschuss tötet.
Ägypten: Protest gegen die Repression
Seit vorigem Montag ist auch die "Provinz Sinai" Teil des "Kalifats". Da schwor die dort operierende radikalste Terrorgruppe Ägyptens IS die Treue: Ansar Bait al-Makdis, deren Name in etwa "Unterstützer Jerusalems" bedeutet. Für IS ist der Sinai sowohl symbolisch wie strategisch wichtig: Ägypten ist das bevölkerungsreichste, historisch bedeutendste arabische Land. Und der Sinai grenzt an Israel, den Suezkanal, ans Mittelmeer und ans Rote Meer, von hier lassen sich Anschläge auf Israel, Kairo und westliche Touristen ausführen.
Auch Ansar Bait al-Makdis entstand im Vakuum nach dem Sturz von Mubarak. Seit dem Militärputsch im Juli 2013 hat die Gruppe Dutzende Anschläge verübt, dabei Hunderte Polizisten und Soldaten getötet. Monatelang diskutierte sie den Anschluss an IS, reisten Emissäre hin und her. Ein IS-Führer, der seit Anfang des Jahres mit den Sinai-Terroristen verhandelte, soll Mohammed Haydar Zammar sein.
Der Deutschsyrer gehörte zur Hamburger Zelle um Mohammed Atta, nach dem 11. September 2001 wurde Zammar von der CIA verschleppt, nach Syrien gebracht und dort auch vom deutschen BND verhört. Anfang 2014 presste ihn die syrische Rebellengruppe Ahrar al-Scham frei. "Aber Tage später ist er einfach abgehauen", so einer der Verhandlungsführer gegenüber dem SPIEGEL: "Er ist sofort zum IS nach Rakka gegangen, das hatte er vermutlich zuvor schon geplant." Zammar soll den Transfer von Geld in den Sinai organisiert haben, vermutlich halte er sich auch dort auf, heißt es aus seinem Umfeld. Das wäre ein Hinweis darauf, dass IS lokale Gruppen direkt finanziert und steuert.
Der Sinai bietet dem "Islamischen Staat" perfekte Ausgangsbedingungen: bitterarm, größtenteils gesetzlos, Schauplatz von Waffen-, Drogen- und Menschenschmuggel und bewohnt von Beduinen, die die Regierung in Kairo ablehnen. Aber auch moderate Islamisten und Regimekritiker aus ganz Ägypten könnten für IS leichte Beute sein, denn sie werden vom Militär brutal unterdrückt, viele sitzen im Gefängnis.
Oder Männer wie Ahmed al-Darawi. Ein Expolizeioffizier, Vater zweier Kinder, 36 Jahre alt - und Unterstützer der ägyptischen Revolution. 2012 trat er sogar bei den Wahlen an, ein überzeugter Demokrat, voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Doch enttäuscht vom Aufstand und der Rückkehr des Militärregimes radikalisierte sich Darawi, im vergangenen Jahr flog er in die Türkei und schloss sich in Syrien einer Rebellenbrigade an, die später IS die Treue schwor. Bald darauf sprengte der Ägypter sich im Irak in die Luft, ein Selbstmordattentäter des Arabischen Frühlings.
Von Mirco Keilberth, Juliane von Mittelstaedt und Christoph Reuter

DER SPIEGEL 47/2014
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