10.01.2015

FrankreichDie Freiheit der Bleistifte

Der mörderische Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ hat das Land tief ins Herz getroffen und für einen kurzen Moment geeint. Wie nach 9/11 solidarisiert sich die Welt mit den Opfern.
Können wir über alles lachen?
Werden wir morgen in der Lage sein,
über alles zu lachen?
Das sind Fragen, die es wert sind,
gestellt zu werden.
Keine Grenzen für Humor.
Und zwar im Dienst der Redefreiheit,
denn wenn der Humor endet,
überlässt er seinen Platz oft der Zensur
oder der Selbstzensur.
Cabu (13. Januar 1938 bis 7. Januar 2015),
Zeichner von "Charlie Hebdo"

Sie wussten, was sie taten. Die beiden vermummten, mit Kalaschnikows bewaffneten Männer zwangen die Zeichnerin Corinne Rey, die gerade ihre Tochter aus der Krippe abgeholt hatte, den Code der Tür einzugeben.
Sie gingen in den zweiten Stock, wo, wie jeden Mittwoch, dem Erscheinungstag, gegen halb zwölf Uhr die Redaktion von "Charlie Hebdo" zusammensaß, um zu bereden, was sie in der kommenden Woche machen will.
Eine heitere Runde, rund 15 Leute, auch ein Personenschützer war anwesend, der Stéphane Charbonnier beschützen sollte, den 47-jährigen Herausgeber. Doch die beiden hatten keine Chance.
"Wo ist Charb?", riefen die Täter. "Wo ist Charb?" Als sie ihn fanden, erschossen sie ihn. "Ich will lieber aufrecht sterben als auf Knien leben", hatte Charb einmal gesagt. Da hatte ihn al-Qaida in ihrem Onlinemagazin Inspire gerade auf eine Todesliste gesetzt.
"Charb mag die Menschen nicht", so hieß eine seiner Kolumnen - doch er war ein ruhiger, zurückhaltender Mann, der wie alle hier für das stand, was sie für Menschlichkeit hielten. Die den Kampf führten für die Freiheit der Presse, der Meinungsäußerung, und ja, auch den für gelegentliche Beleidigungen und Geschmacklosigkeiten.
Und die dafür starben.
Wie Cabu, der eigentlich Jean Cabut hieß, 76, mit struppigen Haaren und einem struppigen Strich, runde Goldbrille und ein Lachen, das ihn leicht aus dem Sitz hob: der "Grand Duduche" war seine berühmteste Figur, ein ewiger Student, der hoffnungslos in die Tochter des Uni-Rektors verliebt ist.
Wie Georges Wolinski, 80, der, wie Cabu und überhaupt die erste Generation von "Charlie Hebdo", eine Figur aus dem Geist der Sechzigerjahre war - hedonistisch, libertär, anarchistisch und gut gelaunt, gegen Zensur, gegen Rassismus, gegen den Krieg in Algerien, gegen de Gaulle und das enge, dumpfe, katholische Frankreich.
Wie Bernard Verlhac, 57, der sich Tignous nannte und einst die Front-national-Chefin Marine Le Pen mit einer Clownsnase zeichnete, auf der ein Hakenkreuz zu sehen ist, und der mit großer Hingabe Nicolas Sarkozy lächerlich machte, als Kriegspräsidenten, als Machtspastiker, als Dauerhysteriker.
Wie der Zeichner Philippe Honoré, 73, dessen letzte Zeichnung, Neujahrswünsche des IS-Führers Abu Bakr al-Baghdadi ("Vor allem anderen Gesundheit"), nur Minuten vor dem Angriff von der Redaktion per Twitter verschickt wird.
Von den tödlichen Kugeln werden außerdem getroffen: der linke Ökonom Bernard Maris, 68, der eine feste Kolumne im Blatt hatte, die Psychoanalytikerin Elsa Cayat, der Redaktionsmitarbeiter Mustapha Ourrad, die beiden Polizisten Franck Brinsolaro und Ahmed Merabet, ein Verwaltungsangestellter und ein Gast der Redaktion, der Lokalpolitiker Michel Renaud.
Kaum ein anderes Land der Welt hat so einen Platz für Zeichner, für Comics, für BD, wie sie es nennen, Bandes dessinées. Und was für ein Verständnis von Humor sich darin ausdrückte, ob das Lachen eines der Verachtung war oder eines der Aufklärung, eines der Ausgrenzung oder eine Einladung: Das war ein dauernder Prozess, den man freie Meinungsbildung nennt.
Sie schossen fröhlich, und sie schossen gern auch übers Ziel hinaus, was Teil des Plans war. "Lachen tötet", das war eine Zeile, die sie veröffentlichen wollten, als der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen hochkochte, und die sie dann doch zu radikal fanden. Sie zeigten dafür 2012 einen nackten Mohammed von hinten, ein Stern verdeckte seinen Anus, darüber die Worte: "Mohammed. Ein Stern ist geboren". War das lustig? Und wer entscheidet das? Es ging ihnen darum zu beweisen, dass Satire alles, wirklich alles darf. Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, sagte damals: Man verurteile nicht die Veröffentlichung, zweifle aber an der Urteilskraft derer, die so etwas veröffentlichten.
Die allerletzte Zeichnung von Charb, publiziert am Tag seines Todes, zeigte einen ulkig aussehenden, schwer bewaffneten Dschihadisten mit der Zeile: "Immer noch keine Attentate in Frankreich. - Warte, wir haben noch Zeit bis Ende Januar, um Neujahrsgrüße zu schicken."
