29.12.2014

IrakDie Löwen vom Sindschar

Die heiligen Berge der Jesiden sind von IS-Kämpfern umzingelt, als Adnan Schesho aus Bad Oeynhausen in den Krieg zieht. An der Front stößt der junge Deutsche auf Verwandte, auf Helden - und auf die Frage, wer er ist. Von Jonathan Stock und Christian Werner (Fotos)
Im Dunkel eines Zimmers, zwei Nächte bevor es in den Krieg geht, spricht ein Junge aus Niedersachsen vom Tag seines Todes. Adnan spricht, ein kleiner Mensch, 24 Jahre alt, Jeside, Deutscher, in seinem Gesicht sitzen eine große Nase und ein Paar gute, braune Augen. Er stammt aus Bad Oeynhausen, im Kurpark dort hat er Bier getrunken, hat auf dem Rasen Fußball gespielt und in der Aula der Realschule Süd sein Zeugnis entgegengenommen, im schwarzen Jackett. Jetzt liegt er in Dahuk auf einem niedrigen Bett, in einer Stadt im Nordirak, im Kurdengebiet, das zur Front geworden ist im Krieg gegen den "Islamischen Staat" (IS). Er hofft darauf, seinen Vater zu treffen, den Löwen von Sindschar. Er hofft darauf, dass die Jesiden siegen.
In Dahuk ist der Strom ausgefallen, Adnan würde gern schlafen, aber er kann nicht. Er sinnt darüber nach, ob er diese Reise überleben wird. Erst zweimal in seinem Leben hat er überhaupt ein Flugzeug bestiegen. Im Irak war er nur einmal, Verwandte besuchen. Im Krieg war er noch nie. Übermorgen soll es losgehen, wenn der Wind nicht zu stark bläst und der Nebel nicht zu dicht ist für die Helikopter. Adnan wartet, unruhig.
Als der Strom wiederkommt, mit flackernden Lichtern, ruft er seine Nachrichten und E-Mails ab, eine ist von der CDU, er hat auf sie gewartet. "Bitte entschuldigen Sie, dass wir Ihnen aufgrund des sehr hohen Anfrageaufkommens erst jetzt antworten", liest er. Man könne sein Entsetzen über die Lage im Irak gut nachvollziehen. Der Konflikt lasse sich langfristig aber nur politisch lösen. Mit freundlichen Grüßen. Adnan lässt das Handy sinken. "Wenn alle so langsam reagieren, gibt es uns bald nicht mehr", sagt er.
Deshalb, weil alle so langsam reagieren, entschied er sich, selbst auf den Berg zu gehen. Er besorgte deutsche Schmerztabletten und russische Nachtsichtgeräte, Zigaretten für die Kämpfer und warme Hosen für seinen Vater. Alles liegt in einem großen Haufen neben seinem Bett, und Adnan hofft, dass er es in den Hubschrauber bekommen wird, auch seinen Rollkoffer, der ihn ein wenig aussehen lässt wie einen Urlauber, der sich auf dem Weg in einen Ferienklub verirrt hat.
Es ist Anfang Dezember, eine Offensive gegen den "Islamischen Staat" wird in zwei Wochen beginnen, sie wird eine Schneise schlagen in den Belagerungsring, aber für den Moment gibt es, wie seit Monaten, nur diesen einen Weg auf den Dschabal Sindschar, durch die Luft. Die Kämpfer des IS haben das Gebirge eingeschlossen und mit ihm 10 000 Jesiden, die schon im August geflohen waren, als der IS den Süden des Gebirges und Sindschar einnahm.
Zehntausende Jesiden ergriffen damals die Flucht, 80 000 zogen über die Berge weiter Richtung Norden, 10 000 blieben, weil sie nicht mehr weiterkonnten oder weil sie sich sicher wähnten auf dem Berg. Es gibt eine Luftbrücke der irakischen Armee, die die Menschen mit dem Nötigsten versorgen soll. Aber es fehlt an Essen, an Kleidung, an Medikamenten. Es gibt nicht genug Hubschrauber, einer ist abgestürzt, zwei schossen IS-Milizen vom Himmel.
Was auch passiert, sagt Adnan, der Tag seines Todes sei in unsichtbaren Lettern auf die Stirn geschrieben. Daran glaubt er, es ist der Glaube der Jesiden, seines Volks. "Es ist vorab entschieden", sagt Adnan und wird dann still, weil er das Datum auf seiner Stirn nicht kennt.
