17.11.2014

KommentarRotmilan auf Kollisionskurs

Der Ausbau der Windenergie ist für die Vogelwelt kein Grund zum Tirilieren. Die Tiere werden von den gewaltigen Flügeln der Windräder massenhaft zerschreddert. Die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten hat deshalb schon 2012 eine Neufassung ihres "Helgoländer Papiers" von 2007 vorgelegt, in dem die Experten empfehlen, wie weit Windräder mindestens von den Brutplätzen verschiedener Vogelarten entfernt sein sollten. Halten sich die Windkraftbauer daran, so die Hoffnung, werden weniger Vögel durch die Rotoren getötet. Das Problem: Die Studie liegt bis heute unveröffentlicht bei der zuständigen "Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Naturschutz, Landschaftspflege und Erholung" (Lana). Und der Vorwurf wird laut, dass die Lana die Veröffentlichung absichtlich verzögert, weil manche Umweltministerien ihre Windenergie-Ausbaupläne gefährdet sehen. Noch dazu ist den Vogelwarten inzwischen aufgetragen worden, die Ergebnisse zunächst mit dem Bundesverband Windenergie zu diskutieren. Eine staatliche Fachbehörde wird also dazu verdonnert, ihre wissenschaftlichen Empfehlungen vor Veröffentlichung mit einem Lobbyverband zu besprechen. Das ist etwa so, als würde eine Studie zu den Risiken des Rauchens zum Korrekturlesen an die Tabakindustrie geschickt.
Die Windenergiebranche hat großes Interesse daran, die Vogelwärter zu beeinflussen. So empfehlen die Experten in dem neuen Papier, den Mindestabstand, den Windräder von Rotmilan-Horsten haben sollten, von 1000 auf 1500 Meter zu erhöhen. Für die Anlagenbauer wird es damit mancherorts noch schwieriger, Standorte für Windkraftwerke zu finden. Bei anderen Vogelarten haben die Fachleute die Mindestabstände allerdings gesenkt. Umso unverständlicher ist es, dass die Lana das "Helgoländer Papier" verschleppt.
Natürlich muss die Windkraft weiter gefördert werden. Doch auch der Artenschutz muss zu seinem Recht kommen. Für den gefährdeten Rotmilan etwa ist Deutschland das wichtigste Brutgebiet. Auch um Planungssicherheit für die Windenergiebranche zu schaffen, sollte deshalb vor einem weiteren Ausbau der Windkraft bundeseinheitlich verbindlich geregelt werden, welchen Platz die Technik der Natur einzuräumen hat. Niemand besitzt dafür eine bessere Expertise als die Vogelschutzwarten.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 47/2014
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