05.01.2015

HandwerkVerschraubt in alle Ewigkeit

Was Bill Gates für den Heimcomputer, ist Artur Fischer für den Heimwerker. Er erfand den modernen Dübel und machte über 1100 Erfindungen. Ein Mann, der Stalingrad überlebt hat - und den familiären Erbfolgekrieg. Von Alexander Smoltczyk
Nichts bewegt sich im Büro von Artur Fischer. Alles ist wie erstarrt, der Schreibtisch, die beigefarbenen Sitzmöbel, der mitten im Zimmer auf seinen Stock gestützte ältere Herr. Nur über dem Schreibtischsessel kreist, sirrend gleich einem Perpetuum mobile, ein sonnengetriebenes Fluggerät.
SPIEGEL: Wie fällt einem der Dübel ein?
Fischer: Ich habe in meinem ganzen Leben nichts abgeguckt und nichts gestohlen. Habe immer eigene Wege gesucht, weil ich frei sein wollte. Unser Problem zurzeit ist, dass zu viel nachgemacht wird. Unser Dübel ist ein Gedankenunikat.
Artur Fischer, 95, hat den Dübel in seiner heute weltweit verbreiteten Form erfunden. Und den Blitzwürfel für den Fotoapparat. Und "Fischertechnik", den Montagebaukasten. Er gilt als einer der erfolgreichsten Erfinder des Landes. Seine Büste steht im Deutschen Museum, und 1990 bekam er den Werner-von-Siemens-Ring verliehen, als erster Nichtakademiker. Sein Vater war der Dorfschneider von Tumlingen, einem Schwarzwaldnest, "ferne von Musen, von Baum, ferne von Reben und Stadt", wie ein Johann Ulrich Schwindrazheim es gedichtet hat, der "Ovid vom Heckengäu".
Fischer: Es fängt bei der Neugierde der Kinder an. Ich habe meiner Mutter immer gesagt: Ich will fliegen. Flieg los, hat sie gesagt. Wann denn? Heute will ich fliegen. Dann haben wir Bretter zusammengeholt, ein Brett am Boden, eines senkrecht, dann ein Loch vorn, eine Kurbel mit einem Propeller aus einer Dachlatte. Sie sagte: Auf geht's, jetzt fliegen wir. Da habe ich gedreht und gedreht. Ich habe den Eindruck, das ist noch kein gutes Flugzeug, sagte meine Mutter. Aber jetzt weißt du schon einmal, wie es nicht geht. Damit war ein Thema erschlossen: Man muss auch wissen, wie es nicht geht.
Der Ortsteil Tumlingen, Sitz der Fischerwerke, ist ländlich geblieben. Es riecht an diesem Tag auch auf dem Fabrikgelände nach Dung. Die Gemeinde verfügt über eine Festhalle, ein frisch renoviertes Rathaus, Schulen und Sportplätze, alles finanziert von Fischer. In Tumlingen werden täglich 14 Millionen Dübel hergestellt.
SPIEGEL: Um auf den Dübel zurückzukommen ...
Fischer: Ich bin Samstagmittag in die Werkstatt gegangen und habe an dem Polyamidstück herumgefeilt und bin fündig geworden.
SPIEGEL: Aber Sie mussten eine Idee des Dübels im Kopf gehabt haben.
Fischer: Er braucht eine Spitze, und er braucht die Spalte, damit der Dübel sich aufspreizt, wenn man etwas hineindrückt. Die Zähne, damit er sich in hartem oder weichem Material festbeißen kann. Die Bohrung innen ist konisch. Wenn jetzt die Schraube eingedreht wird, sperrt er den Schnabel auf und verklemmt sich fest im Loch. Später habe ich die beiden Sperrzungen an der Seite zusätzlich angebracht. Wenn das Bohrloch etwas größer ist, kann sich der Dübel beim Montieren nicht mehr drehen.
SPIEGEL: Haben Sie sofort geahnt, wie erfolgreich dieses Gerät werden würde?
