24.11.2014

PopkritikRasender auf Raststation

Der Ire Damien Rice, Leidensmann und Frauenliebling, meldet sich zurück.
Die Begegnung zweier ehemaliger Geliebter ist selten ein Freudenfest, bei Damien Rice ist sie stets eine Topgelegenheit, giftige Worte abzufeuern. Ob sie je mit ihrem neuen Lover gemeinsam zum Orgasmus komme, fragt er in einem seiner bekanntesten Songs die Exfreundin: "Putzt du dir die Zähne, bevor du ihn küsst?" In einem neuen Lied erkundigt Rice sich im Schmeichelton: "Bin ich das größte Scheusal, das du kennst? / Derjenige, dem du so wehgetan hast, dass du es nicht erträgst?"
Mit Intimitäten und Gefühlsausbrüchen, wie sie selbst in der hysterievernarrten Musikwelt nur selten vorkommen, ist der Ire Damien Rice bekannt geworden. Das war vor einem Jahrzehnt, seine Songs damals hießen "Cannonball", "The Blower's Daughter" oder "Cold Water". Sie waren die Begleitmusik, als Julia Roberts, Natalie Portman und Jude Law im Film "Hautnah" (2004) elegisch übereinander herfielen, und sie markierten die Schluchzmomente in Fernsehserien wie "O. C., California" und "Dr. House". Auch im deutschen Regietheater werden Rices Oden voller Verzweiflungsgebrüll, wütendem Klavierspiel und sattem Geigenschmalz fleißig gespielt.
"Die Idee der romantischen Liebe ist eine Droge", sagt der Musiker Rice heute, jedes Wort abwägend, als wartete er für seine Sätze auf die Einflüsterungen himmlischer Ratgeber. "Im Grunde ist sie wie Heroin. Viele Menschen sind süchtig nach diesem Ideal. Ich nicht mehr. Ich habe einen Albtraum durchlebt."
Rice, 40, ist in Berlin, um bei zwei Konzertterminen sein neues Album "My Favourite Faded Fantasy" vorzustellen. Es ist überhaupt erst sein drittes - und das eines Mannes, der Fans und Musikjournalisten als Verschollener galt. Acht Jahre ist es her, dass Rice sein letztes Werk veröffentlicht hat, in den vergangenen sieben Jahren ist er nur selten auf Konzertbühnen aufgetreten. Irische und britische Klatschblätter berichteten ausführlich, dass er die Sängerin Lisa Hannigan, die einst seine Band- und Lebenspartnerin gewesen war, öffentlich anbettelte, doch bitte zu ihm zurückzukehren. Und sie jagten ihn, als er mit der noch schöneren Schauspielerin Mélanie Laurent, einer nun in Hollywood arbeitenden Französin, für eine Weile eine neue Gefährtin fand.
Rice sagt, der Ruhm und die Paparazzi hätten ihn in Panik versetzt. "In meinem Inneren brannte ein Feuer, das sich vom Hass auf mich selbst und vom Zorn auf andere nährte." Der Sänger, aufgewachsen in einer Kleinstadt in der Nähe von Dublin und in jungen Jahren als Straßenmusiker in Italien unterwegs gewesen, flüchtete erst nach Island und reiste von dort aus in alle Welt. Schließlich traf er in den USA auf Rick Rubin.
Rubin ist die effektivste Reha-Institution des zeitgenössischen Musikgeschäfts. Der rauschebärtige Musikproduzent hat unter anderem Johnny Cash zu einem großartigen Alterswerk verholfen und eher neurotische Popkünstler wie Eminem oder Black Sabbath zu disziplinierter Studioarbeit abgerichtet.
"Er hat mir das Laufen neu beigebracht", sagt Rice. "Als ich ihn traf, war ich in einem Zustand, als hätte ich mit knapper Not einen Autounfall überstanden. Ich konnte nicht mal die großen Zehen rühren. Nur dank Rick kam ich wieder auf die Beine."
Tatsächlich ist "My Favourite Faded Fantasy" nun eine souveräne, von Rubin streng um alle Schrillheiten bereinigte Rückkehr in die Popwelt. Rice singt immer noch von den niederschmetterndsten Augenblicken des Lebens, von Abschieden und vergeigten Lebensträumen. Aber er tut es mit der Abgeklärtheit eines 40-Jährigen, der seine Kraft aus der Zuversicht bezieht, er habe den Hass auf sich selbst und auf andere jetzt ein für alle Mal hinter sich gelassen. Hier singt einer, wie es schon der Titelsong des Albums verkündet, von den drängendsten seiner verblassten Erinnerungen, von geschlagenen Schlachten; und er tut es mit herzerwärmender Lässigkeit. Als Rice beim abendlichen Konzert in der Hotellobby seine neuen Songs vorträgt, steif am Klavier sitzend oder zur Gitarre, singt er die meisten dieser Songs mit geschlossenen Augen.
Allerdings gibt es auf dem neuen Album immer noch diesen einen herausragenden Song, der eindeutig den Showdown mit einer Exgeliebten zum Thema hat. In "The Greatest Bastard" geißelt sich der Sänger als Scheusal und feiert den Schmerz, der ihm zugefügt wurde.
Was immer die Kritiker von seiner Arbeit hielten, behauptet Rice, ihn könne deren Urteil weder anspornen noch enttäuschen. "Ich habe mir Tonnen von Songs ausgedacht und sie hinterher auf den Müll geworfen." Die acht, die auf seinem Album zu hören sind, seien übrig geblieben. "Trotzdem könnte ich jederzeit Argumente gegen diese acht Songs finden, die gemeiner sind als alles, was meinen Kritikern je einfällt."
Vielleicht ist der Frieden, den Damien Rice mit seinen Dämonen geschlossen hat, doch nur ein Waffenstillstand.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 48/2014
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