29.12.2014

Russland„Ein sowjetischer Schauprozess“

Die Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa, 25, über das Verfahren gegen den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. Die Staatsanwaltschaft forderte vorige Woche zehn Jahre Haft für Nawalny, acht Jahre für dessen Bruder Oleg.
SPIEGEL: Nawalny ist wegen Untreue angeklagt, er soll eine Tochterfirma des Kosmetikkonzerns Yves Rocher betrogen haben. Worum geht es wirklich bei diesem Verfahren?
Tolokonnikowa: Nawalny soll hinter Gitter, darum geht es. Das Verfahren erinnert mich an sowjetische Schauprozesse gegen Dissidenten: Anträge der Verteidigung werden abgelehnt, Zeugen der Anklage haben über Nawalnys angebliche Schandtaten aus der Presse erfahren. Für das Gericht stand von Anfang an fest, dass er schuldig ist.
SPIEGEL: Warum hat der Kreml Angst vor Nawalny, wo Präsident Putin doch so beliebt ist?
Tolokonnikowa: Weil Nawalny Massen bewegt. Selbst unter Hausarrest blieb er für viele Kremlkritiker ein starker Anführer der Opposition. Er steht für eine transparente Politik und kämpft für konkrete Verbesserungen. Auch einfachen Leuten gibt er das Gefühl, dass sie etwas verändern können, wenn sie sich zusammenschließen. In Russland sind viele Menschen überzeugt, dass die korrupte Staatsmacht nur für sich selbst sorgt, aber sie unternehmen nichts dagegen. Nawalny könnte dieser Unzufriedenheit Ausdruck verleihen.
SPIEGEL: Könnte Nawalny die neue Galionsfigur der russischen Opposition werden?
Tolokonnikowa: Er macht vieles richtig, aber er ist nicht der einzige Oppositionelle. Es gibt inzwischen auch jüngere Leute, die etwas tun, statt nur große Reden zu schwingen.
SPIEGEL: Vor einem Jahr wurden Sie selbst aus der Haft entlassen, seitdem setzen Sie sich für eine bessere Behandlung von Häftlingen ein. Was haben Sie bisher erreicht?
Tolokonnikowa: Unsere Organisation Sona Prawa konnte über den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zwei schwer kranken Häftlingen zur Freiheit verhelfen, ein dritter soll bald entlassen werden. In russischen Gefängnissen gibt es keine echte medizinische Versorgung, selbst für Patienten mit Krebs im Endstadium. Dieses Unrecht muss aufhören.
Von Red

DER SPIEGEL 1/2015
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