Fischer: Nein. Ich wusste nur, dass die Handwerker sich freuen würden. Ich bin ja selbst Handwerker. Am gleichen Tag noch habe ich eine Schraube gesetzt, zwei große Hebel genommen und versucht, die Schraube wieder aus Dübel und Loch herauszudrücken. Ich habe gedrückt und gedrückt. Die Wand habe ich dann die Klagemauer genannt (er kichert), weil es nichts mehr zu klagen gab.
Das Problem von Stein und Schraube ist die Unvereinbarkeit zweier Materialien. Das Metallgewinde verlangt nach Elastik, das Mauerwerk dagegen ist spröde. Bis zu jenem Samstag in Tumlingen 1958 wurden Schrauben in Bohrlöchern mit Holzkeilen oder hanfgefüllten Alu-Hülsen befestigt. Aber jetzt gab es das Polyamid "Nylon", ein Material von verlässlicher Festigkeit, das dennoch auf Druck willig nachgibt. Es steckte in Nylonstrümpfen und der Fallschirmseide der Alliierten. Die I. G. Farben hatten unter dem Codenamen Perluran eine deutsche Alternative zu Nylon entwickelt: "Perlon".
Fischer: Polyamid war teuer, 9,40 Mark das Kilogramm. Bei der BASF haben sie gefragt: Warum nehmen Sie so ein teures Material für so einen billigen Dübel? Da habe ich dem Vertreter gesagt: Haben Sie vielleicht zu Hause überm Tisch einen Kronleuchter? Dann werden Sie den in Ihrer Suppe wiederfinden, zusammen mit dem Billigdübel. Weil der nämlich nicht wärmebeständig ist - und der Kronleuchter wird heiß.
SPIEGEL: Die ersten Lieferungen waren schwarz. Dann beschwerten sich die Handwerker, der Kontrast zu den hellen Nachkriegswohnungen sei zu stark.
Fischer: Ich habe sie grau gemacht. Sie wurden auch billiger. Erst haben wir 2 Stück in einer Matrize gegossen, dann 10, 20, 50, 90 in einer Form. Da ist die Herstellung parallel gegangen mit dem Umsatz.
SPIEGEL: Es muss einen zufrieden machen, wenn sich eine Erfindung in allen Ländern verbreitet hat.
Fischer: Wenn man etwas zusammenbringt, dann ist es, mit einem einzigen Wort gesagt: Gnade. So viel Glück, so viele Chancen auswerten zu dürfen, das ist Gnade.
SPIEGEL: Schon in Stalingrad hatten Sie Glück gehabt.
Fischer: Das war ganz besonders. Wenn man gesehen hat, wie die letzten Maschinen dort abgeschossen wurden. Die Russen lagen gegenüber auf der Wolga-Seite. Die haben genau gesehen, wann eine neue Maschine kam. Die Flugzeuge sind dann abgestürzt oder ausgebrannt. Da war ein Oberfeldwebel aus Österreich, mit Ritterkreuz, der ging von uns weg und sagte, er komme bald wieder, erzählte, wie begeistert sie ihn im Urlaub empfangen hätten mit dem Ritterkreuz. Dann habe ich ihm die Maschine angekurbelt, er ist gestartet, und wir haben gesehen, wie er als Feuerball auf der Erde lag. Im Steigen abgeschossen. Aus war's. So ist es allen gegangen. Die konnten sich nicht mehr durchsetzen gegen die russische Übermacht der Jäger.
Fischer hatte sich zur Wehrmacht gemeldet, um Flieger zu werden. Aber er war mit 1,66 Meter zu klein, zu kurzsichtig war er auch, und er hatte kein Abitur. So kam er nach Kriegsausbruch als Mechaniker zum Jagdgeschwader 52 nach Lachen-Speyerdorf in der Pfalz. Weihnachten 1939 war zum Mittagessen der Besuch des Fliegergenerals Sperrle angekündigt. Es sollte ein Sonderzug kommen. Es war ein Tarnname, hinter dem sich Adolf Hitler verbarg.
In ihrer Chronik schreibt die "Traditionsgemeinschaft Jagdgeschwader 52": "Der Führer sprach in einer 20 Minuten langen Rede und legte die Ursache und Ziele des Krieges dar. Gefreiter Artur Fischer, Stabskompanie, überreichte dem Führer ein von ihm selbst geschaffenes Modell eines Flugzeuges. In Anerkennung erhielt er ein Bild des Führers mit eigenhändiger Unterschrift."