Ein unheimliches Zusammentreffen. Aber darin zeigte sich auch der eigensinnige Geist, in dem sich die Leser von "Charlie Hebdo" erkannten: So wollten sie sein, eigentlich, hoffentlich. Der Schock reichte weit über die Leser hinaus nach dem Attentat, weil die Menschen begriffen: Sie haben uns alle treffen wollen, sie wollten unser Frankreich ermorden, die Republik, die Demokratie.
Die Terroristen hätten den Louvre sprengen können, so scheint es, die Franzosen hätten sich nicht tiefer getroffen gefühlt. Der 7. Januar 2015 ist eine Art französisches 9/11 und damit auch ein europäisches. Es war eine Attacke auf die Republik, auf die Werte der Aufklärung und der Französischen Revolution. Es geht um mehr als um eine Zeitschrift. Es geht um die Freiheit. Um Menschlichkeit.
Weltweit solidarisierten sich Politiker, Journalisten, Bürger, die Anteilnahme in den sozialen Netzwerken war gewaltig. Hunderttausende gingen auf Mahnwachen von New York bis Sydney. Redaktionen räumten ihre Titelseiten frei, aber nicht alle trauten sich, die Karikaturen von "Charlie Hebdo" auch zu zeigen. Und unzählige Künstler thematisierten mit Zeichnungen den ungleichen Kampf von Waffen gegen Bleistifte.
Der Papst betete für die Toten. Von Pakistan bis zur Türkei distanzierten sich islamische Würdenträger in klaren Worten. Die tunesische Islamisten-Partei al-Nahda verschickte ein Communiqué, in dem sie den "feigen und kriminellen Akt" verurteilte. Der geistliche Führer Ägyptens kondolierte. Genauso Russland und China.
Es war der mörderischste Terroranschlag in Frankreich seit 1961. Das Land hat Erfahrung mit Terrorismus. Es hat die OAS erlebt, die in den Sechzigern gegen die Unabhängigkeit Algeriens kämpfte, in den Neunzigern legten algerische Islamisten Bomben in Vorortzügen. Doch dieser Anschlag auf eine Zeitung hat die Werte getroffen, die die Republik ausmachen.
"Dies ist ein Wendepunkt, ein quantitativer und deshalb auch ein qualitativer", sagt Olivier Roy, der berühmte Islamismusforscher. "Es war ein Angriff, der auf maximale Wirkung ausgelegt war", sagt er. "Sie haben es getan, um die Öffentlichkeit zu schockieren, und in diesem Sinne waren sie auch erfolgreich."
Doch zugleich haben die Angreifer dieses Land, das in den vergangenen Jahren so verängstigt, so niedergeschlagen und so hoffnungslos wirkte wie selten in seiner Geschichte, zumindest für kurze Zeit in berührender Weise geeint. Am Tag nach dem Anschlag empfing Präsident Hollande seinen ärgsten Widersacher Nicolas Sarkozy im Elysée. "Es geht hier nicht einmal nur um die Demokratie", sagte der Expräsident. "Es geht um die Zivilisation."
Hollande lud sogar die Rechtspopulistin Marine Le Pen ein, die im politischen System Frankreichs eigentlich als Außenseiterin gilt, die ein Präsident nicht in den Elysée bittet. Der linke Innenminister Bernard Cazeneuve besuchte am Tag des Attentats die Redaktion des konservativen "Figaro". Das klingt nach wenig, aber das sind Zeichen, die im politisch polarisierten Frankreich viel bedeuten.
Was in Paris geschehen ist, kann aber auch noch wie ein Brandbeschleuniger wirken für das in Frankreich besonders stark verbreitete Unbehagen über einen Islam, der angeblich die republikanische Identität bedrohe. Und für die Angst vor radikalen Islamisten, die Attentate verüben könnten.
Das gilt nicht nur für Frankreich, sondern für den ganzen Westen, auch für Deutschland, das von ähnlichen Gewalttaten bisher verschont geblieben ist; wo sich aber eine diffuse Angst vor dem Islam dennoch in diesen Tagen auf den Straßen Dresdens bei den Demonstrationen von Pegida äußert. Auch sonst fühlen sich überall wieder jene bestätigt, die keinen Unterschied machen wollen zwischen Muslimen und mörderischen Attentätern.
In Frankreich, wo der Front national seit Jahren mit Islamophobie Wählerstimmen holt, werden diese Diskussionen besonders hart geführt. Nicht vergessen sind hier die Morde des 23-jährigen Mohamed Merah, der im März 2012 mit Handfeuerwaffen und Motorroller in Toulouse Jagd auf Soldaten, jüdische Kinder und deren Lehrer machte und dabei sieben Menschen umbrachte.
Merah pflanzte die Furcht in die Herzen der Franzosen, ein blutiger Dschihad könnte ins Land einziehen, aber nicht angeführt von ausländischen Attentätern, sondern von verirrten Franzosen selbst. Denn Merah war französischer Staatsbürger, so wie die beiden Hauptverdächtigen im Fall "Charlie", die Brüder Saïd und Chérif Kouachi, 34 und 32.
Das Attentat von Paris geht die ganze Welt an, aber es trifft auch eine Nation mit bösartiger Präzision im Moment allergrößter Verunsicherung. Kaum je nach dem Krieg war die gesellschaftliche Stimmung in Frankreich so dunkel wie jetzt, da nach zweieinhalb Jahren sozialistischer Regierung der Abstieg des Landes nicht aufzuhalten zu sein scheint.
Alle Kennzahlen sind nur als katastrophal zu beschreiben: Die Arbeitslosigkeit ist in der ersten Hälfte von Präsident François Hollandes Amtszeit auf 3,5 Millionen gestiegen, besonders hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit. Hollandes Regierung verantwortet eine beschleunigte Deindustrialisierung mit kränklichem Nullwachstum.
