01.12.2014

ZeitgeschichteZum Vergessen

Eine neue Biografie untersucht das Leben Helmut Schmidts im „Dritten Reich“. War der Altkanzler einst Nazi, oder hat er nur ein schlechtes Gedächtnis?
Der junge Luftwaffenoffizier war offenkundig begabt. Sein Vorgesetzter attestierte ihm am 1. Februar 1942 "Organisationstalent", das "Sichdurchsetzen in schwierigen Lagen", "gute dienstliche Leistungen". Der 23-jährige Hamburger neige zwar zu "vorlautem Verhalten", habe aber einen "geraden Charakter". Und auch ideologisch sei er fest verankert: "Steht auf dem Boden der nat.soz. ( nationalsozialistischen -Red.) Weltanschauung und versteht es, dieses Gedankengut weiterzugeben."
Der Name des Offiziers: Helmut Schmidt, von 1974 bis 1982 Kanzler der Bundesrepublik, vielfacher Bestsellerautor und heute der bei Weitem populärste Expolitiker des Landes.
Die Passage über die Haltung des Soldaten zum Nationalsozialismus ist eine von insgesamt drei bislang unbekannten politischen Beurteilungen aus Schmidts Wehrmachtsakte im Freiburger Militärarchiv. Die Autorin Sabine Pamperrien hat die Dokumente für ihr Buch über Schmidts Leben bis 1945 ausgewertet(*).
Auch die anderen Zeugnisse bescheinigen dem Oberleutnant "einwandfreie nationalsozialistische Haltung" (30. September 1943) oder enthalten den Vermerk: "Nationalsozialistische Haltung tadelfrei" (18. September 1944). War also ausgerechnet Helmut Schmidt, Enkel eines Juden und damit "Mischling 2. Grades" (NS-Jargon), Anhänger der Nazis? Hatte die alte Bundesrepublik neben dem NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger (1966 bis 1969) einen zweiten Kanzler mit brauner Vergangenheit?
Sabine Pamperrien legt das nahe. Schmidts Denken sei zeitweise "von Nazi-Ideologie kontaminiert" gewesen, schreibt sie und wirft dem Altkanzler damit implizit Legendenbildung vor, wenn es um die eigene Geschichte geht. Schließlich hat der Sozialdemokrat 1992 für sich in Anspruch genommen, zwar nicht im Widerstand, wohl aber "Gegner der Nazis" gewesen zu sein.
Der Streit um Schmidts Vita im "Dritten Reich" flackert seit Jahrzehnten immer wieder auf. Der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß warf ihm 1975 Nähe zum Regime vor, weil Schmidt von einem Vorgesetzten als Zuschauer zu einem der Prozesse gegen die Attentäter des 20. Juli abkommandiert worden war. Strauß be-
hauptete, es habe sich um eine Auszeichnung gehandelt, Schmidt wehrte sich mit dem Hinweis, man habe ihn einschüchtern wollen.
1981 unterstellte Israels Ministerpräsident Menachem Begin sogar eine Verstrickung Schmidts in den Holocaust ("Ich weiß nicht, was er mit den Juden an der Ostfront getan hat"), obwohl es keinen Hinweis gibt, dass der Wehrmachtoffizier in irgendeiner Weise an NS-Verbrechen beteiligt war.
Den Großteil des Krieges verbrachte Schmidt in der Etappe. Als Flak-Experte entwarf er Ausbildungsrichtlinien und Bedienungsvorschriften für Geschütze oder reiste für Vorträge durch das von den Deutschen besetzte Europa. An der Front war der Luftwaffenmann nur kurz: fünf Monate 1941 vor Leningrad und Moskau und schließlich ab Januar 1945 im Westen.
Biografin Pamperrien argumentiert nicht so plump wie Begin oder Strauß, aber auch ihr Buch ist zuweilen selbstgerecht im Ton und einseitig im Urteil. Maßstab der Bewertung ist der Widerstand. Pamperrien hält dem Altkanzler sogar vor, dass er sich 1942 mit Loki kirchlich trauen ließ: "Wie konnten beide auf diese weitgehend gleichgeschaltete Institution bauen?"
Dennoch lässt sich das Buch nicht leichthin abtun, denn die Autorin hat nicht nur neue Dokumente aufgetan, sondern auch die vielen autobiografischen Bücher und Äußerungen Schmidts systematisch analysiert. Sie stieß dabei auf eine beträchtliche Anzahl von Faktenfehlern und Widersprüchen.
Wann etwa hat der junge Schmidt erkannt, dass die Nazis Verbrecher waren? Schon Anfang 1933, weil er als Schüler die "Schießereien und Prügeleien" zwischen Nazis und Kommunisten in der Endphase der Weimarer Republik mitbekommen hatte? Oder erst bei dem Besuch des Prozesses gegen Attentäter vom 20. Juli? Beide Datierungen hat Schmidt verbreitet.
Oder: Ab wann hat Schmidt gewusst, dass ein Großvater Jude war? Der Altkanzler behauptet, er sei wegen dieser Verwandtschaft von Anfang an "kein Nazi" gewesen. Doch die Angaben zum Zeitpunkt, an dem ihn seine Eltern einweihten, variieren zwischen 1933, 1934, 1935 und 1936.