Ziel der Reise ist der Tempel von Scherfedin, das zweitwichtigste Heiligtum der Jesiden, Grab eines jesidischen Widerstandskämpfers gegen die Mongolen im 13. Jahrhundert. Dort kämpfen Adnans Bruder, sein Cousin und sein Vater, Kassim Schesho. Er arbeitete im Stadtrat von Sindschar und war einer der Letzten, die die Stadt verließen, als sie vom "Islamischen Staat" eingenommen wurde. Jetzt führt er den Kampf im Gebirge, bei Scherfedin. Adnans Traum ist es, dass er am Ende dieser Reise die heilige Pilgerstätte befreit. Es ist kein realistischer Wunsch.
Der IS schießt mit Mörsergranaten und Raketen, Selbstmordattentäter greifen mit gepanzerten Militärwagen an und mit Sprengstoff. Ein paar Tage zuvor schaffte es ein Humvee des IS bis an die letzte Absperrung heran. Es wirkt, in diesen Wochen vor der Offensive, als könnte nichts die Angriffe des IS stoppen, nicht die Luftschläge der Amerikaner, nicht die Guerillaangriffe der PKK, nicht die kurdische Armee der Peschmerga.
Zwei Tage nach der schlaflosen Nacht in Dahuk steht Adnan am Landeplatz der Hubschrauber, einem staubigen Feld nördlich des Tigris. In einer Halle stapeln sich Säcke voll Mehl, Helfer sortieren Zelte für den Berg. Soldaten machen sich bereit, schweigende, rauchende Männer. Adnan trägt Jeans und eine grüne Jacke um die Schultern, die er zu Hause bei Intersport gekauft hat. Hinter sich zieht er seinen karierten Reisekoffer her. "Ich glaube, sie kommen", sagt er.
Aus der Ferne klingt Dröhnen herüber, drei russische Helikopter zeichnen sich am Horizont ab, klobige Fluggeräte Baujahr 1964. Schwer landen sie auf dem Flugplatz, der Wind ihrer Rotoren lässt die Umstehenden straucheln. Ein irakischer Drei-Sterne-General in schwarzer Fliegerjacke steigt aus, nimmt die Sonnenbrille ab und schüttelt Hände. Die Umstehenden stellen ihm Adnan vor als den Sohn von Kassim Schesho, dem "Löwen von Sindschar". "Dein Vater ist ein Held", sagt der General, "ich bewundere ihn." - "Danke", sagt Adnan. Dann stellt er sich wieder zu seinem Reisekoffer.
Sein Vater, der Held, Adnan hört es oft in diesen Tagen, und er sagt dann immer, dass sein Vater gar kein Held sein will. Trotzdem kennt jeder Jeside den Mann, der nahe Scherfedin geboren ist, der als politischer Gefangener in den Knästen des Irak und Syriens saß, nach Deutschland zog und nach dem Fall Saddam Husseins in den Irak zurückkehrte.
Sie nennen ihn den Herrn vom Berge oder eben den Löwen von Sindschar. Er ist es, der mit ein paar entschlossenen Männern am alten Tempel von Scherfedin sitzt, um die Pilgerstätte gegen den "Islamischen Staat" zu verteidigen. Der, als der IS sein Haupt hob, alle Freunde angerufen hat und sagte: "Kommt her, und bringt Waffen mit. Macht es nicht für mich, macht es für Scherfedin." Über Adnans Vater reimen die Rapper auf YouTube: "Die starke Rettung - mit Kassim Schesho - geht in Deckung."
Adnan ist einer von zehn Söhnen. Für ihn war der Irak immer nur eine Erzählung seines Vaters. Während der Vater für die jesidische Sache kämpfte, wusch er nach der Schule Teller und belegte Burger, er brach das Berufskolleg ab, machte Grundwehrdienst in Delmenhorst, arbeitete in der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg. Pakete packen bei der Bundeswehr. Abgebrochen. Jetzt sieben Monate Übergangsgeld. "Ganz ehrlich, ich hab es vermasselt", sagt Adnan. Es gibt noch etwas, das ihn verfolgt: Bei seinem letzten Familienbesuch im Irak reiste er an dem Tag ab, als die Kämpfe begannen. "Ich war der Deutsche, ich hatte den Rückflug schon lange gebucht", sagt er. Jetzt ist er auch hier, um diesen Fehler wiedergutzumachen. Vielleicht schafft er es auf einer Insel im Feindesland, ein guter Sohn zu sein.
