01.12.2014

OrtsterminVäter und Söhne

Im Europa-Park Rust tauschen sich Chaplin und Mandela über das Leben aus.
Die anderen sind schon vorn bei den Gänsen am Märchenwald. Er ist ein wenig zurückgeblieben. Es sind die Füße. Ihre Spitzen zeigen auffällig nach außen. Das macht das Gehen mühsamer. "Man ist eben immer der Sohn von irgendjemandem", sagt Eugene Chaplin.
Es ist der erste Tag der Wintersaison im Europa-Park Rust, Deutschlands größtem Freizeitpark. "Ich meine", sagt Chaplin, "wenn dein Vater Polizist ist, und du fällst vom Rad, machen die Leute auch ihre Bemerkungen." Eine Besuchergruppe kommt ihm entgegen, die Leute tragen lustige Perücken und angebissene Liebesäpfel. "Für mich war er immer nur mein Vater."
Am Teich bei den Gänsen wartet ein dunkelhäutiger junger Mann mit schwarzem Hütchen und einem SC-Freiburg-Schal um den Hals. Es ist Kweku Mandela. "Mein Großvater liebte Chaplin", sagt er und kniet sich nieder, um eine afrikanische Maske zu knipsen, die riesenhaft aus dem Wasser beim "Abenteuerland" ragt. "Im Gefängnis gab es alle drei Monate Kino, da hat er die Filme gesehen." - "Mein Vater hasste die Apartheid", sagt Chaplin. "Es empörte ihn. Wie jede Dummheit. Aber begegnet sind sich die beiden nie."
Die Nachgeborenen haben sich vorhin beim Mittagessen kennengelernt, als Ehrengäste des Parks. Eugene Chaplin ist für eine Ausstellungseröffnung aus der Schweiz hierhergekommen, Zirkusbilder seines Freundes Rolf Knie, die im Europa-Park gezeigt werden. Kweku Mandela hatte gemeinsam mit Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen einen Scheck für ein Wasserprojekt in Afrika bekommen. Es sind die gesammelten und gespendeten 50-Cent-Münzen aus einer Wasserkanone im Park.
"Mein Großvater liebte Boxen, Musik und die Frauen", sagt Mandela. "Genau wie mein Vater," sagt Chaplin. "Sie waren eben Männer", sagt Mandela. Nelson Mandela hatte sechs Kinder aus drei Ehen, Charlie Chaplin vier Ehen und elf Kinder. Eugene ist jetzt zum zweiten Mal verheiratet, mit einer Mongolin, sie haben Zwillinge, dazu kommen die fünf Kinder aus der ersten Ehe.
Eugene Chaplin ist jetzt 61 Jahre alt, er war künstlerischer Direktor eines Zirkus und hat Filme gedreht. "My Tribute" heißt einer davon und handelt von Charlie Chaplin. Kweku Mandela hat mit 29 Jahren schon Filme produziert, einer seiner Filme handelt von Nelson Mandela. Kweku Mandela ist erfolgreich. Doch mit einem anderen Familiennamen hätte er vermutlich keinen Scheck zusammen mit Sabine Christiansen bekommen. Name ist Schicksal.
"Du kommst in einen Saal, und alle glauben, dich zu kennen", sagt Mandela. Verflucht er manchmal seinen Namen? Nein, sagt er. "Wobei es schwieriger wäre, wenn Mr Chaplin auch Schauspieler wäre und ich ein Politiker."
"Oder wenn die Eltern Massenmörder gewesen wären", sagt Eugene Chaplin. Er hat das Gesicht eines Clowns, die müden Augen und dann wie aus dem Nichts ein Lachen mit weit nach oben gezogenen Mundwinkeln. Man kennt es.
"Dein Name allein macht dich zu keinem besseren Menschen", sagt Kweku Mandela. "Es liegt an dir, ihn hochzuhalten. Unsere Väter und Großväter haben bewiesen, dass jeder Mensch einen Unterschied machen kann, unabhängig von seiner Herkunft. Als Politiker wäre ich allerdings eine komplette Null. Es wird auch keinen zweiten Charlie Chaplin geben."
Ein paar Schritte weiter, vor der Achterbahn "Arthur", steht ein Mann mit ausgelatschten Schuhen, Moustache und Bambusstöckchen. Die Füße nach außen gestellt. Das ist "Albert de Paris", ein Schweizer maghrebinischer Herkunft, der seit 28 Jahren im Park Charlie Chaplin darstellt: "Aber mein Bart ist echt, hier, fühlen Sie. Und das Haar auch."
Er habe alles über Chaplin gelesen. "Ich bin auch exakt so groß und so schwer wie er. Ich sehe seine Filme immer wieder. In jeder Situation überlege ich, wie Charlie jetzt wohl reagieren würde. Mein Sohn!", ruft er plötzlich und umarmt Eugene Chaplin mit großer Geste. Der reagiert etwas irritiert.
Später sitzt Kweku Mandela mit Chaplin im VIP-Shuttlebus. Er hat mit vielen Leuten vor weiß lackierten Tannenbäumen in die Kameras gelächelt und sich von einer lustigen Maus umarmen lassen, die als Weihnachtsmann verkleidet war. Ob er noch eine Runde drehen wolle, fragt der Fahrer. "Nein, ich will nach Frankreich rüber." In das richtige, nicht in den Nachbau im Park. Und wohin dort? "Egal wohin."
Eugene bleibt sitzen. "Mein Vater war Charlie Chaplin", sagt er. "Aber wussten Sie, dass mein Großvater mütterlicherseits Eugene O'Neill hieß?" Der US-amerikanische Dramatiker. Vier Pulitzer-Preise. Ein Nobelpreis. Es kann immer noch schlimmer kommen.
"Es ist verflixt schwer, ein Chaplin zu sein", hat Albert gesagt. Er persönlich sei froh, nicht in diese Gestalt hineingeboren worden zu sein: "Du wirst an deinem Vater gemessen, ob du willst oder nicht. Du darfst keinen Fehler machen. Und darüber hinaus musst du noch etwas Eigenes leisten. Das ist doppelt schwer."
In seiner Heimatstadt wissen sie nicht, womit genau er sein Geld verdient. Seinen wahren Familiennamen möchte Albert nicht gedruckt sehen.
Aus Rücksicht gegenüber seinen Kindern.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 49/2014
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