24.11.2014

KommentarWarum Überdiagnose unseren Kindern schadet

Das "Syndrom der Kindheit" hat als Erster ein gewisser Jordan Smoller beschrieben. Das unter "kurzen, lauten Kreaturen" verbreitete Leiden sei angeboren und gehe mit Unreife, Wissenslücken sowie einem Ekel vor Gemüse ("Legume anorexia") einher. Die Satire des amerikanischen Psychiaters wird allmählich von der Realität eingeholt: 30 Prozent der Grundschüler in Deutschland befinden sich gerade in Behandlung, weil sie als krank gelten. Eine Empfehlung aus den USA sieht vor, den Cholesterinwert aller Mädchen und Jungen mindestens einmal im Alter von neun bis elf zu bestimmen. Wenn es so weitergeht, gibt es bald keine gesunden Kinder mehr.
Vier Kinderärzte geben jetzt im renommierten Fachblatt Pediatrics eine ebenso kluge wie beruhigende Antwort. Sie räumen auf mit dem populären Irrtum, je genauer man einen Menschen untersuche, desto besser sei das für ihn. "Überdiagnostizierte Patienten haben leider nicht nur keinen Nutzen durch ihre Diagnose, sondern ihnen kann auch Schaden zugefügt werden", schreiben sie. Diese Erkenntnis gilt generell in der Medizin; aber es ist gut, dass die Autoren sie endlich auch auf die Kinderheilkunde beziehen. Den von Smoller erwähnten Kreaturen werden nämlich tatsächlich allerlei Leiden, Störungen und Auffälligkeiten bescheinigt, die in Wahrheit keinerlei Einfluss auf ihre Gesundheit haben.
Sodbrennen etwa tritt bei sechs Monate alten Babys häufig auf und ist im Alter von einem Jahr fast immer verschwunden - ganz gleich, ob therapiert wird oder nicht. Einer Studie zufolge hatte die Hälfte der Kinder mit Gallensteinen keinerlei Beschwerden, die meisten bekamen auch später keine und mussten nicht behandelt werden. Wie in einer Untersuchung gezeigt werden konnte, schlafen fast 50 Prozent aller jungen Menschen mit Schlafapnoe-Syndrom bald wieder völlig normal. Und auch die unter Mädchen und Jungen so in Mode gekommenen Lebensmittelunverträglichkeiten beruhen häufig auf Überdiagnosen: Viele Kinder erscheinen in einschlägigen Tests zwar sensibel, aber nur ein Bruchteil von ihnen hat eine klinisch manifeste Allergie. All diese Beispiele sollten niemanden davon abhalten, im Zweifelsfall mit dem Nachwuchs zum Arzt zu gehen. Dennoch: Mehr diagnostische Zurückhaltung kann nicht schaden, sondern auch nutzen.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 48/2014
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