Auf dem Hubschrauberlandeplatz rennen ein Dutzend Peschmerga-Soldaten mit großen Kartons über die Heckklappe in den Hubschrauber, quetschen sich in den Laderaum. An den Seitentüren postieren sich zwei Bordschützen. Der General wirft die Rotoren an. "Wir fliegen", schreibt Adnan einem seiner Brüder noch ins Handy, "vergiss nicht, was ich dir gesagt habe." Zum Beispiel, dass er unbedingt den Stromanbieter wechseln müsse, wegen günstiger Tarife.
Unter sich sieht Adnan karstiges Land vorbeigleiten, mit einzelnen, wenigen Bäumen. Es ist die Ebene al-Dschasira Mesopotamiens, zwischen Euphrat und Tigris, altes Land. Hier zog der Überlieferung nach Abraham durch, hier bauten seine Vorfahren den Turm von Babel. Hier entstand die Schrift, das Gesetz, der Ackerbau. Hier entstand die Zivilisation.
Jetzt leben dort unten Kämpfer mit einer schwarzen Fahne, von denen die Jesiden sagen, dass sie keine Menschen seien. Dort unten haben sie ein Kalifat ausgerufen, mit Gesetzen wie vor 1400 Jahren. Sie plündern Dörfer, halten Sklaven, verkaufen Geiseln und schlagen Menschen die Köpfe ab. Der Bordschütze zielt auf dieses Land, er sucht die Artillerie des Feindes. Adnan drückt sein Gesicht an die Scheibe.
Als Muschrik, als Götzendiener, sieht der "Islamische Staat" die Jesiden. Ihre Bekehrung oder ihr Tod sei von Gott gewollt, Ziel sei "die kulturelle und religiöse Auslöschung der Identität der Jesiden". Seit Jahrhunderten schon werden sie Teufelsanbeter genannt, weil sie an den gefallenen Engel Tausi Melek glauben, der das Höllenfeuer durch seine Tränen ausgelöscht hat und von Gott begnadigt wurde. Die Jesiden wurden verfolgt; immer schon.
Muslimische Kurden brannten ihre Häuser nieder, osmanische Sultane und iranische Schahs schütteten ihre Brunnen zu, türkische Statthalter riefen zu Treibjagden auf die Jesiden auf. Saddam Hussein ließ ihre Dörfer zerstören, nordirakische Mullahs predigen, dass sich Jesiden "nie wieder freuen" dürften. Nach ihrer eigenen Zählung gab es in der Geschichte 73 Genozidversuche gegen ihr Volk. Dieser laufende, der 74., sei der schlimmste, sagen sie. Saddam Hussein, sagt Adnan, habe nur ihre Dörfer zerstört. Der IS versklave ihre Frauen.
Dschabal Sindschar, ihr Berg, ist Zufluchtsort in höchster Not seit 700 Jahren. "Ohne ihn würde es uns nicht mehr geben", sagt Adnan. Nach einer halben Stunde Flug von Dahuk sieht man die Berge fast ansatzlos aus der Ebene aufragen, ein Felsmassiv, 70 Kilometer lang, 20 Kilometer breit. Hier, am höchsten Gipfel Çel Mera, fast 1500 Meter hoch, schlug gemäß dem Glauben der Jesiden die Arche Noah nach der Sintflut gegen Land. Heute landen dort die Hubschrauber der Luftbrücke.
Aus der Höhe erkennt man die Lager und winkende Flüchtlinge. Der Landeplatz ist mit Stacheldraht und Soldaten gesichert, auch gegen die eigenen Leute. Wenn sich Flüchtlinge um den Eingang drängen, wenn sie versuchen, die rettenden Hubschrauber zu erreichen, treten ihnen die Bordschützen mit Stiefeln ins Gesicht. Vor ein paar Tagen hängte sich ein Mann verzweifelt an die Kufen eines startenden Hubschraubers, bevor er entkräftet herunterfiel.
