24.11.2014

GESTORBENMIKE NICHOLS, 83

"Der Scheiß ist mir am Anfang passiert" - so hat er einst sein Leben beschrieben, als er längst ein großer Regisseur war, gefeiert am Theater und in Hollywood, preisgekrönt für Filmklassiker wie "Die Reifeprüfung". Der Anfang, damit meinte er seine Kindheit und Jugend: Geboren 1931 in Berlin - damals hieß er noch Michael Igor Peschkowsky, sein Vater war ein russisch-jüdischer Arzt -, gelangte er im Frühjahr 1939 mit einem Flüchtlingsschiff nach New York. "Es war, im Nachhinein betrachtet, ziemlich knapp", sagte Nichols. Anfangs sprach er kaum Englisch, und nach einer missglückten Impfung fielen ihm auf Dauer die Haare aus, ein Makel, den er fortan mit einer Perücke kaschierte. Ein Außenseiter also, "der perfekte Standpunkt für einen Künstler", wie er 2008 dem SPIEGEL sagte. In den Fünfzigerjahren wurde Nichols als Stand-up-Comedian berühmt, in den Sechzigerjahren begann seine Karriere als Regisseur. Nachdem er am Broadway Hits wie "Barfuß im Park" inszeniert hatte, wurde Hollywood auf ihn aufmerksam: Nichols drehte 1966 das Ehedrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" mit Elizabeth Taylor und Richard Burton. Ein Jahr später folgte die Tragikomödie "Die Reifeprüfung", vielleicht der wichtigste Film jener Epoche, für den er einen Oscar gewann. Dustin Hoffman verkörpert darin einen komplexbeladenen jungen Mann auf Sinnsuche; Ähnlichkeiten mit Nichols' Leben waren natürlich kein Zufall. Spätestens seit den Achtzigern galt der Regisseur als Meister, der alle Genres beherrschte: Thriller wie "Silkwood" (mit Meryl Streep, 1983), Klamauk wie "The Birdcage" (mit Robin Williams, 1996), zuletzt die Polit-Satire "Der Krieg des Charlie Wilson" (mit Tom Hanks und Julia Roberts, 2007), immer perfekt inszeniert, aber ohne den hintergründigen Charme der "Reifeprüfung". Seit Nichols 1988 in vierter Ehe die Fernsehjournalistin Diane Sawyer geheiratet hatte, war er offenbar auch privat glücklich. Er kümmerte sich um seine Pferdezucht, arbeitete fürs Fernsehen ("Angels in America") und immer wieder am Theater. Seine letzte Inszenierung, "Betrogen" von Harold Pinter, hatte 2013 am Broadway Premiere; Daniel Craig und Rachel Weisz spielten die Hauptrollen. Mike Nichols war, seit dem Tod von Billy Wilder, der letzte große Regisseur Amerikas, der in Deutschland geprägt worden war. Seine Muttersprache hatte er allerdings verlernt. Eines der wenigen deutschen Wörter, die er auch nach Jahrzehnten in den USA noch kannte, war "Judenschule", der Scheiß vom Anfang. Mike Nichols starb am 19. November in New York.
Von Mwo

DER SPIEGEL 48/2014
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