15.12.2014

PopulismusNeue deutsche Welle

Wutbürger und Rechtsextreme formieren sich zu einer Protestbewegung und kämpfen gegen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes. Ist die seit einiger Zeit gefeierte Weltoffenheit der Deutschen schon wieder Geschichte?
Eine schmucke Villa im Dresdner Stadtteil Striesen, es ist ein dunkler Nachmittag Anfang Dezember. Felix Menzel sitzt in seinem Arbeitszimmer und denkt über Europa nach. An der Wand prangt ein Porträt Ernst Jüngers, Lieblingsautor vieler Erzkonservativer.
Menzel, 29, ist ein höflicher, unscheinbarer Typ mit Cordhose und randloser Brille. Er gibt sich intellektuell, dumpfe Sprüche wie "Ausländer raus" vermeidet er. Lieber spricht er über "die abendländische Seele Europas", zu der das Christentum und das antike Erbe gehörten, aber nicht der Islam. "Ich sehe große Gefahren von außerhalb Europas auf uns einwirken, insbesondere die Überbevölkerung Afrikas und Asiens macht mir wenig Hoffnung", sagt Menzel mit ernster Miene. "Und was sich gerade im Irak und in Syrien abspielt, sind für mich klare Vorboten des ersten Weltbürgerkriegs."
Seit zehn Jahren betreibt der sächsische Medienwissenschaftler die "Blaue Narzisse", ein rechtskonservatives Magazin für Schüler und Studenten. Bislang hat sich kaum jemand für sein kleines Heft interessiert. Das soll sich jetzt ändern, wenn es nach Menzel geht: "Der herbeigesehnte Aufstand der Massen kommt nun langsam in Bewegung", heißt es auf dem Onlineportal seiner Zeitschrift: "Und diese Bewegung geht nach rechts."
Zumindest in Dresden tut sich seit Wochen einiges im Sinne der "Blauen Narzisse": Erst ein paar Dutzend, dann Hunderte und zuletzt zehntausend Bürger zogen montags auf die Straßen. Sie nennen sich "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida), sie demonstrieren gegen Wirtschaftsflüchtlinge und eine vermeintliche "kulturelle Überfremdung der Heimat" - was auch immer sie darunter verstehen.
Was ist los im international zweitbeliebtesten Einwanderungsland? Ist es mit der seit Längerem gefeierten Weltoffenheit der Deutschen schon wieder vorbei? Kehrt eine diffuse Angst vor Überfremdung zurück wie in den Neunzigerjahren, als in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim brannte? Und wie groß ist die neue Bürger-rechts-Bewegung - bleibt sie auf Dresden beschränkt, oder breitet sie sich deutschlandweit aus?
Unter dem Pegida-Label demonstrierten andernorts - etwa in Kassel oder Würzburg - bislang zwar nur jeweils wenige Hundert Menschen. Zuweilen war die Zahl der Gegendemonstranten deutlich höher. Und während an diesem Montag in Dresden erneut Tausende "Patriotische Europäer" auf die Straße ziehen wollen, machen ihre Gesinnungsfreunde in den westlichen Bundesländern lieber eine Weihnachtspause: Erst nach den Feiertagen wollen Pegida-Anhänger etwa in Köln, Düsseldorf und Unna wieder demonstrieren.
Die Ansichten der Protestler jedoch werden von vielen Deutschen geteilt, wie eine aktuelle SPIEGEL-Umfrage zeigt: Immerhin 34 Prozent der Bürger sind wie die Pegida-Demonstranten der Meinung, dass Deutschland zunehmend islamisiert werde.
Schon vor Beginn der Pegida-Bewegung nahm die Zahl rechter Proteste deutschlandweit zu. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres zählten die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl und die Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rassismus einsetzt, mehr als 200 Demonstrationen gegen Asylbewerberheime.
Immer wieder schlagen zudem Proteste in Gewalt um. Im Schnitt zweimal pro Woche werden in der Bundesrepublik Flüchtlingsunterkünfte von rechten Tätern attackiert. Erst in der Nacht zum vergangenen Freitag traf es drei für Flüchtlinge umgebaute, aber noch leer stehende Häuser bei Nürnberg; sie wurden mit Hakenkreuzen beschmiert und in Brand gesetzt. "Unerträglich" seien solche Anschläge, sagte danach die Kanzlerin.
2014 gab es bis Ende September nach Angaben der Bundesregierung 86 Übergriffe mit rechtem Hintergrund auf Asylbewerberheime (siehe Grafik). Die Delikte reichen von Brandstiftung über schwere Körperverletzung bis zu Hausfriedensbruch und dem Hinschmieren verfassungsfeindlicher Symbole.