Wer dazu die historisch schlechten Popularitätswerte Hollandes nimmt, der in der Bevölkerung gerade einmal 25 Prozent Zustimmung hat, stellt sich ein Land vor, das am Abgrund steht. Diese Woche, in der die Schüsse fielen, ist aber auch ein Moment, in dem ein Präsident Worte finden könnte, die den Schmerz des Augenblicks dämpfen können. Es ist eine Chance für Hollande, die Republik zu verteidigen, die er bisher eher ungelenk regiert hat.
Es gäbe Möglichkeiten, den Schock nach den Anschlägen von der Rue Nicolas Appert in Kraft umzuwandeln. Queen Elizabeth II. schaffte das nach den Bomben von London 2005, als sie sich mit einer klugen Rede ans Volk wandte und den Terroristen ankündigte, man werde sich von niemandem den Way of Life diktieren lassen.
Doch Frankreich könnte auch zur Beute rechter Populisten werden. Am Donnerstag wiederholte Marine Le Pen per Twitter ihre Forderung, ein Referendum über die Todesstrafe abzuhalten. Ihre Umfragewerte waren schon vor dem Attentat hervorragend. Ob sie nun besser werden - oder schlechter -, wird davon abhängen, wie sich die gesellschaftliche Aufbereitung der Morde gestaltet.
Die Straße war schon immer der Ort, an dem Frankreich sich seiner selbst vergewisserte, wo seine Bürger Politik machten. An jenem verhängnisvollen Mittwoch gingen Tausende im Land für die Werte der Republik auf die Straße. Sie sammelten sich nicht nur in Paris und den großen Städten, selbst in Dörfern und Kleinstädten kamen sie durch SMS und soziale Netzwerke zusammen. Sie versammelten sich unter dem Motto "Je suis Charlie". Ein Land, ein Kontinent ist Charlie. Der Satz war auf den Anzeigetafeln von Autobahnen zu sehen, auf Twitter erschien das Foto eines Neugeborenen mit einer Charlie-Armbinde, die Menschen trugen Ansteckknöpfe, und ganze Redaktionen, auch die des SPIEGEL, hielten den Satz in die Kamera.
Er ist zu einem Emblem dafür geworden, dass dieses Land und dieser Kontinent nicht vorhaben, sich wegzuducken in Angst vor dem Terror. Frankreich ist stolz, kann trotzig sein und widerspenstig; und Europa hat Charakter, so würden es die Franzosen sagen.
Paris ist an diesem eisgrauen Tag in einem fiebrigen Zustand, es ist der erste Tag des Winterschlussverkaufs, aber von Mittag an sind die Läden leerer als sonst. Durch die großen Kaufhäuser patrouillieren jetzt Spezialkräfte der Terrorbekämpfung, beim Bäcker spricht man sich gegenseitig Mut zu, wünscht sich einen "schönen Tag, trotz allem" und ja, natürlich gehe man später zur Place de la République.
Am Monument in der Mitte des großen Platzes, wo unter der Statue der Marianne im Relief die drei Prinzipien der Republik wachen, hat jemand der Fraternité ein schwarzes Trauerband verpasst.
Der Großraum Paris lebt jetzt unter der höchsten Sicherheitsstufe, dem "Plan Vigipirate Attentat". Soldaten patrouillieren durch die Hauptstadt zusammen mit Polizisten, es gibt Kontrollen vor Schulen, in großen Einkaufszentren und Kinos werden Taschen durchsucht. "Das wird den Alltag der Franzosen stark verändern", sagt ein Moderator des Senders BFM TV.
Die Menschen sind entsetzt, aber sie verlieren nicht den Kopf. Es überwiegen nicht die Rachegelüste in den Äußerungen, sondern die Trauer. Es scheint, als hätten die Franzosen geahnt, dass es einmal so weit kommen würde. Und jetzt, wo es so gekommen ist, wollen sie nicht klein beigeben, sondern die Contenance wahren.
Dies ist schließlich ein alter Kampf, er wird seit Jahren ausgefochten zwischen den Feinden und den Freunden der Freiheit. Schon 2004 hatte es einen Anschlag auf den holländischen Filmemacher Theo van Gogh gegeben; er hatte den Islam immer wieder - auch auf geschmacklose Weise - angegriffen und wurde schließlich auf den Straßen Amsterdams von einem wütenden Mann niedergemetzelt. Zehn Jahre später sind die Angreifer schwarz gekleidet, tragen schusssichere Westen und Kalaschnikows. Sie sind professioneller geworden, aber die Absicht bleibt dieselbe.
Frankreich hat viele Erfolge im Kampf gegen den Terror verzeichnet und Anschläge auf seinem Boden verhindert. Die französische Polizei und die Geheimdienste sind wegen ihres brutalen Vorgehens kritisiert worden, aber sie waren relativ effektiv. Doch nun, da so viele Jugendliche aus Frankreich in den Dschihad gezogen sind wie aus keinem anderen westlichen Land, stoßen die Behörden an Grenzen.
Premierminister Valls sagte am Donnerstag: "Unsere Dienste haben zahlreiche Gruppen zerlegt, Attentatspläne gestoppt. Das ist der Beweis dafür, dass wir handeln. Hunderte Personen werden von uns verfolgt, Hunderte sind verhaftet worden, Dutzende wurden ins Gefängnis gesteckt. Aber das zeigt auch, worin die Schwierigkeit für unsere Dienste besteht: die Zahl der Menschen, die eine Gefahr darstellen."
