08.12.2014

SPIEGEL-Gespräch„Rückzugsort für die Seele“

Beate Jessel, Deutschlands oberste Naturschützerin, über die Rückkehr der Wildnis, die Angst vor dem Wolf und die Bedrohung der Artenvielfalt durch die Energiewende
Das Moor liegt da wie hingegossen, ein opulenter grüner Teppich, glitzernd im Sonnenlicht. Farne spreizen ihre Wedel, Torfmoose und der fleischfressende Sonnentau wachsen auf dem federnden Grund.
Beate Jessel blickt hinüber zu den Birken und Erlen am Rand des sanft abfallenden Terrains und saugt die kühle Luft in ihre Lungen, während sie den Erklärungen der Forstexperten lauscht. Jessel, 52, seit sieben Jahren Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz in Bonn und somit Deutschlands oberste Naturschützerin, hockt an diesem Tag nicht an ihrem Behördenschreibtisch; sie genießt offenkundig die Exkursion zu diesem Flecken Erde, der bald unter besonderen Schutz gestellt wird.
Das Moor namens "Langbruch" liegt im Hunsrück-Hochwald, der im kommenden Mai als Nationalpark eröffnet werden soll - Deutschlands sechzehnter (siehe Grafik Seite 156). In dem knapp über 10 000 Hektar großen Waldgebiet an der Grenze von Rheinland-Pfalz und Saarland heißen die Wanderwege "Traumschleifen" und die Orte Morbach, Börfink oder Wirschweiler. Die Gemeinden hoffen auf Einnahmen aus dem Ökotourismus.
Wildkatzen schleichen durch die bis zu 330 Jahre alten Buchenwälder des Hunsrücker Höhenzugs. Wilde Narzisse, Bocks-Riemenzunge und Arnika stehen auf den Wiesen. Haubenmeise, Raufußkauz und Fichtenkreuzschnabel brüten im Forst. Nachts jagen Breitflügel- und Bechsteinfledermäuse über den Hängen. Und dicht an dicht wächst der "Preußenbaum", wie sie hier die Fichte nennen, weil sie erstmals von den Preußen großflächig in der Gegend angepflanzt wurde.
Beate Jessel fühlt sich dem Ziel verpflichtet, in Deutschland mehr Wildnis zu schaffen. Eine Exkursion zu den verwunschenen Hangmooren des Hunsrücks stimmt gut ein auf ein Gespräch mit der ehemaligen Professorin für Landschaftsplanung an der TU München.
SPIEGEL: Frau Jessel, in seinem Essay "Über den Schmerz" schrieb Siegfried Lenz: "Welche Wirkungen selbst begrenzte Wildnis auf den Menschen hat, das hat offener Sinn überall registriert: Wir staunen und beunruhigen uns, wir sind begeistert und erschauern, wir empfinden Sehnsucht und ein rätselhaftes Gefühl von Dauer." Können Sie mit solchen poetischen Beschreibungen etwas anfangen?
Jessel: Aber ja! Wildnis löst sehr starke Gefühle in uns aus. Es gibt eine tiefe Sehnsucht nach Rückzugsorten für die Seele. Bei Menschen, die traumatische Erlebnisse hatten, die vergewaltigt oder überfallen wurden, ist dies besonders eindrücklich zu beobachten. Wenn man ihnen sagt, zeichnet doch mal eine Landschaft, dann malen sie Bäume, Gewässer, Wiesen - aber in diesen Bildern kommen fast nie Menschen vor. Wir brauchen Wildnis, nicht nur um der Natur willen, sondern auch um unserer selbst willen.
SPIEGEL: Die schwarz-rote Bundesregierung hat 2007 die "Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt" beschlossen. Demnach soll bis 2020 auf zwei Prozent der Landesfläche Wildnis entstehen. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?
Jessel: Wir sind längst nicht so weit, wie wir gehofft hatten. Aktuell umfassen die 15 deutschen Nationalparks nur 0,57 Prozent der Landesfläche. Nach Jahren des Stillstands gibt es im Moment aber wieder Fortschritte. Anfang des Jahres ist der Nationalpark Schwarzwald in Baden-Württemberg ausgewiesen worden. Jetzt folgt Hunsrück-Hochwald.