Zudem fluten zahllose rechte Hetzportale und Facebook-Gruppen das Internet. Allein der islamfeindliche Blog "Politically Incorrect" meldet etwa 70 000 Besucher pro Tag.
In der neuen Protestwelle fließen unterschiedliche Strömungen zusammen. Besorgte Anwohner treffen auf demokratiemüde Konservative, Hooligans mischen sich mit Neonazis und notorisch rechten Verschwörungstheoretikern. Berührungsängste der Bürger zu den ganz Rechten nehmen ab, extremistisches, ausländerfeindliches Gedankengut ist offenbar salonfähig geworden.
Dieses unübersichtliche Nebeneinander macht den Umgang mit den selbst ernannten Rettern des Abendlandes so schwer. Mehrheitlich wollen sich die Demonstranten zwar nicht als rechtsextrem verstanden wissen. Allerdings scheint es sie auch nicht groß zu stören, Woche für Woche Seite an Seite mit stiernackigen, glatzköpfigen Männern zu demonstrieren und gemeinsam "Wir sind das Volk!" zu rufen. Braune Trittbrettfahrer wie die NPD wittern eine Chance, mit ihrem Weltbild Anschluss an die bürgerliche Mitte zu finden. Bislang kaum beachtete völkische Ideologen der sogenannten "Identitären Bewegung" sehen ihre Stunde gekommen, ebenso wie die irrlichternde "Reichsbürgerbewegung", die die Weiterexistenz des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937 propagiert.
Die Sicherheitsbehörden sind alarmiert. "Wir nehmen das sehr ernst", sagt ein hochrangiger Verfassungsschützer. Insbesondere die Ereignisse vom 26. Oktober, als in der Kölner Innenstadt bei einer Demonstration der Gruppe "Hooligans gegen Salafisten" (Hogesa) mindestens 400 Rechtsextremisten mitrandalierten, haben die Behörden aufgerüttelt. Das Thema schaffte es bis in die "Nachrichtendienstliche Lage" im Bundeskanzleramt, wo die Order erging, sich intensiv mit der merkwürdigen Melange zu beschäftigen.
Auch die Bundesanwaltschaft ist involviert. Nach Angaben eines Sprechers sind in der Karlsruher Behörde mehr als 100 "Beobachtungs- und Prüfvorgänge in Zusammenhang mit rechtsextremistischen Aktivitäten" anhängig; die Hogesa-Bewegung werde ebenfalls beobachtet.
Polizei und Verfassungsschutz erarbeiteten inzwischen einen Bericht über die Verbindungen zwischen Hooligans und Rechtsextremisten, den sich in der vergangenen Woche die Innenminister aus Bund und Ländern vornahmen. Die Runde tauschte sich auch über Pegida und deren zahlreiche Klone aus und erörterte die Frage, wie mit dem brodelnden Protest umzugehen sei.
Ein schlüssiges Konzept wurde nicht gefunden. "Wir können nicht 10 000 Menschen als Rechtsextreme verunglimpfen, das schafft mehr Probleme, als es löst", sagt der sächsische Innenminister Markus Ulbig (CDU); unter den Dresdner Demonstranten sei viel "bürgerliches Volk" gewesen: "Auf die können Sie nicht mit der großen Neonazi-Keule einprügeln."
Von "Neonazis in Nadelstreifen" hatte dagegen sein nordrhein-westfälischer Kollege Ralf Jäger (SPD), derzeit Vorsitzender der Innenministerkonferenz, zunächst gesprochen. Am Ende der Tagung wurde auch er vorsichtiger. "Wir müssen diese Aufwiegler demaskieren. Sie schüren ganz bewusst Ängste und Vorurteile", sagte Jäger. Statt Repressionen soll es nun Aufklärungskampagnen für verunsicherte Bürger geben.
Die Demonstranten machen es den Behörden nicht gerade leicht. Seit den Krawallen von Köln achten sie in der Regel akribisch darauf, sich während der wöchentlichen Proteste nicht strafbar zu machen und auch nicht allzu offensichtlich mit Rechtsextremisten zu paktieren. Die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht sowie Volksverhetzung und Ausländerfeindlichkeit ist dabei nicht leicht zu ziehen. Und so marschieren die Bürger momentan geradewegs unter dem Radar von Verfassungsschutz und Polizei hindurch.
