24.11.2014

HomestoryHallstatt-Mensch

Zu Besuch in einem kopierten Alpendorf mitten in China
Wenn mich im Ausland jemand fragt, woher genau aus Österreich ich komme, gebe ich ungefähre Antworten. Mein Dorf ist einfach zu klein und unbekannt. Bei Amerikanern fange ich mit Salzburg an, bei Deutschen mit Sankt Gilgen und bei Arabern mit Zell am See. Bei Russen und Japanern komme ich oft mit Bad Ischl weiter. In Ischl lernten sich Franz Joseph und Sissi kennen.
Seit zwei Jahren lebe ich in China, und hier fand ich eine Antwort, die nur mehr ein paar Kilometer von der Wahrheit entfernt ist: "Wo shi Hashitate ren." Ich bin ein Hallstatt-Mensch. "Nin zhidao, Guangdongde aodili xiaozhen." Sie wissen schon, das österreichische Dorf in der Provinz Guangdong.
Es war vor drei Jahren, als im Salzkammergut zum ersten Mal das Gerücht umging, die Chinesen seien dabei, unser herrliches Hallstatt zu kopieren, die Weltkulturgemeinde, nach der die Frühe Eisenzeit benannt ist. Heimlich hätten sie sich eingeschlichen, hätten Maß genommen - und das Dorf dann in China nachgebaut. Kein Respekt vor unseren Ahnen!
Auch ich war irritiert. Mein Urgroßvater war Wassermeister im Hallstätter Salzbergwerk, mein Vater, mein Bruder, mein Neffe gingen in Hallstatt zur Schule. Kaum hatte ich meine Frau kennengelernt, führte ich sie auf den Salzberg; kaum waren sie groß genug, mussten auch unsere Kinder hinauf. Ich rede bis heute unseren Dialekt und trage unsere Tracht, wenn ich da bin. Meine Mutter schickt mir alle zwei Wochen die Lokalzeitung nach Peking und jedes Jahr einen Salzkammergut-Kalender.
Ich hänge an diesen Dingen, und ich vertrage nicht viel Ironie im Umgang mit ihnen. Je tiefer aus den Bergen wir kommen, desto genauer nehmen wir es offenbar mit den äußeren Zeichen unserer Identität. Der Dichter Thomas Bernhard hat sich nicht leichtfertig über unsere Lederhosen lustig gemacht. Er lebte selbst im Salzkammergut, er trug sie selber gern, er wusste sehr genau, was er beleidigte.
Die ersten Bilder aus dem chinesischen Neu-Hallstatt waren fürchterlich: ein Baggerteich statt des Hallstättersees, ein nackter Sandhaufen statt der Rudolfshöhe, tropischer Smog statt unseres Ostalpenhimmels. Und zwischen den Kränen und Gerüsten der Turm der Hallstätter evangelischen Kirche. Die Chinesen wollten uns kopieren. Sie waren aber dabei, uns lächerlich zu machen.
Vor ein paar Wochen fuhr ich schließlich nach Guangdong. Hallstatt, in Österreich seit dem Neolithikum besiedelt, brauchte in China anderthalb Jahre bis zur Fertigstellung. Der Immobilienzweig eines Pekinger Bergbaukonzerns hat nur den Ortskern des Dorfes nachgebaut, den aber so akkurat, dass ich mich herausgefordert fühlte. Ich machte mich auf die Suche nach Fehlern. Baumängeln, gewissermaßen.
Zunächst fand ich nicht viel. Das Wirtshaus vorn am Marktplatz, die Blumenkästen, die Spalierbaum-Leitern, die K.-u.-k.-Briefmarken in einer Auslage - alles stimmte. Sogar der alte Granitbrunnen stand an der richtigen Stelle.
Und doch war alles falsch. Dieses Hallstatt war genau seitenverkehrt nachgebaut - ein Trick womöglich, um eine Patentschutzklage auszuschließen? Die Sicherheitsleute trugen kanadische Rangerhüte, und zwischen den Häusern haben sie Zimt- statt unserer Zwetschgenbäume angepflanzt. Den einzigen Nadelbaum fand ich auf dem inzwischen dicht bewachsenen Sandhaufen hinter dem Dorf. Und der erwies sich auf den zweiten Blick als getarnter Handymast.
Dann betrat ich die Kirche. Drei junge Chinesinnen begrüßten mich im Dirndl: "Herzlich willkommen in unserem Immobilienbüro." Es füge sich, sagten sie, dass gerade eine Delegation aus dem Hauptquartier in Peking da sei. Ob ich nicht bei einer Tasse grünem Tee auf die Herren warten wolle.
Das "Hallstatt-Projekt", sagte Marketingdirektor Duan Mingang, als er mich in der Sakristei empfing, sei nur eine Verkaufsidee. Seine Firma baue in ganz China große Wohnanlagen, manche in schottischem, andere in britischem Landhausstil. "Der Wettbewerb ist hart, man muss sich etwas einfallen lassen."
Im Übrigen seien die Chinesen nicht heimlich mit dem Maßband durch Hallstatt gelaufen, "wir haben uns auch nicht versteckt. Wir waren sogar im Supermarkt und haben mit unserem Pensionswirt Rührei gebraten". So sprach Herr Duan und entließ mich in den brütend heißen Nachmittag. Auf dem Marktplatz standen zwei Dutzend Brautpaare mit ihren Fotografen.
Vermögende Chinesen reisen um die halbe Welt für ein Hochzeitsfoto vor exotischer Kulisse. Weniger vermögende, das fiel mir in Hashitate-Hallstatt auf, tragen dazu sehr unbequeme Polyesteranzüge, die Männer werden genauso aufwendig geschminkt wie ihre Braut. Ich verstand sofort, was ihnen der Schatten eines österreichischen Kirchturms bedeutet.
Mein Unbehagen blieb trotzdem. Wenn etwas so Altes und Besonderes wie ein halbes Alpendorf so schnell und täuschend echt übertragen werden kann (wenn auch seitenverkehrt) - was ist dann überhaupt noch alt und besonders? Woran soll man seine feierliche Heimatliebe dann noch hängen?
Neulich hatte ich Gelegenheit, den chinesischen Künstler Ai Weiwei zu fragen, wie ihm Venedig gefalle. Er lachte: "Venedig? Sehr schöne Stadt, wie ein wertvoller alter Teppich. Aber wo hängt man sich so etwas hin?"
So geht es Chinesen oft. Sie fahren nach Europa und finden das Alte, das uns so stolz macht, gar nicht so beeindruckend, aber doch sehr putzig, eben so wie mein Hallstatt. Es ist im fernen China nur ein schiefes Zitat, aus einer Quelle, die hier niemand kennt.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 48/2014
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