Ein Foto von dieser Begegnung tauchte kurz bei einem Militariahändler im Netz auf. Die Traditionsgemeinschaft traf sich nach dem Krieg regelmäßig, einmal auch in Tumlingen, in den Werken ihres ehemaligen Mechanikers.
Artur Fischer erinnert sich an dieses Weihnachten noch sehr genau. Es ist keine gute Erinnerung.
Fischer: Ich hatte das Flugzeug für meine Mutter gebastelt, als Weihnachtsgeschenk. Dann hat mir der Kommandant gesagt, ich sei der beste Mechaniker, und ich solle es dem Hitler geben. Das waren verdammte Zeiten. Ich war ja gerade erst 19 Jahre alt.
SPIEGEL: Sie sind 1943 mit einem der letzten Flugzeuge aus dem Kessel von Stalingrad entkommen.
Fischer: Das war kein besonderes Entgegenkommen. Ich hatte die Aufgabe, den ganzen Laden dort zu leiten. Sie haben uns ausgeflogen, weil keine Maschinen mehr übrig waren, die wir hätten reparieren können. Da hatten wir dort auch nichts mehr zu suchen.
Nach dem Krieg fing Fischer an, aus Granatenkartuschen und sonstigem Kriegsschrott elektrische Feueranzünder und Webstuhlschalter zu basteln. 1948 wird seine Tochter Margot geboren, später der Sohn Klaus, dem heute die Fischerwerke gehören.
Fischer: Ich wollte ein Foto von meiner Tochter haben. Damals gab es für Innenaufnahmen nur diesen Pulverblitz, den man mit einer Schnur zur Zündung bringen musste. Das war gefährlich und ergab keine guten Bilder, weil alle vor Schreck meist die Augen schlossen. Ich habe erst einen Lichtreflektor gebaut und dann an meinen elektrischen Zünder gedacht.
Das Problem war, den Auslöser zu betätigen, bevor die Magnesiumbirne erloschen war. So kam es 1949 zum Patent DE 819620, "Magnesium-Blitzlichtgerät für Fotoapparate". Fischer hatte den Synchronblitz erfunden, und Agfa brachte das System auf den Markt.
Dann dachte sich Fischer noch den "Agfa-Lux" aus, einen faltbaren Reflektor, 1963 auch den Blitzwürfel. Der Blitz war von nun an mit der Kamera gekoppelt und synchron gesteuert. Die Bundesbürger knipsten mit Fischers Blitztechniken. Aus der Ein-Mann-Werkstatt in Tumlingen wurde die Firma "Artur Fischer Apparatebau".
SPIEGEL: Gibt es etwas, das Sie gern erfunden hätten?
Fischer: Man soll das machen, was einem gerade einfällt und was man braucht. Das Erfinden geht durch die Seele. Die Seele ist zugleich Empfänger und Spender. Wir sind ein Teil der Schöpfung, deswegen können wir mit ihr umgehen und uns zur Aufgabe machen, schöpferisch zu sein. Aus.
SPIEGEL: Jeder Dübel braucht eine Schraube. Der Weltmarktführer im Schraubenhandel hat seinen Sitz auch in Baden-Württemberg, ebenfalls ein Familienunternehmen. Kennen Sie Reinhold Würth persönlich?
Fischer: Ja, wir kennen uns.
SPIEGEL: Würth war wie Sie Lehrling im Metallbereich. Sie beide sind Ehrensenatoren der Universität Stuttgart. Er ist Neuapostoliker, Sie sind pietistisch. Ihre Familien stehen beide auf der Liste der reichsten Deutschen, er auf Platz sieben, weit vorn. Welches Verhältnis haben Sie zueinander?
Fischer: Wir achten uns. Weil wir beide aus einfachsten Verhältnissen kommen. Übrigens stellt meine Firma auch Schrauben her, und zwar ganz hervorragende.
SPIEGEL: Was sagen Sie eigentlich zu Telefonen wie diesem, mit denen man Interviews aufzeichnen, im Dunklen fotografieren und übers Netz seinen Kühlschrank ausschalten kann?
Fischer: Ich hab kein Internet.
