29.12.2014

BerlinGESTOHLENE KREUZE

Mit einer Politaktion machen Künstler auf das Sterben der Flüchtlinge an Europas Grenze aufmerksam. Von Maximilian Popp
Was darf Kunst, was kann Kunst bewirken? Für Philipp Ruch ist die Antwort eindeutig: alles.
Ende November saßen wir in einem Café in Prenzlauer Berg in Berlin. Über Ruch, den Leiter des Zentrums für Politische Schönheit, war gerade ein Sturm hereingebrochen. Die Welt schrieb von dem "hirnrissigsten Dreck, der in der jüngsten Zeit aus deutschen Theatern gekommen ist". Der Berliner Innensenator sprach von einer "verabscheuungswürdigen Tat". "Ich finde die Aktion absolut zu verachten", sagte der CSU-Generalsekretär.
Ruch hatte zum 25. Jahrestag des Mauerfalls gemeinsam mit Kollegen die Kreuze für die Mauertoten neben dem Reichstag in Berlin gestohlen und Duplikate an den EU-Außengrenzen angebracht. Er stellte die Initiative später im Berliner Gorki Theater vor und sagte, mit dieser Aktion werde an die Opfer der europäischen Flüchtlingsabwehrpolitik erinnert.
An der innerdeutschen Grenze starben zwischen 1961 und 1989 etwa tausend Menschen. Die DDR war ein Unrechtsstaat. An den europäischen Außengrenzen kamen in den vergangenen 14 Jahren nach Schätzungen mindestens 20 000 Flüchtlinge ums Leben. Die Europäische Union erhielt 2012 den Friedensnobelpreis. Europas Mauer muss weg. So lautet die Botschaft des Zentrums für Politische Schönheit.
Ruch ist 33 Jahre alt und eigentlich ein besonnener Mann. Er floh 1989 mit seiner Familie aus der DDR, er hat politische Philosophie studiert, über "Ehre und Rache" promoviert und arbeitet heute als Regisseur. Aber Ruch glaubt auch, dass die Menschenrechtler in Deutschland zu brav seien, zu angepasst. Das Zentrum fiel immer wieder mit spektakulären Politaktionen auf. 2010 errichtete es in Berlin Metallsäulen, sogenannte Säulen der Schande, als Mahnmal gegen die Uno, die das Massaker im bosnischen Srebrenica in den Neunzigerjahren nicht verhindert hatte. 2011 entlarvte das Künstlerkollektiv Nahrungsmittelspekulationen der Deutschen Bank.
Was treibt Ruch an? Er klagt über die Gleichgültigkeit der Deutschen gegenüber Menschenrechtsverletzungen und fordert mehr "moralische Fantasie". "Die europäische Asylpolitik ist ein Verbrechen, aber die Menschen haben sich an Meldungen über tote Flüchtlinge im Mittelmeer gewöhnt. Dagegen kämpfe ich an. Falls nötig, auch mit radikalen Mitteln", sagt er.
Kritiker warfen ihm vor, er habe das Gedenken an die Mauertoten geschändet. Dabei standen die Mahnmale jahrelang unbeachtet an der Spree - strahlend weiße Kreuze im Niemandsland der Erinnerung, wie Georg Diez auf SPIEGEL OnLINE schrieb.
Ich war im Sommer für eine Recherche mehrere Wochen lang an den Grenzen Europas unterwegs. In Marokko prügelten Soldaten Flüchtlinge auf der Weiterreise nach Europa halb tot - vor den Augen der spanischen Guardia Civil. In ungarischen Asylgefängnissen wurden Menschen systematisch mit Drogen ruhiggestellt. Syrer und Iraker erzählten mir auf der Ägäis-Insel Lesbos, dass griechische und türkische Grenzschützer sie misshandelt hätten.
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ist an den Außengrenzen der EU ein Regime der Abschreckung entstanden, das den Werten Europas Hohn spricht. Politiker wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière rechtfertigen die Abschottung des Kontinents. Die Aufrüstung an den Grenzen sei notwendig, um die Flüchtlingszahlen einzudämmen. Ruch und seine Mitstreiter haben diese Doppelmoral entblößt. Die Aktion des Zentrums war schlaue politische Kunst.
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 1/2015
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