20.12.2014

UkraineGranaten und Rosen

Die Oper von Donezk führt „Rigoletto“ auf, ohne Geld und nur mit halber Besetzung. Aber alle 970 Plätze sind ausverkauft, denn groß ist die Sehnsucht nach Schönheit inmitten des Krieges. Von Moritz Gathmann und Christian Neef
Wie immer nimmt Lidija Katschalowa den Trolleybus Nr. 14, als sie in die Oper fährt. Er bringt sie vom Bahnhofsviertel, wo sie in einem der Hochhäuser wohnt, zum Artjom-Prospekt, der Hauptstraße von Donezk. Es ist Samstagmittag, ein eiskalter Dezembertag, und die Straße ist wie stets seit Kriegsbeginn gespenstisch leer. Lidija Katschalowa hat sich fein gemacht: Sie trägt eine mit Pailletten bestickte Bluse, dazu einen schwarzen Pelzüberwurf, die Haare sind frisch gefärbt, die Fingernägel lackiert.
In der Oper geben sie heute Verdis "Rigoletto", aus Sicherheitsgründen bereits um 14 Uhr. Katschalowa wird dann auf der Bühne am Inspizientenpult stehen und die Aufführung leiten, 80 Jahre ist sie alt.
Seit der Krieg zwischen der Ostukraine und Kiew tobt, hat ein Großteil der Bevölkerung die Stadt verlassen. Der Granatenhagel, der Geldmangel, die immer schlechter werdende Versorgung - wer möchte schon unter solchen Bedingungen bleiben? Und die, die nicht geflüchtet sind, wollen wenigstens für kurze Zeit Angst, Tristesse und Ungewissheit vergessen. Doch viele Restaurants sind geschlossen, die Kinos auch. Nur die Oper nicht.
Die Oper hat schon einmal einen Krieg überstanden. Kurz nachdem sie 1941 eröffnet worden war, marschierten die Deutschen ein, sie machten das Haus für zwei Jahre zu ihrem Stadttheater, später nannten sie es "Front-Oper". Jetzt ist die Oper wieder vom Krieg gezeichnet. 509 Mitarbeiter zählte das "Nationale Akademische Opern- und Balletttheater" noch vor einem Jahr, jeder dritte ist inzwischen geflohen. Trotzdem wird weitergespielt, immer weiter. Es ist eines der kleinen Wunder, die Donezk in diesen Monaten erlebt.
Lidija Katschalowa hat die guten und die schlechten Zeiten der Oper erlebt, sie hat hier 35 Jahre lang als Sopran gesungen, seit 25 Jahren arbeitet sie als Regieassistentin. Doch so schlimm wie jetzt war es noch nie. Sie spielen mit Bühnenbildern, die nicht zu dieser Aufführung gehören, und einem Rigoletto aus Russland, der sich vor vier Wochen selbst für diese Partie bewarb, mit einem Tenor, der trotz Fieber den Herzog geben muss, mit einem Sänger, der als Orchesterdirigent eingesprungen ist - und geleitet wird das Ganze von einem Generaldirektor, der bis vor Kurzem noch Chef des örtlichen Heimatmuseums war.
Es ist ein wagemutiges Unternehmen, das gleich beginnt: Verdis Meisteroper über den Hofnarren Rigoletto, der versehentlich die eigene Tochter ermorden lässt. Eine Kriegsaufführung in drei Akten.
FRAU KATSCHALOWA FÄNGT AN
Es ist halb zwei, als Katschalowas Stimme das erste Mal in den Garderoben der Sänger zu hören ist: "Guten Tag! In 30 Minuten beginnt ,Rigoletto'."
Die 970 Plätze sind noch leer. Putzfrauen wedeln mit dem Wischmopp über die abgewetzten roten Läufer. Die Bühnenarbeiter haben Parkett und Beletage mit elektrischen Lüftern vorgewärmt, im Orchestergraben Heizstrahler aufgestellt und das Bild für den ersten Akt heruntergelassen: den Palast des Herzogs von Mantua.
"Auf der Bühne würden jetzt eigentlich acht schöne Säulen stehen", sagt Katschalowa. "Aber sie sind zusammen mit den Bühnenbildern für ,Aida', ,Nabucco' und den ,Fliegenden Holländer' verbrannt, als unser Requisitenlager in der Nähe des Flughafens von Raketen getroffen wurde." Die Separatisten hatten das Lager als Basis genutzt. Deswegen spielen sie jetzt vor einer Kulisse aus "Romeo und Julia". Unten am Dirigentenpult wird gleich der Sänger Sergej Dubnizki stehen, denn alle vier Dirigenten sind geflüchtet; aber Dubnizki hat am Konservatorium zum Glück auch das Dirigieren gelernt. Weg sind auch die Regisseure und die Souffleuse, die sich nach Weißrussland abgesetzt hat. Der Chor, der einst 78 Mitglieder zählte und in "Rigoletto" so wichtig ist, wird mit nur 15 Sängern auf der Bühne stehen.
