24.11.2014

SPIEGEL-Gespräch„Irgendetwas ist da mit euch“

Jonathan Franzen ist zurzeit der bedeutendste US-amerikanische Autor. Er sagt, dass er das der deutschen Literatur verdanke.
Er hat ein Haus in Kalifornien, in der Einsamkeit, er kann dort Vögel beobachten, das macht er gern. Seine Schreibwohnung liegt in New York, in Manhattan, wo wenig Vögel und viele Menschen leben. Und dann gibt es noch ein Apartment, das er mit seiner Freundin teilt, auch in Manhattan. Dort empfängt er zum Interview.
Upper East Side, einmal den Central Park halb durch bis zum Metropolitan Museum, vorbei an einem Geschäft, das "europäische Kindermode" verkauft, den Stil der vorletzten Jahrhundertwende: Dufflecoats, Pelzkragen, Tutus. Im zehnten Stock öffnet Jonathan Franzen die Tür, er läuft auf Socken durch die Wohnung.
Franzen ist, nachdem Philip Roth das Schreiben aufgegeben hat und John Updike gestorben ist, der zurzeit bedeutendste US-amerikanische Schriftsteller, gefeiert für seine Romane "Die Korrekturen" (2001) und "Freiheit" (2010). In seinem neuen Buch "Das Kraus-Projekt" beschreibt er seine Leidenschaft für die deutschsprachige Literatur der Moderne(*). Er schätzt auch Johann Wolfgang von Goethe und Gotthold Ephraim Lessing, aber vor allem eben Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Alfred Döblin, Thomas Mann, Robert Walser und Karl Kraus.
Jonathan Franzen, 55 Jahre alt, aufgewachsen in einem Vorort im Mittleren Westen der USA, versteht sich als Literat deutscher Prägung. Man könnte auch sagen: Franzen ist der weltweit bekannteste Schriftsteller deutscher Literaturtradition.
"Das Kraus-Projekt" ist ein kompliziertes Werk, eine Wiederauflage zweier Aufsätze des Wiener Essayisten und Polemikers Karl Kraus (1874 bis 1936): ein Aufsatz über den Dichter Heinrich Heine, ein anderer über den Dramatiker Johann Nestroy. In der amerikanischen Ausgabe veröffentlicht Franzen seine eigene Übersetzung. Die deutsche Ausgabe, die am Freitag dieser Woche erscheint, bringt die
Originaltexte von Kraus, in Fußnoten kommentiert Franzen diese Texte mal wissenschaftlich, mal zeitkritisch, mal autobiografisch. Er nimmt auch Anregungen des Germanisten Paul Reitter und des Schriftstellers Daniel Kehlmann auf.
Wegen der vielen Textebenen kann dieses Buch nicht den Sog eines Romans entfalten, aber wenn die Leser einmal durchgekommen sind, werden sie Franzen gut kennengelernt haben.
In den Fußnoten erinnert er sich an die Achtzigerjahre, in denen er in Deutschland studiert hat, er hat sich schon damals mit Karl Kraus beschäftigt und sich mit dessen Zorn identifiziert. Kraus hat gespottet und geschimpft über das Zusammenspiel von Technik, Kapitalismus und Massenmedien, das zu seiner Zeit begann. Franzen greift diese Gedanken auf, überträgt sie auf die heutige Zeit, wundert sich über Google, Twitter, Facebook und über die Sorglosigkeit der Menschen, die sich von diesen Unternehmen ausnutzen ließen.
SPIEGEL: Herr Franzen, Sie haben Familienromane geschrieben, nun kommt ein Buch, in dem Sie Texte von Karl Kraus in Fußnoten kommentieren - als wären Sie wieder Student. Warum Fußnoten?
Franzen: Na ja, die Fußnoten sind doch gar nicht so akademisch. Aber es stimmt schon: Ich war mal Germanistikstudent, und durch die Lektüre deutschsprachiger Autoren konnte ich erst zu dem Schriftsteller werden, der ich bin. Also könnte man sagen, dass ich mit diesem Buch den Bogen zurück in meine Jugend schlage - zu dem deutschsprachigen Schriftsteller, der mich besonders beeindruckt hat.
SPIEGEL: Das neue Buch ist originell und gedankenreich, aber nicht so leicht zu lesen. Eigentlich sind Sie doch ein Erzähler, der ein großes Publikum will.