In Dresden begann vorigen Montag ein Pegida-Redner, der seinen Namen nicht nannte, sogar mit einem Zitat des schwarzen US-Bürgerrechtlers Martin Luther King: "I have a dream". Auch er habe einen Traum, sagte der sächsische Demonstrant; den Traum eines friedlichen Miteinanders aller Menschen und Kulturen. Doch dann kam er zur harten Realität: Es herrsche Krieg.
Ob es einen "objektiven Grund" gegeben habe, fragte der Redner rhetorisch, in den Irak einzumarschieren, Muammar al-Gaddafi zu stürzen, in Tunesien zu intervenieren, Hosni Mubarak abzusetzen und "Russland mit der Ukraine zu provozieren"? "Nein!", brüllte die Masse jedes Mal. "Wer Krieg sät, wird Flüchtlinge ernten", rief der Pegida-Mann vor 10 000 Dresdner Bürgern: "Perverses Gedankengut" werde Deutschland erreichen, "müssen wir warten, bis wir in Sachsen Zustände wie in Berlin-Neukölln haben?"
Sogar die New York Times druckte ein "Dresden Journal": In einer deutschen Stadt, reich an Geschichte und Tragödien, braue sich eine "Flut gegen Zuwanderung" zusammen. Die umgehend vom Mitteldeutschen Rundfunk vernommene Autorin lobte dennoch die friedliche Demo-Atmosphäre vor Ort, die Menschen seien gut gelaunt gewesen, "trotz klirrender Kälte". Sie habe den Eindruck gehabt, viele trauerten den "guten alten Zeiten" nach.
Die Frage ist nur: welchen? Jenen nach 1933, als Dresden unter dem Hakenkreuz die jüdische Einwohnerschaft vertrieb? Oder jenen nach 1945, als die SED einen ganzen Landstrich in ein Tal der Ahnungslosen verwandelte?
Was viele Sachsen so nachdrücklich erregt, ist auf den ersten Blick schwer zu erkennen. Laut Statistik leben im Freistaat knapp 100 000 Ausländer, das ist ein Anteil von 2,5 Prozent - in Berlin sind es 13,4 Prozent. Der Anteil von Muslimen, die das sächsische Abendland islamisieren könnten, liegt nach Angaben des Innenministeriums sogar bei nur 0,1 Prozent. Viele der Menschen, die nun wöchentlich auf die Straße gehen, glauben das aber nicht. Für sie täuscht ein Kartell aus Politik und "Systemmedien" frech über die wahren Verhältnisse hinweg.
Immerhin hatte schon einer der größten Sachsen, Karl May, beachtliches Talent darin bewiesen, sich fremde, bedrohliche Welten auszumalen. In seinen Romanen wimmelt es von Muselmanen, die Ungläubige mit dem Schwert blenden oder gleich in die Hölle führen.
Auf den Montagsdemos lassen viele Dresdner ihrer Fantasie ebenfalls freien Lauf. Einer will verhindern, dass seine Enkelinnen künftig Kopftuch tragen müssen, ein anderer rät Islamisten, lieber in reichen Ölländern Asyl zu suchen. Eine Frau klagt, sie könne sich kein Smartphone leisten - die Flüchtlinge aber schon.
Lutz Bachmann hat sie zusammengebracht. Der Auslöser für seine Bewegung sei ein Spaziergang auf der postsozialistischen Dresdner Einkaufsmeile Prager Straße gewesen, sagt Bachmann. Dort habe er eine Aktion von Anhängern der kurdischen Arbeiterpartei PKK gesehen, die sich in Syrien und im Irak den Kämpfern des "Islamischen Staates" entgegenstellt. Er habe eine Facebook-Gruppe dagegen aufgemacht. Vor allem gegen Waffenlieferungen für die PKK.
Eine Handvoll Leute war das damals, zur ersten Demonstration im Oktober kamen nur wenige. Nun hat Pegida bereits mehr als 44 000 Facebook-Fans - anders als etwa die sächsische CDU, die dort nach 24 Regierungsjahren bislang 661 Anhänger fand.
Während Pegida kriminelle Asylbewerber umgehend abschieben will, sind Aktivisten aus den eigenen Reihen selbst polizeibekannt. Versammlungsleiter Bachmann ist registriert unter dem Begriff "allgemeine Kriminalität (auch Gewaltdelikte)", er ist unter anderem verurteilt wegen Einbruchs und Drogendelikten. Ein weiteres Mitglied der bürgerlichen Führungsriege wird ebenfalls bei der Polizei unter allgemeine Kriminalität plus Gewaltdelikte geführt; ein dritter Mitorganisator sei als Betrüger auffällig geworden.
