24.11.2014

WohlfahrtHosen bis an die Decke

Die Deutschen spenden mehr Güter für Flüchtlinge, als gebraucht werden. Hilfsorganisationen müssen Geld aufwenden, um die Sachen zu entsorgen.
Unmöglich!", schimpft die Frau. Da hat sie die heimischen Schränke ausgemistet und ist mit 40 Teilen zur Caritas-Kleiderkammer für Flüchtlinge nach Fürstenfeldbruck gefahren - und was widerfährt ihr dort? Abgewiesen wird sie!
Weil die Einrichtung im Süden Bayerns einen vorübergehenden Annahmestopp verhängt hat, schiebt die Mutter zweier Kinder die Plastikkisten mit Pullovern, Hosen und zwei flauschigen Bademänteln, die sie und ihr Mann "praktisch nie getragen" haben, wieder in den Kofferraum ihres Opel-Astra-Kombis. Dann sagt sie "Tschüs" - und fährt verärgert davon.
Szenen wie diese spielen sich derzeit an zahlreichen Orten der Republik ab. Nach Aufrufen von Wohlfahrtsverbänden und Privatinitiativen haben in den vergangenen Wochen so viele Menschen Kleider, Möbel und Haushaltsgüter für in Deutschland angekommene Flüchtlinge gespendet, dass Kleiderkammern und Sozialkaufhäuser mittlerweile überfordert sind: Viele Einrichtungen haben wegen Platznot die Sammlung eingestellt - oder nehmen nur noch warme Wintersachen an.
"Wir stoßen an unsere Kapazitätsgrenzen", teilte etwa das Bayerische Rote Kreuz in Würzburg mit. "Wir bitten Sie dringend, bei der Spendenabgabe eine Pause einzulegen", hieß es fast verzweifelt von der Inneren Mission in München. Auch in Essen, Ibbenbüren und Detmold kämpfen Ehrenamtliche mit den Kleiderbergen. Eine Gruppe in Stuttgart-Plieningen hat innerhalb weniger Tage etwa 10 000 Kleidungsstücke gesammelt - für nur 150 Flüchtlinge, die im Stadtbezirk untergebracht werden.
Die Sachspendenflut ist nichts Neues für Hilfsorganisationen. Wenn es um finanzielle Unterstützung Notleidender geht, sind die Deutschen laut "World Giving Index", der von der britischen "Charities Aid Foundation" in Auftrag gegeben wird, zurückhaltender als Amerikaner oder Briten. Bei Kleidern und anderen Gütern zeigen sie sich aber durchaus freigebig.
In Regensburg etwa hätte die Kleiderkammer der Begegnungsstätte "Strohhalm" auch ohne zusätzliche Sammlung genügend Sachen zum Anziehen vorrätig gehabt. Der von der Stadt ergangene Aufruf, dem "Strohhalm" viel Kleidung zu bringen, wäre daher "gar nicht nötig gewesen", sagt Josef Troidl, Vorsitzender des Trägervereins. Jetzt sitzen er und die anderen Helfer auf zehn Tonnen Altkleidern.
Ähnliche Mengen kamen auch in Fürstenfeldbruck zusammen, wo Parteien und etliche andere Organisationen um Unterstützung der Kleiderkammer baten. "Da wollten alle ihre Hilfsbereitschaft unter Beweis stellen und irgendwie dabei sein bei der Aktion", berichtet Caritas-Mitarbeiterin Ulrike Bienemann. Dann führt sie hinein in die Dreifachgarage, in der die Gaben für Flüchtlinge lagern.
In einer Ecke liegt ein mannshoher Haufen mit blauen Plastiksäcken, deren Inhalt noch sortiert werden muss. Daneben stehen zwei Kisten mit Kuscheltieren und Spielzeug, zwei Fahrräder, etliche Koffer und Kleinmöbel. Über allem erstreckt sich eine etwa sechs Meter lange Holzlatte durch den Raum: Sie dient als Kleiderstange und biegt sich unter dem Gewicht von Blousons, Lederjacken und zwei Lodenmänteln, die aus dem Nachlass eines älteren Herrn stammen.
Es wird unmöglich sein, all das zu verteilen, was unter anderem daran liegt, dass in Fürstenfeldbruck sehr viele junge Männer aus Eritrea angelandet seien - die hätten in der Regel Schuhgröße 40 und Hosengröße 28 oder 30, sagt die Caritas-Mitarbeiterin. Bayerns Männer tendierten dagegen eher zu XXL. Man werde abwarten, ob noch beleibtere Asylbewerber nach Fürstenfeldbruck kämen - wenn nicht, würden die großen Größen an ein städtisches Sozialkaufhaus weiterverschenkt, in dem sich Hartz-IV-Empfänger und andere Bedürftige eindecken können.
Das Größenproblem sei aber nicht das einzige Vermittlungshindernis. Anders als einige Spender offenbar annähmen, besäßen auch arme Flüchtlinge Geschmack und Modebewusstsein, sagt Bienemann - an Klamotten aus den frühen Achtzigern hätten sie kein Interesse, wie sich bei der Ausgabe gezeigt habe.
Bienemann empfiehlt potenziellen Spendern, folgende Regel einzuhalten: "Nur das an eine Kleiderkammer geben, was man selber eigentlich noch anziehen könnte." Hilfsbereitschaft ist nötig, doch einige verstehen die Aufrufe offenbar als willkommene Einladung, alles loszuwerden, was zu Hause Platz wegnimmt.
Wohlfahrtsverbände kennen das Phänomen: Nach dem verheerenden Tsunami im Jahr 2004 spendeten die Deutschen nicht nur viel Geld, sondern auch Sachgüter - tonnenweise Winterklamotten beispielsweise, die im tropischen Südostasien nie gebraucht werden. Dazu alte Autoreifen und Gartenmöbel. Viele der "Spenden" waren den Organisationen damals einfach vor die Tür gestellt worden. Nichts davon wurde jemals Richtung Katastrophengebiet verschifft.
"Es ist für uns sehr schwierig und auch teuer, so etwas logistisch abzuwickeln", sagt Monika Huber, Leiterin der Abteilung Kommunikation und Sozialmarketing bei der Caritas in München und Freising. Hilfsorganisationen müssten daher einen Teil ihrer Geldspenden nutzen, um unbrauchbare Sachspenden zu entsorgen - so wie nach dem Hochwasser im vergangenen Jahr, als ausrangierte Möbel, Kleidung und altes Spielzeug abgegeben wurden. "Statt Teddybären hätten wir aber eher Trocknungsgeräte gebraucht", sagt Huber.
Auch die von Verbänden betriebenen Sozialkaufhäuser leiden unter der schlechten Angewohnheit, Müllentsorgung als Hilfsbereitschaft zu tarnen. Im "Prozent-Markt" in Garmisch-Partenkirchen, der unter anderem von der Caritas und dem Sozialdienst katholischer Frauen getragen wird, droht Geschäftsführer German Kögl seit einiger Zeit allen "Spendern" mit einer Anzeige, die außerhalb der Öffnungszeiten etwas abliefern. Im vergangenen Jahr musste er trotzdem wieder 20 000 Euro investieren, um Überschüssiges zu entsorgen, das ihm schon mal mitten in der Nacht vor die Tür gestellt wurde.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 48/2014
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