05.01.2015

ArchäologieDie Gruft der Barbaren

Ein gigantisches Grabmal in Griechenland gibt Rätsel auf. Es stammt aus der Zeit des legendären Eroberers Alexander der Große. Im Sargraum lagen zerfetzte Gebeine. Von wem stammen sie?
Der Feldzug Alexanders des Großen gilt als größte Militäroperation der Antike. Die Infanterie marschierte 32 000 Kilometer, rund 750 000 Menschen starben. Bis nach Usbekistan und an den Fuß des Himalaja stieß der König vor. Rekordverdächtig ist auch die Zahl seiner Verwundungen (sieben) sowie die Weinmenge (geschätzte 50 Liter pro Monat), die er während der Gefechtspausen in sich hineinschüttete.
Nun ist ein Grab der Superlative entdeckt worden, das gut zu dem legendären Feldherrn passt. Es ist ein Totenhügel, umschlossen von einer kreisrunden, 497 Meter langen Mauer. Auf dem Gipfel stand einst ein Löwe aus Marmor, der mitsamt Sockel knapp 16 Meter hochragte.
Aus Chroniken weiß man, dass Alexander drei solcher Raubtierskulpturen in Auftrag gab.
Eine "Riesenüberraschung" nennt der Aachener Althistoriker Jörg Fündling die Anlage, die sich unweit des antiken Marinestützpunkts Amphipolis im Norden Griechenlands befindet. Im Jahre 357 vor Christus hatten die als Barbaren verschrienen Makedonen die Stadt den verfeindeten Athenern abgejagt und dort ihre Flotte stationiert. Das Hügelgrab liegt nahe der Küste. Es ist das größte, das man je in Hellas fand.
Die Arbeit in dem düsteren Erdwall leitet Katerina Peristeri. Zuerst kämpfte sich die Archäologin über eine verschüttete Treppe mit 13 Stufen zur unterirdischen Eingangstür hinab. Über dem Tor sitzen zwei Sphingen mit abgeschlagenen Köpfen. Von dort gelangte Peristeri in einen Korridor, der auf Blockiersteine zulief.
Als die Ausgräber das Hindernis wegräumten, kamen zwei Frauenstatuen mit langen Gewändern zutage, jede 2,27 Meter hoch. Es sind Meisterwerke klassischer Bildhauerkunst. Sie waren rot und gelb bemalt. Dahinter öffnete sich ein Raum mit einem prachtvollen Mosaik, der in ein weiteres Gewölbe mündet. Dort liegt die Gruft (siehe Grafik).
Schon vor 50 Jahren hatten Forscher den verwitterten Erdbuckel angepikst - und den Schrein in der Tiefe glatt übersehen. Nun gelang der Volltreffer. Griechenlands Kulturminister Konstantinos Tasoulas spricht von einer "Explosion des Interesses weltweit".
Nur, wer wurde da so aufwendig ins Jenseits verfrachtet? Auf die Althistoriker wirkt die gewaltige Anlage bislang wie ein großes Geheimnis.
Auf dem Boden lagen Münzen aus dem 3. und 2. Jahrhundert vor Christus. Zu der Zeit haben vermutlich Räuber die Gruft geplündert. Sie schleppten Gold und Silber davon. Sphinxflügel vom Eingang lagen in Kammer drei. Nicht einmal Scherben ließen die Diebe zurück, nur ein paar Nägel aus Kupfer und Eisen. Vom verrotteten Holzsarg sind einige Schnitzereien und etwas Glas erhalten.
Das Skelett sieht übel aus. Arme und Beine befanden sich in der Gruft; der Schädel sowie andere Knochen lagen wild verstreut und zertrümmert im Sargraum. Ein Kieferorthopäde von der Universität Athen versucht jetzt, das Gesicht des Toten aus Wachs nachzuformen. Aus den geborgenen Zähnen will man Erbgut für eine DNA-Analyse gewinnen.
Als sicher gilt, dass die Nekropole aus dem Umkreis jenes "größten Eroberers der Geschichte" stammt, der mit seinem Orientkrieg die Vorherrschaft Europas begründete - und dabei Gesundheit und Verstand verlor.
Als der Stratege 323 vor Christus im Alter von 32 Jahren in Babylon starb - vermutlich an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse nach schwerem Alkoholgenuss -, brach unter den Erben blutiger Streit aus. Vom Indus bis nach Theben tobten die Ränke, in deren Folge sich der Clan selbst ausrottete. Alexanders Mutter, seine Gattin, die Schwester, die Halbschwester, der geistig behinderte Halbbruder sowie seine beiden Söhne - sie alle verloren dabei ihr Leben.
Der dämonische Glanz der Epoche umflort auch das Grab von Amphipolis. Der aufgeschüttete Berg ist 33 Meter hoch. Sklaven und Kriegsgefangene haben die Erdmassen herangekarrt. Die Steine für den Umfassungsring stammen von der 60 Kilometer entfernten Insel Thasos.