SPIEGEL: Wir sind ein dicht besiedeltes Industrieland - was hat Wildnis hier noch zu suchen?
Jessel: Na, sie unterstützt neben anderem gerade auch die Wirtschaft! Unsere Nationalparks ziehen jährlich über 50 Millionen Besucher an. Mit der Wildnis werden mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr umgesetzt - eine große Chance für strukturschwa-
che Gebiete wie die Eifel, den Schwarzwald oder jetzt den Hunsrück. Vor allem aber brauchen wir diese Schutzräume, um die biologische Vielfalt zu erhalten. Nicht nur Luchs oder Wildkatze sind auf solche Gebiete angewiesen, sondern auch unscheinbare Arten, Pilze, Moose, Flechten. Oder etwa Insekten, die von Totholz leben.
SPIEGEL: Laut einer Studie aus Ihrem Haus mögen über 80 Prozent der Deutschen die wilde Natur, die Hälfte davon wünscht sich sogar mehr Wildnis in Deutschland. Hat Sie das überrascht?
Jessel: Vor allem hat es mich gefreut. Die Mehrheit der Befragten sieht klar, dass Wildnisgebiete gebraucht werden, um die biologische Vielfalt zu erhalten, und dass Wildnis gut zu Deutschland, zu unserer Identität passt. Diese Sichtweise entspricht so gar nicht derjenigen der Forstwirtschaft oder der Holzindustrie, die oftmals pauschal gegen Wildnis polemisieren.
SPIEGEL: Erstaunlicherweise verbindet aber nur jeder fünfte Befragte Wildnis mit der Abwesenheit von Zivilisation.
Jessel: Ich glaube, die Leute sind einfach realistisch. Gebiete ohne menschlichen Einfluss existieren ja kaum mehr, auch weltweit nicht. Es gibt ein Zitat des amerikanischen Historikers Roderick Nash: "Des einen Menschen Wildnis ist des anderen Menschen Picknickplatz neben der Straße." Das ist eine schöne Metapher der Naturwahrnehmung. Was wir Wildnis nennen, ist sehr subjektiv.
SPIEGEL: Und zu weit gehen soll die Wildnis offenbar auch nicht. Der Wolf beispielsweise ist nicht überall beliebt. Nur 44 Prozent fänden es gut, wenn sich der in den letzten Jahren zurückgekehrte Räuber weiter verbreiten würde. Wie erklären Sie sich das?
Jessel: Einerseits gibt es diese Urängste vor dem Raubtier, die früher durchaus begründet waren. Wenn ein Kleinbauer nur ein einziges Nutztier hatte und dieses gerissen wurde, dann war das für ihn schon existenzbedrohend. Zum anderen fasziniert uns der Wolf aber auch, zum Beispiel weil er so ein komplexes Sozialleben hat.
SPIEGEL: Laut der Tierschutzorganisation International Fund for Animal Welfare sind in Deutschland seit 2006 rund 70 Wölfe überfahren oder geschossen worden ...
Jessel: ... das stimmt, und leider gibt es eine hohe Dunkelziffer. Denn wenn wir uns die vorhandenen Rudel und deren normale Reproduktionsrate ansehen, müssten wir hier eigentlich schon deutlich mehr Wölfe haben.
SPIEGEL: Es gibt Wolfsbeauftragte, Wolfsberater, Wolfsinfoveranstaltungen - warum ist es so schwer, die Menschen zu überzeugen?
Jessel: Wir dürfen den Wolf nicht verniedlichen. Der Wolf ist ein wildes Tier, und wir sollten ihn als solches akzeptieren. Wer ihm begegnet, sollte ihm aus dem Weg gehen. Allerdings hat der Wolf ja letztlich viel mehr Angst vor dem Menschen als umgekehrt.
SPIEGEL: Aber Sie freuen sich schon über den Wolf?
Jessel: Sicher. Für den Naturschutz ist seine Rückkehr ein großer Erfolg. Interessant ist, dass er nicht einmal Wildnis braucht. Die ersten Wölfe tauchten bei uns ja in der Oberlausitz auf einem Truppenübungsplatz auf, in einer von Menschen vollkommen umgestalteten Landschaft. Was der Wolf braucht, sind große, ungestörte Räume.