Adnan ist angekommen. Er steht auf der Spitze des Berges mit seinem Koffer. "Lasst uns meinen Vater finden", sagt er. Die Flüchtlinge hier oben haben kniehoch Steine aufeinander geschichtet und Planen darübergespannt, als Behausungen. Sie schlagen die letzten Eichen zu Brennholz. Der Winter ist gekommen. Vor nutzlos gewordenen Funkmasten steht ein Krankenwagen, dessen Scheibe zertrümmert ist. Ein dreckiger Zelteingang weht im Wind, dahinter Müll und umgekippte Pappkartons, das ist "das Krankenhaus".
Aus der Ebene dröhnt das tiefe Krachen von Explosionen herauf. Rauchwolken steigen hoch. Die Flüchtlinge auf dem Berg müssen dabei zusehen und zuhören, wie die Dschihadisten im Tal ihre Häuser sprengen, Straße für Straße, Dorf für Dorf. Wenn die Offensive beginnt, sollen die Heimkehrenden nur die Ruinen ihrer Heimat vorfinden.
Adnan entdeckt seinen Vater unter einer Zeltplane, die gegen einen Lkw gespannt ist, vor der Asche eines verlöschenden Feuers. Der Löwe von Sindschar berät sich gerade mit einem General der Peschmerga. Sie planen die Offensive, die bald kommen soll, jene, die am vorvergangenen Donnerstag wirklich beginnt. Man hört sie verhandeln: "Wann kommst du mich mal zu Hause besuchen?", fragt der General Adnans Vater. Ein kurdisches Angebot, Besuch zeigt Respekt. - "Bring mir 600 Männer, wie versprochen, und Artillerie, dann besuche ich dich zehn Tage zu Hause."
Dann steht der Löwe auf und wendet sich seinen Gästen zu. Etwa fünfzig Männer stehen um das Zelt, Helfer, Soldaten, Flüchtlinge, Journalisten. Irgendwo dazwischen sein Sohn. Adnan bahnt sich einen Weg, der Vater wartet, er muss in der Rolle des Heerführers bleiben. "Guten Tag, Vater", sagt Adnan. Er küsst ihn dreimal auf die linke Wange, dann nimmt er die rechte Hand des Vaters, führt sie zum Mund, berührt sie mit den Lippen, um seine Achtung zu zeigen. Dann küsst ihn der Vater auf die Stirn, sein Segen. Sie tauschen ein paar Worte: "Was hat du mir mitgebracht?" "Marlboro Gold, wie du wolltest", sagt Adnan. "Die originalen?" - "Ja." - "Gut."
Es ist ein kurzes Wiedersehen. Adnans Vater muss mit dem Peschmerga-General nach Dahuk fliegen, um dem kurdischen Präsidenten Barzani neue Waffen abzuhandeln. Adnan soll am Fuß des Berges warten, am Heiligtum Scherfedin, bis der Vater zurückkommt. Der Sohn soll ihn vertreten als Verteidiger des Heiligtums. Adnan sagt, es sei der schönste Moment seines Lebens gewesen, als sein Vater für ihn aufgestanden sei, um ihn zu begrüßen. Vier Stunden später erreicht er eine stromlose Ortschaft. Scherfedin. Der Weg hierher führte über steinige Pisten, an ausgebrannten Wagen entlang. Kinderschuhe lagen am Wegesrand, zwei Männer mit Panzerfäusten und einem Maschinengewehr begleiteten Adnan, um ihn notfalls gegen die "Daisch" zu verteidigen. Den Namen verwenden sie hier für die Dschihadisten, ein lang gezogenes, böses Wort: Daasch. "Von wo schießen sie denn?", fragt Adnan. "Von Sununi", sagt einer der Männer. "Wo ist Sununi?", fragt Adnan; er kennt die Namen noch nicht, die für die Soldaten mal Heimat verhießen und nun seit Monaten Bedrohung bedeuten.
Hunde heulen den roten Vollmond an, der über der Kuppel von Scherfedin leuchtet. 30 Häuser ducken sich hier an den Hang des Gebirges. In denen, die nicht verlassen sind, haben sich Soldaten verschanzt. Weiße Grabsteine ziehen sich am Ortseingang entlang. Hinter Olivenbäumen erhebt sich eine große Festhalle, in der früher die Dorfbewohner zu Hochzeiten tanzten. Heute lagert Adnans Vater hier Munition und Mehl, an die Wand hat einer geschrieben: "Wir werden so lange kämpfen, bis wir sterben". Es ist Adnans neues Zuhause. In der Halle breitet eine Frau eine Decke auf dem Boden für ihn aus. Es gibt keinen Handyempfang, Adnan spielt Super Mario auf seinem Telefon. "Mach das Licht aus, wegen der Scharfschützen", sagt die Frau.