Sabine Pamperrien nimmt an, dass Schmidt vieles schlichtweg vergessen hat. Sie hat den Eindruck, er fülle die Lücken, indem er auf Schilderungen anderer über gemeinsam Erlebtes zurückgreife. Demnach präsentiert Bestsellerautor Schmidt dem Publikum nicht nur eigene, sondern auch angelesene "Erinnerungen" - eine Vermutung, die langjährige Wegbegleiter des heute 95-Jährigen teilen.
Die von Schmidt verbreitete Version, er sei noch nicht einmal am Anfang des "Dritten Reiches" dem Zeitgeist erlegen, ist nach Pamperriens Recherchen jedenfalls nicht zu halten. Der aufgeweckte Teenager ließ sich von der Begeisterung mitreißen, welche die Nazis unter Jugendlichen zu entfachen wussten. Er gehörte zu der Minderheit der Jungen seiner Schule, die 1933 in die HJ eintraten.
Schmidts Deutschlehrerin Erna Stahl zählte später zum Hamburger Zweig der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Sie sagte nach 1945 ihrem einstigen Zögling auf den Kopf zu, dass er "auf der Gegenseite" gestanden habe. Einem Parteifreund schrieb Schmidt 1979, obwohl seine Eltern "klar gegen Hitler und die NSDAP eingestellt" gewesen seien, sei er in den ersten Jahren der Hitler-Diktatur "unter den Einfluss der braunen Machthaber" geraten.
Der junge Schmidt habe dazugehören wollen, urteilt selbst Hartmut Soell, einst Assistent der SPD-Fraktion, Autor einer wohlwollenden Schmidt-Biografie und wohl der beste Kenner der Geschichte des Altkanzlers.
1937 begann Schmidts Wehrdienst, der nach dem deutschen Überfall auf Polen in Kriegsdienst überging. Seine damalige Bewusstseinslage beschrieb der Lehrersohn rückblickend als "gespalten": "Während ich einerseits den Nationalsozialismus ablehnte und ein schlimmes Ende des Krieges erwartete, zweifelte ich andererseits nicht an meiner Pflicht, als Soldat für Deutschland einzustehen ..."
Notizen aus der Kriegsgefangenschaft belegen den Zwiespalt. Sie zeigen freilich auch, dass der allen Beurteilungen zufolge schneidige und fähige Soldat politisch noch eine Weile "irrlichterte" (Soell).
Da findet sich zwar für Ende 1938 - also nach der sogenannten Reichskristallnacht - der Eintrag "Scham über die Judenverfolgung". Und im Jahr darauf notiert Schmidt sogar: "nunmehr klare Kontra-Stellung zum N.S.". Allerdings versah er diesen Satz mit der Einschränkung, "Hitler persönlich" sei von dieser Kontra-Stellung "noch ausgenommen".
Der ehrgeizige Offizier betrieb seine Versetzung an die Front, wollte zu den Fallschirmjägern, einer Elitetruppe der Wehrmacht, was allerdings misslang. Für 1940 vermerkte er im Rückblick: "immer wieder noch Annäherung an einzelne NS-Ideen".
Schmidt erlebte und erlitt die sogenannte Winterkatastrophe der Wehrmacht 1941 vor Moskau persönlich mit. Hitler übernahm damals den Oberbefehl des Heeres, was der Jungoffizier für einen Akt des Größenwahns hielt. In der Kriegsgefangenschaft notierte er dazu: "erstmaliger Knacks im persönlichen Vertrauen zum Führer" - ein ungewöhnlicher Grund, sich von dem Diktator abzuwenden.
Wann es zum irreversiblen Bruch Schmidts mit dem Regime kam, lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren. In den Aufzeichnungen von 1945, also früh verfasst, datiert er die "endgültige Abkehr von Idee und Praxis des NS" auf 1942. Das wäre zwar später, als er heute behauptet, jedoch immer noch früher als die von vielen anderen Deutschen.
An diesem Befund ändern auch die nun aufgetauchten Beurteilungen durch Vorgesetzte nichts. Der SPIEGEL hat das Freiburger Militärarchiv sowie führende Militärhistoriker wie Rolf-Dieter Müller, Wolfgang Wette oder Manfred Messerschmidt befragt - und alle sind sich einig: Formulierungen wie "steht auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung" finden sich vielfach in Personalunterlagen der Wehrmacht. Über die wahre politische Haltung des jeweiligen Soldaten sagen sie nichts aus.
Schmidt hat sich inzwischen eine Kopie seiner Akte aus Freiburg kommen lassen. Den Inhalt will er nicht kommentieren.
Biografin Pamperrien ist jedenfalls in Ungnade gefallen. Der Altkanzler hatte ihr erlaubt, die Wehrmachtsakte einzusehen; ein bereits vereinbarter Besuch in seinem Privatarchiv kam nicht mehr zustande, als die Stoßrichtung ihrer Recherchen absehbar war.
Die Öffentlichkeit kann sich darauf einstellen, demnächst auch von Schmidt persönlich wieder Neues über das Leben unter dem Hakenkreuz zu erfahren. Im März 2015 erscheint sein nächstes Buch "Was ich noch sagen wollte".
Eines der Themen: wie es damals war, in der Nazi-Zeit.
* Sabine Pamperrien: "Helmut Schmidt und der Scheißkrieg". Piper Verlag, München; 352 Seiten; 19,90 Euro.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 49/2014
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