05.01.2015

ZeitgeschichteFlucht im Kofferraum

Wilde Verfolgungsjagden, scharfe Kontrollen: Wie ein Berliner Kneipier auf Transitstrecken DDR-Flüchtlinge über die Grenze schmuggelte
Machen Sie das Radio leiser", befiehlt der Grenzposten, als Heinz Sander seine Papiere aus dem Fenster reicht. Sander dreht gehorsam am Knopf. Doch außer der lauten Musik gibt es ein weiteres Problem: Es fehlt der Durchlaufschein, den Sander bei der Einreise in die DDR am Grenzkontrollpunkt bei Hof erhalten hat und den er nun bei der Ausreise aushändigen muss. "Ich bitte drum", sagt der Grenzer höflich, doch Sander findet das Dokument nicht.
Er muss seinen Mercedes an die Seite fahren, vier Soldaten umstellen das Fahrzeug. "Warum stimmen Ihre Papiere nicht?", fragt ein Offizier. Er beginnt, das Auto zu untersuchen, sieht unter dem Beifahrersitz nach, schaut über die Rückbank; der Zettel findet sich nicht.
Schließlich lässt der Kontrolleur Sander ziehen. "Ich mache bei Ihnen eine Ausnahme. Aber das darf nicht ein zweites Mal passieren."
Sander biegt wenige Minuten später nach rechts in die West-Berliner Potsdamer Chaussee ein. "In einer dunklen Ecke ohne viel Straßenlicht", so erinnert er sich, öffnet er den Kofferraum. Darin: zwei Flüchtlinge, die an einer unbeobachteten Stelle auf der Transitstrecke hineingeschlüpft waren - und die zum Glück während der Suche nach dem Laufschein die Nerven behielten und keinen Mucks machten. Bei der Aktion muss Sander der Laufzettel aus dem Auto gerutscht sein.
Die Geschichte spielt im Jahr 1973. Wieder war eine Flucht nach West-Berlin geglückt. Kurz zuvor war der Verkehrsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR in Kraft getreten. Er ermöglichte es, über drei Transitstrecken von und nach West-Berlin zu fahren, ohne für das Visum das Fahrzeug zu verlassen und ohne Auto und Gepäckstücke durchsuchen lassen zu müssen. Bundesbürger bekamen von nun an lediglich einen Stempel in den Pass gedrückt, West-Berliner einen Laufzettel in ihren Personalausweis gelegt. Die Bonner Regierung überwies der DDR-Regierung dafür zunächst jedes Jahr knapp 235 Millionen Mark. Am Ende kassierte die DDR pro Jahr sogar über eine halbe Milliarde Mark.
Das Abkommen hatte einen Nebeneffekt: Es erleichterte auch Fluchthelfern das Geschäft.
Heinz Sander war einer von ihnen. Der Pächter des Schwarzen Adlers, einer Kneipe im feinen West-Berliner Bezirk Zehlendorf, war über einen Kneipengast in das Geschäft gerutscht: Kay-Uwe Mierendorff, damals einer der führenden Köpfe im Fluchthelfergeschäft - von der Stasi gehasst, von vielen Flüchtlingen verehrt und von der konservativen Springer-Presse als Held gefeiert.
Sander, gerade nach Berlin gekommen und in Geldnöten, biss an. Bald heuerte er im Schwarzen Adler weitere Helfer an: "Kalle", "Manne", "Frank", "Bernd", "Hansen" und einen Mann mit dem Spitznamen "Glöckner". Vier Jahrzehnte später arbeitet der nunmehr 80-jährige Sander an seinen Erinnerungen - und räumt mit der Legende auf, der Autohändler Mierendorff habe den unterdrückten DDRBürgern allein aus Menschlichkeit zur Flucht verholfen. Die Zeit der Idealisten, die vor allem der DDR schaden wollten und beispielsweise Fluchttunnel unter der Mauer hindurch gruben, war damals schon weitgehend vorbei.
Mierendorff verlangte von den Flüchtlingen ein hohes Honorar, 15 000 D-Mark pro Person waren die Regel. So viel Geld konnten nur wenige Privilegierte aufbringen, etwa DDR-Mediziner. "Wir haben damals", sagt Sander, "vor allem Ärzte geholt."
Sander war fasziniert von der Gelegenheit, eine schnelle Mark zu machen. Pro gelungener Flucht kassierte er bis zu 5000 Mark von Mierendorff. "Ich habe", erinnert er sich, "innerhalb von sechs Wochen 30 000 Mark verdient." Seinen Chef beurteilt er heute so: "Mierendorff war der Kopf und Geldgeber", sagt Sander. "Er war ein hochgradiger Verbrecher."
Mehr als 30 Jahre später ist das Geld zerronnen, Sander lebt von einer knappen Rente. In seiner kleinen, rumpligen Wohnung im Berliner Ortsteil Steglitz gibt er Einblicke in das Innenleben dieser geheimnisvollen Gruppe und in deren Methoden, die DDR-Grenzer zu überlisten. "Ohne Intelligenz und Rücksichtslosigkeit", sagt Sander, "wäre das alles nicht möglich gewesen."
Oft hatten die Schleuser aber auch mehr Glück als Verstand. Ihr Trick in den ersten Jahren des Transitabkommens war denkbar einfach: Ein Kurier nahm zunächst mit den Fluchtwilligen Kontakt in der DDR auf, offenbarte sich mit einem Losungswort ("Schöne Grüße von Jutta") und nannte ihnen das Datum der Flucht sowie den Treffpunkt mit den Fluchthelfern.