Mit Adnan sitzen etwa zwanzig Männer im Dunkeln. Sie sprechen von Waffen, Munition, den letzten und den nächsten Angriffen. "Wenn wir ein Artilleriegeschütz bekommen, können wir unsere Dörfer zurückerobern", sagt einer. Helden hier sind ein Mann namens Rambo, ein finster aussehender Kämpfer in Lederjacke, der immer eine Panzerfaust über der Schulter trägt. Oder der 18-jährige Khalaf Said, der mit der bloßen Hand ins Mörserrohr gegriffen hat, um die Granate freizubekommen.
Adnan hört gern Beethoven. Sein Lieblingsfilm ist "The Big Lebowski" mit Jeff Bridges. Sein einziges Vergehen bisher war Fahrradfahren ohne Licht, er zahlte zehn Euro Bußgeld. Seine Heimat, sagt Adnan, sei Bad Oeynhausen. Seine Brüder arbeiten bei VW, bei Hettich, studieren Jura. Ein deutsches Leben. Und doch war er immer Adnan, der Jeside. Er musste sich anhören, dass er für einen Ausländer ziemlich gut Deutsch spreche. "Ich bin seit 24 Jahren Deutscher", sagt er, "natürlich spreche ich gut Deutsch." Er sieht es an den Augen der anderen Deutschen, sagt er, dass er wohl nie wirklich akzeptiert werden wird. In der achten Klasse hielt er ein Referat, und alle starrten ihn an, als er erzählte, dass Jesiden nur Jesiden heiraten könnten. Es ist der Schutzmechanismus eines Volkes, das immer auf der Flucht war.
Ein neuer Tag beginnt, am Berghang von Scherfedin haben Männer aus Steinen Wörter geformt, mit metergroßen Buchstaben: "Help us". Eine Gruppe Kämpfer kommt auf Adnan zu, sie wollen neue Munition von ihm, vom Sohn des Löwen. "Lasst mich erst mal ankommen", sagt er. Er beschließt, Haydar zu besuchen, seinen Cousin, der im letzten Haus vor der Front wohnt, wo die Fenster mit Pappe verdunkelt sind, damit kein Lichtstrahl nach draußen dringt.
Haydar sitzt in einem Garten an der Front, neben einem Zwiebelbeet, gerade ist es ruhig, kein Beschuss. Der Cousin ist ein freundlicher Mann mit Schnurrbart, ein Abgeordneter des kurdischen Parlaments, früher Manager einer Burger-King- Filiale in Bad Nenndorf. Er hat Politik studiert, seine Tochter ist Bauingenieurin in Deutschland. Jetzt kämpft er hier gegen den "Islamischen Staat".
Haydar ist müde und hat traurige Augen, die zu viel gesehen haben. Vor Kurzem hat er bei Gefechten seinen besten Freund zurücklassen müssen. Dreimal hat er nach ihm gerufen, aber niemand antwortete. Noch immer verfolgt ihn die Erinnerung. "Es tut mir leid, aber sonst wären wir selbst auch dageblieben."
In der Ferne knallt ein Schuss. Haydars Männer rennen aufgeregt auf dem Hausdach hin und her, sprechen in Funkgeräte. Haydar redet weiter, als hätte das Telefon geklingelt. Der Feind, sagt er zu Adnan, sei nicht ihr Feind, sondern der Feind der ganzen Welt.
Zwei Autos nähern sich, sie werden mit Mörsergranaten schießen, Haydar entschuldigt sich, weil er das Gespräch unterbrechen muss, er dreht sich um und geht zu einem schweren Browning-Maschinengewehr auf einem Mauersims. Seine Männer führen die Patronen zu, Haydar zieht den Spannhebel, drückt den Abzug und gibt ein paar Schüsse auf die Wagen ab. Er hebt die Hand, sagt "Reicht!" und dreht sich wieder um. Die Wagen drehen ab. "Wir hatten al-Qaida", sagt er, "das war schlimm. Jetzt haben wir Daisch. Die sind noch schlimmer. Ich frage mich manchmal, was in der Zukunft kommt."