Franzen: Als Autor von Romanen schließe ich nicht gern Leser aus - ich schreibe sowohl für die gewöhnlichen als auch für literarisch anspruchsvolle Leser. Aber bevor ich mit dem Buch begann, hatte ich mit dem Fernsehsender HBO an der Verfilmung meines Romans "Die Korrekturen" gearbeitet, fast ein Jahr lang. Der Pilotfilm war eine Enttäuschung für alle, nicht zuletzt für die Leute von HBO, und ich war glücklich, als wir die Sache absagten. Ich hatte dermaßen genug von dieser TV-Welt, dass ich etwas Ernsthaftes machen wollte. Sie kennen das Gefühl doch sicher: Man muss in einen Apfel beißen, nachdem man zu viel Schokolade gegessen hat.
SPIEGEL: Aber warum Kraus? Sie sind Romanautor, Kraus hat nie Romane geschrieben. Kraus war ein Rechthaber, der sich über den Zustand der Welt erhoben und nicht gerade zur Selbstkritik geneigt hat. Sie schreiben mitfühlend, haben ambivalente Charaktere erschaffen, die darauf schließen lassen, dass Sie einen ganz guten Blick auf sich selbst haben.
Franzen: Als ich jung war, war ich Kraus viel ähnlicher, als ich es heute bin. Ich habe harsch über andere geurteilt, habe die Welt schwarz und weiß gesehen. Richtig, inzwischen habe ich eine Distanz zu Kraus und zu mir selbst als jungem Mann entwickelt. Ein Autor von Romanen kann sich nicht in harschen Urteilen ergehen. Aber ich wollte den großartigen Seiten von Karl Kraus gerecht werden - denn die gibt es. Seine Kritik an den Massenmedien war zu seiner Zeit berechtigt, und sie ist es immer noch, gerade in dem Moment, in dem wir jetzt leben.
SPIEGEL: Sie greifen diese Kritik auf und schimpfen über das Internet, mokieren sich über Ihren Schriftstellerkollegen Salman Rushdie, weil der Twitter nutzt.
Franzen: Ich schimpfe nicht über das Internet, ich spotte darüber. Ich nutze es jeden Tag und freue mich, dass es das gibt. Ich habe nichts gegen das Internet als meinen Diener, aber ich will es nicht als meinen Meister haben. Kraus hat das alles schon erkannt: Wenn man Geld, Technologie und Medien zusammenbringt und ein bisschen Ideologie dazutut, erschafft man etwas, was seiner inneren Logik nach ungesund ist. Ein Teufelswerk, das sich selbst perpetuiert. Hier in Amerika regen sich einige auf über meine doch eigentlich ganz ausgewogene Kritik. Hätte ich Zweifel gehabt, ob ich mit dieser Kritik richtigliege, hätten die Reaktionen darauf jeden Zweifel sofort zerstreut.
SPIEGEL: Das Internet ist nicht wegzudenken. Und es ist nicht automatisch das Gegenteil von Kunst und Literatur. Tweets können kleine Kunstwerke sein.
Franzen: Betonung auf kleine! Wenn Leute ihr Leben damit vergeuden wollen, die Tweets von Lady Gaga zu lesen, ist mir das egal. Was mir auf die Nerven geht, ist vielmehr, dass das Internet den Eindruck erweckt, die Probleme der Gegenwart zu lösen. Ich kann nicht erkennen, dass besonders viele solcher Probleme gelöst werden. Stattdessen sehe ich ein Verzweifeln an der Politik, ich sehe Hass auf die staatlichen Organe und auf jedwede Form der Regulierung - und dieser Hass entspringt in erster Linie dem Silicon Valley. Wenn du jung bist und morgens den Google-Bus zur Arbeit nimmst oder dein Start-up-Unternehmen für Millionen Dollar verkaufst, brauchst du keine Regierung: Technologie kann all deine Probleme lösen. Aber für alle anderen ist sie ein leeres Versprechen.
SPIEGEL: Karl Kraus hat nicht nur über die Medienwelt, sondern auch über Schriftsteller harte Urteile gefällt. Das tun Sie ihm ebenfalls nach und legen offen, was Sie früher über Ihre Kollegen John Updike und Philip Roth gedacht haben. Updikes Texte seien "affektiert" und "analfixiert", Roth informiere in seiner Prosa "überdeutlich".
