08.12.2014

ImmigrantenWoher kommt die Angst vor Einwanderern, Herr Kopp?

Karl Kopp, 54, vom Europäischen Flüchtlingsrat, über Ressentiments und Rassismus
SPIEGEL: Herr Kopp, ein britisches Marktforschungsinstitut hat Menschen aus 14 Ländern gefragt, wie viele Migranten in ihrem jeweiligen Land leben. Überall wurde die Zahl deutlich überschätzt. Wie erklären Sie sich das?
Kopp: Die Umfrage zeigt, dass Menschen immun sind gegen Fakten. Es ist irrational. Eine verzerrte Wahrnehmung.
SPIEGEL: Warum ist das so?
Kopp: Die Politiker tragen eine Mitschuld: Wenn der Innenminister verkündet, dass gut ausgebildete EU-Bürger zu uns kommen, sind hunderttausend kein Problem. Wenn aber ein paar Tausend Roma zu uns fliehen, beschreibt er sie als Problem und erzeugt Ängste. Es ist eine Frage des Gefühls.
SPIEGEL: Des Gefühls der Fremdenfeindlichkeit?
Kopp: Zuwanderung wird oft negativ beschrieben. Das schürt Ressentiments. Die Medien verstärken das, weil sie Klischees bedienen. Sie funktionieren wie ein Vergrößerungsglas. Zum Beispiel Italien: Die befragten Italiener überschätzten den Anteil von Migranten gewaltig. Ich glaube, Schuld daran haben zwei Dinge: die starke rechtspopulistische Bewegung; und die Bilder von Flüchtlingsbooten - sie brennen sich ein. Viele Italiener haben das Gefühl, ihr Land werde von Flüchtlingen überschwemmt.
SPIEGEL: Die Deutschen schätzen den Anteil der nicht hier geborenen Zuwanderer, mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft, auf 23 Prozent. Tatsächlich liegt er bei 13 Prozent.
Kopp: Um solchen Fehleinschätzungen entgegenzuwirken, ist es wichtig, dass wir keine falschen Bilder von Flüchtlingsmassen erzeugen. Deshalb sollten wir Flüchtlinge nicht in Großlager pferchen oder in Dörfern Container aufstellen, die so groß sind wie das Dorf.
SPIEGEL: Sie leben in Frankfurt am Main. Was glauben Sie, wie viele Frankfurter ausländische Staatsangehörige sind?
Kopp: 10, 15 Prozent, würde ich schätzen.
SPIEGEL: Es sind 27 Prozent.
Kopp: Sehen Sie. Und bei uns in Frankfurt funktioniert es sehr gut.
Von Red

DER SPIEGEL 50/2014
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