Im Innern der Kammern galten die Gesetze klassischer Schönheit. Das viereinhalb mal drei Meter große Bodenmosaik sei ein "Meisterwerk", erklärt Fündling. Er schätzt die Zahl der farbigen Steine auf "über eine Million". Dargestellt ist der Raub der Persephone durch Hades.
Aber warum steuert der Unterweltgott einen Pferdewagen? Manche Forscher sehen darin einen Hinweis auf Alexanders Vater, Philipp II. Der hatte bei den Sportwettkämpfen in Olympia mit seinem Vierergespann gesiegt.
Doch dieser Mann kann in der Gruft eigentlich nicht bestattet sein. Seine letzte Ruhestätte wurde 1977 in Vergina aufgefunden. Die Knochen lagen in einem Kasten aus purem Gold, daneben befanden sich ein glänzendes Diadem, ein Eisenhelm und ein goldener Brustpanzer.
Das neue Grabmal übertrifft den Vorgängerbau um Größenordnungen. Für wen war es bestimmt? Rund ein Dutzend Personen stehen zur Auswahl.
Der Forscher Fündling tippt auf den General Kassander, der nach dem Tod Alexanders als Sieger aus dem dynastischen Zwist der Makedonen hervorging. "Er oder einer seiner Söhne besaßen Geld genug, um sich solch einen Totenprotz leisten zu können."
Der britische Ägyptologe Andrew Chugg nennt dagegen Alexanders Mutter Olympias. Die Frau stammte vom Balkan und war Anhängerin des orgiastischen Dionysos-Kults. Chugg zufolge stellen die Steinfiguren aus Raum zwei Mänaden dar; so hießen die Priesterinnen im Gefolge des Rauschgottes.
Kurz vor Weihnachten tauchte im Internet das Gerücht auf, das untersuchte Skelett stamme von einer 54-jährigen Frau. Das Becken soll zerschmettert sein. Auch das würde auf Olympias passen: Die Königsmutter wurde 316 vor Christus öffentlich gesteinigt. Das griechische Kulturministerium wies derartige Spekulationen jedoch als haltlos zurück.
So bleibt als weitere Kandidatin Roxane, Alexanders zarte Gattin aus dem Morgenland. Als 16-Jährige war das Mädchen aus einer Felsenburg im heutigen Afghanistan geraubt worden. Als ihr Mann starb, war sie schwanger. Quellen bezeugen, dass sie mit dem kleinen Prinzen in Amphipolis lebte. Das geschah allerdings nicht freiwillig. Sie stand unter Hausarrest. Später meuchelte man Mutter und Sohn mit Gift.
"Kein Kandidat will richtig passen", erklärt der Aachener Hellenismus-Kenner Klaus Scherberich, "wir können nur spekulieren."
Das wird auch kräftig getan. Überall wabern die Gerüchte. Der Internetdienst Greek Reporter veröffentlichte eine Zeichnung. Sie zeigt eine Leiche, die im weißen Hemd auf der Bahre liegt. Der gesuchte Tote, so die Behauptung, sei "ein Mann von mittlerer Größe, weißer Haut und braunen oder roten Haaren" gewesen. Alles gelogen.
Sogar Alexander selbst könnte in der Katakombe gelegen haben. Scherberich hält das zwar für "wenig wahrscheinlich". Ganz ausschließen will er es aber nicht.
Der Grund: Es gab Bestrebungen, den verstorbenen Feldherrn aus dem fernen Babylon in heimatliche Erde zu überführen. Nach seinem jähen Ende hatte man den Körper wohl vorerst in ein Honigfass gestopft, um ein Verfaulen in der Sommerhitze zu stoppen. Als der Trauerzug dann im Morgenland startete, kam es zu einem Überfall durch General Ptolemaios. Der alte Kumpel Alexanders brachte den Toten mit Waffengewalt an sich und lotste die Mumie nach Memphis. Später gelangte sie nach Alexandria, wo man sie in einem gläsernen Sarg ausstellte.
So erzählen es zumindest einige Geschichtswerke. Vielleicht lief es aber auch anders. Das wahre Grab Alexanders ist bis heute nicht gefunden.
Um seine sterbliche Hülle aufzunehmen, wirkt jedoch selbst das mächtige Amphipolis-Grab noch zu poplig. Der Antiken-Tycoon, der sich die Füße küssen ließ, litt zunehmend an Größenwahn. Sein Architekt schlug sogar vor, den gesamten Berg Athos zu einem Memorial umzugestalten. Er wollte aus dem Fels einen Mega-Alex hämmern, der auf dem Handteller eine Stadt hält: ein Mount Rushmore des Altertums.
Noch in diesem Monat sollen erste Daten zur Analyse der Knochen aus Amphipolis vorliegen. Geschlecht und Alter des dort bestatteten Anonymus wird man dann kennen. Zudem besteht Hoffnung, einige unlesbare Grabinschriften doch noch zu entziffern. Man will sie mit ultraviolettem Licht bestrahlen.
Das Geheimnis um die Gruft der Barbaren dürfte aber andauern. Neueste geoelektrische Messungen zeigen, dass es in dem Erdhügel Bereiche mit hohem Widerstand gibt. Der Verdacht: Es gibt dort weitere Gruben.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 2/2015
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