08.12.2014

USADie Wanderarbeiterin

Maria Fernandes hatte drei Jobs, alle bei Dunkin' Donuts. Sie starb auf dem Weg von einer Filiale zur anderen - und mit ihr der amerikanische Traum. Von Markus Feldenkirchen
"Ich liebe es, jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Meine Crew, meine Bosse, wir alle sind eine riesige Familie."
(Dunkin'-Donuts-Angestellte in einem Werbevideo ihres Arbeitgebers)
Armando Gonzalez läuft die weiße Markierung auf dem Asphalt entlang, langsam, den Kopf gesenkt, bis das Rechteck einmal abgeschritten ist, der letzte Parkplatz ihres Lebens.
Armando atmet schwer, sein Blick wandert umher, von den Müllcontainern zu den Leuchtreklamen der Billigmärkte und Fast-Food-Läden. Hier an einer dieser typischen Ausfallstraßen Amerikas also, den Avenues des schnellen Essens, des Ramsches und der Drive-Throughs ist sie gestorben, seine Kollegin, seine beste Freundin.
Es ist das erste Mal, dass Armando sich traut, diesen Ort aufzusuchen. "Mein Gott, ist das alles trostlos", sagt er.
Als Maria Fernandes, 32 Jahre alt, am 25. August ihren klapprigen Kia Sportage auf dem Parkplatz der Supermarktkette Wawa parkte, gleich neben der Autozubehörkette Autozone, stellte sie den Motor ab, kurbelte die Sitzlehne nach unten und schlief in der Uniform ihres Arbeitgebers Dunkin' Donuts ein.
Der Tag erwachte gerade, aber Fernandes war bereits seit einer Ewigkeit auf den Beinen. Eben war ihre Nachtschicht zu Ende gegangen, von 22 Uhr bis 6 Uhr hatte sie wie so oft in der Dunkin'- Donuts-Filiale in Linden, New Jersey, gearbeitet. Am Nachmittag würde ihre nächste Schicht bei Dunkin' Donuts im eine Autostunde entfernten Newark beginnen, in dessen Nähe sie auch wohnte.
Maria Fernandes hatte die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sie den Parkplatz ansteuerte. Dass sie erschöpft in ihrem Auto einschlief, war nicht ungewöhnlich. Wenn sie nicht gerade arbeitete, schlief sie oft in ihrem Kia, meist auf Parkplätzen, manchmal sogar vor ihrer Wohnung.
Fernandes hatte drei verschiedene Jobs, alle bei Dunkin' Donuts. Sie arbeitete in Filialen in Linden und Newark, an den Wochenenden auch in Harrison, New Jersey. Überall tat sie dasselbe: Sie brühte Kaffee, taute Donuts auf und bediente Kunden. Dafür zahlte man ihr kaum mehr als acht Dollar die Stunde. Sie arbeitete so viel, um über die Runden zu kommen, und weil sie sich nach oben arbeiten wollte. Sie träumte davon, sich zur Kosmetikerin ausbilden zu lassen, aber dafür brauchte sie Geld.
"Jetzt wissen Sie also, wo es geschehen ist", sagt der Angestellte von Autozone, der Armando Gonzalez zu der Stelle geführt hat, an der sie starb. Es ist derselbe Mann, der Fernandes am Morgen des 25. August auf dem Weg zur Schicht im Auto liegen sah. Als sie sieben Stunden später noch immer regungslos auf dem Sitz lag, diesmal mit Schaumblasen vor dem Mund, rief er die Polizei.
"Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?", fragt der Mann von Autozone. "Nein", sagt Armando. "Vielen Dank."
In seiner Hosentasche trägt er noch immer ihren Autoschlüssel. Am Tag vor ihrem Tod hatten sie gemeinsam in der Filiale von Harrison gearbeitet. Armando hatte gefragt, ob er zwei Tage später ihren Wagen leihen könne, um seine Mutter zu besuchen. Maria hatte ihm ihren Zweitschlüssel gegeben und versprochen, das Auto nach der Arbeit vor seiner Wohnung abzustellen.