Franzen: Ich wollte zeigen, wie schnell literarische Urteile zu moralischen Urteilen werden. Bei Kraus wird jedes Urteil zu einem moralischen Urteil. Heinrich Heine war für ihn nicht nur ein schwacher Autor, sondern auch noch ein schlechter Charakter. Ich weiß es doch von mir selbst: Als junger Schriftsteller geriet ich ständig in einen inneren Streit mit Autoren, die erfolgreicher waren als ich. Ich wollte mit meinen Urteilen Updike und Roth als Menschen treffen. Für mich ist es inzwischen ein Zeichen von Schwäche - von "Sklaven"-Mentalität, wie Friedrich Nietzsche das nannte -, wenn man über Menschen, die man beneidet, moralische Urteile fällt.
SPIEGEL: Warum geben Sie heute zu, früher so unschön geurteilt zu haben?
Franzen: "Das Kraus-Projekt" ist doch vor allem ein Buch, das man auf Englisch ein "memoir" nennt. Ich schaue auf mich selbst als jungen Mann, der seinerseits auf Autoren schaut, die älter und erfolgreicher sind. Ich wollte mich beim Erwachsenwerden beobachten.
SPIEGEL: Wie kam es in Ihren jungen Jahren zur Faszination für das Deutsche?
Franzen: Ich wollte ursprünglich Naturwissenschaftler werden. Deutsch ist da eine wichtige Sprache, also habe ich es an der Highschool belegt, drei Jahre lang. Als ich aufs College ging, wusste ich eigentlich schon, dass ich Schriftsteller werden wollte, meinen Eltern aber wollte ich das nicht sagen, sie hätten es nicht verstanden. Ich war ja darauf angewiesen, dass sie mir das College finanzierten. Als ich damit aufhörte, so zu tun, als wollte ich Naturwissenschaftler werden, gelang es mir, sie davon zu überzeugen, dass ein Germanistikstudium für den Arbeitsmarkt auch nützlich sei.
SPIEGEL: Sie haben übersetzt. Nicht nur Kraus, sondern auch Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen".
Franzen: Ich habe damit Geld verdient, es waren nur 50 oder 100 Dollar für acht Wochen Arbeit, aber es hat mir Spaß gemacht. Die Übersetzung lag 20 Jahre lang in einer Schublade. Dann gab es von "Frühlings Erwachen" ein großes Broadway-Musical, und die Bearbeitung war so schlecht, dass es fast wehgetan hat. Eine Travestie! Wedekind hätte alles daran gehasst. Ich wusste, dass meine Übersetzung gut war, und ich ließ sie veröffentlichen, um sie gegen die Fassung des Broadway-Musicals zu stellen. Ich wollte kleine Theater ermutigen, originalgetreue Übersetzungen des Theaterstücks auf die Bühne zu bringen.
SPIEGEL: Hat sich das Deutsche Ihrer Sprache eingeprägt?
Franzen: Jeder, der schreibt, sollte auch übersetzen. Man muss sich über alle Wörter Rechenschaft ablegen. Etwas Schlechtes zu übersetzen ist grauenvoll, aber wenn man etwas Gutes vor sich hat, erkennt man: Dieses Wort steht da, weil es da stehen muss. Die deutsche Syntax unterscheidet sich sehr von der englischen, und als ich sah, was Kraus damit tun konnte, habe ich genauer erkannt, was ich selbst mit meinen Sätzen tue und dass in Sprache mehr Möglichkeiten stecken, als ich angenommen hatte. Man kann zwar im Englischen nicht genau das machen, was Kraus mit seinen Sätzen macht, aber man kann ein bisschen herumprobieren.
SPIEGEL: Die frühe Moderne war eine gute Zeit für die Literatur, aber die Frauenfiguren waren Klischees, entweder zerbrechlich und todgeweiht oder frivol. Sie gelten als Erschaffer vielschichtiger Frauenfiguren. Von Thomas Mann können Sie das nicht gelernt haben.