Acht Kilometer nördlich von der Place de la République, wo die Trauernden stehen, liegt in dieser Nacht zum 8. Januar die Rue Basly, der Wohnort des mutmaßlichen Attentäters Chérif Kouachi im Vorort Gennevilliers, in der Dunkelheit, nur wenige Fenster sind erleuchtet, man sieht Silhouetten hinter den Vorhängen.
Hier, in der vierten Etage eines hellen Backsteingebäudes mit Kakteen im Fenster, hat Kouachi bis zum vergangenen Mittwoch gewohnt, im vierten Stock, hinter einer violetten Tür in Apartment 143.
Chérif Kouachi war in seiner Jugend einer, der kiffte, trank und sich 2005 im Irak al-Qaida anschließen wollte.
Er und sein Bruder Saïd wurden in Paris geboren und wuchsen in Kinderheimen in Rennes auf. Ihre algerischstämmigen Eltern waren früh gestorben.
Chérif erwarb ein Diplom als Fitnesslehrer, zog nach Paris, schlug sich als Pizzabote durch. Er bezeichnete sich damals als "Gelegenheitsmuslim". Doch dann lernte er den fanatischen selbst ernannten Prediger Farid Benyettou kennen, der ihn für den Dschihad gewann.
Es gibt Aufnahmen aus dem Sommer 2004, gedreht von einem Stadtteilverein, die Chérif in seinem Viertel zeigen: einen Jungen in Turnschuhen und hellen Jeans, mit kahl geschorenem Kopf und glattem Gesicht. Er rappt, er hat diesen coolen schwankenden Gang, den Jungs in dem Alter sich so mühsam antrainieren, begrüßt einen Freund lässig mit High Five.
Die Polizei nahm Chérif 2005 fest, als er sich auf eine Reise über Damaskus in den Irak vorbereitete. Er wollte dort Amerikaner töten. Die Bilder von Abu Ghuraib hätten ihn radikalisiert, sagte er in seinem Prozess 2008. Sein Anwalt beschrieb ihn als "Loser", der nichts mit seinem Leben anzufangen wisse. Chérif Kouachi wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die Hälfte auf Bewährung.
Der französische TV-Sender FR 3 befragte Chérif damals für eine Dokumentation. Er sagte darin: "Farid (Benyettou - Red.) hat mir gesagt, dass die Korantexte Selbstmordattentate befürworten. In den Texten steht, dass es gut ist, als Märtyrer zu sterben."
Nach seiner Freilassung arbeitete er als Fischverkäufer bei Leclerc. Schon 2010 geriet er wieder in das Visier der Antiterrorfahnder: Er wurde festgenommen, weil er die Befreiung eines verurteilten Terroristen geplant haben soll.
Auch sein Bruder Saïd fiel der Polizei da auf. Beide Brüder wurden von den Franzosen europaweit "zur nachrichtendienstlichen Beobachtung" ausgeschrieben, der eine seit 2010, der andere seit 2011. Einer der beiden habe sich laut deutschen Sicherheitskreisen 2011 im Oman aufgehalten und verfüge über Verbindungen zu al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel.
Saïd, so berichtet die "New York Times", soll sich 2011 außerdem mehrere Monate lang in einem Qaida-Ausbildungslager im Jemen aufgehalten haben. Zu der Zeit rekrutierte dort der in den USA geborene Hassprediger Anwar al-Awlaki sehr erfolgreich Kämpfer aus dem Westen. Sowohl Saïd wie Chérif sollen auf der sogenannten No-Fly-Liste der US-Regierung gestanden haben.
Nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo" wurde im Fluchtwagen Saïds Personalausweis gefunden. Er machte die beiden zu den Hauptverdächtigen.
Die Menschen, die man in seiner Straße in Gennevilliers trifft, viele unter ihnen Jugendliche, können es nicht glauben, dass es Chérif war, ein freundlicher, junger Mann, "harmlos" und "normal", der geholfen haben soll, zwölf Menschen umzubringen.
Vor Chérifs violetter Haustür steht am Donnerstagmittag sein Nachbar von nebenan, Apartment 142: Eric Badday, ein älterer Herr mit Hornbrille und krausem Haar, gebürtiger Tunesier, seit mehr als 40 Jahren in Frankreich. Er soll jetzt Antworten geben, Fernsehteams drängen sich in den engen Fluren, sie strecken ihm ihre Mikrofone entgegen, dabei wollte er bloß eine Mülltüte rausbringen.
Kouachi sei ein perfekter Nachbar gewesen, sagt Eric Badday, die Mülltüte in der Hand, und schüttelt den Kopf. "Er war korrekt, anständig, niemals laut oder aggressiv." Anders als er sei der junge Mann öfter in die Moschee gegangen, aber er habe keinen Bart getragen, sich unauffällig gekleidet, "Jeans und T-Shirt, so wie ich auch". Wenn man es sich überlege, sagt Badday, sei Kouachi schon fast auffällig unauffällig gewesen. Im Rückblick.
Kouachis Frau allerdings sei selbst hier im Haus, wo viele Araber lebten, eine ungewöhnliche Erscheinung gewesen: nicht mehr als ein schwarzer Schatten in einer Abaja mit Kapuze, der niemals das Gesicht gezeigt habe. "Wenn ich den Fahrstuhl betrat, verließ sie ihn", sagt Badday. Kouachis Bruder Saïd, den zweiten Tatverdächtigen, habe er hier nie gesehen - von dessen Existenz habe er erst durchs Fernsehen erfahren.