Die einen sind gegangen, weil es ihnen in Donezk zu gefährlich war, die anderen, weil sie kein Gehalt mehr bekamen. Einige aber haben die Stadt auch deshalb verlassen, weil sie die Regierung in Kiew für die einzig richtige hielten und die Separatisten der "Volksrepublik" nicht anerkennen wollten. So wie jene Flötistin, die deshalb in der Oper als "Nationalistin" galt. Doch auch die, die geblieben sind, streiten darüber, ob richtig ist, was in Donezk jetzt passiert.
"Rigoletto" haben sie nicht etwa ausgesucht, weil es in diesem Stück um die Maßlosigkeit des Bösen geht und weil das zu dem sinnlosen Krieg draußen passen würde. Es ist vielmehr eine der wenigen Opern, die sie mit ihren Kräften jetzt noch spielen können. Aber sie haben das Stück drei Jahre lang nicht mehr auf der Bühne gehabt. Und nur ein einziges Mal geprobt.
RIGOLETTO IST EIN RUSSE
Rigoletto sitzt in Garderobe Nr. 23. Er hat sein Kostüm angelegt, den Buckel unters Wams gestopft, die Narrenkappe liegt bereit. Mit bürgerlichem Namen heißt er Wladimir Wjurow. Er ist gestern 53 geworden, vor dem Spiegel stehen die roten Rosen, die sie ihm am Probentag geschenkt haben. Ohne Wjurow wäre selbst diese Aufführung unmöglich, denn der Bariton, der früher den Rigoletto sang, ist ebenfalls nicht mehr in der Stadt.
Wjurow hat vor einem Monat im russischen Fernsehen einen Bericht über die Donezker Oper gesehen, sofort zum Telefonhörer gegriffen und sich als Solist angeboten. Er lebt in Sankt Petersburg, ist früher als Schiffsingenieur zur See gefahren, hat dann Gesang studiert und tourt nun als Opern- und Konzertsänger durch die Welt. Der Bericht aus der belagerten Stadt habe ihn an die Leningrader Blockade und die 7. Sinfonie von Schostakowitsch erinnert, sagt Wjurow. Daran, wie 1942 die Bewohner des von deutschen Truppen eingeschlossenen Leningrad im Bombenhagel zur Philharmonie eilten, um jene Musik zu hören. "Kultur ist in Donezk jetzt das Allerwichtigste", sagt Wjurow. "Nur das Schöne rettet die Welt."
Er kaufte sich ein Flugticket, flog nach Südrussland und ließ sich mit dem Auto über die von den Separatisten kontrollierte Grenze nach Donezk bringen.
Er will kein Honorar, das hätte die Oper ohnehin nicht zahlen können. "Ich bin ein patriotischer Mensch", sagt Wjurow. "Ich bin noch vor dem Referendum im März auf die Krim gefahren und habe in Feodossija ein Konzert gegeben. Ich habe dort nur Leute gesehen, die nach Russland wollten, sie waren voller Euphorie." Jeden Tag, wenn er die Artillerie hört, mit der die ukrainische Armee auf Donezk feuert, da denke er: "Das ist ein Kriegsverbrechen. Hier werden Menschen umgebracht, nur weil sie anderer Meinung sind."
Nein, Wladimir Putin habe er nie gewählt, sagt Rigoletto. Dessen Staatspartei erinnere ihn an die frühere KPdSU, auch die gesteuerte Justiz in Russland sei unerträglich. "Aber mit Putins Außenpolitik bin ich hundertprozentig einverstanden."
DER ERSTE AKT: KRIMSEKT UND KOHLE
Das Haus ist ausverkauft, alle 970 Plätze. Die Karten kosten diesmal zwischen 30 und 50 Hrywen, maximal 2,50 Euro. Die Donezker haben kaum noch Geld, die Banken sind geschlossen.
Das zweite Klingelzeichen. Die Zuschauer stehen noch am Buffet, es sind junge wie alte, sie essen Eclairs oder Lachsbrote und trinken Krimsekt. Auch einige Separatisten in Camouflage sind da, einer von ihnen mit Krücken. Von draußen ist das Grollen der Artilleriegeschütze zu hören.
