01.12.2014

Terror„Biografien der Vorhölle“

Das Verhalten deutscher IS-Kämpfer sei pathologisch, sagt der Hamburger Psychiater Andreas Krüger - und wohl auch nicht mehr zu ändern.
Krüger, 50, ist Spezialist für die Folgen frühkindlicher Traumata. Der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater, Autor mehrerer Fachbücher, arbeitet eng mit Einrichtungen der Jugendhilfe zusammen.
SPIEGEL: Herr Krüger, etwa 500 junge Männer aus Deutschland kämpfen für die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) - Sie meinen, das hätte verhindert werden können. Wie kommen Sie darauf?
Krüger: Ich lerne Menschen mit einem derartigen Potenzial bereits als Kinder kennen. Viele berichten von ihrer Angst vor den eigenen Gewaltausbrüchen. Erhalten sie dann keine umfassende Hilfe, kann in ihnen eine Krankheit der perfiden Gewalt ausbrechen. Sie äußert sich zum Beispiel in den Taten von Intensivstraftätern, aber eben genauso im sogenannten Dschihad-Kult.
SPIEGEL: Sie bezeichnen den islamistischen Terror als Krankheit?
Krüger: Das Ausmaß an ungehemmter, sadistischer Gewalt, die damit einhergeht, ist pathologisch. Anders lässt sich diese Lust am exzessiven Leid eines Gegenübers nicht bezeichnen. In der Regel steht dahinter eine frühe, hochkomplexe Traumatisierung: Misshandlungen, Vernachlässigung, Demütigungen, Ausgrenzung - in der Familie, der Schule, der Peergroup, einem ganzen Land. Es sind Biografien wie aus der Vor-
hölle, üblicherweise voller Ohnmacht, voller Momente des absoluten Ausgeliefertseins. Die Erfahrung, Konflikte erfolgreich und friedlich zu bewältigen, aber fehlt.
SPIEGEL: Ist das nicht ein bisschen zu einfach, den Terror deutscher Dschihadisten allein mit einer schrecklichen Kindheit zu erklären?
Krüger: Das mag einfach klingen, und die Erklärung trifft vielleicht auch nicht auf alle Mitläufer zu. Aber das Verhalten vieler Anführer sollten wir unter diesem Aspekt betrachten. Religion, die radikale Auslegung des Islam, spielt da nur die verbrämende Rolle. Wir werden präventiv nur wirken können, wenn wir versuchen, neben den soziologischen und sozialen Mustern auch die traumapsychologischen Mechanismen dieses Terrors zu verstehen. Sie sind vermutlich beträchtlich für das Ausmaß der Gewalt verantwortlich.
SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.
Krüger: Die dauerhafte Erfahrung von traumatischer Ohnmacht ist letztlich die Essenz, aus der heraus es einem Menschen erst möglich wird, sadistisch gewalttätig zu werden. Kindern ist ja zunächst einmal die Fähigkeit gegeben, Empathie und Mitleid zu entwickeln. Aber dieses natürliche Programm kann zum Erliegen kommen, wenn ein Kind sein Leben und seine wichtigen Beziehungen dauerhaft als unerträglich und beschädigend erlebt.
SPIEGEL: Aber trotzdem wird es deshalb ja nicht zwangsläufig gewalttätig oder ein islamistischer Terrorist.
Krüger: Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass solche Kinder unbewusst Bewältigungsstrategien ausprägen, die solche Entwicklungen befördern. Traumatisierte Kinder neigen dazu, sich selbst für schuldig zu halten. Sie versuchen so, all den Schrecklichkeiten ihres Lebens irgendeinen nachvollziehbaren Sinn zu geben. Über diesen Umweg finden sie aus ihrer Ohnmacht zurück zur Macht - und die ist gewaltvoll: Gemäß der Maxime von ihrer eigenen Schuld müssen sie sich ja wie ein schuldiger Täter verhalten. So versuchen sie unbewusst, ihrer Opferrolle zu entfliehen. Der innere Druck wird immer größer und in der Folge auch das Ausmaß der Gewalt. Und fatalerweise verfestigt sich mit jeder neuen Tat die ursprüngliche Traumatisierung.
SPIEGEL: Warum?
Krüger: Ein Mensch, der, wie manche Dschihadisten, anderen den Kopf abtrennt, gerät aller Wahrscheinlichkeit nach jedes Mal in eine Flashback-Situation: Er verhält sich wie automatisiert nach dem alten, verinnerlichten Muster und bestätigt damit vor sich selbst immer wieder die Richtigkeit seines Tuns.
SPIEGEL: Erklären Sie sich so auch den offensichtlichen Stolz dieser Leute über eine Hinrichtung?
Krüger: Ja. Und die Verhaltensmuster dieser Terroristen werden sich wohl auch kaum mehr ändern lassen. Der Zeitpunkt, zu dem sie zur Ausbildung von Empathie und Mitgefühl fähig gewesen wären, ist vorüber. Wer in dieser Weise wiederholt sadistisch tötet, spaltet seine Menschlichkeit ab, sonst könnte er sich selbst nicht ertragen. Ich erlebe Jugendliche, die grausame Gewalttaten begehen und anschließend Mitleid zeigen, da besteht noch Hoffnung. Oft berichten sie von einer Art innerem Teufel, der sie antreibt. Fängt man sie in dieser Phase der Einsicht und des Mitleids nicht irgendwie ein, übernimmt der Teufel.
SPIEGEL: Wie wollen Sie die Heranwachsenden rechtzeitig einfangen?
Krüger: Wir brauchen Hilfsstrukturen, die sich auf die gesamte Lebenssituation solcher Kinder beziehen und in denen Sozialarbeiter, Psychologen, Pädagogen, Traumatherapeuten, auch Imame wirklich zusammenarbeiten. Die üblichen Lösungen reichen nicht aus - ein paar Projektmittel, zwei zusätzliche Sozialarbeiter, ein Kindertherapeut in halber Stelle. In allen Städten müssen vielmehr jene an einen runden Tisch verpflichtet werden, die im Alltag Kontakt zu gefährdeten Kindern haben. Sonst werden wir Radikalisierungen wie dieser ohnmächtig zusehen.
Interview: Katja Thimm
* Szene aus einem IS-Propaganda-Video vom Juni.
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 49/2014
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