05.01.2015

KommentarStreitet euch!

Sollen Ärzte todkranken Patienten beim Suizid helfen dürfen? Über diese Frage streiten zurzeit viele Bürger mit Leidenschaft. Der deutsche Bundestag will sie beantworten, mit einem Gesetz. Die Meinungen der Volksvertreter gehen weit auseinander, mehrere Entwürfe liegen vor, hinter jedem könnten sich am Ende Mitglieder aller Fraktionen versammeln.
Nur die Ärzteschaft scheint in dieser schwierigen Gewissensfrage geschlossen: Mediziner dürften "keine Hilfe zum Sterben" leisten, postuliert Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery. Die Haltung der Ärzteschaft hierzu sei "ebenso einheitlich wie eindeutig". Ende der Debatte.
Weil im Strafrecht bislang kein Verbot der Suizidbeihilfe für Ärzte existiert, hat die Bundesärztekammer selbst eines aufgestellt, standesrechtlich, in ihrer Musterberufsordnung. Manche Landesärztekammern haben sie übernommen. Dort riskieren Ärzte für Suizidhilfe schon jetzt ihre Approbation. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) verlautbart dazu, die Medizin könne das Leiden Sterbender heute so gut lindern, dass praktisch keiner mehr von eigener Hand sterben wolle; ihre Mitglieder befürworteten ein einheitliches Verbot.
Klare Ansagen also. Nur haben die Funktionäre offenbar vergessen, vorher ihre Basis zu fragen. Kürzlich lehnten in einer Studie des Medizinethikers Jan Schildmann von der Ruhr-Universität Bochum drei Viertel der befragten Ärzte ein Verbot ab oder waren unentschieden. Ähnlich sieht es bei Ärzten und Pflegenden aus, die Sterbende behandeln: In einer nordrhein-westfälischen Befragung von DGP-Mitgliedern, einzusehen auf der Website des Palliativnetzes Witten, sprachen sich knapp zwei Drittel gegen ein Verbot ärztlicher Hilfe beim Suizid aus.
Fast jeder zweite dieser Experten in Sachen Leidenslinderung gab an, das Sterben eines Familienmitglieds sehr wohl als leidvoll erlebt zu haben. Die meisten Gegner eines Verbots fanden sich in der Gruppe derjenigen, die angaben, selbst schwer krank zu sein.
Und die Resonanz der Standesvertreter auf diese Befragungen? Null. Totschweigen.
Einst war die sanfte Palliativmedizin angetreten, um Allmachtsfantasien der Apparatemedizin zu brechen. Heute gibt sie sich ihrer eigenen Größenidee hin, nämlich jedem zu einem guten Tod verhelfen zu können - und zwar so, wie Funktionäre und Lehrstuhlinhaber ihn definieren.
Wer jetzt die überfällige Debatte zur Suizidbeihilfe unterdrückt, verspielt alle Glaubwürdigkeit der Medizin am Lebensende - in der Ärzteschaft, in der Politik, aber vor allem bei den Patienten.
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 2/2015
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