Fernandes fuhr nie ohne den roten Benzinkanister mit der schwarzen Verschlusskappe los. Sie hatte Angst, bei den vielen Fahrten zwischen den drei Arbeitsstellen mit leerem Tank liegen zu bleiben und zu spät zur Schicht zu kommen. Bevor sie an diesem heißen Augusttag auf den Parkplatz bog, muss der Kanister umgefallen sein, und da der Verschluss nicht richtig saß, floss Benzin auf die Rückbank. Während sie schlief, atmete sie die giftigen Gase ein.
Die Polizisten sperrten den Parkplatz und riefen eine auf Gifte spezialisierte Sondereinheit. Vier Stunden später zogen sie ihren Körper aus dem Auto. Als Maria Fernandes um 17.56 Uhr offiziell für tot erklärt wurde, trug sie noch immer ihre Uniform von Dunkin' Donuts.
Armando blickt auf Marias Schlüssel. Er werde ihn immer behalten, sagt er. "Er wird mir helfen, denn er enthält eine Botschaft: ,Lass dich nicht ausbeuten!'"
Maria Fernandes war eine von Amerikas neuen Wanderarbeiterinnen, eine von siebeneinhalb Millionen Angestellten der Fast-Food-Industrie, die von unterbezahltem Job zu unterbezahltem Job pilgern. Sie lebte den American Way of Life der Gegenwart.
Dabei war Fernandes eigentlich die Personifizierung des alten amerikanischen Traums gewesen. Vor 32 Jahren wurde sie als Kind portugiesischer Einwanderer in Fall River geboren, einer Stadt in Massachusetts. Als sie elf Jahre alt war, zog ihr Vater, ein Schweißer, mit der Familie zurück nach Portugal. Aber Maria sehnte sich nach dem Land ihrer Kindheit, auch nach dem Wohlstand in Amerika, das Leben in Portugal kam ihr ärmlich vor.
Im Alter von 13 Jahren entdeckte sie in ihrem Dorf an der Atlantikküste ein Auto aus New Jersey. Maria ging auf den Besitzer zu und fragte, ob sie mit ihm nach Amerika fahren dürfe. Sie freundete sich mit seinen Töchtern an, schickte ihnen später Briefe nach Amerika. "Sie hat immer davon geschrieben, dass sie zurück in die USA wolle", erzählt Cristina Ribau, ihre Brieffreundin. "Es war nur eine Frage der Zeit."
Mit 19 stand Maria mit einem Koffer vor Ribaus Haustür in Newark. Sie war zurück im Land ihrer Träume.
13 Jahre später lag Maria Fernandes in einem offenen weißen Sarg. Man hatte ihr bunte Blumen ins Haar gesteckt und ihr das rote Lieblingskleid angezogen. Ihre Finger waren von weißen Handschuhen umhüllt, wie die einer Prinzessin. Alles um sie herum war auf einmal friedlich, edel und schön, so wie sie sich das Leben in Amerika erträumt hatte. Und selbst ihre Chefs erwiesen ihr jenen Respekt, den sie ihr zu Lebzeiten verweigert hatten.
Marias Alltag hatte in den letzten Jahren vor allem aus Kaffee, Donuts und Schlaf bestanden. Wenn sie sich, was immer seltener vorkam, mit Freunden verabredete, verschlief sie die Treffen häufig, weil sie zu erschöpft war. Das Einzige, was sie sich neben ihrem Job gönnte, war ein Kurzurlaub pro Jahr, und immer ging es nach Los Angeles. Maria verehrte Michael Jackson, sie besaß mehrere Kisten voller Poster, Platten und Zeitungsartikel über ihr Idol, und sie war Gründungsmitglied eines Fanklubs. Mit dem fuhr sie jedes Jahr an Jacksons Todestag zu dessen Mausoleum nach Kalifornien.