Franzen: Stimmt, na ja, Tony Buddenbrook ist doch gelungen. Aber die zeitgenössische amerikanische Literatur, die ich als Student in den Achtzigern gelesen habe, war nicht besser. Thomas Pynchon! Männer, Männer, Männer und Frauen als Sexobjekte. Ich wollte es besser machen. Nicht dass Sie mich falsch verstehen, aber als Schriftsteller will man ja irgendwie die Welt erfassen, und da es nun mal um die Hälfte der Menschheit geht, sollte man sich schon etwas anstrengen, deren Sichtweise nachzuempfinden. Und ich hatte viel Erfahrung. Meine Mutter war eine starke Frau, mit der ich viel Zeit verbracht habe, und mit einer ebenso starken Frau bin ich mit 23 eine Ehe eingegangen, die hielt, bis ich 35 war. In meinen ersten drei Lebensjahrzehnten habe ich mehr Zeit mit Frauen verbracht als mit Jungen und Männern.
SPIEGEL: Auch Ihre Männerfiguren zerreißt es fast. Warum ist die Ambivalenz zu einem so deutlichen Motiv Ihrer Literatur geworden?
Franzen: Ich komme aus einer Familie, in der es starke Spannungen gab. Ich war ein Nachzügler, alle mochten mich, ich sah es als meine Aufgabe, die Spannungen auszugleichen. Nur ich war in der Lage, mir beide Seiten anzuhören, nur ich konnte einen Mittelweg finden. Gegensätze wahrzunehmen, zu überbrücken, das ist tief in mir verankert.
SPIEGEL: Kann es sein, dass Ihre Flucht nach Deutschland und in die Lektüre auch eine Flucht vor Ihrem Zuhause war?
Franzen: Auch, ja. Es gab ein geheimes Ich. Wie eine Figur von Thomas Mann habe ich mich an Orte begeben, von denen meine Eltern nichts wussten. Orte der Psyche, der Kunst. Meine Eltern hatten nie die Möglichkeiten, die ich gehabt habe. Als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich schon mehr Bücher gelesen als meine Mutter in ihrem ganzen Leben. Ich floh vor ihrem Zugriff in den Untergrund, der die Lektüre war. Meine Mutter hatte einen liebenden Zugriff, natürlich, aber eben einen starken Zugriff, dem ich mich nur durch Heimlichkeiten entziehen konnte.
SPIEGEL: Sie mochten nicht mal die Stadt München, in der Sie studiert haben, weil sie Ihren Eltern gefiel.
Franzen: Stimmt. München war ordentlich, arbeitsam, ein bisschen kitschig. Meine Eltern hatten zwar keine deutschen Vorfahren, aber sie waren für mich Bayern. Sie hatten keinen ausgeprägten Geschmack, und als sie mich dort besucht haben, haben sie sich über alles gefreut: Seht mal, die Straßen so sauber! Seht doch nur, die Lodenmäntel! Und wenn man 20 ist und die Eltern alles schön finden, was einen umgibt, dann ist es ja nur logisch, wenn man genau das ablehnt.
SPIEGEL: Wenn Ihnen München so gar nicht gefallen hat, warum haben Sie sich um ein weiteres Studienjahr in Deutschland beworben?
Franzen: Ja, ich war unglücklich dort, und weil das so war, habe ich viel gelesen - Goethes "Faust"! Ich halte den "Faust" für eines der besten Werke, die je geschrieben worden sind, auch wenn das altmodisch klingt. Und das weitere Studienjahr in Deutschland? Tja, ich wollte ein Fulbright-Stipendium. Um in einem durchfinanzierten Jahr mit einem Roman beginnen zu können.
SPIEGEL: Sie kamen nach Berlin. Damals eine hässliche Stadt, umgeben von einer Mauer. Auch eine Enttäuschung?
Franzen: Überhaupt nicht. Berlin war okay. Es war die große Zeit der Punk-Ästhetik, von der ich mich angezogen fühlte. Und Berlin war amerikanischen Städten viel ähnlicher als München. München war wie Disneyland, die Häuser in Berlin aber befanden sich in einem schlechten Zustand, es gab diese leeren Flächen, ein bisschen wie im südlichen Chicago. Ich habe mich von der dunklen Seite Chicagos immer angezogen gefühlt, eben weil es so anders war als mein Zuhause, dieser Vorort von St. Louis. Ich dachte auch, es sei in Ordnung, an einem so sonderbaren Ort wie Berlin so sonderbar zu sein, wie ich es war.
SPIEGEL: Sonderbar?
