20.12.2014

Eine Meldung und ihre GeschichteNudelgericht

Wie Bruder Spaghettus und das Fliegende Spaghettimonster die Kirche in Templin vorführten
Es war an einem Donnerstagmorgen, drei Tage vor dem ersten Advent, als der Mann, der sich Bruder Spaghettus nennt, den Unfrieden in die Uckermark brachte. Bruder Spaghettus war früh aufgestanden an diesem Tag und hatte sein Auto am Ortseingang von Templin geparkt. Direkt neben dem Schild, auf dem die Kirchen ihre Gottesdienste ankündigen. Er nahm einen 13er-Schlüssel und eine Rohrschelle und schraubte das erste seiner Schilder an den Mast, 75 mal 75 Zentimeter groß. Er trat zurück und betrachtete sein Werk.
Oben stand "Nudelmesse", unten: "Freitag 10 Uhr". Dazwischen war eine Figur zu sehen, die an einen Taschenkrebs mit Stielaugen erinnert; in seinem Maul konnte man die Buchstaben "FSM" lesen. FSM steht für "Fliegendes Spaghettimonster".
Insgesamt befestigte Spaghettus vier Schilder, an jedem Ortseingang eines. Jeder konnte sie sehen. Der Unfriedenstifter freute sich wie jemand, dem ein besonders guter Streich gelungen ist.
Dreizehn Tage nach seinem bislang größten Coup lässt sich Bruder Spaghettus auf einen Sessel im Wohnzimmer seines Hauses fallen. Er ist ein schwerer Mann mit großem Bauch und einem weißen Bart, der ihm bis auf die Brust hängt. Bruder Spaghettus ist gern anders als die anderen. Wahrscheinlich muss man das, wenn man ein guter Satiriker sein will.
Der Bruder heißt eigentlich Rüdiger Weida, ist 63 Jahre alt, Frührentner - und Vorsitzender der "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e. V.". Er redet in breitem Sächsisch. Er sagt, die Sache mit dem Spaghettimonster habe begonnen, als er im Sommer 2005 auf SPIEGEL ONLINE die Geschichte Bobby Hendersons las, eines 25-jährigen US-amerikanischen Physikers.
Henderson hatte einen offenen Brief an die Schulbehörde von Kansas geschrieben. Die Behörde hatte Kreationisten erlaubt, an Schulen zu unterrichten, dass die Evolutionstheorie Unsinn sei. Henderson fand, wenn die Kreationisten glaubten, dass Gott die Erde in sieben Tagen erschaffen habe, dann könne er auch an das Fliegende Spaghettimonster glauben. Und daran, dass im Himmel eine Stripperfabrik und ein Biervulkan auf ihn warteten. Er nannte sich einen Pastafari.
Rüdiger Weida gefiel die Geschichte. Es gefällt ihm immer, wenn sich ein Einzelner gegen die Mächtigen stellt. Als er noch ein junger Mann war und in Dresden Elektrotechnik studierte, hielt er im Karneval Büttenreden. Weil er die SED verspottete, flog er von der Uni. Für die Kommilitonen war er ein Held, für die Stasi ein Verräter: Sie setzten Spitzel auf ihn an und verwanzten seine Wohnung.
Weida hörte auf, Büttenreden zu halten, als das Land, das sein Gegner war, unterging. Er brauchte einen neuen Gegner; aber es gab keinen - bis zu jenem Tag im Sommer 2005: Weida, der Atheist, der die Kirche noch nie leiden konnte, beschloss, ein Pastafari zu werden.
Auf der ganzen Welt stellten Pastafaris zu dieser Zeit Blogs rund um die Nudel ins Netz. Weida saß stundenlang vorm Computer und diskutierte in Foren theologische Feinheiten. Er gründete den Verein "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland". Auf seinem Blog schrieb Weida jede Woche das Wort zum Freitag. Seine Frau, Elli Spirelli, und sein Sohn, Captain Nudlus, traten auch bei. Er weihte einen Stall auf seinem Grundstück zur Kirche. Und er hielt Nudelmessen ab, bei denen er Bier und Nudeln verteilte und das "Monsterunser" predigte mit der Formel "Deine Soße geschehe".
Irgendwann im September dieses Jahres kam Weida die Idee mit den Nudelmessenschildern. Er schrieb einen Brief an die Straßenmeisterei in Templin, vier Wochen später wurde sein Antrag genehmigt. Er ließ Schilder anfertigen, 60 Euro das Stück, und schraubte sie an die Masten. Die Kirche informierte er nicht. Er sagt, er habe nicht gewusst, dass der Mast ihr Eigentum war.
Ralf-Günther Schein ist evangelischer Pfarrer in Templin. Er sagt: "Weida ist ein Spinner. Was soll das hier in Templin? Hier gibt es doch gar keine Kreationisten!"
Pfarrer Schein hat keinen leichten Stand in Templin. Wenn er in einem der umliegenden Dörfer einen Gottesdienst hält, kommen manchmal nur drei Leute. Fast jede Woche muss er auf eine Beerdigung, Taufen hat er nur selten.
Pfarrer Schein, 58, ein Mann mit Schnauzbart, hat vor Bücherwänden in seinem Pfarrhaus aus dem 19. Jahrhundert Platz genommen. Er habe keine Zeit für Unfug, sagt er. Hatte er aber doch: Im Fernsehen sagte er, er werde Weida eine Packung Spaghetti schenken. Die machten sich gekocht gut als Lametta am Weihnachtsbaum. Das war ein Fehler.
Bei Weida und Schein riefen jetzt jeden Tag Journalisten an. Sogar die BBC berichtete, und Journalisten aus China. Schein nervte die Aufmerksamkeit; Weida genoss sie. Für die Pastafaris war er ein Held. Es fühlte sich ein bisschen an wie damals in Dresden, als es noch gegen den Staat ging.
Weida schrieb Pfarrer Schein, er würde sich gern an den Kosten für den Straßenmast beteiligen. Schein sagte, er werde Weidas Schilder notfalls eigenhändig entfernen. Der Straßenmeisterei wurde die Sache zu heiß, sie baute die Schilder wieder ab.
Schließlich fanden Weida, Pfarrer Schein und der Bürgermeister von Templin einen Kompromiss: Weida darf seine eigenen Masten aufstellen, sie sollen direkt neben denen der Kirche stehen. Er ist zufrieden. Er sagt, das Schlimmste für einen Satiriker sei es, nicht ernst genommen zu werden.
Sein Verein hat jetzt 160 Mitglieder, 40 mehr als zuvor, und 900 neue Likes auf Facebook. Zu seiner letzten Nudelmesse kamen zwei Pilger aus Potsdam. Und am Samstag, einen Tag vor dem dritten Advent, stand Pfarrer Schein vor Weidas Haustür. Es war ein klirrend kalter Tag, Weida bat ihn zu sich herein. Aber Pfarrer Schein wollte nicht. Er überreichte Weida eine Packung Spaghetti und grinste. Rüdiger Weida schenkte Pfarrer Schein im Gegenzug ein Glas Oblatengewürz. Jetzt grinste er. Zum Lachen war keinem zumute.
Von Björn Stephan

DER SPIEGEL 52/2014
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