Es gibt ein Video von einer dieser Reisen, aufgenommen von einer Freundin. Maria steht da vor Michael Jacksons Grab und spricht ein paar Sätze in die Kamera. Sie wirkt warmherzig, nachdenklich und irgendwie auch traurig. Sie erklärt, was Jacksons Lieder ihr bedeuten: dass sie einen über vieles hinwegtrösten, was schieflaufe im Leben. Und dass sie, wenn Jackson "You are not alone" singe, tatsächlich spüre, nicht allein zu sein: "Michael ist immer für mich da."
Während der letzten beiden Reisen sei ihr Maria anders vorgekommen, erzählt ihre Freundin Kimberly Sasson. Sie habe ständig geschlafen, wo immer es ging, im Auto, vor der Disco. "Während wir Party machten, schlief sie draußen auf einer Bank. Sie müsse so viel arbeiten, entschuldigte sich Maria. Bei der Weihnachtsfeier des Fanklubs sei sie gleich nach dem Essen gegangen, weil sie zur Arbeit musste. "Sie war zuletzt nicht mehr dieselbe", sagt ihre Freundin. "Es wirkte, als sei ihr die Energie abhandengekommen."
Die wenigsten Beschäftigten von Restaurantketten wie McDonald's, Burger King, Starbucks, Pizza Hut oder Dunkin' Donuts kommen mit einem Job über die Runden. Oft müssen sie einen zweiten oder dritten annehmen, weil die Firmen selten mehr als den Mindestlohn zahlen, der bundesweit bei 7,25 Dollar und in manchen Staaten nur geringfügig höher liegt. Drei Viertel der Beschäftigten in der Fast-Food-Industrie haben nur einen Teilzeitjob. Fast niemand darf 40 Wochenstunden für eine Filiale arbeiten, weil die Arbeitgeber dann Sozialleistungen und Beiträge zur Krankenversicherung zahlen müssten. Den meisten werden daher 10, 20 oder maximal 30 Stunden gewährt. Weil die Unternehmen so niedrige Löhne zahlen, sind mehr als die Hälfte aller Fast-Food-Angestellten auf staatliche Hilfen angewiesen. Sieben Milliarden bringt die öffentliche Hand pro Jahr dafür auf.
Früher waren es oft Schüler und Studenten, die in dieser Branche arbeiteten. Spätestens seit der großen Finanzkrise aber, die Millionen qualifizierter Jobs vernichtete, sind es viele Erwachsene, die mit ihrem Einkommen Familien ernähren müssen. Oder Frauen wie Maria, die vier Sprachen beherrschte und in einer anderen Arbeitswelt einen besser bezahlten Job bekommen hätte.
Nach ihrem Tod dauerte es lange, bis sich die Zentrale von Dunkin' Donuts zu einer Reaktion durchrang. "Wir sind sehr traurig über den tragischen Tod von Maria Fernandes", erklärte schließlich eine Sprecherin. Zugleich wies der Konzern jede Verantwortung von sich; Löhne und Arbeitsbedingungen seien Sache der Filialbesitzer. Wegen des Franchisesystems der Fast-Food-Branche hatte Maria gleich drei verschiedene Bosse. Versuche, mit ihnen am Telefon über sie zu reden, endeten in Beschimpfungen oder mit sofortigem Auflegen. Der Kapitalismus amerikanischer Prägung lebt auch von der Kunst, sich wegducken zu können, wenn es unangenehm wird.
Richard Culhane sitzt an seinem Esstisch und raucht gegen die Traurigkeit. Zwischen seinen Fingern klemmt eine Plastikkarte mit dem Bild einer Rose, auf der Rückseite stehen die Lebensdaten von "Maria Leonor Fernandes" und fett gedruckt: "A beautiful life". Darunter der Name ihres Beerdigungsinstituts.
