05.01.2015

Global VillageDas Gesetz der Frauen

Warum in einem brasilianischen Dorf das Matriarchat herrscht
Die Geschichte war zu gut, um wahr zu sein: 300 junge, hübsche Frauen aus dem Dorf Noiva do Cordeiro suchten Männer zum Heiraten. Das war die Meldung, die sich Mitte des vergangenen Jahres von Brasilien über das Internet in die Welt verbreitete. Es kamen das chinesische Fernsehen, außerdem Journalisten aus Frankreich und Chile sowie ein Reporter des britischen Daily Telegraph, der seine eigenen Heiratschancen ausloten wollte.
Die Journalisten fanden viele hübsche Frauen in Noiva do Cordeiro. Aber die Frauen suchten keine Männer.
"Wir rätseln immer noch, wie es zu diesem Gerücht kam", sagt Delina Fernandes Pereira, 70, eine Frau mit leuchtenden Augen und großem Herzen. Vielleicht entstand es, weil eine Dorfbewohnerin im brasilianischen Fernsehen einen Witz machte, aber ganz genau weiß es niemand.
Das Missverständnis machte die Einwohner von Noiva do Cordeiro berühmt, vor allem Delina Fernandes, die sie "die Matriarchin" nennen. Oder einfach "Mutter", selbst wenn sie nicht mit ihr verwandt sind. Sie ist die Chefin dieser Kommune, die in einem abgeschiedenen Tal im Bundesstaat Minas Gerais liegt.
Delina Fernandes sitzt am Tisch der Gemeinschaftsküche, in der Ecke knistert das Herdfeuer. Jeden Tag kochen sie hier für die rund 300 Menschen in Noiva do Cordeiro, fast alle sind Frauen. Sie arbeiten auf dem Feld, tragen riesige Sonnenhüte und rauchen selbst gedrehte Zigaretten aus Maisstroh. Männer fehlen ihnen nicht.
Die Frauen leben hier nach ihrem eigenen, ungeschriebenen Gesetz: Alles geht, mit Mann oder ohne Mann, geschieden, in gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Nur Priester und Gotteshäuser werden in Noiva do Cordeiro nicht geduldet. Und, auch das ist eine ungeschriebene Regel: Die Frauen bekommen meist ihren Willen. In Noiva do Cordeiro herrscht das Matriarchat.
Wer das Dorf besucht, erfährt viel über Toleranz, Demokratie und progressive Lebensformen. Und einiges über die gesellschaftliche Macht der Frauen in Brasilien. Ihre Freiheit haben sie sich hart erkämpft - gegen die Kirche und gegen eine zutiefst machistische Gesellschaft. Heute hat das Land mit Dilma Rousseff sogar eine Präsidentin.
Die Geschichte des Frauendorfs begann Ende des 19. Jahrhunderts mit der Farmerstochter Maria Senhorinha de Lima, der Großmutter von Delina Fernandes. Die junge Frau war von ihren Eltern mit einem reichen Bauern verheiratet worden. Doch Maria verliebte sich in einen anderen Mann, wurde schwanger, zog mit ihm zusammen. Ihre Eltern verstießen sie, die katholische Kirche exkommunizierte das Paar und seine Nachkommen bis in die vierte Generation.
"Wir wurden behandelt wie Aussätzige", sagt die Matriarchin. Ihre Großeltern ließen sich in einem entlegenen Tal des elterlichen Guts nieder, sie zogen neun Kinder groß, litten Hunger und bittere Armut. Die Mutter von Delina Fernandes wiederum gebar 15 Kinder.
Anfang der Fünfzigerjahre kam der evangelikale Prediger Anísio Pereira in das Dorf, viele Einwohner ließen sich von ihm missionieren, er machte eine eigene Kirche auf. Dann hielt er um die Hand der 16-jährigen Delina an. Sie willigte ein. Doch der Prediger war autoritär und dogmatisch. Er verbot Radio, Fernsehen und das Tanzen, die Frauen mussten lange Röcke tragen, durften sich die Haare nicht schneiden.
Mitte der Neunzigerjahre rebellierten die Kinder und Enkel gegen die Herrschaft des Patriarchen. Sie weigerten sich, ihm weiterhin zu gehorchen, sie feierten, tranken und tanzten, gemeinsam rissen sie die Kirche ab. Dann riefen sie Delina Fernandes Pereira zu ihrer Chefin aus.
"Wir leben in Zukunft nach unseren eigenen Regeln", verkündete die Matriarchin. "Alles, was das Herz und das Gewissen erlauben, ist möglich." Die Gemeinschaft ist seither gewachsen, das jüngste Mitglied ist 4, das älteste 93, die meisten sind miteinander verwandt.
Die Bewohner schweißt zusammen, dass sie jahrzehntelang geächtet wurden. In den Nachbargemeinden waren die Frauen des Dorfs als Prostituierte verschrien; Prediger warnten, Noiva do Cordeiro sei vom Dämon besessen. Bis vor Kurzem wurden ihre Verstorbenen auf einem abgetrennten Platz des Friedhofs bestattet, den sich mehrere Gemeinden teilen.
Es gibt auch Männer in Noiva do Cordeiro, aber man sieht sie kaum. Sie arbeiten unter der Woche in der 125 Kilometer entfernten Großstadt Belo Horizonte. Die Frauen ernten Auberginen und Paprika und kümmern sich um das Vieh. "Frauen sind stärker als Männer", sagt die Matriarchin. "Es hat sich einfach so ergeben, dass sie hier das Sagen haben."
Das Dorf ist heute eine Modellgemeinschaft. Wenn ein Paar ein Haus braucht, helfen alle Bewohner, eines zu bauen. Wer zu schwach oder zu alt ist für die Feldarbeit, bastelt Kunsthandwerk oder näht Damenunterwäsche. Die Einkommen werden untereinander geteilt.
Im Jahr 2006 erhielt die Kommune erstmals einen Internetanschluss, seither entdecken die Bewohner die Welt. Keila, eine der Töchter der Matriarchin, sah die Videos von Lady Gaga und wollte auch so sein. Sie färbte ihre Haare blau, sang und tanzte. Erst nur für die Dorfbewohner, doch inzwischen ist "Keila Gaga" landesweit bekannt. Gerade wurde sie zur Fashion Week nach São Paulo eingeladen.
Keila träumt jetzt von einer internationalen Karriere, doch ihr Dorf möchte sie nicht verlassen. Zur Auberginenernte geht sie wie alle anderen morgens um sechs aufs Feld. Mit blauen Haaren.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 2/2015
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