05.01.2015

HomestoryDuftbaum Citrusfresh

Wie man sich näherkommt, wenn man mit fremden Leuten im Auto fährt
Auf der A 92 in Richtung Deggendorf, der Tacho zeigte eben noch 160 Stundenkilometer, sagte der Fahrer: "Ich habe übrigens zwei Kisten Ecstasy und 20 000 Euro in bar im Kofferraum." Eine Zivilstreife war schon rechts an unserem Auto vorbeigefahren und lotste uns auf einen Parkplatz. Den Rest des Tages verbrachte ich auf einem Polizeirevier. Ich musste dort beweisen, dass ich wirklich nur die Mitfahrerin war.
Die Fahrt hatte ich im Internet auf Mitfahrgelegenheit.de herausgesucht: von Stuttgart nach Passau, 30 Euro, keine Umwege, nur Nichtraucher. Das war im Jahr 2005, ich war gerade von zu Hause ausgezogen, der Studienort war Passau, der Freund in Stuttgart. Wenig Geld zum Zugfahren.
Bis heute bin ich mehr als 200-mal mit fremden Leuten im Auto gefahren, gegen Geld. Von Köln nach Hamburg, Dresden nach Leipzig, Friedrichshafen nach Radolfzell. Ich habe in drei Städten studiert und in vielen mehr gelebt.
Meine Freunde sind in ganz Deutschland verteilt, die innerdeutsche Globalisierung spüre ich an den Wochenendstunden, die ich auf der Autobahn verbringe.
Oft fahre ich bei anderen Leuten mit, manchmal biete ich auch selbst Fahrten an. Mein Ford Escort, Baujahr 1998, Kilometerstand 26 348, der Zähler fängt immer wieder bei null an, wenn er die 100 000 erreicht hat, ist bunt angemalt. Die Fensterheber sind kaputt, und seit sich die Fenster deshalb nicht mehr bewegen lassen, ist auf der Beifahrerseite ein kleiner Schlitz entstanden. Deshalb sind die Polster und der Fußraum manchmal etwas nass. Meine Freunde sagen, ich führe eine Schrottkarre. Meine Fahrten sind aber schnell ausgebucht. Ich fahre direkt, im Gegensatz zu Fernbussen. Bevor ich die Mitfahrer abhole, lege ich den Fußraum mit Zeitungen aus, bringe die Pfandflaschen von der Rückbank zum Container und sauge die Krümel aus dem Schalthebelsack. Wenn ich fremde Leute in meinem Auto empfange, möchte ich eine gute Gastgeberin sein.
Ein Briefträger erzählte mir auf der Höhe von Würzburg, dass er jede Postkarte lese, bevor er sie einwerfe. Im August liebe er seinen Beruf am meisten, dann schrieben die Leute aus Italien, Schweden, Thailand oder Ungarn. Er wisse, sagte er, dass das verboten sei, aber für ihn sei das wie Urlaub im Kopf. Einmal habe der Absender ein Foto von seinem Penis auf die Karte geklebt. Manche Menschen vergäßen, dass so eine Postkarte nichts Geheimes sei, sagte der Briefträger.
Nirgendwo sonst ist man einer fremden Person so lange so nah wie in einem Auto. Woanders hat man immer die Freiheit zu gehen. Auf einer Party kann man den Raum wechseln, im Supermarkt die Warteschlange, im Zug das Abteil. In einem Auto gibt es keine Fluchtmöglichkeiten. Die Mitfahrgelegenheit ist wie eine stundenlange Fahrstuhlfahrt. Wenn man nur einen knappen Meter vom anderen entfernt sitzt, muss man sich irgendwann miteinander beschäftigen.
Mit der Zeit habe ich ein System entwickelt, um schnell abschätzen zu können, was für ein Mensch der Fahrer ist. Duftbäumchen Vanille: spanische Kosmetikerin, findet, dass deutsche Frauen Strumpfhosen statt Socken tragen sollten. Duftbäumchen Citrusfresh: Manager, seine Frau hat ihm gesagt, es müffle im Auto. Der Typ "Supermarktkassiererin, drei Kinder, Hobby: Bowlen" hat Kuscheltiere auf der Hutablage. Ein Bundeswehrsoldat spielte von Dresden nach Hamburg stundenlang Musik der Band Ostblockschlampen, ich empfand ihn als mutigen Mann, der seinen Musikgeschmack offen vor fremden Menschen präsentierte. Auch meine Mitfahrer versuche ich einzuschätzen. Sind es Reder oder Schweiger? Beteiligen sie sich an der Routenplanung ("Du musst hier nach rechts, glaub mir, ich fahre die Strecke ständig"), oder setzen sie sich Kopfhörer auf? Sind es Angeber, Nörgler, Interessante, Langweiler? Wie nah kommt man sich auf der Strecke von Frankfurt am Main nach München? Dauert es zwei Stunden oder zwei Minuten, bis das erste Wort fällt?
Ein Schreinerlehrling hat mir zwischen Erfurt und Würzburg erzählt, er sei auf dem Weg zu seiner Mutter. Er hatte ihr per SMS gestanden, dass er schwul sei. Sie habe immer noch nicht darauf geantwortet. Mit zwei Schwestern, die zur Beerdigung ihres Opas gefahren sind, habe ich von Zürich bis nach Stuttgart über das Sterben und Zurückbleiben geredet. Mit einer Stewardess über Heimweh und mit einer Abiturientin über Fernweh. Ein Mann, der sich als Zauberer vorstellte, erzählte mir, er sei auf dem Weg zu seiner Tochter und der Exfrau, seinen Zauberkasten hatte er dabei.
Nirgendwo ist mir die Klassentrennung unserer Gesellschaft bewusster geworden als beim Mitfahren in fremden Autos. Alle meine Freunde haben Abitur, fast alle haben studiert. Ich habe festgestellt, dass die Mitfahrgelegenheit der einzige Anlass ist, an dem ich mich privat länger mit Arbeitern unterhalte. Leute, die studiert haben, erzählen ihr Leben oft in Abschlüssen und Karriereschritten. Arbeiter sprechen dagegen mehr über Hobbys, Familie und ehrlicher über ihre Probleme. Wenn man nicht mehr über sein Studium oder seine Arbeit sprechen kann, weil es den anderen einfach nicht interessiert, fühlt man sich als Akademiker manchmal sehr nackt.
Das Auto, der Ort, an dem man allein singt und flucht, laut denkt und in der Nase bohrt, ist ein halb öffentlicher Raum geworden, ein Ort für Begegnungen. Viel häufiger als offensichtliche Geschichten haben mich dabei die leisen Momente berührt, die ich in fremden Corsas, C-Klassen und Golfs erlebt habe.
Auch der Ecstasy-Mann war ein höflicher, leiser Mensch, der kein Geld mehr von mir wollte, nachdem die Polizei uns zum Revier geschafft hatte. Als ich damals endlich gehen durfte, fragte ich ihn zum Abschied: "Wieso bietest du eine Mitfahrgelegenheit an, wenn du mit zwei Kisten Ecstasy und 20 000 Euro in bar durch die Gegend fährst?"
"Ich rede so gern im Auto", sagte er.
Von Vivian Pasquet

DER SPIEGEL 2/2015
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