"Seit Maria nicht mehr da ist, habe ich keine Lust mehr zu putzen oder aufzuräumen", sagt Culhane, ein arbeitsloser Bauarbeiter. Mehr als drei Jahre haben sie in dieser Wohnung zusammengelebt, sie waren ein Paar, bis sie sich im Sommer 2013 trennten und Maria sich eine Bleibe in der Nachbarschaft suchte.
Es ist eine der vielen Gegenden Newarks, in der die Armut gegen die Verwahrlosung kämpft, nicht immer erfolgreich. Manche Hausbesitzer pflanzen trotzig Blumen in ihre kleinen Vorgärten.
Vor Culhane liegt eine grün-weiße Newport-Zigarettenschachtel auf dem Tisch. Er erzählt, dass Maria und er auch nach der Trennung Freunde geblieben seien. Sie kümmerte sich um Richards drei Söhne aus erster Ehe, als wären es ihre eigenen. Die Jungen sitzen im Nebenzimmer vor dem Computer und spielen ein Spiel, das Maria ihnen am Tag vor ihrem Tod schenkte. Er habe nie einen großzügigeren Menschen kennengelernt, sagt Culhane. Als seine Mutter im Juni starb, fehlte ihnen die passende Kleidung für die Beerdigung. Maria sei daraufhin mit ihm und den Kindern losgezogen und habe ihnen vier schwarze Anzüge gekauft. "Das wenige, was sie selbst besaß, teilte sie mit anderen Menschen." Kurz nach der Beerdigung der Mutter mussten Richard und die Kinder ein zweites Mal ihre neuen Anzüge anziehen. Dieses Mal für Maria.
Die Tür geht auf, Armando Gonzalez tritt ein, der Mann, dem Maria ihren Autoschlüssel gab. Als sie damals bei Richard auszog, zog Armando bei ihm ein.
Wenige Tage nach Marias Tod beschloss Armando, sich nicht länger ausbeuten zu lassen. Er kündigte seine beiden Jobs bei Dunkin' Donuts. Er sagt, dass er nicht so zäh sei wie Maria, dass er nicht ihre Energie gehabt habe. "Zwei oder drei Jobs sind zu viel für meinen Körper. Die Arbeit ist hart, du bist den ganzen Tag auf den Füßen und sollst dabei auch noch lächeln."
Armando musste sich ständig zwingen, wach zu bleiben, es war ein ewiges Ringen mit der Müdigkeit. "Du musst deinen Körper vergewaltigen." Viele Arbeiter in der Fast-Food-Industrie ernährten sich vornehmlich von Energy Drinks; auch Maria
habe Unmengen von "diesem Red-Bull- Dreck" getrunken.
Mit nur einem Job hätte das Geld nicht gereicht, sagt Armando. Er muss zwei Kinder ernähren. "Von einem Job wäre ich buchstäblich verhungert. Oder ich hätte mich von geklauten Donuts ernähren müssen." Dunkin' Donuts gestattet seinen Angestellten, sich einen Donut und einen Kaffee pro Schicht aus dem Sortiment zu nehmen. Wer mehr will, muss bezahlen. Und am Abend muss die alte Ware im Müll entsorgt werden.
Dabei macht die US-Fast-Food-Branche fast 200 Milliarden Umsatz im Jahr und erwirtschaftet gewaltige Gewinne. Allein McDonald's verzeichnete im vergangenen Jahr weltweit einen Profit von 5,6 Milliarden Dollar, bei Dunkin' Donuts waren es 147 Millionen. Die Topmanager der großen Ketten erhalten im Schnitt 24 Millionen Dollar im Jahr, das sind rund 1200-mal so viel wie ihre Angestellten.