Der Sandwichverkäufer in der Straße sagt über Chérif: "Er war ein guter Kunde. Mir ist nie etwas Merkwürdiges an ihm aufgefallen." Dass Kouachi einst in den Irak wollte, dass er vielleicht in Syrien war, kann der Mann nicht glauben. Er will noch einmal das Fahndungsfoto sehen, schüttelt den Kopf. "Dies war immer eine ruhige Straße", sagt er, "hier lebten keine Mörder." Dann fügt er hinzu: "Bis jetzt."
Auf dem bekanntesten Video des Angriffs sieht man zunächst heruntergekommene Siebzigerjahre-Bürogebäude und eine schmale Straße, gesäumt von zwei Trottoirs mit Eisenpfosten. An einer Hausecke steht ein schwarzes Auto, ein kleiner Citroën 3, mit offenen Türen.
Das Bild wackelt, man hört Schüsse, regelrechte Salven. Laut, schnell aufeinanderfolgend. "Eine automatische Waffe", sagt eine Männerstimme, tonlos, keuchend. "Pssst, Ruhe", flüstert eine andere. Das Bild kippt, wird unscharf. "Nicht bewegen, nur nicht bewegen." Der Film läuft weiter, geduckt bewegen sich Menschen, verstecken sich auf dem Dach hinter den Schornsteinen. Manchmal streift die Kamera Gesichter, blass, mit angstvoll geweiteten Augen.
Es sind Journalisten der Nachrichtenagentur Premières Lignes, ihre Büroräume befinden sich im gleichen Gebäude wie die Redaktion von "Charlie Hebdo". Sie haben sich aufs Dach gerettet. Ein Kollege, der unten vor der Tür eine Zigarette rauchte, hatte gesehen, wie zwei Männer, schwarz vermummt, mit großen Schnellfeuerwaffen, riefen: "Wo sind die Räume von 'Charlie Hebdo'?" Die Attentäter hatten sich zuerst im Gebäude geirrt.
Gegen 11.30 Uhr stellt Laurent Richard, Redakteur bei "Premières Lignes", um die Ecke in der Rue Saint-Sabin seinen Scooter ab. Er will durch eine Gasse in die Rue Nicolas Appert zum großen, weißen Gebäude mit zwei Eingängen, Nummer 6 und 10.
Der Kellner eines kleinen Restaurants erzählt ihm aufgeregt von zwei schwer bewaffneten Männern, die im Gebäude Nummer 10 verschwunden sind. Er hört seine Kollegen, die ihm vom Dach aus Zeichen geben, das Gebäude nicht zu betreten. Er kehrt um und wartet ein paar Minuten. Dann betritt er das Gebäude.
"Es war unfassbar, ein Gemetzel", sagt Richard. Im Eingangsbereich versuchten zwei Feuerwehrmänner, einen Rezeptionisten wiederzubeleben. In der Redaktion im zweiten Stock sah er Leichen, Verletzte. Mit den Rettungskräften versucht Richard, Überlebende zu finden, Erste Hilfe zu leisten, den Verletzten zu helfen. Die Terroristen, erfährt er, sollen die Journalisten mit Namen aufgerufen haben, bevor sie das Feuer eröffneten.
Wie lange die Schießerei genau dauerte, wissen auch diejenigen, die sich aufs Dach geflüchtet haben, nicht mehr genau. Sie beobachten, wie die Männer mit ihren Waffen das Gebäude verlassen.
Ein Anwohner filmt von seinem Balkon aus, wie einer der Täter einen Polizisten regelrecht hinrichtet, indem er aus nächster Nähe auf ihn zielt. Das Auto parkt jetzt mitten auf der Straße. Die Männer schreien auf Französisch: "Wir haben den Propheten gerächt." Und: "Wir haben 'Charlie Hebdo' getötet." Sie springen ins Auto und fahren davon. Zeugen sagen, die Täter hätten zu keiner Zeit aufgeregt gewirkt, sondern so, als wüssten sie genau, was sie tun.
Die Täter flüchten in Richtung Porte de Pantin über die Place de la République in den Norden von Paris. An der Rue de Meaux im 19. Arrondissement wechseln sie das Auto, bedrohen einen Fahrer. Sie überfahren einen Fußgänger. Im stehen gelassenen Auto finden die Ermittler zehn Molotow-Cocktails und Flaggen, die für den Dschihad werben - hatten die beiden also weitere Taten geplant?
In der Nacht spielen sich dann gespenstische Szenen in Reims ab, einer Stadt anderthalb Autostunden nordöstlich von Paris. Sondereinsatzkräfte der Polizei von der Antiterroreinheit Raid durchkämmen den Vorort Croix-Rouge, schwer bewaffnet, eng verfolgt von einer Horde unvorsichtiger Journalisten, die live eine ziellos wirkende Suche übertragen. Am nächsten Tag wird bekannt, dass mehrere Menschen verhaftet wurden, darunter die Frau und der Schwager von Chérif.
Am Donnerstagmittag werden die Verdächtigen wieder in Nordfrankreich gesehen, wo sie in Villers-Cotterêts auf halber Strecke zwischen Reims und Paris eine Tankstelle überfallen, Benzin und Nahrungsmittel klauen. Sie sollen in einem grauen Kleinwagen unterwegs sein, mit Kalaschnikows und Panzerfaust, sie befinden sich auf einer Irrfahrt durch Frankreich.
Am Freitagmorgen verschanzen sich die beiden Brüder nach einer wilden Verfolgungsjagd in einem Fabrikgebäude in Dammartin-en-Goële nahe dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle. Sie haben eine Geisel in ihrer Gewalt.