Auch in der Oper haben sie einen Luftschutzkeller eingerichtet, unter der Drehbühne, Schilder weisen den Weg dorthin. Hocker und Liegen stehen bereit, 20-Liter-Flaschen mit Trinkwasser und Feuerlöscher. Helfen würde der Keller im Ernstfall nicht, die Decke ist ja die Bühne, sie ist aus Holz. In den Gängen hängen Merkblätter über das "Verhalten bei Kampfhandlungen" und Listen, auf denen die Opernmitarbeiter sich eintragen können, wenn sie verbilligt Kohle erhalten wollen.
Oben ist jetzt der Vorhang aufgegangen, die Vorstellung beginnt. Der erste Akt, das erste Bild: der Ball im Palast des Herzogs. Katschalowa ruft Rigoletto auf die Bühne.
Die alte Dame kennt Verdis Melodram auswendig, sie hat früher die Gilda gesungen, Rigolettos Tochter. Auf ihrem Pult hat sie einen Klavierauszug zurechtgelegt, er stammt vom Leipziger Musikverlag C. F. Peters, ein Druck aus den Fünfzigerjahren. Auf der letzten Seite klebt ein Foto, das eine jüngere Lidija Katschalowa als Gilda zeigt, auf genau dieser Bühne von Donezk.
"Mein Vater war Wolgadeutscher, meine Mutter Finnin, mein Mann kam aus der Westukraine, und meine Schwiegertochter ist Jüdin", zählt sie auf. "In der Donezker Gegend lebten jahrhundertelang unterschiedlichste Menschen zusammen, es hat immer geklappt. Ach, hätte Russland sich hier nur nicht eingemischt."
Katschalowas Mann, ein Bariton, ist vor fünf Jahren gestorben. Nun wohnt sie allein in ihrem Viertel, das vom Flughafen her so oft beschossen wird; sie hat eine Ikone als Talisman ins Küchenfenster im 15. Stock gestellt. Nur ihr Sohn ist noch in der Stadt geblieben, damit er sich um seine Mutter kümmern kann, die Donezk und ihre Oper nicht verlassen will.
DIE PRIMADONNA
"Bravo", ruft Lidija Katschalowa zur Bühnenmitte, nicht übermäßig laut, das Publikum im Saal soll es nicht hören. Das Bravo ist bestimmt für Jewgenij Udowin, 39, den Herzog. "Questa o quella" hat er gerade gesungen, die Arie, mit der er die Gräfin Ceprano umgarnt. Dabei dürften selbst die Laien unter den Zuschauern gemerkt haben, dass der Tenor nur mit Mühe die Stimme halten kann. Er hat Fieber, sein Gesicht ist gerötet. Aber einen zweiten Herzog gibt es in Donezk zurzeit nicht.
Auch die Einsätze der Sänger sitzen nicht immer genau. Sie hören das Orchester nicht, wenn sie singen, es fehlen Lautsprecher auf der Bühne, sie orientieren sich nur am Dirigenten.
"Unser Theater erlebte gerade einen solchen Aufschwung", seufzt Ljudmila Schemtschuk. "Und dann? Dann kam dieser Krieg, und wir sind wie ein Vogel gegen eine Wand geprallt." Sie sitzt in ihrer Garderobe, an der Wand hängt ein Foto, auf dem sie ihren Arm um Luciano Pavarotti legt. Schemtschuk ist 68 Jahre alt und noch immer die Primadonna des Hauses. Sie hat alles gesungen, was ein Mezzosopran singen muss, in New York, Mailand und Wien, in Berlin, München und Paris. Zwölf Jahre lang war sie am Moskauer Bolschoi-Theater. Aber immer zog es sie in ihre Donezker Heimat zurück.
"Was war das für ein Riesenerfolg, als wir vor zwei Jahren Wagners ,Fliegenden Holländer' erstmals auf Deutsch in der Ukraine aufführten! Zusammen mit einer deutschen Regisseurin, deutschen Bühnenbildern und deutschen Sängern." Alle im Haus würden sich noch an das grandiose Sturmbild im ersten Aufzug erinnern, an die Meereswellen, die bis in den Saal reichten. "Wir haben die Aufführung in Odessa, Lemberg und Kiew gezeigt. Überall sind wir bejubelt worden."