Nach der Kündigung bei Dunkin' Donuts bewarb Armando sich bei einer Putzfirma, er reinigt nun Züge am Bahnhof von Newark. Er könne noch immer nicht glauben, welches Glück er gehabt habe, sagt er. Sein Gehalt liegt jetzt über dem Mindestlohn. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er krankenversichert, der Arbeitgeber zahlt einen Teil der Versicherung. Zudem vertritt ihn eine Gewerkschaft. "Es fühlt sich an wie das Paradies", sagt Armando. Marias Schicksal habe ihn wachgerüttelt. Er hoffe, dass das auch anderen so gehe. "Wenn sie das Poster-Girl des Fast-Food-Elends wird, hat ihr Tod wenigstens einen Sinn gehabt."
Armando und Richard beschließen, das Grab ihrer Freundin zu besuchen. Auf dem Weg zum Rosedale Cemetery in Linden halten sie bei einem China-Imbiss, die Kinder sind hungrig. Nach dem Essen brechen die Jungs die Glückskekse auf und lesen sich die Botschaften auf den Zetteln vor. "Onion makes you feel stronger", sagt Dorian. "Das ist gut. Ich liebe Zwiebeln!"
Dass Zwiebeln stark machen, ist selbst für einen Glückskeks eine seltsame Botschaft. Richard nimmt seinem Sohn den Zettel aus der Hand und liest selbst: "Da steht nicht ,Onion', da steht ,Union'", im Englischen die Bezeichnung sowohl für Gemeinschaft als auch für Gewerkschaft. "So macht es einen Sinn", sagt Richard. "Gemeinschaft macht dich stärker."
Der Tod der Maria Fernandes berührt die große Wertefrage der USA, man könnte auch sagen das Dilemma des Landes. 80 Jahre ist es her, seit Präsident Franklin D. Roosevelt seiner kranken, auseinanderfallenden Nation den "New Deal" verordnete, eine Reihe von Wirtschafts- und Sozialreformen, die wirtschaftlichen Aufschwung für alle brachten und die Gesellschaft des Landes veränderten. Zur Roosevelt-Republik gehörten die öffentliche Fürsorge, starke Gewerkschaften und ein Staat, der notfalls eingriff, um seine Bürger vor Ausbeutung zu schützen.
Roosevelts Republik gibt es nicht mehr. In seinem Buch "Die Abwicklung" hat der Journalist George Packer den Zerfall dieses Zusammenhalts beschrieben, den Verlust von Werten, der eine kalte Gesellschaft zur Folge hat.
Barack Obamas Wunsch, den nationalen Mindestlohn von derzeit 7,25 Dollar pro Stunde wenigstens auf 10,10 Dollar für alle Amerikaner zu erhöhen, ist inzwischen zum Running Gag seiner Präsidentschaft geworden. Mit der republikanischen Mehrheit im Kongress wird er nun endgültig zur Utopie. Und die Gewerkschaften sind so machtlos wie nie. Nur noch 6,7 Prozent der Arbeiter in der freien Wirtschaft sind gewerkschaftlich organisiert.
Im zweiten Stock eines Hauses in Brooklyn steht ein Mann, der noch nicht resigniert hat. Kendall Fells ist Gründer von "Fast Food Forward", einer Bewegung, die den Frust über ein System, in dem immer weniger Menschen von glänzenden Wachstumszahlen profitieren, auf die Straße gebracht hat. Fells trägt einen gepflegten Bart und Brille, er redet leidenschaftlich, er könnte als junger Martin Luther King durchgehen. Er hat viele Angestellte der Fast-Food-Branche davon überzeugt, sich zu organisieren, sich zu wehren. Er kennt Arbeiter, die sich zu fünft ein Zimmer teilen. Andere schliefen in Obdachlosenunterkünften, etliche auch auf Parkbänken.
Bei seinem ersten Treffen mit New Yorker Arbeitern vor über zwei Jahren beschwerten sich diese über respektlose Behandlung, die viel zu niedrigen Löhne und die Vergabe der Arbeitszeiten. Die Wochenpläne seien reine Willkür, sagt Fells. In der einen Woche bekomme man 25 Stunden zugewiesen, in der nächsten 7, dann wieder 14.
