20.12.2014

KarrierenDer Letzte seiner Art

Dieter Hallervorden ist eine Westberliner Ikone und betreibt in der Hauptstadt zwei Theater. In Til Schweigers neuem Film „Honig im Kopf“ spielt er einen Alzheimer-Kranken.
Dieter Hallervorden steht ganz vorn am Bühnenrand und beugt sich zu seinen Zuschauern hinunter. Er erklärt ihnen, wie man den Vokal O formt. Dann fordert er sie auf, es ihm nachzumachen. Ein großes, kollektives O rollt durch den Saal. Hallervorden richtet sich auf und grinst: "Was man doch alles lernen kann von einem Bürger als Edelmann." Unter tosendem Applaus tritt er ab.
Zehn Minuten später sitzt er hinter der Bühne des Berliner Schlosspark-Theaters. Auf mehreren Stühlen liegen Föhne. Die verschwitzten Barock-Kostüme, die Hallervorden und seine Mitspieler in der Inszenierung von Molières Komödie "Der Bürger als Edelmann" tragen, müssen nach der Vorstellung getrocknet werden. Hallervorden, 79, spielt Molière mit Schmackes.
"Von allem, was ich beruflich gemacht habe, ist das hier das Schönste", sagt er. Vor sechs Jahren hat er das heruntergewirtschaftete Schlosspark-Theater in Steglitz übernommen und 1,7 Million Euro eigenes Geld in die Renovierung gesteckt. Das Publikum, erzählt er, komme überwiegend aus Steglitz und Zehlendorf, nur "manchmal auch aus Pankow". Hallervorden macht hier Volkstheater für die Vergessenen dieser Stadt: für das aussterbende alte Westberliner Bürgertum.
Wenn Molières geiler Graf Dorante einer willigen Marquise unter den Rock greift, raunt es im Saal. Als er hier anfangs ein Stück gespielt habe, "in dem ,Scheiße' und noch schlimmere Wörter" fielen, seien böse Briefe gekommen, erzählt Hallervorden. Das moderne Regietheater, in dem Blut und Sperma fließen, findet am anderen Ende der Welt statt, in Berlin-Mitte.
Harald Juhnke, der Frank Sinatra vom Ku'damm, ist tot. Günter Pfitzmann, der Havelkaiser, auch. Klaus Wowereit ist zurückgetreten. Es gibt nicht mehr viele Stars, an die man sich klammern kann, wenn man im westlichen Nachkriegsberlin aufgewachsen ist und jahrzehntelang in der Frontstadt gelebt hat. Hallervorden ist vielleicht der Letzte seiner Art.
Er gibt seinem Publikum das Gefühl, dass in der sich rasant verändernden Metropole noch ein paar Steine aufeinanderbleiben. Dass nicht alle alten Werte hinweggefegt werden, sich die Zeit vielleicht ein kleines bisschen anhalten lässt. Der einzige Zuschauer im Schlosspark-Theater, der in der Pause auf sein Smartphone schaut, ist der Komiker Wigald Boning. Er spielt hier in einem anderen Stück.
Es war ein gutes Jahr für Hallervorden. Sein Theater hat eine Auslastung von über 60 Prozent und bezieht öffentliche Zuwendungen in Höhe von rund 800 000 Euro. Sein Ziel ist es, ohne sie auszukommen. Im Mai gewann Hallervorden für die Darstellung eines alternden Marathonläufers in der Tragikomödie "Sein letztes Rennen" eine Lola, den Deutschen Filmpreis als bester Schauspieler.
Nun ist er in Til Schweigers neuem Film "Honig im Kopf" zu sehen, der Weihnachten ins Kino kommt. Hallervorden spielt einen an Alzheimer erkrankten Großvater, der erst den Haushalt seines Sohnes (gespielt von Schweiger) durcheinanderbringt und dann mit seiner Enkelin (gespielt von Schweigers Tochter Emma) nach Italien aufbricht. Eine süffige Altersrolle, Hallervorden trägt den Film.
Als er im Mai die Lola entgegennahm, sagte er in seiner Dankesrede, dies sei eine "saftige Ohrfeige" für all jene, die ihn immer abgewatscht hätten. Es klang verbittert. "Hätte ich lieber Schmu von mir geben sollen?" sagt er. "Du spielst vor vollen Sälen, die Leute sind begeistert, aber die Kritiker machen dich fertig. Das hinterlässt irgendwann Narben."
Jahrzehntelang wurde Hallervorden nur mit "Didi" angeredet. Das war der Name der Figur, die er in den Siebzigerjahren in der Comedy-Serie "Nonstop Nonsens" gespielt hatte. Didi war ein ziemlich begriffsstutziger Tölpel, der ständig mit der Tücke des Objekts zu kämpfen hatte und seine Mitmenschen in den Wahnsinn trieb.
Die Sendung hatte Einschaltquoten von mehr als 50 Prozent, Hallervordens Wortschöpfungen wie "Palim Palim" wurden legendär, Kinder spielten seine Sketche auf dem Schulhof nach. Es folgten Didi-Platten, Didi-Filme, Didi-Bühnenshows. Als Hallervorden von Didi irgendwann genug hatte, wurde er ihn nicht mehr los. Er galt als Blödel-Heini der Nation.
Tatsächlich machte Hallervorden der behäbigen deutschen Komik in "Nonstop Nonsens" mit rasanten Slapstick-Nummern Beine. Und irgendwie war Didi auch ein Gaga-Anarchist, der in seinen Sketchen gern Spießbürger in Rage versetzte. Doch statt seine Kunst zu erkennen, sahen die Kritiker oft nur den Klamauk.