Zu einer zweiten Geiselnahme kam es am Freitagmittag an der Porte de Vincennes in Paris: Dort stürmte ein schwer bewaffneter Mann einen jüdischen Supermarkt und tötete wohl mindestens zwei Menschen. Der Mann soll in Beziehung zu den Kouachi-Brüdern stehen und am Vortag eine Polizistin im Vorort Montrouge erschossen haben.
Tausende Soldaten und Polizisten in Kampfmontur sind auf den Strassen, die Stadtautobahn wird gesperrt, Metrolinien werden lahmgelegt, Schulen evakuiert. Paris ist eine Stadt im Ausnahmezustand. Am Freitagnachmittag gegen 17 Uhr 20 stürmen Sondereinsatzkräfte das Fabrikgebäude nahe des Flughafens und den Supermarkt an der Porte de Vincennes. Die beiden Brüder und ihr Komplize, Amedy Coulibaly, sowie ein weiterer Geiselnehmer im Supermarkt werden bei dem Einsatz getötet. Das Land ist erschüttert und weiterhin in Sorge vor neuen Anschlägen.
Schon lange wird Frankreich von Angst geplagt, einer schleichenden Angst vor dem Islam, die sich wie Gift in der Gesellschaft und in der Politik ausbreitet.
Heute gibt es in Frankreich eine ganze Schicht junger Muslime, die als Franzosen im Land geboren wurden, denen aber der Weg ins Arbeitsleben aufgrund der chronischen Wirtschaftsschwäche Frankreichs versperrt blieb. Mangelnde Bildung, Beschäftigungslosigkeit, das Getto-Gefühl der Vorstädte nicht nur von Paris, auch von Marseille oder Toulouse führten zu Entfremdung, zu offener Feindschaft gegen die Republik.
Die Radikalisierung französischer Jugendlicher ist kein neues Phänomen. Seit 15 Jahren beschäftigt sich die Anthropologin Dounia Bouzar bereits mit diesem Thema. Sie hat beobachtet, dass eine wachsende Zahl Jugendlicher sich in die Religion flüchtet, weil, so formuliert es Bouzar, "die Wirklichkeit ihnen keine Perspektiven mehr bot".
Es waren überwiegend Jugendliche aus den Vorstädten, die in zerrütteten Familien oder in Heimen aufwuchsen, wie zum Beispiel der Attentäter Merah. Das hat sich geändert. Mittlerweile fühlen sich auch Kinder aus Mittelschichtsfamilien angezogen von einer geradezu absurd radikalen Vorstellung des Islam.
Diejenigen, die jetzt töten, davon ist Bouzar überzeugt, seien die kleinen Brüder derjenigen, die sich zwar anstrengten, es aber trotzdem nicht geschafft hätten. Sie hätten früher an die Republik und deren Werte geglaubt und gedacht, wenn sie nur gut in der Schule seien, dann fänden sie auch einen Job. Doch leider lief es so nicht: Weil sie den falschen Namen haben und in den falschen Vierteln wohnen. "Das fördert den Hass", sagt Bouzar.
Bouzar analysiert in ihren Büchern wieder und wieder den verheerenden Umgang des Staates mit Muslimen und damit das Scheitern der Integration. "Die Politik hat versagt, weil sie einen 'normal gläubigen' Muslim nicht zu unterscheiden wusste von einem Radikalen", sagt sie. So sei den normalen Muslimen das Leben erschwert worden, sie seien ausgegrenzt worden. Egal, ob sie die Regeln der Republik befolgten oder nicht. Die wirklich Radikalen aber, die Fundamentalisten, so Bouzar, die habe man einfach machen lassen.
Mittlerweile gehört Bouzar zum Beraterstab des Innenministers. Seit mehr als tausend Jugendliche, darunter auch viele Minderjährige, in den Krieg nach Syrien oder in den Irak ziehen, hat die französische Politik gezwungenermaßen erkannt, dass es da ein Problem gibt. Bouzar glaubt nicht, dass dieses Problem ein genuin französisches sei. Überall in Europa gebe man den Muslimen das Gefühl, sie gehörten nicht dazu. Aber in Frankreich, mit seinem ständig propagierten Gleichheitsprinzip, sei das Gefühl der Enttäuschung eben noch größer. "Hier ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis brutaler", sagt Bouzar.
Das republikanische Gleichheitsideal verbrämt zwar die Tatsache, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenleben und sich arrangieren müssen. Es schafft aber keine Gleichbehandlung und schon gar keine Chancengleichheit.
Noch vor wenigen Jahren war es links wie rechts undenkbar, das "republikanische Erfolgsmodell Integration" offen infrage zu stellen. Seither hat sich einiges geändert: Während der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy wurden zum ersten Mal Herkunftsstatistiken erhoben; für kurze Zeit gab es sogar ein eigenes Ministerium für Einwanderung und Integration. Sarkozy hatte es nach seinem Wahlsieg 2007 als mehr oder minder subtiles Zugeständnis an die dem Front national abgeworbenen Wähler neu geschaffen. Zwei Jahre später, im Oktober 2009, lancierte er, höchst präsidentiell, eine Debatte über die "nationale Identität". Die Franzosen sollten "möglichst offen" darüber nachdenken, was es bedeutet, Franzose zu sein.
Die nationale Identitätsfindung wurde zu einem öffentlichen Forum für Xenophobien aller Art. Was man dort, auf Bürgerversammlungen, im Internet oder in Talkshows, vernehmen konnte, klang überhaupt nicht nach einem verinnerlichten Katalog republikanischer Werte. Der Konsens bestand eher in der Furcht vor Überfremdung, genauer: vor der Islamisierung. Vor laufender Kamera wetterte ein Dorfbürgermeister gegen Immigranten, "die Frankreich bezahlt, damit sie auf der faulen Haut liegen können".