Am Nachmittag beginnt der Beschuss. Schwere Mörsergranaten landen neben der Pilgerstätte. Die Männer suchen Deckung in der Festhalle. Die Scheiben klirren von den Einschlägen um das Haus. Später sammeln sie Geschosssplitter, wie Souvenirs. Als die Einschläge gegen Abend zunehmen, geht der Strom wieder an, und die Männer sehen im Fernsehen das Champions-League-Spiel FC Basel gegen Real Madrid. Real gewinnt, was die Männer nicht besonders interessiert, sie sind alle Fans von Bayern München.
Nach dem Angriff, in der Abenddämmerung, reckt Adnan im Garten sein Handy in die Höhe. Hier bei der Wäscheleine ist ein Platz, an dem die Kämpfer manchmal Empfang haben, wenn sie das Telefon in einem bestimmten Winkel halten. Adnan erreicht seine Familie, man hört aufgeregte Stimmen, er sagt: "Ja, hier ist Mörserbeschuss. Aber das ist normal."
Dann möchte er dem Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis Minden-Lübbecke schreiben, Achim Post. "Guten Tag, Herr Post", schreibt er, "Es wird Essen, Wasser, aber vor allem SCHWERE Waffen benötigt. Die IS-Miliz beschießt uns täglich mit Mörsern und Raketen, wir haben nicht genug Munition." Zehn Minuten lang versucht er die SMS an Herrn Post zu schicken, dann gibt er auf. "Keine Verbindung mehr nach Deutschland", sagt er.
Er hat aufgehört, sich zu rasieren, er bekommt langsam einen Vollbart. Seine Intersport-Jacke hat er gegen einen khakifarbenen Militäranzug eingetauscht, darüber eine Weste mit Magazinen. "Es muss wie eine zweite Haut sitzen", erklärt er, "damit ich dran gewöhnt bin, wenn es zum Kampf kommt." Nachts hört er das Reißen von Patronengurten und das Klacken der Sicherungshebel von Gewehren, das Husten und Schmatzen der anderen Männer. Zu Hause in Bad Oeynhausen konnte er die Frösche quaken hören, und wenn er aus dem Fenster schaute, dann sah er die Schaukel im Nachbarsgarten und den Kamm des Wiehengebirges. Das Bad war gefliest, und er aß, was er wollte.
Jetzt schläft er auf dem Boden und isst Bulgur und dünnes Brot. Jede Zitrone ist eine Kostbarkeit. Das Klo ist ein Loch im Boden, durch die zerborstenen Scheiben drückt der Wind kalte Luft, Hunde scharren nach Futter. Aber er, Adnan, ist jetzt dort, wo sein Vater geboren ist. Er wirkt zufrieden. Er erzählt in der Festhalle die Geschichte von seiner Einschulung. Er war sechs Jahre alt. Sein Vater begleitete ihn zu Fuß, und irgendwann fragte er ihn, warum sie nicht mit dem Auto fahren. "Ich gehe nur einmal mit dir diesen Weg", antwortete sein Vater, "ab morgen musst du es allein können."
Adnan sagt jetzt nicht mehr, dass Heimat dort ist, wo man geboren ist, sondern dass sie dort ist, wo man sich wohlfühlt. Früher hat Adnan gern lange geschlafen, aber jetzt steht er um vier Uhr morgens auf, um die Wachen auf dem Dach zu überprüfen. Er sagt jetzt Sätze wie: "Den Feind gilt es zu besiegen und zu vernichten. Der Feind ist leider nicht dumm. Der Feind hat Rückendeckung." Der Krieg hat ihn verändert, binnen zweier Wochen. Er hat Sinn gestiftet. Er hat ihm einen Platz zugewiesen. Er ist nicht mehr Adnan, der Jeside. Er ist jetzt Adnan, der Sohn von Kassim Schesho, dem Löwen vom Sindschar, dem Herrn des Berges. Er verwaltet den Schlüssel zum Munitionsraum, er schlichtet Streit, und er hält Ausschau nach Spionen.
Adnan, hast du keine Angst?
"Um mich nicht, wenn es passiert, dann passiert es halt. Ich habe nur um meine Familie Angst."
Wie lange bleibt du hier noch?
"Monate, vielleicht ein Jahr."
Was willst du hier?
