24.11.2014

BiolebensmittelTod im Schredder

Hühnerbaron Friedrich Behrens hat nicht nur Ärger mit der Staatsanwalt-schaft. Nun gibt es auch Probleme mit seiner Ökokükenzucht.
Friedrich Behrens ist ein misstrauischer Mensch. Er lebt in dem Glauben, dass Journalisten und Tierschützer "schon mit Hubschraubern über unseren Hallen kreisen". Dies zumindest berichtet Buchautor Clemens Arvay von einem Treffen mit Behrens. Der Hühnerhalter, so Arvay, habe dabei einen schlagkräftigen Stock in der Hand gehabt.
Arvay hatte sich für eine Recherche damals unfreiwillig in Gefahr begeben: Er wollte sich die Produktion von Ökoeiern ansehen, ausgerechnet in Mecklenburg. Und ausgerechnet beim Erzeugerzusammenschluss Fürstenhof. Der ist mit über einem Dutzend Farmen, gut 80 Millionen Eiern im Jahr und Kunden wie Rewe und Alnatura einer der größten Bioerzeuger Deutschlands.
Fürstenhof-Chef Behrens hat Besuch offenbar nicht so gern, wofür es Gründe gibt: In manchen seiner Ställe scheinen sich mehr Legehennen zu befinden als erlaubt.
Seit einigen Monaten ermittelt deswegen die Staatsanwaltschaft Rostock gegen vier Fürstenhof-Betriebe und den Hühnerbaron wegen gewerbsmäßigen Betrugs. Der Verdacht: Längst nicht alle der Tiere hätten den in der Ökoverordnung vorgeschriebenen Auslauf von vier Quadratmetern pro Tier. Ihre Eier wären also keine Ökoeier - die etwa 15 Cent, die jedes Bioei teurer ist, hätte Behrens zu Unrecht kassiert. Für einen gängigen Stall mit 24 000 Hühnern (eine Biohenne legt etwa 270 Eier pro Jahr) würde eine solche Trickserei einen illegalen Gewinn von knapp einer Million Euro bedeuten.
Behrens wollte sich zu diesen Punkten wie zu anderen Fragen nicht äußern. Es ist jedenfalls nicht das erste Mal, dass die Staatsanwaltschaft ihn wegen Biobetrügereien im Visier hat: Bereits im vergangenen Jahr war er in einen Schwindel mit Ökoeiern verwickelt ( SPIEGEL 13/2014), wobei Behrens damals betonte, nichts falsch gemacht zu haben. Viel mehr als ein paar kurze Vermarktungsverbote und Geldbußen kamen dabei auch nicht heraus. Der Grund: Der Schmu wurde offenbar über Jahre von den Kontrolleuren durchgewinkt - das zumindest vermutet die Staatsanwaltschaft. Es gebe Anhaltspunkte, so die Ermittler aus Rostock, dass der Fürstenhof-Komplex nicht genau genug geprüft wurde. Ausläufe seien quasi nie richtig vermessen, Bestände nie gezählt worden. Einen Vorsatz werde man Behrens so kaum nachweisen können.
Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) schob die Verantwortung auf den für Fürstenhof zuständigen Fachverein Öko-Kontrolle ab. Die Prüfer wurden bereits Anfang des Jahres vom Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (LALLF) durchleuchtet, ihr Chef musste zurücktreten. Vom LALLF, lässt Backhaus wissen, "wird keine Überbelegung geduldet". Komisch nur, dass die Kontrolleure des Landesamtes den Prüfern des Fachvereins teilweise bei den Prüfterminen über die Schulter schauen.
Gegenüber Behrens ist Backhaus auffällig milde. Zwar ging sein Ministerium im vergangenen Jahr mit dem Ökoeier-Schwindel an die Öffentlichkeit. Namen der mit einem Vermarktungsverbot belegten Firmen - allesamt Fürstenhof-Betriebe - nannte Backhaus allerdings erst, als ein Gericht das Ministerium dazu zwang.
