20.12.2014

ParteienNur gucken, nicht anfassen

Wie Alexander Gauland versucht, Pegida-Sympathisanten für die AfD zu gewinnen, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen
Alexander Gauland steht auf dem Bürgersteig der Helmut-Schön-Allee in Dresden, umringt von seinen ergebenen Gefolgsleuten, gesetzte Herren, die mit ihm im Brandenburger Landtag sitzen. Sie haben auf der anderen Straßenseite Lutz Bachmann entdeckt, den Einpeitscher der Pegida, und stupsen sich an wie pubertierende Groupies. "Doktor Gauland", traut sich einer zu fragen, "wollen wir nicht wenigstens mal Hallo sagen?"
Gauland tut so, als hätte er die Frage nicht gehört. Stumm steht er da, die Hände tief in seine Manteltaschen vergraben.
Seit 2013 ist er der Vizechef der AfD, der Biedermann unter den Rechten. Ihm ist bewusst, welche politische Kraft ein Handschlag mit Lutz Bachmann haben würde, dem Pegida-Initiator, einem Mann mit einem nicht unerheblichen Vorstrafenregister, der berüchtigt ist für seine fremdenfeindlichen Parolen und seine dumpfe Deutschtümelei. Aber soll er, Gauland, seinen eigenen Leuten wirklich verbieten, einem anderen Menschen Hallo zu sagen?
200 Kilometer ist er mit einem Mietwagen nach Dresden gefahren. Die Reise soll ein Meisterstück politischer Demagogie werden, der Versuch, die Sympathisanten von Pegida für die AfD zu gewinnen, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Dabei sein will er, ohne mitzumarschieren, verstehen, ohne etwas sagen zu müssen. Angucken, ohne anzufassen. Dabei sein, aber nicht mittendrin.
Seine halbe Mannschaft hat er mitgebracht, Abgeordnete, Referenten, den Pressesprecher. Normale Menschen also, die sich auf der Pegida-Demonstration, wie Gauland sagt, "normale Menschen" ansehen wollen. Auf dem Weg nach Dresden haben sie noch ein Asylbewerberheim in Schwielowsee besichtigt. Niemand soll ihnen vorwerfen, sie wären ausländerfeindlich, nur weil sie zu einer Pegida-Demonstration fahren.
15 000 Menschen aus der gesamten Bundesrepublik nehmen teil, so viele wie nie seit Beginn der Demonstrationen am 20. Oktober. Es verbindet sie das Gefühl, Opfer zu sein: Opfer der angeblichen Islamisierung Deutschlands, Opfer der etablierten politischen Parteien, Opfer ihrer Kritiker und, spätestens seit vergangener Woche, auch Opfer der bundesweiten Debatte, die über die Gefahr von Pegida für Deutschland entbrannt ist.
Gauland ist der erste Politiker von Rang, der sich bei einer Pegida-Demonstration blicken lässt, andere Politiker sind den Demonstrationen bisher aus gutem Grund ferngeblieben. Er wartet vor dem Deutschen Hygiene-Museum. Nicht weit von hier haben sich die Demonstranten gesammelt, für den "Spaziergang", wie die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) ihre Märsche biedermännisch verniedlichen. Man kann die Demonstranten hören, aber nicht sehen. Für Gauland ist das nah genug, damit er behaupten kann, dabei gewesen zu sein, zugleich weit genug weg, um nicht vereinnahmt zu werden und vor der Auftaktkundgebung noch einmal ordentlich Interviews geben zu können.
Gauland sagt immer das Gleiche: dass er die Menschen hinter den vernichtenden Schlagzeilen kennenlernen wolle, ihre Schicksale, ihre Sorgen. "Ich will wissen, ob das wirklich ,Neonazis in Nadelstreifen' sind, wie der nordrhein-westfälische Innenminister gesagt hat, oder ,Chaoten', wie der Herr Bundespräsident sagt." Er legt Wert darauf, Joachim Gauck den "Herrn Bundespräsidenten" zu nennen. Es soll keinen Zweifel geben, wer Anstand hat und wer nicht.