Bemerkenswert sind auch die Verbindungen der Pegida zur Hooligan-Szene. So hat die Polizei bei den Aufmärschen Mitglieder der als rechtsextrem eingestuften Dresdner Hooligan-Gruppe "Faust des Ostens" ausgemacht. Auch Mitstreiter der "Hooligans Elbflorenz" wurden gesichtet - ihnen hat das Landgericht Dresden bereits bescheinigt, eine kriminelle Vereinigung zu sein. Aktivisten der Gruppe sollen Kontakte zur verbotenen Kameradschaft Skinheads Sächsische Schweiz unterhalten haben.
Die Polizei schätzt, dass bei den Pegida-Aufmärschen etwa 300 Menschen mit "Bezug zur Fanszene der SG Dynamo Dresden" mitlaufen, 250 von ihnen werden als "Problemfans" bezeichnet. Intern wird davon ausgegangen, dass ein großer Teil von ihnen "offen gegenüber rechtsextremem Gedankengut" sei. Offenbar besteht auch eine Verbindung zwischen Pegida und der Hogesa. So wurde ein 42-Jähriger in Meißen ausfindig gemacht, der als Organisator beider Protestbewegungen gilt.
Ein diffuses Gefühl der Bedrohung eint die Demonstranten, ganz gleich, ob sie sich als bürgerlich, national-konservativ oder rechtsradikal begreifen. Sie sehnen sich nach Abgrenzung und simplen Antworten; deshalb haben plötzlich fast vergessene Begriffe wie "Volk" und "Vaterland" wieder Konjunktur.
Noch im Sommer stand die Deutschlandflagge für eine fröhliche, multikulturelle Fußballnation. Jetzt weht sie über den Köpfen von Pegida-Mitläufern, die frohlocken: "Deutschland erwacht". "Für unser Vaterland, für Deutschland, es ist unser Land, das Land unserer Ahnen, Nachfahren und Kinder."
Woher stammt dieser neue, als Patriotismus verbrämte Nationalismus? Das "rechtsorientierte Wutbürgertum" komme mit dem gesellschaftlichen Wandel der vergangenen Jahrzehnte nicht zurecht, meint der Düsseldorfer Rechtsextremismusforscher Alexander Häusler. Die Protestler verfolgten ein "restauratives Gesellschaftsbild", das ungefähr dem der Bundesrepublik in den Fünfzigerjahren entspreche - lange bevor Deutschland Einwanderungsland wurde.
"Das Zusammenwirken von Gesellschaft und Politik läuft schief", sagt Werner Patzelt, Politologe an der TU Dresden. Jahrzehntelang sei gerade in Sachsen viel zu wenig in die politische Bildung investiert worden. Auch das begünstige die Aufmärsche.
Viele Bürger glauben offenbar, ein wichtiges Thema - die Folgen von Migration für die Gesellschaft - werde von Politik und Medien tabuisiert. Ihre Unzufriedenheit äußert sich nicht nur auf der Straße, sie prägt auch den Diskurs in sozialen Medien. Und sie ist als Buchthema populär. So besetzt Udo Ulfkotte mit seinen Verschwörungstheorien ("Gekaufte Journalisten") aktuell die Bestsellerlisten.
Weil sogenannte Mainstream-Medien die Wahrheit unterdrückten, spricht Ulfkotte seine Erkenntnisse seit Jahren umso lauter aus. Zum Beispiel über eine bislang kaum beachtete Variante des "heiligen Krieges": Muslime könnten europäische Lebensmittel gezielt mit ihren Exkrementen verunreinigen, behauptete der ehemalige FAZ-Journalist im Internet. "Auch die Geheimdienste warnen schon seit Jahren vor dem Fäkalien-Dschihad."
Spürbaren Erfolg beim Publikum erzielt auch Christian Jung, ein Beamter der Stadt München, der sich beim Bier im Gasthaus Isarthor ganz bürgerlich in brauner Strickjacke zeigt und im Gespräch freundlich sein 2012 gegründetes Internetportal Blu-News ("bürgerlich, liberal, unabhängig") präsentiert. Das Portal ist eines der größten der national-konservativen Szene, Jung bezeichnet es als "alternatives Medium, das sich politisch inkorrekt und provokativ einmischt".