Die Geburt seiner Tochter Margot hatte Fischer auf die Idee des Synchronblitzlichts gebracht. Leider haben sich Vater und Tochter entzweit. Seit einigen Jahren betreibt Margot Fischer eine Website, fischerfratze.de, auf der sie einen Kleinkrieg gegen ihre Familie führt. Sie sei zum Erbverzicht gedrängt worden. Man habe ihre schwere Hörbehinderung nicht erkannt, weswegen sie keinen Schulabschluss machen konnte. So arbeitete die Tochter des Firmengründers 36 Jahre lang als ungelernte Angestellte in den Fischerwerken.
1999 erhielt sie eine Änderungskündigung und meldete sich arbeitslos. Ihr Lebensgefährte bezog Hartz IV. Weil Margot Fischer laut Erbvertrag über "beträchtliche Vermögenswerte" verfüge, darunter Eigenheim und hohe monatliche Zuwendungen, erstattete laut Tochter Margot die Firma Anzeige beim Arbeitsamt Heilbronn.
SPIEGEL: Ihre Tochter Margot hat Ihnen damals vorgeworfen, ihr Leben zerstört zu haben. Haben Sie sich inzwischen versöhnt?
Es fällt Artur Fischer schwer, darauf zu antworten. Er sei sehr traurig, dass es so laufe, sagt er. Aber in jeder Familie gebe es das Problem, dass die nächste Generation weglaufe. Er habe sich daran gewöhnt, sagt er. Es habe ja keinen Sinn. Besser die Kraft, die ihm bleibe, für anderes einsetzen. Neue Dinge machen, sagt er.
Fischer: Ich habe das gerade in Russland lernen müssen, im Krieg, dass späteres Wehklagen auch keinen Sinn hat. Das bringt gar nichts.
Fischers Sohn und Erbe Klaus hat den Umsatz auf zuletzt 633 Millionen Euro verachtfacht und die Internationalisierung vorangetrieben. Das Unternehmen beliefert die Autoindustrie mit Handschuhfächern oder Aschenbechern, alles aus Kunststoff. Eigentlich sollte dann Enkel Jörg als Unternehmenschef nachfolgen. Der ging 2012 im Streit, wegen "gravierend unterschiedlicher Auffassungen". Laut Wirtschaftswoche hatte Jörg Fischer die Dübel auch im Direktgeschäft vertreiben wollen und es sich deshalb mit den Baumärkten verscherzt, und mit dem eigenen Vater. Artur Fischer möchte über all das nicht sprechen.
SPIEGEL: Beunruhigt es Sie, dass Ihr Spreizdübel mittlerweile überall kopiert wird?
Fischer: Jede Nachahmung beunruhigt. Nachahmer gab es immer, besonders in anderen Teilen der Welt. Der Spreizdübel wird dort kopiert, wo er besonders gut ankommt. Früher hatten alle Angst vor Japan. Heute spricht niemand mehr darüber.
Nach dem Dübel hat Artur Fischer vor allem Kinderspielzeug erfunden. Bunte Knubbel aus Kartoffelstärke zum Basteln ("fischerTiP"). Oder das Baukastensystem "fischertechnik", eine Art Lego für künftige Diplomingenieure. Es war so hochwertig, dass die Firma anfangs draufzahlte. Die Steine hielten ewig.
Fischer: Man findet nicht das, was man nicht hat, sondern das, womit man gespielt hat. Relativ einfache Mechaniken. Wie bei mir mit dem Flugzeug.
SPIEGEL: Was müsste man erfinden, um Ihren Alltag zu verbessern?
Fischer: Ich habe gerade eine Erfindung gemacht. Einen ganz neuen Eierbecher. Er ist allerdings noch nicht auf dem Markt. Ich gebe Ihnen einen mit. Der Eierbecher hat an der Seite eine Art Messer und sieht aus wie eine Guillotine.
Fischer stemmt sich aus seinem Bürosessel und geht sehr langsam zu seinem Schreibtisch. Über ihm surrt unentwegt das Flugzeugmodell am Faden.
Von Smoltczyk, Alexander

DER SPIEGEL 2/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 2/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Handwerk:
Verschraubt in alle Ewigkeit