Schemtschuk stützt sich auf den schwarzen Flügel, der in ihrer Garderobe steht, und singt leise die Arie des Hermann aus Tschaikowskis "Pique Dame": "Ergreift den Augenblick des Erfolges ..." Sie müsste heute nicht in der Oper sein, sie ist aus Solidarität gekommen. Dabei ist sie noch frühmorgens nach Styla hinausgefahren, in das Dorf, wo sie geboren wurde, es hatte dort einen Artillerieangriff gegeben, sieben Verwandte hat sie rausgeholt und deren Flucht nach Weißrussland organisiert.
"Was ist, wenn wir weiter auseinanderlaufen? Wir sind doch alle Slawen hier. Wollen wir alles zerschneiden, aufteilen? Ich kann mir das nicht vorstellen."
DIE FRAU MIT DER OBOE
Pause. Aufregung hinter der Bühne. Ein Großteil der Sicherungen ist rausgesprungen, die Heizstrahler fressen zu viel Strom. Und im Orchester beschweren sie sich, dass es immer noch viel zu kalt sei. Letzte Woche, beim "Barbier von Sevilla", haben sich alle erkältet.
Angela Wojtkewitsch, schwarzes Kleid, glitzernde Ohrringe, die Haare rot gefärbt, spielt eine der Oboen. Auch sie hatte Donezk schon verlassen, im Juli, als im Hof ihres Hauses eine Frau durch eine Granate ums Leben gekommen war. Mit Tochter und Enkelkind war sie in die 200 Kilometer entfernte Großstadt Saporischja geflohen. Aber es war ihr nicht gelungen, dort eine Wohnung zu mieten. "Die Maklerin hat mir gesagt: ,Fahrt doch zurück in euren Donbass. Ihr seid selbst schuld, ihr habt mit dem Krieg begonnen.'" Sie kam bei einer Tante unter, aber auch mit der sei es nicht einfach gewesen, sagt sie, vor allem wenn der Fernseher lief und von den "Terroristen" in Donezk die Rede war.
So fuhr sie wieder zurück.
Wojtkewitsch lebt nun in ihrer alten Wohnung. Vor einer Woche ist ein Geschoss in der Schule gegenüber eingeschlagen. "Ich habe beim Referendum für die Abspaltung gestimmt, weil ich glaubte, es kommt alles wie auf der Krim", sagt sie. "Aber muss man uns deswegen im Rest der Ukraine wie Aussätzige behandeln? Selbst Freunde in Kiew gehen nicht mehr ans Telefon, wenn ich anrufe."
Wojtkewitsch hat Tränen in den Augen. "Ich fühle mich wie auf dem Schiff des ,Fliegenden Holländers': Wir treiben auf ihm, aber keiner weiß wohin."
Ihr Mann ist Chef des Balletts, er ist Anfang des Monats mit einem Teil der Künstler in die USA gereist, sie führen dort den "Nussknacker" auf. Die Einnahmen sollen die Familie über den Winter bringen.
DER ZWEITE AKT: EHRE UND GELD
Gilda ist von den Höflingen des Herzogs entführt, zu ihm gebracht und entehrt worden. "Dio! Mia Gilda!", singt Wladimir Wjurow klagend.
Oben, im zweiten Stock, in seinem Arbeitszimmer, sitzt der Generaldirektor und weiß nicht, wovon er seine Künstler bezahlen soll. "Seit Juni haben die Mitarbeiter keine Gehälter mehr erhalten. Sie leben vom Ersparten, und das ist jetzt aufgebraucht", sagt er. Nur im September habe die Regierung der "Donezker Volksrepublik" jedem um die 100 Euro gezahlt, einmalig. "Ich brauchte aber monatlich 125 000 Euro. Woher sollen die kommen?" Gestern ist der Direktor zu Verhandlungen bei der Donezker Regierung gewesen. Die Oper ist für die Separatisten nicht das dringlichste Problem, aber sie haben versprochen, die Gehälter für Oktober und November nachzuzahlen.
"Die Menschen sind ausgelaugt, jeden Tag hören sie das Heulen der Geschosse", sagt er. "Die Gefahr ist, dass wir uns daran gewöhnen. Deswegen ist die Oper so wichtig." Vielleicht hat er damit auch die Separatisten überzeugt.
Der Generaldirektor heißt Jewgenij Denissenko, aber an seiner Tür steht ein anderer Name: Wassilij Rjabenki.
Rjabenki hat ein Vierteljahrhundert lang dieses Haus geleitet, er sei "wie ein Vater" zu ihnen gewesen, sagen die Künstler. Er habe die Truppe in den vergangenen Monaten zusammengehalten, er habe für sie immer wieder Lebensmittelpakete besorgt. Dann aber verbrannten die Kulissen der Oper, und kurz danach, am 7. Oktober, blieb Rjabenkis Herz stehen.