Behrens hat unterdessen noch viel Größeres vor: Er will den Markt für Bioküken beherrschen. Zusammen mit seiner Tochter und einem Partner gründete er deswegen eine Biobrüterei. In der Ökobranche gilt dies als kleine Sensation: Bioküken gab es bisher kaum, die Aufzucht von ökologisch gehaltenen Elterntieren gilt als kompliziert. Die Branche durfte deshalb auf konventionelle Küken zurückgreifen.
Nun soll sich das ändern: Vor einigen Wochen wurden die ersten paar Tausend Eier von Behrens' neuen Bio-Elterntieren in Niedersachsen ausgebrütet. Pro Jahr will die Brüterei bis zu 2,5 Millionen Ökoküken liefern - zwei Drittel des deutschen Bedarfs an jungen Legehennen. "Kaum ein Bioeierproduzent käme noch an Behrens vorbei", sagt ein Kontrollstellenleiter.
Auf der Website der Brüterei heißt es, der Verbraucher habe ein Recht auf eine konsequente, transparente Erzeugung von Bioeiern.
So konsequent biologisch, wie Behrens tut, lebt sein Federvieh jedoch längst nicht: Statt des für Legehennen vorgeschriebenen Grün-Auslaufs von vier Quadratmetern pro Henne haben seine Elterntiere nur spärliche zehn Quadratzentimeter pro Tier - in einer Art unbegrüntem Unterstand.
Doch auch hier drückt Backhaus beide Augen zu: Ein Erlass vom September erlaubt den beengten Auslauf - angeblich aus Hygienegründen. Studien zur besonderen Anfälligkeit von Elterntieren kann das Ministerium auf Nachfrage allerdings nicht liefern. "Tatsächlich geht es nur ums Geld", sagt eine Mitarbeiterin von Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne): "Elterntiere sind mehr wert und können nicht einfach zugekauft werden."
Die wachsende Skepsis gegenüber industrieller Bioerzeugung könnte für Behrens zum Problem werden - gerade in Niedersachsen: Seine Biobrüterei lässt die in Mecklenburg gelegten Eier schließlich in Lohne bei Vechta ausbrüten. Meyers staatliche Kontrolleure vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) sind längst nicht so nachsichtig wie ihre Kollegen in Mecklenburg. Öko sei das nicht, ist aus dem LAVES zu hören. Es gehe um das "industrielle Gängigmachen" einer Akkordzucht.
Der mangelnde Auslauf in Mecklenburg, so das Ministerium in Hannover, werde nur bis zum Herbst 2015 geduldet. Auf Behrens könnte aber noch ein weiteres Problem zukommen: die Revision der EU-Ökoverordnung. Wenn der Hühnerzüchter irgendwann 2,5 Millionen Öko-Legehuhnküken pro Jahr liefert, dann hat er etwa genauso viele männliche Küken, mit denen er nichts anfangen kann: Eier legen sie nicht, und als Mastvieh taugen sie kaum, obwohl Behrens ein paar Prozent von ihnen in einer Art Wohltätigkeitsprojekt überleben lässt.
Für diese Küken endet das Leben, bevor es richtig beginnt - im Schredder oder in einer mit CO² begasten Tonne. Das grundlose Töten ist bisher auch in der Biobranche die Regel. Eine Neufassung der Ökorichtlinie könnte die Produzenten zwingen, endlich auf Zweinutzungsrassen umzusteigen - auf Rassen, die Eier legen und trotzdem gemästet werden können. Das würde männlichen Küken den Tod im Häcksler ersparen, den eigentlich bereits das Tierschutzgesetz untersagt.
Doch auch da haben die Behörden bisher weggesehen. Als Rechtfertigung reichte die absurde Ausrede, die Küken würden in Zoos verfüttert.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 48/2014
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