24.11.2014

Global VillageDie Weltküche

Ein Imbiss verkauft ausschließlich Gerichte aus Ländern, mit denen die USA im Konflikt stehen.
In Pittsburgh werden auch an diesem Tag wieder unzählige Hühner im Dienste der Völkerverständigung, wenn nicht gar des Weltfriedens gerupft. Gegen zwölf liegen bereits Dutzende weiße Schenkel vor Robert Sayre, dem Chefkoch. Neben ihm dampft es aus silbernen Töpfen.
Sayre kocht in der "Conflict Kitchen", einem Imbiss, der ausschließlich Gerichte aus Ländern anbietet, mit denen sich die US-Regierung im Konflikt befindet - egal ob militärisch oder nur diplomatisch. Alle paar Wochen kommt ein anderer Konfliktherd an die Reihe. Nach Afghanistan, Nordkorea, Kuba, Iran und Venezuela steht gerade Palästina auf dem Speiseplan. Aus Lautsprechern dudelt Musik aus dem Westjordanland, die Fassade des Imbisses ist in den Farben der palästinensischen Flagge geschmückt.
Die Konflikt-Küche ist eine Erfindung des Kunstdozenten Jon Rubin und seiner früheren Studentin Dawn Weleski, eine öffentliche Kunstaktion, die sich als Restaurant tarnt. "Wir glauben zwar nicht, dass wir den eigentlichen politischen Konflikt lösen können", sagt Weleski. "Aber wir wollen Verständnis für die Menschen in diesen Ländern und für ihre Kultur wecken. Wir wollen die Ignoranz unserer Landsleute überwinden."
Die Idee ist ebenso hübsch wie subversiv. Man ködert die Amerikaner mit etwas, was sie nachgewiesenermaßen gern tun: essen. Und um ihnen etwas unterzujubeln, was sie bislang nicht ganz so gut beherrschten: Wissen über andere Länder und Kulturen. "Wir wollen die Leute verführen", sagt Weleski. "Die Gerichte sind unser Lockmittel." Essen funktioniere nicht über den Kopf, es spreche direkt die Sinne an. Das sei in diesem Fall von Vorteil.
Die Palästina-Wochen aber bereiten den Betreibern bislang unbekannte Probleme. Von den bisherigen Ländern wie Kuba oder Afghanistan hätten die meisten Kunden immerhin mal gehört, sagt Weleski. Von Palästina hingegen nicht. "Klar, Pakistan, kenn ich doch", hätten etliche Kunden versichert.
Zudem haben sich die Betreiber mit ihrer jüngsten Aktion den verfahrensten Konflikt der Welt ins 9600 Kilometer entfernte Pittsburgh geholt. Jüdische Gruppen werfen ihnen vor, mit der Wahl Palästinas einseitig Stellung bezogen zu haben. Selbst B'nai B'rith äußerte sich, eine der größten jüdischen Organisationen weltweit: Hier würden antiisraelische Gefühle angesprochen. Vor zwei Wochen musste der Imbiss sogar vorübergehend wegen einer anonymen Morddrohung schließen.
Besonders beliebt ist an diesem minusgradkalten Tag in Pittsburgh "Maftoul", Hühnchen mit Couscous, aber auch Falafel, Schawarma und Baklava werden gut verkauft. Die palästinensische Küche liege ihm, sagt Küchenchef Sayre, der aus Pittsburgh stammt. Die Nordkorea-Wochen seien dagegen eine Herausforderung gewesen. Irgendwie gelang es ihm sogar, ein Kochbuch aufzutreiben, das von der Kommunistischen Partei aufgelegt worden war. Auf den Fotos wimmelte es jedoch von Fleischgerichten, was ein eher unrealistisches Bild der real existierenden Nahrungssituation in Nordkoreas Diktatur zeichnete. Auf der Speisekarte der "Conflict Kitchen" fand sich vor allem Vegetarisches wieder.
Für die Gerichte aus Palästina hingegen konnten Dawn Weleski, Jon Rubin und Robert Sayre viele Zutaten vor Ort erwerben. Bevor sie ihren Imbiss einem neuen Land widmen, bereisen sie es. In den Palästinensergebieten etwa kochten sie mit Einheimischen an acht Tagen 15 verschiedene Gerichte. Sie begleiteten sie auf den Markt und kochten in ihren Häusern. Währenddessen stellten sie Fragen über den Alltag: wie sie leben, lieben, arbeiten. Die Antworten sind in einem Flyer festgehalten, der jetzt auf dem Tresen des Imbisses liegt.
"In den Interviews haben wir uns auf die einfachsten Fragen konzentriert", sagt Weleski. "Etwa: Wo haben Sie Ihren Partner kennengelernt? Wir wollten niemanden überfordern." An diesem Mittag lassen einige Kunden tatsächlich für ein paar Minuten ihr iPhone in der Tasche und beschäftigen sich mit dem Alltag in den Palästinensergebieten.
Als nächstes Land würde Weleski nun gern ein afrikanisches nehmen. "Viele Amerikaner wissen gar nicht, dass Afrika aus vielen Staaten besteht", sagt sie. "Die glauben, das sei alles eins - ein Land mit ein und derselben Kultur."
Solange die USA in weiten Teilen der Welt verhasst sind, kann Robert Sayre immer weiterkochen. Das ist eine ziemlich solide Geschäftsgrundlage. Als Faustregel gilt: Je unbeliebter die USA draußen in der Welt sind, desto mehr Länder und Gerichte stehen ihm zur Auswahl. George W. Bush hat für Koch Sayre viele Möglichkeiten geschaffen. Und Barack Obama hat sie trotz großer Ankündigungen nicht wirklich reduziert.
Gewiss werden früher oder später auch Russland und China an die Reihe kommen. Und je nachdem, wie sich die NSA künftig benimmt, ist selbst Deutschland nicht ausgeschlossen. Vieles ist möglich.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 48/2014
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