05.01.2015

GifteGefahr aus dem Boden

In vielen öffentlichen Gebäuden steckt Naphthalin. Der Stoff steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen.
An manchen Tagen ist es für Henri Bilio ein großer Sieg, das Bett zu verlassen. Dann schlurft er zu seinem Küchentisch, wo seine Dreilitertagesration Wasser steht und 15 Tabletten bereitliegen. Der Himmel über Gera ist trübe, die Küche dunkel, und Bilios Gedanken drehen sich um Selbstmord. "Das ist kein Leben", flüstert er.
Bilio erhält seit einem Jahr eine Invalidenrente. Ärzte diagnostizierten ein MCS-Syndrom, eine Multiple Chemikaliensensibilität, samt einer Hirnschädigung und einer Erkrankung des Nervensystems. Gespräche strengen Bilio an, er braucht mitunter lange, um die richtigen Worte zu finden. Viel trinken muss der Mann wegen eines anderen Leidens: Nach einer Krebsdiagnose wurde ihm vor einem Jahr die rechte Niere entfernt.
Als sein Leben noch ein anderes war, arbeitete Bilio als Lehrer an einer Berufsschule im thüringischen Gera. Sein Arbeitsplatz war im Computerraum 123 in einer frisch sanierten staatlichen Schule. Bilio plagten Hautausschläge und Kopfschmerzen, seine Schleimhäute und seine Augen waren gereizt. Dämpfe, die vom Fußboden aufstiegen, machten ihn krank. Unter dem neuen Belag moderten Teerpappe und Gummischrot aus alten Autoreifen. Durch den neuen Fußboden darüber waberten die Dämpfe des Gifts Naphthalin. Der Dienst in dem Computerraum, so sehen es Bilio und seine Anwälte, hat ihn zum Krüppel gemacht.
Mit seinem Problem ist er nicht allein, der Geruch von Naphthalin, das in Teer vorkommt und auch in Mottenkugeln verwendet wurde, zieht durch Klassenzimmer, Amtsstuben, Büros, Kindergärten, Wohnungen. Das Umweltbundesamt kennt diverse Studien aus den vergangenen Jahren. Insgesamt wurden 3789 Stichproben genommen, im Schnitt fand sich in jeder sechsten Naphthalin.
Im thüringischen Apolda wurden im November zwei Etagen der Berufsbildenden Schule geschlossen, weil aus einem alten DDR-Parkettkleber Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe, zu denen Naphthalin gehört, austreten. Die Wartburgschule in Eisenach ist wegen Naphthalin-Alarms dicht. Bei der Sanierung der Schule waren die Böden und das Dach nicht ausgetauscht worden. Alte Teerschichten dünsten nun in die Klassenzimmer aus.
Naphthalin ist als "krebsverdächtig" eingestuft, es gibt Grenz- und Richtwerte, aber vor allem viel Unsicherheit. Experten kennen die Probleme mit den alten Fußböden seit Langem. Auch eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe des Umweltbundesamts und der Länder hat sich damit beschäftigt. Das Problem für Betroffene: Es gibt zwar den Verdacht, dass das Gift Krebs erzeugt, doch keine Studien darüber, wie der Stoff tatsächlich auf Menschen wirkt. In Versuchen mit Ratten wurden erhebliche Gewebeschäden nachgewiesen, aber die Ergebnisse sind auf Menschen nicht einfach übertragbar.
Zumindest sind die Quellen des Gifts bekannt. Es findet sich in Tabakrauch ebenso wie in teerhaltigen Feuchtsperren, Dachpappen und Anstrichen wie Steinkohlenteeröl, einem außerordentlich wirkungsvollen Holzschutzmittel. Auch erhitzte Naturdämmstoffe wie Kork können Naphthalin freisetzen.
Im durchsanierten Osten sind vor allem Verwaltungsgebäude betroffen. In Sachsen-Anhalt fand sich das Gift im Landesamt für Verbraucherschutz, im Landesrechenzentrum, im Umweltministerium, in einer Außenstelle des Finanzministeriums und in einem Finanzamt. Belastet sind auch Räume beim Magdeburger Verfassungsschutz. Immer wieder gab es Beschwerden über üble Gerüche, daraufhin wurde gründlich untersucht. Ergebnis: In den Fußböden steckt eine müffelnde Teerschicht. Zehn Zimmer wurden geschlossen, in anderen herrscht seither ein strenges "Lüftungsregime": zehn Minuten stoßlüften pro Stunde. Mitte 2015 zieht die Behörde um.
In Thüringen ist die Lage kaum besser. Das Umweltministerium musste eine Etage räumen, im Landesverwaltungsamt dürfen Schwangere sechs Räume nicht betreten, im Verwaltungsgericht Weimar ist das Archiv nicht zu benutzen. Insgesamt zehn Liegenschaften sind betroffen, die Sanierung der Immobilien würde Millionen kosten.
Die Probleme sind nicht auf den Osten Deutschlands beschränkt. Im nordrhein-westfälischen Neukirchen-Vluyn fand sich der Stoff im Boden von acht Räumen, der Grund war ein steinkohlenteerhaltiger Parkettkleber. Auch eine Grundschule in Niederkassel fiel auf. In Hannover stach das Gift in den Räumen der Zentralen Polizeidirektion in die Nase. Im schweizerischen Bern wurden 114 Schulen und Kindergärten auf Belastungen untersucht, in 85 Räumen wurden die Fachleute fündig.
Was die jahrelange Naphthalin-Ausdünstung für die Menschen bedeutet, ist umstritten. Henri Bilio versucht seit Jahren, sein Leiden als Berufskrankheit anerkennen zu lassen. Doch das ist schwierig.
2009 klagte eine Arztsekretärin vor dem Sozialgericht Berlin in einem ähnlichen Fall. Sie hatte ein Nierenfellkarzinom und ein Mammakarzinom. Ihre Arbeitsräume waren nachweislich mit Naphthalin belastet. Von 24 Kollegen, so trug sie im Prozess vor, seien mindestens 10 an Krebs erkrankt. Das Gericht aber führte aus, dass die medizinische Wissenschaft "keine Anhaltspunkte für einen Kausalzusammenhang" zwischen Naphthalin und den Karzinomen habe.
Am 9. Dezember lehnte die Unfallkasse Thüringen auch Bilios Antrag auf Anerkennung einer Berufskrankheit ab. Er war, so heißt es in der Begründung, während seiner Berufstätigkeit "keinen Einwirkungen ausgesetzt, die geeignet sind, eine Berufskrankheit zu verursachen". Auf den Nierenkrebs geht die Kasse in einer Zeile ein. Schädigungen durch Naphthalin würden sich, wenn überhaupt, "in Form von Lungenkrebserkrankungen darstellen".
Der falsche Krebs also. Bilio hat für seine Anwaltskosten inzwischen die Riester-Rente aufgelöst. Er will Widerspruch einlegen.
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 2/2015
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