Franzen: Ja, das war ich. Da meine Eltern nicht wollten, dass ich Schriftsteller werde, habe ich mich unter Erfolgsdruck gesetzt, denn das Einzige, was sie hätte überzeugen können, wäre ein früher Erfolg gewesen. Also habe ich mich in dem Souterrainzimmer im Bezirk Reinickendorf, das ich gemietet hatte, morgens hingesetzt und zwölf Stunden gearbeitet, habe mich von Zigaretten, Kaffee und Schokolade ernährt und kaum Leute getroffen.
SPIEGEL: Berliner Studenten waren zu der Zeit oft antiamerikanisch. Haben Sie auch deswegen keine Freunde gefunden?
Franzen: Man ist nicht gerade auf Amerikaner zugegangen, das stimmt. Aber es wäre auch nicht mit meinem Arbeitspensum zu vereinbaren gewesen, die Nächte in Bars zu verbringen. Im Übrigen hätte ich das auch nicht bezahlen können, schon die Miete war ja so teuer. Und nach Frauen umsehen durfte ich mich ja auch nicht - ich war verlobt. Und dann waren die Studenten so anders, als ich es von meinem amerikanischen College her kannte. Ich kam von einem guten College, auf dem ich hart gearbeitet und wirklich etwas gelernt hatte, und in meinen Seminaren in Berlin haben die Studenten es schon als Zumutung empfunden, pro Woche zwölf Seiten lesen zu müssen.
SPIEGEL: Und doch haben diese Leute heute Jobs, dem Land geht es gut. Nach einer aktuellen Umfrage der BBC genießt Deutschland das höchste Ansehen in der Welt - deutlich vor den USA. Wenn es an Fleiß gefehlt hat, wie haben die Deutschen das dann geschafft?
Franzen: Es ist erstaunlich. Eine pazifistische Nation, in Sorge über jeden Krieg in der Welt, über Jahrzehnte geteilt, dann wiedervereint, was bedeutet, dass Milliarden Euro von einem Landesteil in den anderen fließen müssen - dieses Land, das keine guten Voraussetzungen hat und gar nicht stark sein will, führt auf einmal Europa. Verrückt! Fantastisch!
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung?
Franzen: Dieses Land ist außergewöhnlich in allem. Irgendetwas ist da mit euch. Eure Sprache hat eine solche Kraft - und es ist ja immer die Frage, ob es die Sprache ist, die die Menschen prägt, oder umgekehrt. Jedenfalls entfaltet die Art und Weise, wie ihr denkt und sprecht, eine enorme Wirkung.
SPIEGEL: Nun kennen Sie die Deutschen gut genug, um zu wissen, dass sie Lob nicht gern hören. Der Holocaust war die Zäsur im deutschen Selbstverständnis.
Franzen: Natürlich weiß ich, was diese Zäsur bedeutet, und es ist bemerkenswert, dass da zum ersten Mal in der Geschichte ein Land ist, das sich entschieden hat, die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Reue und Scham sind Teil des deutschen Selbstbildes geworden.
SPIEGEL: Aber das wirkt sich auch auf das Verhältnis der Deutschen zu den Schriftstellern aus. Goethe wird gemocht, auch weil er weit vor den Nazis lebte, Thomas Mann lebte lang genug, um eine Gegenfigur zu den Nazis zu werden. Ein Autor wie Karl Kraus aber, der 1936 starb und sich dann noch als Jude antisemitisch geäußert hat, gerät da in den Hintergrund.
Franzen: Es wäre schade, Kraus dafür zu bestrafen, dass er zu früh starb. Natürlich ist es heute schwer zu verstehen, warum ein Jude Antisemit sein konnte, doch das heißt ja nicht, dass Kraus je für die Nazis gewesen ist. Im Gegenteil, er hat in "Die dritte Walpurgisnacht" beschrieben, was den Juden droht. Ich hoffe, dass ein paar Leser ihn für sich wiederentdecken, denn bei allem, was gegen ihn einzuwenden ist: Er war wunderbar - so komisch und ein unglaublich guter Stilist. Sich mit ihm zu beschäftigen lohnt sich.
SPIEGEL: Herr Franzen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Jonathan Franzen: "Das Kraus-Projekt". Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Reinbek; 304 Seiten; 19,95 Euro.
* Susanne Beyer in Franzens New Yorker Wohnung.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 48/2014
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