Ein Reporter will wissen, ob er die Ziele der Pegida uneingeschränkt teile, die Angst, Deutschland könne ein islamischer Staat werden?
Gauland greift in seine Hosentasche, aus der er einen reichlich ramponierten DIN-A4-Zettel zieht mit dem 19-Punkte-Programm der Pegida. Er setzt seine Lesebrille auf und beginnt laut zu lesen, als prüfe er das Papier zum ersten Mal. "Pegida ist für den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie", liest er. Ja, das könne er unterschreiben. "Pegida ist für sexuelle Selbstbestimmung", auch das könne er unterschreiben, ebenso wie das "wahnwitzige ,Gender Mainstreaming'". "Ich würde vielleicht nicht ,wahnwitzig' schreiben", sagt Gauland, "aber sonst sind das alles Dinge, die man so unterschreiben könnte." Adjektive also sind es, die nach Gaulands Ansicht die AfD von Pegida unterscheiden. Petitessen.
Die Demonstranten haben sich inzwischen zur Auftaktkundgebung auf dem Rathausplatz versammelt, und Gauland möchte jetzt endlich hören, was die Menschen zu sagen haben, für die er eigentlich nach Dresden gekommen ist. Gauland macht sich auf den Weg.
"Wer sind Sie eigentlich?", fragt ein junger Demonstrant, der mit dem Fahrrad gekommen ist. Aber Gauland hat jetzt keine Zeit. Er will Bachmann zuhören.
Reden kann er ja, dieser Bachmann. Gaulands Getreue schauen sich immer wieder vergnügt an, wenn er einen rhetorischen Treffer landet, gegen die Eliten, die "Blockflötenparteien" oder seine Kritiker, die ihm Fremdenhass unterstellen, weil er eine konsequentere Asylpolitik befürwortet. Er selbst sei einmal abgeschoben worden, ruft Bachmann, aus Südafrika, weil dort sein Aufenthaltsrecht abgelaufen war. Das, findet er, lasse eine interessante, eher ungewohnte Erkenntnis über die Afrikaner zu. "Es müssen Nazis sein, weil sie sich an die Einhaltung ihrer Einwanderungsgesetze halten."
Kein Satz bereitet den Männern der AfD solch ein Vergnügen wie dieser, selbst Gauland freut sich mit. "Nicht schlecht", ruft einer von seinen Begleitern, und alle schauen sich an, in stiller Hochachtung vor Bachmanns Rhetorik. Sie reden jetzt auch von "Gänsehaut", weil sie sich an die Montagsdemonstrationen vor 25 Jahren in der DDR erinnert fühlen. Auch da habe man Demonstranten als "Chaoten" beschimpft.
Gauland will jetzt raus aus dem Getümmel, eine Zwischenbilanz ziehen, aber dann steht wieder dieser Mensch vor ihm, der mit dem Fahrrad gekommen ist. "Wer sind Sie eigentlich?", fragt er schon wieder.
"Ich bin der stellvertretende Vorsitzende der AfD", sagt Gauland.
"Der FDP?", fragt der Fahrradfahrer.
Das wäre der Moment, ein Gespräch zu beginnen mit einem der Menschen, die Gauland in Dresden eigentlich treffen wollte. Aber Gauland hat schon genug von dem Gespräch. Sein Begleiter versucht einen Scherz: "Auch das ist das Volk."
Es ist eine schwierige Gratwanderung, die Gauland in Dresden wagt. Er will die Unzufriedenen für seine Partei gewinnen, die Mitläufer der Pegida, die es zu Tausenden gibt. Dass sie sich um diejenigen scharen, die offen Fremdenhass predigen, nimmt er als Kollateralschaden in Kauf. "Ich kann nicht ausschließen, dass unter 10 000 Demonstranten 2 NPD-Leute sind", sagt er. Aber er will mit ihnen nicht in flagranti erwischt werden.
