17.11.2014

Erklärung„So was geht nicht mit Meese“

Jonathan Meese schreibt über seinen Rauswurf bei den Festspielen in Bayreuth.
BAYREUTH Regelmäßig warten die Festspiele mit provokanten Inszenierungen auf. Theaterregisseur Frank Castorf und auch der 2010 verstorbene Künstler Christoph Schlingensief sind mit ihren Regiearbeiten entsprechend im Gedächtnis geblieben. Im Jahr 2016 sollte nun der Berliner Maler und Performancekünstler Jonathan Meese den "Parsifal" inszenieren. Engagiert hatten ihn die Leiterinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier , Urenkelinnen des Festspielgründers. Am Freitag wurde bekannt, dass die Bayreuther Festspiele ihm gekündigt haben. Begründet wurde dies mit einer drohenden "erheblichen Überschreitung" des Budgets für Bühnenbild und Kostüme. Aus Meeses Umfeld heißt es, der Künstler sei von einer Unterschreitung des Etats ausgegangen und hätte Mehrkosten notfalls aus eigener Tasche bezahlt. Meese, 44, der gern in der 3. Person über sich spricht, gilt als Enfant terrible. Seine Kunst lebt von der Auseinandersetzung und Persiflierung aller Formen von Ideologie und Mittelmaß. Zuletzt hatte er in einem öffentlich geführten SPIEGEL-Gespräch in Kassel den Hitler-Gruß gezeigt und wurde daraufhin angeklagt. Der Prozess über die Freiheit der Kunst und ihre Grenzen endete mit einem Freispruch für Meese.
Die Gründe für Meeses Rausschmiss vom Festspielhügel sind ausschließlich politisch-ideologischer Natur und kamen für Meese nicht überraschend. Es gab keine sachlichen Gründe. Meese und sein Team haben gut gearbeitet und sind den Anforderungen so einer Inszenierung voll gewachsen. Meese hat in Bayreuth leider nie die wahren Chefs getroffen. Die einzigen Treffen, die es gab, waren mit Kulturfunktionären und Finanzjongleuren. Die Strippenzieher in Bayreuth stehen nicht auf der Bühne, sondern dahinter. Die sichtbaren Personen sind nur Marionetten und nicht entscheidungsfähig.
Es geht in Bayreuth schon lange nicht mehr um Kunst. Es geht um Selbsterhalt, Macht und den Kampf gegen die sinkende Relevanz. Man nimmt dafür in Kauf, Richard Wagner weichzuspülen und zur leichten Kost zu machen. Das ist ein Verrat an der Kunst von Richard Wagner und beschleunigt den Niedergang von Bayreuth. So etwas geht nicht mit Meese.
Meese ist wie Richard Wagner nur der Kunst verpflichtet und lässt sich nicht verbiegen. Meese ist Künstler, kein Handlanger kulturpolitischen Opportunitätsdenkens. Wer Meese einlädt, bekommt auch Meese, fertig. Sich bei Meese zu spät zu wundern, was kommt, ist provinziell. Kunst darf keine Kompromisse eingehen, keinen Ideologien dienen und sich opportunistischem Denken nicht unterordnen. Das wäre der Tod der Kunst.
Die Kommunikationsführung von Bayreuth ist unterirdisch: hoheitlich, kalt und nicht dialogfähig. Ängste vor Entscheidungen und eigenverantwortlichem Handeln, eine Kultur von Befehl und Gehorsam, ein intern wie noch mehr gegenüber Externen vorherrschendes Misstrauen bestimmen das Handeln der Personen. Man schüchtert ein, ist verlogen, zynisch und will Menschen und die Kunst manipulieren. So kann Kunst keinen Raum nehmen. Meese und sein Team wurden ständig im Unklaren gelassen. Es ging nie um Kunst, es gab überhaupt keinen inhaltlichen Austausch, keinen Dialog, keine Zusammenarbeit. So kann niemand inszenieren. Ebenfalls in der Zusammenarbeit mit Bayreuth gescheitert waren schon Wim Wenders, Lars von Trier oder Martin Kusej. Am Ende hieß es immer, die Künstler seien überfordert gewesen.
Das stimmt nicht, Bayreuth ist heute von der Kunst überfordert. Bayreuth will Künstler integrieren, aber kann es nicht mehr. Künstler scheitern an Bayreuth, weil die Kunst dort kein Zuhause mehr hat. Meese ist nicht an Wagner gescheitert, sondern Bayreuth an Meese. Alle anderen Gründe sind vorgeschoben.

DER SPIEGEL 47/2014
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