10.01.2015

GesundheitMäuse und Löwen

Physiotherapeuten protestieren gegen ihre miserable Vergütung. Manche bieten ihre Leistungen nur noch für Privatzahler an.
Mehr als 26 Jahre lang hielt Simone Edlinger stand. Von morgens bis abends behandelte die Physiotherapeutin ihre Patienten, sie mobilisierte Gelenke und brachte Frischoperierten das Gehen neu bei. Am Anfang ihres Berufslebens noch mit Zeit und Muße, am Ende zehn Stunden am Tag in immer kürzeren Intervallen, wie im Akkord.
Dann war die Frau, die angetreten war, andere gesund zu machen, körperlich und seelisch am Ende - und auch finanziell hatte sich der Stress nicht gelohnt.
Die 46-Jährige verordnete sich eine Reha-Kur. Dort wurde ihr klar: So konnte sie nicht weiter wirtschaften. Das, was einmal ihr Traumberuf gewesen war, wurde mehr und mehr zur Selbstausbeutung.
Sie entschied sich zu einem radikalen Schnitt. Am 1. Juli 2014 gab sie ihre Kassenzulassung zurück. Wer nun in ihre Praxis in Osann-Monzel an der Mosel kommt, muss entweder privat versichert sein oder die Leistung aus eigener Tasche bezahlen.
Für Kassenpatienten ist das ärgerlich, für Edlinger und viele ihrer Kollegen ein Akt der Notwehr. Denn die magere Kassenvergütung hat viele Physiotherapeuten in existenzielle Not gebracht. In manchen Bundesländern gleicht ihr Verdienst dem von Friseuren, manchmal liegt er sogar unter dem gesetzlichen Mindestlohn.
Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) meldet, dass sich immer mehr Therapeuten aus finanziellen Gründen in Privatpraxen flüchten. Langsam, aber stetig wird damit eine Leistung, für die eigentlich die Kassen aufkommen, privatisiert - obwohl die Dienste von Krankengymnasten mehr benötigt werden denn je.
"Die Kassenvergütung ist einfach kein angemessener Gegenwert", sagt die ZVK-Vorsitzende Andrea Rädlein, 51. Berufseinsteiger erhalten zwischen 1500 und 2000 Euro brutto, das mittlere Gehalt eines erfahrenen Therapeuten liegt knapp über 2000 Euro brutto. Er hat eine dreijährige Ausbildung absolviert, für die er an den meisten Fachschulen rund 15 000 Euro bezahlen musste. Für die Fortbildungen zur Spezialisierung fallen im Laufe seiner Karriere noch einmal etwa 20 000 Euro an.
Lohn der Mühe: 15 Euro plus ein paar Cent erstatten die Kassen für eine 15- bis 25-minütige krankengymnastische Behandlung. "Einem Therapeuten bleiben nach Abzug aller Kosten oft nur 50 Cent die Minute", klagt Rädlein.
Auch die Arbeitsbedingungen werden kontinuierlich schlechter. Früher enthielt eine Verordnung in der Regel zehn Termine, seit 2004 sind es meist nur noch sechs.
Außerdem wurde den Physiotherapeuten auferlegt, die Korrektheit der Arztrezepte zu prüfen. Wenn auch nur ein Häkchen oder ein Datum fehlt, die Diagnose nicht zur Verordnung passt oder irgendein Code falsch eingegeben ist, muss das Rezept vom Arzt korrigiert werden. Wer trotzdem behandelt, läuft Gefahr, dass dafür nicht bezahlt wird. Übersieht man einen Fehler, kann die Kasse die Zahlung der geleisteten Therapie ganz verweigern. Der Papierkrieg verursacht Kosten, die den Gewinn weiter schmälern.
Drei verschiedene Verbände vertreten die Interessen der 136 000 Physiotherapeuten in Deutschland - allerdings mit dürftigem Erfolg. Ihre Klientel verdient heute inflationsbereinigt 6 Prozent weniger als 2002, Freiberufler nach eigenen Angaben sogar zwischen 10 und 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum stiegen die realen Tariflöhne allgemein durchschnittlich um über 6 Prozent.
Anders als die Ärztelobby oder die Pharmaindustrie kann sich die zersplitterte Branche der Heilmittel-Erbringer kaum durchsetzen. "Wir sind immer der Spielball der Politik", klagt Rädlein. Das sehen die Kassen anders: "Die Honorare werden verhandelt und nicht etwa einseitig aufgezwungen", so der AOK-Bundesverband. Wird keine Lösung erzielt, könnte ein Schiedsverfahren eingeleitet werden. "Dieses Instrument kommt aber kaum zum Einsatz."
"Unsere Vertreter nicken in den Verhandlungen einfach alles ab", findet auch David Lopez, 41, Physiotherapeut aus Hagen. Er und viele seiner Leidensgenossen sind den mangelnden Kampfeswillen ihrer Funktionäre leid. Im Januar 2014 starteten sie die Facebook-Seite "Physio-Revolte", die im März in die Gründung eines neuen Verbandes mündete: Der Bund Vereinter Therapeuten will sich der Sparpolitik der Kassen nicht mehr kampflos unterordnen. "Wenn ein Zoo sparen muss, setzt der doch auch nicht bei den Mäusen an, sondern bei den Löwen", sagt Lopez, erster Vorsitzender des neuen Bundes. Der will 2015 in zwei Bundesländern selbst in die Verhandlungen um mehr Bezahlung einsteigen. Dann wird man sehen, ob mit mehr Härte bessere Ergebnisse zu erzielen sind.
Den mitgliederstarken ZVK zumindest hat die neue Konkurrenz aufgeschreckt. Im Herbst startete der Verband die Kampagne "38,7 % mehr wert". So viel, so die Forderung, müssten Therapeuten mehr verdienen, um sich und ihren Angestellten auskömmliche Löhne zu bezahlen. Über 55 000 haben bereits unterschrieben. Ab Februar wolle der ZVK Druck auf die Politik machen, so Chefin Rädlein.
So lange konnte und wollte Simone Edlinger nicht mehr warten. In ihrer Privatpraxis hat sie die Preise um 50 Prozent erhöht. Eine halbstündige Massage kostet 20 Euro, eine Einheit Physiotherapie 30 Euro. Durch die besseren Einkünfte konnte sie ihre Arbeitszeit wieder auf acht Stunden senken, sie behandelt im Halbstundentakt, sogar 30 Minuten Mittagspause sind jetzt drin. "Ich lebe wieder", sagt sie.
Von Schießl, Michaela

DER SPIEGEL 3/2015
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