Fells und die Arbeiter fordern 15 Dollar Stundenlohn und eine eigene Gewerkschaft. Im Herbst 2012 trugen sie ihren Protest erstmals auf die Straße. Obwohl viele ihre Chefs fürchteten, streikten mehr als 200 von ihnen vor verschiedenen Fast-Food-Läden, verteilt über ganz New York. Es war die Keimzelle einer Bewegung, die es mittlerweile landesweit gibt. Unter dem Motto "Strikefastfood" und "Low-pay-is-not-OK!" zogen am vergangenen Donnerstag Tausende Fast-Food-Angestellte durch 160 Städte. In Boston hielten die Streikenden eine Mahnwache für Maria Fernandes.
"Wir sind schon jetzt eine mächtige Bewegung", sagt Fells. Stolz erwähnt er, dass McDonald's "Fast Food Forward" in einem Bericht an seine Aktionäre als "ernst zu nehmende Bedrohung" für die Gewinnaussichten bezeichnet habe.
"Weißt du noch, wo sie liegt?", fragt Armando, als sie auf dem Rosedale Cemetery angekommen sind. "Sektion 3B2DD", knurrt Richard. Das Auto rollt über die Straßen des Friedhofs, vorbei an endlosen Grabfeldern. In manchen Sektionen stehen prunkvolle Grabsteine, größer als die Menschen, für die sie errichtet wurden. In anderen Sektionen sind die Steine immerhin kniehoch. Armando, Richard und die Kinder halten schließlich vor einem Acker. Hier liegen die, die sich keine Grabsteine leisten konnten, sondern bestenfalls eine flache Platte im Gras.
Richard und Armando laufen auf das Grabfeld, es dämmert und es regnet. Neben einigen Grabplatten liegen Blumen, dazwischen liegt Müll.
Sie laufen gebückt, ihre Hände wühlen in der roten Erde, sie suchen nach einem Hinweis darauf, wo Maria genau begraben liegen könnte. "Hast du sie?", ruft Armando. "Nein, aber hier irgendwo muss sie sein", antwortet Richard.
Als Maria starb, wussten sie nicht, wie sie die Beerdigung bezahlen sollten. Sie selbst hatten kein Geld, und auch Maria hatte trotz der vielen Arbeit keinen Cent hinterlassen. 5000 Dollar verlangte das Beerdigungsinstitut, 2000 Dollar der Friedhof. Sie hatten bereits die billigste Art der Bestattung ausgehandelt, die Dunkin'-Donuts-Variante, und der Bestatter gewährte ihnen sogar einen Rabatt. Aber das reichte nicht.
In ihrer Not fragte Armando die Geschäftsführer der drei Dunkin'-Donuts- Filialen, für die Maria gearbeitet hatte, ob sie sich an den Kosten beteiligen würden. Der eine gab 500 Dollar, der andere 1000 Dollar, der Dritte irgendwas dazwischen. Wenigstens am Schluss, sagt Armando, hätten sie für sie anständig bezahlt.
Bei der Beerdigung stand ein Bekannter mit dem Laptop neben dem Grab und filmte, wie Maria in die Erde gelassen wurde. Die Bilder wurden per Livestream zu ihren Eltern und ihrer Schwester nach Portugal übertragen, die sich den Flug in die USA nicht leisten konnten. Es sei schon toll, sagte Armando, was heute alles möglich sei.
"Wo ist sie denn?", fragt er Richard nun.
"Ich glaube, du stehst gerade über ihr."
"Nein, eher da drüben."
"Kann sein", murmelt Richard.
Ein paar Minuten später geben sie auf. Sie stehen mit den Schuhen halb in der Friedhofserde versunken und blicken traurig auf das Feld.
"Warum hat sie denn nicht so eine Platte mit ihrem Namen drauf?", fragt Armando.
"Zu teuer", sagt Richard. "Wer soll das denn bezahlen?"
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 50/2014
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