In der Praxis sieht das dann so aus: Mal werden die "Hooligans gegen Salafisten" als neue Protestkultur beschrieben, die "in den Medien unfair behandelt" werde, mal zeigt Blu-News Schockvideos über den "Islamischen Staat", in denen Kinder abgetrennte Köpfe in den Händen halten. Der Kommentar dazu: "Es ist die Religion, nichts anderes. Ohne Islam ist diese Hölle nicht erklärbar." Nach Angaben von Jung, der zuvor schon als Funktionär der Anti-Islam-Partei "Die Freiheit" auffiel, hatte bisher kein Beitrag mehr Erfolg: Über 300 000-mal sei er aufgerufen worden.
Jede dieser Seiten verlinkt auf weitere Seiten. Klick um Klick landet man tiefer in der Parallelwelt derer, die sich als Bollwerk gegen "Überfremdung" fühlen. Da gibt es die "Patriotische Plattform" im AfD-Umfeld. Oder eine Website namens "Nürnberg 2.0 Deutschland", die rund hundert prominente Bürger wie Ex-Bundespräsident Christian Wulff wegen einer angeblichen "systematischen Islamisierung Deutschlands" vor Gericht stellen will, nach dem Vorbild der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.
Ein weiteres Blog, "Heerlager der Heiligen", ist nach einem unter Rechten beliebten Roman des Franzosen Jean Raspail benannt, in dem indische Flüchtlinge nach einer Hungersnot den europäischen Kontinent stürmen.
Im Sog dieser Wutwelle entwickeln sich zudem offenbar Ansätze für militante Strukturen. So ermittelt der Berliner Staatsschutz aktuell gegen eine obskure Gruppe namens "Deutsche Widerstandsbewegung" (DWB), die mit vier versuchten Brandanschlägen auf die Bundesgeschäftsstelle der CDU, den Berliner Reichstag und das Paul-Löbe-Haus des Bundestags in Verbindung gebracht wird.
Zwischen dem 25. August und 24. November hatten bislang unbekannte Täter dort Molotowcocktails gezündet, die glücklicherweise nur geringen Sachschaden anrichteten. An den Tatorten hinterließ die Gruppe einschlägige Pamphlete. Die derzeit herrschende "multikulturelle, multiethnische, multireligiöse und multigeschichtliche Bevölkerungskonstellation", heißt es darin, würde "das Land zerrütten, balkanisieren".
"Da entwickelt sich eine radikale Parallelgesellschaft", sagt Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Und das Beunruhigende sei, dass etliche bislang getrennte Gruppen und Grüppchen gerade drauf und dran seien, "eine gemeinsame national-chauvinistische Identität" zu schaffen.
Dazu zählten nicht nur populistische Eurogegner, Anti-Islam-Hetzer und Nationalisten, sondern eben auch klassische rechtsextremistische Kader, zudem immer unverhohlener ein Teil der AfD - "und sehr viele Menschen, die mit diesem Staat schlichtweg nichts mehr am Hut haben", so Zick.
Spätestens mit Pegida sei es gelungen, all diese Gruppierungen hinter einem Banner zu scharen. "Ich halte das für gefährlich, weil darunter eine große Anzahl von Gewaltorientierten ist." Diese Gewaltbereitschaft sei momentan zwar eher zu spüren als zu messen, "aber das wird irgendwann kippen, da bin ich sicher". Schon jetzt verberge sich hinter den zahllosen Dagegen-Parolen der Demonstranten eine verkappte Drohung, als bereite die Masse eine "Rückkehr von völkischen Ideen" vor, sagt der Sozialpsychologe. "Die rufen zwar ,Wir sind das Volk' - sie könnten aber auch rufen: ,Wir sind die Völkischen.'"
In Dresden sucht unterdessen Ministerpräsident Stanislaw Tillich nach einer Haltung. Lange Zeit hatte er geschwiegen über den rechtskonservativen Pulk, der Montag für Montag auf dem Schlossplatz aufmarschiert, in Sichtweite der sächsischen Regierungszentrale. Der CDU-Politiker glaubte offenbar, das Problem Pegida aussitzen zu können.
Mit den "Patriotischen Europäern" will Tillich nun "ins Gespräch kommen", um den Menschen "Unsicherheiten" zu nehmen. Über die Unsicherheit der Flüchtlinge und Muslime, die Angst haben müssen, vom rechten Mob überfallen zu werden, sagte er nichts.
Von Maik Baumgärtner, Jörg Diehl, Frank Hornig, Maximilian Popp, Sven Röbel, Jörg Schindler, Wolf Wiedmann-Schmidt und Steffen Winter

DER SPIEGEL 51/2014
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