Er ist Doktor Gauland, der Akademiker, der auch die Sitzengebliebenen versteht. Diese Rolle will er hier nutzen. Es geht ihm um die Menschen, die sich von der Elite bevormundet fühlen und die mit Politikern abgeschlossen haben. Man dürfe die Menschen nicht von oben herab belehren, auch was den Islam betreffe. Nicht alle Menschen seien "Islamwissenschaftler". "Wenn sie sich nicht so ausdrücken können, sind sie nicht gleich islamophob."
Mildernde Umstände für Ignoranz?
Nicht alle Parteifreunde haben Verständnis dafür. Der stellvertretende AfD-Chef Hans-Olaf Henkel etwa, einer der letzten prominenten Liberalen in der Partei, warnt vor dem Schaden, den Gaulands Ausflug in den Umfragen anrichten werde. "Wieso muss man extra aus Brandenburg anreisen, um diese Truppe zu sehen? Wir sollten uns tunlichst von dieser Bewegung fernhalten." Denn sonst würden alle möglichen rechtspopulistischen Ausfälle einzelner Pegida-Demonstranten der AfD angelastet.
Andere fühlen sich angespornt, wie Frauke Petry, die Landeschefin der AfD Sachsen. Sie will die Organisatoren der Dresdner Pegida-Bewegung im Januar sogar zu einer Sitzung ihrer Landtagsfraktion einladen. "Andere reden über Pegida, wir reden mit ihnen", sagt Petry. "Das ist ein erstes Treffen, um zu verstehen, was diese Menschen wollen, und um unsere Positionen unverbindlich auszutauschen." Sie will mehr als einfach nur zuschauen.
Der Tross der "Spaziergänger" in Dresden ist längst weitergezogen, vom Rathausplatz zum Dynamo-Fußballstadion, wo Bachmann in seiner Abschlusskundgebung verkünden wird, dass am nächsten Montag Weihnachtslieder gesungen werden und jeder eine Kerze mitbringen soll. "Wir sind das Volk", rufen die Demonstranten, ein Plagiat der Montagsdemos in der DDR vor 25 Jahren. Und: "Lügenpresse!"
Gauland ist zufrieden. Er hat etwas gelernt: Nirgendwo habe er "Neonazis in Nadelstreifen" gesehen, nirgendwo "Chaoten", nur "Menschen mit Sorgen, die man ernst nehmen muss". Es ist seine Formel für diesen Abend, die gar nichts sagt. Auf die Frage, ob ihn nun wirklich überhaupt nichts besorgt habe, fallen ihm nur die Parolen von der "Lügenpresse" ein. Die habe er wirklich für problematisch gehalten. Aber was soll er auch anderes sagen, wenn er einen ganzen Abend freiwillig mit Journalisten verbracht hat?
Gegenüber diesen Journalisten jedenfalls.
Einen Moment dauert es noch, bis Bachmann die Demonstration für beendet erklärt. Eigentlich ist alles gesagt, da steuert eine Pegida-Sympathisantin auf Gauland zu. Sie hat offenbar die unzähligen Interviews gesehen, die Scheinwerfer, die ihm dauernd das Gesicht ausgeleuchtet haben. Sie hat Mitleid mit ihm. Sie sagt: "Es ist eine Schande, dass Sie nicht in Ruhe gelassen werden."
Er könnte ihr jetzt die Wahrheit sagen. Ihr erzählen, dass er es war, der die Presse eingeladen hat. Aber er will der Frau ihre Wut an diesem Abend nicht nehmen. Er lächelt sie an, für das ehrliche Mitgefühl.
"Die Sorgen der Menschen ernst nehmen, statt sie zu belehren", das ist sein Motto. So kann man das auch nennen.
Von Amann, Melanie, Hujer, Marc

DER SPIEGEL 52/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 52/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Parteien:
Nur gucken, nicht anfassen