17 Kilometer nördlich von der Place de la République, in einer der berüchtigtsten Pariser Vorstadtsiedlungen, sitzen am Abend nach dem Anschlag vier Männer und zwei Frauen an zusammengeschobenen Schulbänken in einem neonbeleuchteten Raum des Jugend- und Kulturzentrums. Sie sind zwischen 28 und 36 Jahre alt; drei von ihnen haben keine Arbeit, vier sind Muslime, alle sind, anders als ihre Eltern, in Frankreich groß geworden.
Sie haben sich hier versammelt, weil sie über das Attentat reden wollen, das sie, wie all ihre Landsleute, schockiert und erschüttert hat - und auch darüber, was es für sie, die Einwandererkinder in den Banlieues, bedeutet. Paris ist so nah und doch Welten entfernt, hier in Sarcelles, einer Ansammlung identisch aussehender Plattenbauten, der die zweifelhafte Ehre zuteilwurde, einen französischen Begriff zu prägen: "Sarcellite" beschreibt das trostlose Dasein in den Hochhaussiedlungen am Rande der Gesellschaft.
"Ich bin entsetzt", sagt Farouk Zaoui, 36, Sohn algerischer Einwanderer, Bruder von 15 Geschwistern und Mitglied des Gemeinderats von Sarcelles. "Freie Meinungsäußerung ist ein Grundrecht in diesem Land", fährt er fort, daran gebe es nichts zu rütteln. Die anderen nicken. "'Charlie Hebdo' hat schließlich alle provoziert, nicht nur die Muslime, auch Christen und Juden", sagt Laetitia Ritucci-Gauthier, 34, Versicherungsangestellte französisch-italienischer Herkunft. Für ihren Geschmack sei das Magazin manchmal ein wenig zu weit gegangen, sagt Ritucci-Gauthier, aber so sei es nun einmal. "Ob man sie mag oder nicht", fällt Fatima Idhammou, 28, ein, "Karikaturisten sind Menschen, und meine Religion sagt mir, dass ich meine Mitmenschen respektieren soll."
Idhammou, eine Frau mit langen Haaren, ist Muslimin, ihre Eltern kommen aus Marokko. Sie ist in Sarcelles aufgewachsen; im Moment sucht sie einen Job und betätigt sich als Vizepräsidentin des Jugend- und Kulturzentrums. Sie und ihre Freunde treffen sich hier, um Sport zu treiben, sie besuchen Englischkurse oder suchen Hilfe bei einem Schreiber, der Bewerbungsbriefe verfasst. "Dieser Anschlag ist schwer zu fassen", sagt Idhammou, "ich kann nur beschreiben, in welchem gesellschaftlichen Klima er geschah." Dieses sei zunehmend feindselig, vergiftet, islamophob.
Zaoui starrt auf die Tischplatte herab. Sein Vater, erzählt er, habe früher in einer Fabrik gearbeitet, in der alle muslimischen Arbeiter "Mohammed" gerufen worden seien. Sein Vater heiße Amar.
Was müsste geschehen, damit junge Franzosen wie diese sechs sich in Frankreich zu Hause fühlen könnten, ganz und gar und ohne Vorbehalte? Man müsste sämtliche Politiker austauschen, rufen sie. Gelächter. Dann Schweigen. Im Grunde, sagt Fatima Idhammou schließlich, gehe es um Arbeit. Die Chance, eine gute Arbeit zu finden, die ein gutes Leben ermöglicht. Und Respekt. "Das ist in den letzten Jahren schwieriger geworden, wenn man Muslim ist", sagt Farouk Zaoui. "Aber ohne Arbeit gibt es keine Stabilität."
Muslime seien in Frankreich in den letzten Jahren immer stärker stigmatisiert worden, sagt Zaoui. "Man zeigt mit dem Finger auf uns, auch jetzt wieder. Wir sollen uns für eine Tat entschuldigen, die von Terroristen verübt wurde." Er sei ein Franzose muslimischen Glaubens, und der Glaube sei, gerade im laizistischen Frankreich, Privatsache. "Heute wird eine islamophobe Theorie konstruiert", sagt ein anderer, "um Rassismus zu rechtfertigen."
Tatsächlich beteiligen sich in Frankreich auch Intellektuelle mit teils sehr schrillen Obertönen an dieser Debatte um die nationale Identität. Der Philosoph Alain Finkielkraut etwa, selbst ein Zuwandererkind, warnt vor den Problemen der Einwanderung, auch im SPIEGEL-Gespräch hat er das schon getan, während er seine Parolen als Sorge um das kulturelle Erbe darstellt.
Ein anderer Fall ist der aus dem Fernsehen bekannte Journalist Eric Zemmour, der die Debatte über die Rolle der französischen Muslime mit einer kruden Melange aus Klischees und Ressentiments bereichert. Zemmour ist in Frankreich ein Bestsellerautor wie hierzulande nur Thilo Sarrazin und ein Apostel derer, die gegen das von ihnen als schmerzlich empfundene Diktat der politischen Korrektheit zu Felde ziehen. Dabei überschreiten sie selbst jede Anstandsgrenze bis hin zur reaktionären Unkorrektheit.
Eine "Lobby" der Schwulen und Minderheiten, Muslime und Feministinnen, Fremden und sonstigen inneren Feinde sieht Zemmour am Werk, die das Ziel verfolgt, die Gedankenfreiheit zu zerstören. Wie das alte Rom sei das heutige Frankreich von "Barbaren" bedroht, ein "Kult der Vermischung" herrsche, der den Niedergang des Landes beschleunige.