Die Führung der "Donezker Volksrepublik" holte Denissenko als Ersatz, er war gerade frei. Zuvor war er Chef des Donezker Heimatmuseums, aber das hatten Artilleriesalven im Sommer schwer beschädigt. Denissenko ist 70 Jahre alt, doch er hat früher Konzerte veranstaltet und ist nicht ganz neu in der Branche.
Die Oper halte sich von der Politik fern, sagt Denissenko, die Regierung der "Volksrepublik" übe keinen Einfluss aus. Nachdem ein prorussischer Aktivist im Frühjahr die ukrainische Flagge vom Dach gerissen hatte, haben sie den Fahnenmast einfach abgesägt, um künftige Konflikte dieser Art zu vermeiden. Nur die Programmzettel würden nicht mehr auf Ukrainisch, sondern auf Russisch gedruckt, räumt der Generaldirektor ein. Aber ukrainische Opern blieben im Programm, wenngleich sie die jetzt nicht spielen würden, weil sie die großen Massenszenen nicht besetzen könnten.
DIE LETZTE PAUSE UND EIN KRIEGSKIND
"Es läuft nicht schlecht", sagt Lidija Katschalowa an ihrem Inspizientenpult, "gemessen an unseren Bedingungen." Aber das große Finale steht ja noch bevor, vor allem für Rigoletto und Gilda. Und Gilda alias Fatima Kasjanenko, der Koloratursopran, geboren in Georgien, ist mit den Gedanken schon zu Hause.
40 Jahre ist Kasjanenko alt, vor vier Monaten hat sie einen Sohn geboren. Sie würde gern die Stadt verlassen und irgendwohin gehen, wo es friedlicher ist und ihr Sohn nicht vom Artilleriefeuer aufwacht.
"Aber ich kann hier nicht weg, ich muss singen, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen", sagt sie. "Seit August habe ich kein Müttergeld mehr bekommen. Mein Mann führte einen kleinen Betrieb, aber auch der hat geschlossen. Und unsere Ersparnisse sind aufgebraucht. Die Donezker Regierung soll endlich erträgliche Lebensbedingungen schaffen."
DER DRITTE AKT: DONNER UND ROSEN
Der fulminante Schluss. Der Herzog singt sein berühmtes "La donna è mobile", der Wirt Sparafucile ersticht in der Schenke Rigolettos Tochter, und Rigoletto erkennt, welcher Fluch sich an ihm verwirklicht hat. Es blitzt, es donnert, ganz wie draußen in der Stadt. "Ein Sturm am Himmel! Auf Erden ein Mord!", singt Wjurow.
Dann ist es vorbei. Donnernder Applaus. Lidija Katschalowa lässt den Vorhang fallen, es regnet Rosensträuße. Die Blumengeschäfte in Donezk haben noch geöffnet. Hinterm Vorhang rufen die Bühnenarbeiter dem Generaldirektor zu, Kunst sei gut, aber zuerst komme "das Butterbrot". Und dass sie endlich Geld sehen wollten. In der Verwaltung zählen sie währenddessen die Einnahmen des Abends, nicht mal 1000 Euro.
Der Generaldirektor sagt, sie wollten die Arbeit an Verdis "Maskenball" fortsetzen, mit einem italienischen Regisseur. Er sagt auch, dass ihnen die russische Operndiva Anna Netrebko eine Million Rubel gespendet habe, umgerechnet 15 000 Euro. Und dass der Donezker Oligarch Rinat Achmetow versprochen habe, nach dem Krieg einen neuen "Fliegenden Holländer" zu finanzieren.
Dem Lagebericht der Stadtverwaltung wird am Abend zu entnehmen sein: Während die Oper "Rigoletto" aufführt, sterben draußen 3 Zivilisten, 10 werden verletzt, 5 Häuser beschädigt, 15 Trafostationen fallen durch Beschuss aus.
Lidija Katschalowa knipst die Lampen am Inspizientenpult aus, zieht sich ihren Mantel über und macht sich auf den Weg zu ihrem Trolleybus, sie fährt nach Hause, zurück in den Krieg. "Unsere Oper funktioniert nur noch durch den Enthusiasmus jener, die geblieben sind", sagt sie. "Aber auch dieser Enthusiasmus ist irgendwann aufgebraucht."
Von Gathmann, Moritz, Neef, Christian

DER SPIEGEL 52/2014
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