24.11.2014

Jakob Augstein Im Zweifel linksKapitalismus kaputt

Die Commerzbank hat bekannt gegeben, dass sie bei "einzelnen großen Firmenkunden mit hohen Guthaben sowie bei Großkonzernen und institutionellen Anlegern" eine "Guthabengebühr" berechnen will. Was damit gemeint ist: negative Zinsen. Geld bringt kein Geld mehr. Geld kostet Geld. Das ist die Implosion des Kapitalismus.
Mit den Zinsen fing alles an. Und vielleicht endet alles mit den Zinsen. Sie sind das A und O des Kapitalismus. "Liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft", so heißt es bei Lukas. Gegen das Zinswesen, das älter ist als die Bibel, half das freilich nicht. Ausnahmen gab es ja immer. Bei Mose stand schon: "Von dem Ausländer darfst du Zinsen nehmen." Eine Stelle mit verheerender Wirkung - das war ein Vorwand für die Feindschaft gegen Juden.
Worum geht es beim Zins? Verzicht wird belohnt. Aber Buße soll tun, wer heute schon ausgeben will, was er erst morgen hat. Das Problem ist: In einer alternden Gesellschaft kippt das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Geld. Früher liehen sich junge Leute Geld, das sie später zurückzahlten. Heute sparen alte Leute für ihr längeres Leben. Die Folge ist das, was Ökonomen "säkulare Stagnation" nennen: Auf den Konten verstaubt das Geld, ungenutzt.
Wie zwingt man die Leute dazu, von ihrer Sparsucht zu lassen? Negativzinsen. Die Europäische Zentralbank hat sich schon vor Monaten auf diesen Weg begeben, die Geschäftsbanken folgen jetzt langsam nach.
Für Vertreter der reinen Lehre ist das Teufelszeug: "Ein negativer Marktzins ist ein Frontalangriff auf die Marktwirtschaft", hat der Volkswirt Thorsten Polleit geschrieben: "Die Idee, den Zins abzuschaffen, hatten schon die Marxisten und Nationalsozialisten. Ein negativer Marktzins würde das ,antikapitalistische' Zerstörungswerk perfektionieren."
Das wäre natürlich furchtbar. Wir warten jetzt darauf, was geschieht, wenn das Beispiel der Commerzbank den Privatkunden trifft. Die Deutschen werden sich das Sparen nicht nehmen lassen. Sie werden einen guten Teil jener fantastischen zwei Billionen Euro, die sie bei den Banken deponiert haben, von ihren Konten abheben, in 500-Euro-Scheine wechseln und nachts im Garten vergraben.
Und dann kommt die Stunde neuer, revolutionärer Ideen: Neue Scheine und Münzen sind denkbar, die ein ablaufendes Haltbarkeitsdatum haben wie der Joghurt im Kühlschrank. Der Gesellschaftsreformer Silvio Gesell hat das schon vor hundert Jahren vorgeschlagen. Oder man schafft das Bargeld gleich ganz ab, eine Idee des Amerikaners Kenneth Rogoff. Der ist immerhin Professor in Harvard und war mal Chefökonom beim Währungsfonds.
Es bleibt aber die feine Ironie, dass es nun ausgerechnet die schwäbische Hausfrau ist, die den Kapitalismus derart in die Bredouille bringt.
An dieser Stelle schreiben zwei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Jan Fleischhauer an der Reihe.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 48/2014
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