Derlei Sprüche gehören als Nebengeräusche zu den landesweiten Burka- und Kopftuchdebatten, die links des Rheins in den vergangenen Jahren geführt wurden. Sie haben viel mit Frankreichs strengem Verständnis von der großen, unteilbaren Republik zu tun. Es ist zum Gemeinplatz geworden, dass es der Nachbar mit der Trennung von Staat und Kirche, dem Prinzip der Laizität, sehr genau nimmt. Weniger bekannt ist aber, wie tief es in das französische Selbstverständnis eingedrungen ist. Der berühmte revolutionäre Dreiklang aus Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wird von vielen Rednern immer wieder um den Laizismus, die laïcité, erweitert.
Das zugehörige Gesetz von 1905 wird im Grunde immer weiter fortgeschrieben; dies geschah auch, als 2004 das Tragen deutlich sichtbarer religiöser Zeichen in den Schulen verboten wurde, dem Gesetz stimmten im Parlament 494 von 577 Abgeordneten selbstverständlich zu. Und doch - mit dieser Regelung, die Schülern das Tragen von Kopftüchern (aber auch von großen Kreuzen, Turbanen, Kippas) in der Schule verbot, begann auch die populistische Ausbeutung des Islam-Themas.
Der Philosoph Raphaël Liogier argumentiert, dass dieses Gesetz - das später ein weiteres speziell gegen das Tragen der Burka in der Öffentlichkeit nach sich zog - ein erster Schritt Richtung Panikmache gewesen sei. Der Aktionismus des Parlaments habe eine Stimmung befördert, als befände sich das Land unter muslimischer Belagerung. Liogier spricht vom "zerstörerischen Mythos der Islamisierung", der in der narzisstischen Kränkung Frankreichs gründe, nicht mehr der Nabel der Welt zu sein.
Doch der Laizismus ist zugleich insbesondere für die französische Linke tief verankerte Staatsideologie, er ist ein Beleg für ihren Sieg über die Katholisch-Konservativen nach der Französischen Revolution, und in dieser Tradition stand auch immer schon "Charlie Hebdo".
"Kritik am Islam muss so banal werden wie Kritik an Juden oder Katholiken", sagte Herausgeber Charb vor zwei Jahren SPIEGEL ONLINE. Ob er Angst vor Anschlägen habe? "Ich habe weder Frau noch Kinder, nicht mal einen Hund. Aber verstecken werde ich mich nicht."
Was die Zeichner alle verband, war der Spott über Religion und der Kampf gegen alle Ideologien - "Charlie Hebdo" war nie in erster Linie ein politisches Magazin, es wollte die Menschen zum Lachen bringen und dadurch toleranter machen.
Die Karikatur, so wie sie in Frankreich "Charlie Hebdo" oder die andere satirische Wochenzeitung, "Le Canard Enchainé", zeigten, gehört zum intellektuellen Diskurs, ist oft weiter als die Meinungsseiten, ist oft radikaler in den Deutungen - und doch näher an den Lesern.
Cabu, Wolinski und all die anderen waren Teil des Lebens ihrer Leser, das zeigen die bewegenden Reaktionen, sie formulierten die Sehnsüchte wie die Wut, sie waren französische Kultur in der besten Form, streitlustig, lebenslustig, böse und warmherzig zugleich.
Der ehemalige "Charlie Hebdo"-Chefredakteur Philippe Val sprach am Nachmittag des Attentats im Radio. Wie es ihm gehe, fragte ihn der Moderator. "Mir geht es schlecht", antwortete er mit leiser, verwundeter Stimme, "sehr schlecht. Ich habe heute alle meine Freunde verloren."
Er setzte zu einer tränenerstickten Rede an, die nicht nur seinen eigenen Schock, seine Trauer, sein Unverständnis zum Ausdruck brachte, er sprach, als rede er für das ganze Land, es war die Rede, die der Präsident nicht halten konnte.
"Es waren so lebendige Leute", sagte Val, "denen es am Herzen lag, die Menschen zum Lachen zu bringen. Sie waren die Besten von uns. Sie wollten die Freiheit verteidigen, jetzt wurden sie ermordet, in einem unerträglichen Gemetzel. Wir dürfen jetzt kein Schweigen zulassen, der Terror darf nicht über die Lebensfreude, über die Meinungsfreiheit siegen. Das dürfen wir nicht zulassen. Was passiert ist, ist ein Kriegsakt."
Er unterdrückte sein Weinen nicht. "Auch viele Muslime sind heute sicherlich am Boden zerstört. Vielleicht waren wir Medien nicht auf der Höhe. Wir haben nicht genug geredet über den Aufstieg der Islamisten in Frankreich, wir haben nicht rechtzeitig die Alarmglocke betätigt. Es ist so schrecklich. Es wird ein Davor und ein Danach geben, unser Land wird nicht mehr dasselbe sein."
Dann zitierte er die französische Philosophin Elisabeth Badinter. Sie hatte im Karikaturenprozess gegen "Charlie Hebdo" 2007 gesagt, wenn die Redaktion unterliege, "dann wird sich ein großes Schweigen über uns ausbreiten".

Hinweis: Die Titelgeschichte wurde in der digitalen Version am Freitagabend (Stand 18 Uhr 30) aktualisiert.
Von Georg Diez, Ullrich Fichtner, Hubert Gude, Julia Amalia Heyer, Romain Leick, Mathieu von Rohr, Britta Sandberg, Fidelius Schmid, Samiha Shafy und Jonathan Stock

DER SPIEGEL 3/2015
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