"Der Familie helfen. Den Tempel verteidigen. Ich will leben und nicht existieren."
Er war nie besonders gläubig, aber der Krieg hat den Glauben in ihm geweckt. Er braucht ihn, denn er erklärt seine Reise. Erst wenn wir uns verteidigen, schützt uns Scherfedin, das Heiligtum, sagt er. Am Abend kommt ein alter Freund seines Vater zu ihm, er spricht von den Träumen seiner Kindheit, von früheren Leben und nächsten Leben, vom Seelenbruder und von der heiligen Quelle Zamzam im versteckten Tal von Lalisch. Er sagt, wenn wir unseren Glauben verloren haben, dann haben wir alles verloren.
Adnan sagt, dass man sich früher nicht immer auf ihn verlassen konnte, aber jetzt schon. Man könnte sagen, der Krieg hat Adnan zu einem besseren Menschen gemacht. Aufseiten des IS kämpfen Jungs aus Dinslaken und ein ehemaliger Rapper aus Berlin. Aufseiten der Jesiden kämpft ein Burgerbrater aus Niedersachsen. Es ergibt keinen Sinn. Aber es ist Krieg.
An einem Dienstag Mitte Dezember, wenige Tage vor Beginn der Offensive, die den Belagerungsring des IS sprengen wird, wird das heilige Feuer im Tempel entzündet. Im Mausoleum von Scherfedin übernimmt der Alte im Dorf die Aufgabe, der Sheikh, er bringt eine Kalaschnikow mit.
Der Tempel ist nur eine kleine Kammer aus Stein, aber für die Menschen hier ist er alles. Sie wissen nicht mehr genau, wer Scherfedin war, das Wissen ist verloren gegangen durch die Jahrhunderte auf der Flucht. Es gibt keine heilige Schrift, jeder hat andere Erklärungen, andere Geschichten. Nur die Rituale sind noch die gleichen, sie sind von den Vätern auf die Söhne immer weitergegeben worden. Adnan geht durch das Tor aus Stein, er küsst den Eingang. "Mögen deine Wünsche in Erfüllung gehen", sagt der Alte am Eingang. Der Sheikh ruft die Namen der Umstehenden auf und segnet sie. Sein Cousin Haydar kann nicht kommen, er wird an der Front gebraucht. Der Wind heult um den Tempel. Das Feuer erleuchtet Adnans Gesicht. Er legt die Hände auf den steinernen Altar. Mit reinem Herzen muss man sich hier etwas wünschen, sagt er.
Er weiß nicht genau, was sich die Leute hier wünschen, erzählt er am Abend. Aber Adnan glaubt, sie wünschten sich, dass die Gestorbenen in Frieden ruhen, die Gefangenen nach Hause finden, die Frauen befreit und die Hungernden essen werden, die Überlebenden den Kampf gewinnen. Und dass sein Vater gesund zurückkehrt.
Von draußen dringt das Geräusch der Haussprengungen herein, der Wind nimmt zu. Der alte Sheikh tritt vor den Tempel und deutet auf den heiligen Maulbeerbaum vor dem Eingang. Er erklärt, dass jeder, der zum Heiligtum kommt, ein Blatt dieses Baumes mitnimmt, als Zeichen seines Glaubens. Einer der jungen Kämpfer neben ihm öffnet seine Brieftasche, darin steckt ein bröseliges, kleines Blatt.
Diese Nacht wird der "Islamische Staat" wieder angreifen. Oben auf dem Berg an der Stellung des Maschinengewehrs hat einer der Kämpfer auf die letzte Mörsergranate in der Munitionskiste gezeigt. Die Männer in den Bergen haben sich auf ihre Gewehre noch eine Patrone montiert. Bevor sie dem IS in die Hände fallen, wollen sie sich lieber selbst töten.
Das Ende von Scherfedin wäre dann so wie das Ende aller Kuppeln in den Dörfern, die vom IS erobert wurden: zerborstene Steine zwischen gesprengten Gräbern. Aber es kommt, für dieses Mal noch, anders. Ein paar Tage später kehrt Adnans Vater zurück, und 500 kurdische Peschmerga-Kämpfer erreichen Scherfedin. Der Tempel ist frei. Lastwagen, bepackt mit Getreide und Decken, erreichen das Gebirge. Es sind, unter dem Maulbeerbaum, Wünsche erhört worden. ■
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 1/2015
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