Bei "Honig im Kopf" traf Hallervorden auf einen anderen großen Missverstandenen der deutschen Komik. Auch Til Schweiger fühlt sich vom Kulturbetrieb seit je schlecht behandelt. Weil er nie für die Lolas nominiert wurde, wollte er einen eigenen Filmpreis gründen. Bei den Dreharbeiten sei nicht alles zwischen ihnen "Friede, Freude, Eierkuchen" gewesen, erzählt Hallervorden.
Er habe Schweiger nicht sofort zugesagt, sondern sich erst mal mit dessen Tochter getroffen, um herauszufinden, "wie hoch sie ihre Nase trägt", ob er mit ihr zusammenspielen könne. Sie sei herzlich und offen gewesen, kein "Gör".
Hallervorden würde vermutlich niemals von "Kids" reden, er mag keine Anglizismen und liebt alte deutsche Begriffe. Wenn er erzählt, wie er versucht hat, sich bei "Honig im Kopf" in seine Figur einzufühlen, dann spricht er von "Gemütstiefe". Er schmeckt das Wort noch kurz nach.
Den fertigen Film, sagt er, habe er noch nicht gesehen. Aber er gehe überall dorthin, wo der Verleih ihn hinschicke, zur Premiere des Films und für die PR-Arbeit, vermutlich auch in jene Teile der Stadt, in denen er sich eher selten aufhält. Im früheren Ostberlin habe er kein Lieblingsrestaurant. Er wirkt, als freue er sich auf eine Expedition.
Hallervorden, 1935 in Dessau geboren, studierte Mitte der Fünfzigerjahre an der Ostberliner Humboldt-Universität Romanistik. Ab und zu, wenn KP-Genossen aus Frankreich zu Besuch waren, wurde er von der SED als Übersetzer beschäftigt. Er habe frei übersetzt, sagt er, die Gäste auch schon mal über Mangelwaren informiert. Irgendwann flog er auf, Hallervorden flüchtete in den Westteil der Stadt.
Er wollte Kabarett machen und gründete 1960 die "Wühlmäuse". Der erste Spielort der Truppe war in einem Varietétheater in Berlin-Schöneberg. Hier ritten abends nackte Frauen zur Belustigung der Gäste auf Pferden durch die Manege.
"Alle meine Kollegen, die damals in Westberlin Kabarett machten, hielten die DDR für den gesünderen, menschlicheren, besseren Staat", sagt Hallervorden. Er konnte nicht verstehen, dass sie glaubten, im falschen Teil der Stadt zu leben. Richtig, links war er nie, Mitte der Achtzigerjahre machte er Wahlkampf für die FDP.
Die ersten Jahre mit den "Wühlmäusen" waren schwer. Das Kabarett überlebte nur, weil die Reihen mit Schülern aus Westdeutschland aufgefüllt wurden, deren Reisen nach Berlin staatlich subventioniert wurden. "Die hatten ein festes Besuchsprogramm: Mauer, Theater, Kabarett. Es ist schwer, vor Leuten zu spielen, die da gar nicht freiwillig sitzen."
Man merkt Hallervorden den Widerwillen an, wenn er sich daran erinnert, dass Westberlin an einer "Beatmungsmaschine" hing, die viele Milliarden Mark in die Stadt pumpte und sie "aufplusterte". Mitte der Sechzigerjahre verschuldete er sich mit 250 000 Mark, um den "Wühlmäusen" ein neues Haus zu verschaffen.
Hallervorden ragte schon immer aus dem Berliner Subventionssumpf heraus. Er sah sich als Selfmademan. Nach der Wende zog er mit den "Wühlmäusen" tief in den Westen der Stadt, in das ehemalige britische Armeekino am Theoder-Heuss-Platz, und renovierte es mit eigenem Geld denkmalgerecht. Die "Wühlmäuse" bestehen nun seit mehr als 50 Jahren.
Eigentlich zog es Hallervorden noch viel weiter, nach Frankreich. Wenn er nicht in Berlin ist, wohnt er auf einer kleinen Insel in der Bretagne, die ihm gehört. Für seine Kinofilme verpflichtete er französische Regisseure wie Jean Girault und Schauspieler wie Bernard Menez.
So richtig ist es ihm nicht gelungen, Frankreich nach Westberlin zu holen und den Muff zu vertreiben. Aber vielleicht wollte er es auch gar nicht richtig, vielleicht hing er einfach zu sehr an "dieser Stadt mit ihren Unzulänglichkeiten, über die ich gern hinweggesehen habe, weil sie mir die Freiheit geschenkt hat".
Nun laufen Italiener, Spanier, Amerikaner und Japaner durch die Stadt, doch sie laufen durch ein anderes Berlin. Kaum einer von ihnen verirrt sich nach Steglitz, in Hallervordens schmuckes Schlosspark-Theater. Die nahezu 500 Plätze sind trotzdem fast jeden Abend gut besetzt.
Während sich in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gelangweilte Hipster erst nach den dritten Klingeln auf ihre Plätze bequemen, sind die Reihen im Schlosspark-Theater bereits zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung gut gefüllt. Die Zuschauer, die Außenplätze haben, stehen am Rand und warten, bis alle Sitze in der Mitte besetzt sind.
Das ist Hallervordens Welt: eine Welt, in der die Menschen Geduld haben und noch wissen, was sich gehört. Und begeistert klatschen, wenn der Vorhang aufgeht und der Herr des Hauses in pinkfarbener Strumpfhose auf die Bühne kommt.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 52/2014
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