Der sogenannte Zubringer, ausgestattet mit einem Besuchervisum für die DDR, holte die Flüchtlinge ab. Auf einer der Transitstrecken musste er sich, wie die Schleuser es nannten, "frei fahren". Das hieß: eine unbeobachtete Stelle suchen, an der die Flüchtlinge schnell vom Auto des Zubringers in den Kofferraum des Fluchthelfers schlüpfen konnten. Dies geschah in der Regel auf freier Strecke am Straßenrand. "Parkplätze waren tödlich", sagt Sander, "denn da wachten Stasi-Spitzel."
Schon bald flogen die ersten Schleuser der Mierendorff-Gruppe auf und gaben in den Verhören Interna aus dem Schwarzen Adler und über den Wirt preis. Dass der Mann hinter dem Tresen einer der führenden Schleuser war, wusste das Ministerium für Staatssicherheit, wie sich heute in den Akten zeigt, spätestens im Sommer 1973.
Doch die Mühlen der DDR-Bürokratie mahlten langsam. Die Stasi brauchte bis zum März 1974, bis das Berliner Stadtbezirksgericht Mitte Haftbefehl gegen den "Angehörigen der Westberliner Menschenhändlerorganisation Mierendorff", Heinz Sander, erließ.
Im Visier hatte sie ihn aber schon, als Mierendorff Ende Juli 1973 gemeinsam mit abenteuerlustigen US-Soldaten eine Aktion startete. Sander sollte die Flüchtlinge den "US-Besatzern", wie es im Stasi-Jargon hieß, auf freier Strecke übergeben. Er selbst nahm am 29. Juli gegen 20 Uhr in der Nähe einer Raststätte bei Brandenburg die DDR-Bürger auf und fuhr Richtung Grenzübergang Marienborn.
Schnell merkte Sander, dass ihm Stasi-Agenten folgten. "Einmal zu oft dem Schicksal vertraut", dachte er. Als er die amerikanischen Schleuser entdeckte, drückte er aufs Gaspedal. Beide Fahrzeuge stoppten kurz, die Flüchtlinge stiegen um.
Am Grenzübergang wurde Sander "aus dem Reisefluss herausgelöst", wie die Grenzer protokollierten. Höflich baten sie ihn, sein Auto untersuchen zu dürfen - was ihnen das Transitabkommen bei "hinreichenden Verdachtsgründen" gestattete. Sie fanden nichts. Die Flüchtlinge waren mit den Amerikanern, die nicht kontrolliert werden durften, längst in der Freiheit angekommen.
Die Soldaten "schauten mich ganz enttäuscht an", erinnert sich Sander. Nach zweieinhalb Stunden durfte er weiter. "Es wurde um Entschuldigung für die Kontrolle und die Wartezeit gebeten", heißt es im Protokoll der Staatssicherheit.
Minutiös notierten die Verfolger damals ihren Versuch, Sander mit einem oder mehreren Flüchtlingen zu schnappen: "Am km 44 wurde 22.03 das Fahndungsobjekt von der VIII/Potsdam an die VIII/Magdeburg übergeben." Es folgte das Eingeständnis der Niederlage: "Vom Zeitpunkt der Übernahme bis zum Erscheinen an der Güst.Marienborn/A. (Grenzübergangsstelle -Red.) stand das Fahndungsobjekt nicht unter Kontrolle. Als Begründung wird überhöhte Geschwindigkeit angegeben."
Im Klartext: Die DDR-Aufpasser waren den Westautos nicht hinterhergekommen.
Ab diesem Zeitpunkt wusste Sander, dass seine Karriere als Fluchthelfer vorbei war. Überdies gab es nun Ärger mit den westlichen Alliierten. Die sahen, ebenso wie die Bundesregierung, in den Fluchthelfern Störenfriede, die das heikle Verhältnis zur DDR belasteten. Sogar westdeutsche Behörden versuchten, den Schleusern, etwa mit dem Vorwurf der Urkundenfälschung, das Handwerk zu legen. Die meisten Verfahren verliefen jedoch im Sande.
Die Amerikaner wiesen Mierendorff schließlich aus West-Berlin aus. In Kellinghusen nördlich von Hamburg erfand er immer ausgefeiltere Methoden, Menschen über die Transitstrecken in den Westen zu schmuggeln. So manipulierten er und seine Helfer Zollplomben an Lieferwagen, in denen sie dann Flüchtlinge versteckten ( SPIEGEL 9/1978). Bald aber funktionierte auch dieser Trick nicht mehr: Die Grenzer durchleuchteten kurz vor den Kontrollpunkten die Fahrzeuge mit Infrarotkameras.
Immer mehr Fluchthelfer flogen auf, im September 1973 wurde Mierendorffs Bruder Oliver verhaftet und verschwand für mehr als zehn Jahre im Gefängnis Bautzen. 1982 verletzte eine Briefbombe den inzwischen nach Bad Tölz verzogenen Mierendorff schwer. Nicht ausgeschlossen, dass die Stasi der Absender war.
Mierendorff verschwand aus Deutschland, 2012 starb er in Florida. Bis zum Schluss stritt er ab, Fluchthelfer aus rein kommerziellen Gründen gewesen zu sein. Sein Komplize Sander gab den Schwarzen Adler auf und kaufte sich in Berlin, in Lichterfelde-West, ein kleines Hotel - mit dem auf der Transitstrecke verdienten Geld.
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 2/2015
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