SPIEGEL: Außerhalb unserer Nationalparks wirkt Deutschland inzwischen reichlich öde. Sie haben im März eine Studie "Lage der Natur in Deutschland" veröffentlicht. Von den wichtigen Tierarten in Deutschland geht es knapp einem Drittel schlecht. Besonders kritisch ist die Lage bei Amphibien, Schmetterlingen und Wanderfischen. Hat der Naturschutz versagt?
Jessel: Na, nun übertreiben Sie aber. Aber ich gebe Ihnen recht, der Zustand der Natur in Deutschland ist in der Tat bedenklich. Grünland zum Beispiel verschwindet in dramatischem Ausmaß. Bundesweit sind uns seit 1990 etwa 870 000 Hektar Wiesen und Weiden verloren gegangen, das entspricht der Hälfte eines Bundeslandes wie Thüringen. In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der Vögel in der Feldflur halbiert, und das betrifft inzwischen auch Allerweltsarten wie die Feldlerche. Die Zahl der Schmetterlinge und Wildbienen hat drastisch abgenommen. Arten wie das Rebhuhn finden keine Rückzugsräume mehr - hier beträgt die Abnahme sogar 90 Prozent! Es fehlen Brachstreifen, in denen Vögel wie der Kiebitz brüten können. Außerdem wird immer noch viel zu viel gedüngt. Gewässer und Böden sind extrem belastet. Die Stickstoffeinträge liegen im Schnitt bei über hundert Kilogramm pro Jahr und Hektar, Tendenz wieder steigend.
SPIEGEL: Was müsste getan werden?
Jessel: Wir sollten Landwirte belohnen, wenn sie zur Erhaltung einzelner bedrohter Arten beitragen. Auch muss die Umwandlung von Grünland in Ackerfläche verboten werden. Leider haben viele Bauern überhaupt kein Interesse mehr an Grünland. Das liegt auch an der Energiewende. Auf mehr als 17 Prozent der Ackerfläche wachsen inzwischen Energiepflanzen für Biogasanlagen. In einzelnen Landkreisen steht Energiemais auf 40 Prozent der Fläche. Ökologisch ist das verheerend. Erfreulicherweise wurde die Bioenergie mit der EEG-Novelle gedeckelt. Es wird wohl nur noch wenige neue Biogasanlagen geben. Allerdings haben bestehende Anlagen für die nächsten 20 Jahre Bestandsschutz.
SPIEGEL: Auch die Errichtung von Windkraftanlagen beispielsweise in Wäldern oder auf See stellt eine Gefahr für manche Tierarten dar, etwa für Vögel, die von den Rotoren geschreddert werden. Schadet die Energiewende dem Naturschutz?
Jessel: Der schnelle Umstieg auf die Erneuerbaren birgt auf jeden Fall Risiken. Für Rotmilan oder Seeadler etwa sind Windkraftanlagen in der Tat sehr problematisch. Und genau für diese Vögel hat Deutschland international eine besondere Verantwortung, da wir für sie in Europa ein sehr wichtiges Brutgebiet darstellen. Um die Tiere zu schützen, wäre es vernünftig, Windkraftanlagen möglichst stark zu bündeln und nicht als einzelne Spargel in die Landschaft zu stellen. Ich lege aber Wert darauf, dass wir letztlich die Energiewende gerade auch für den Naturschutz brauchen. Denn es geht ja darum, die Folgen des Klimawandels, die auch für die Natur gravierend wären, einzudämmen.
SPIEGEL: Bei Offshore-Windparks eskaliert die Auseinandersetzung ebenfalls. Der Naturschutzbund Deutschland versucht, den Bau des Windparks Butendiek vor Sylt gerichtlich zu stoppen, weil die Anlage mitten in zwei Schutzgebieten errichtet werden soll und Seetaucher sowie Schweinswale gefährden würde.
Jessel: Auch wir sind über Butendiek alles andere als glücklich. Heute wäre ein solches Vorhaben nicht mehr genehmigungsfähig. Aber der Betreiber hat unter den damaligen Voraussetzungen eine gültige Genehmigung erhalten, und zu der müssen wir nun stehen. Wir haben aber auch dazugelernt. Für den Seetaucher etwa gibt es inzwischen ein Gebiet in der Nordsee, in dem keine Windparks mehr zugelassen werden. Zwei Projekte sind dort bereits nicht mehr genehmigt worden.
SPIEGEL: Ein Seevogel stoppt die Energiewende - macht sich der Naturschutz mit seiner Blockadehaltung nicht lächerlich?
Jessel: Nein. Und mich nervt, dass immer so holzschnittartig argumentiert wird. Es geht ja nicht um einzelne Arten, sondern um Lebensräume. Was ökologisch nicht nachhaltig ist, funktioniert auf Dauer auch ökonomisch nicht. Andersherum ärgert es mich allerdings auch, wenn einzelne Tiere aus dem Hut gezaubert werden, um Bauprojekte gezielt zu behindern. Häufig geht es dabei nämlich gar nicht um Naturschutz.
SPIEGEL: Eine Fledermausart, die Kleine Hufeisennase, stoppte zum Beispiel vorübergehend den Bau der Dresdner Waldschlösschenbrücke.
Jessel: Ja, ein gutes Beispiel. Eigentlich wehrten sich die Gegner der Brücke gegen die optische Verschandelung des Elbtals. Als das nicht fruchtete, kam die Kleine Hufeisennase gerade recht. Oder nehmen Sie Stuttgart 21: Die wahren Einwände sind doch, dass der neue Bahnhof viel zu teuer wird und gleichzeitig das Verkehrsproblem nicht lösen kann. Dann entdeckt jemand den Juchtenkäfer im Stuttgarter Schlossgarten. Und sofort wird das Tier benutzt, um zu verzögern und zu klagen. So ein Vorgehen instrumentalisiert den Naturschutz und zieht ihn ins Lächerliche.
SPIEGEL: Aber der Juchtenkäfer ist doch tatsächlich eine streng geschützte Art.
Jessel: Sicher, aber wir müssen uns doch vor allem fragen, warum das Tier auf alte Parkbäume mitten in der Großstadt ausweicht, die gar nicht sein natürlicher Lebensraum sind. Der Juchtenkäfer braucht zusammenhängende Waldgebiete mit vielen alten Bäumen. Dass wir ihn nun plötzlich mitten in der Großstadt schützen müssen, zeigt vor allem, dass draußen in unserer Landschaft etwas verkehrt läuft.
SPIEGEL: Sind beim Artenschutz denn auch Erfolge zu verzeichnen?
Jessel: Durchaus, so kehrt der Luchs gerade in den Harz zurück, der Steinbock lebt wieder im Berchtesgadener Land. Oder nehmen Sie die Wildkatze, den Seeadler, den Weißstorch und den Schwarzstorch - all das sind Arten, denen es in Deutschland wieder besser geht.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, es gebe noch Gegenden, die in Deutschland nur darauf warteten, wieder wild zu werden. Welche meinen Sie damit?
Jessel: Wir haben mit dem Odertal-Nationalpark erst einen einzigen großen Auennationalpark in Deutschland. Das ist zu wenig. Auch im Voralpenland und bei unseren Moorlandschaften sehe ich noch Möglichkeiten. Ich bin zudem ein großer Fan von Naturschutz in der Stadt. Die Entfremdung zwischen Mensch und Natur ist viel zu groß. Trends wie das Urban Gardening oder Naturerlebnisräume in der Stadt gefallen mir gut.
SPIEGEL: Haben Sie einen Lieblingsort in Deutschland?
Jessel: Den Nationalpark Bayerischer Wald. Was sich dort in den 44 Jahren seit seiner Gründung entwickelt hat, ist beeindruckend. Über ein Drittel unserer Brutvögel sind dort inzwischen vertreten. Das zeigt auch, dass wir der Wildnis Zeit lassen müssen, sich zu entfalten. Es muss übrigens gar nicht immer die reine Wildnis sein. Seit sieben Jahren bin ich im Bergischen Land an der Grenze zum Westerwald zu Hause, einer Gegend mit tief eingeschnittenen Bachtälern, Buchenwäldern und dazwischen offenen Flächen mit Wiesen und vielen Obstbäumen. Das ist eine unspektakuläre Kulturlandschaft, die der Seele auch guttut.
SPIEGEL: Frau Jessel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Philip Bethge.
Von Bethge, Philip

DER SPIEGEL 50/2014
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