17.01.2015

KinderpornografieNachts im Kinderzimmer

Eines Morgens steht die Polizei neben Johanns Hochbett. Es geht um Bilder auf seinem Rechner. Johann muss nun lernen, mit seiner Neigung zu leben, ohne sie auszuleben: Dabei ist er selbst erst 14.
Die Fahnder klingelten im Morgengrauen. "Ihr Auto wurde heute Nacht beschädigt, würden Sie bitte kurz runterkommen?", erklärt einer der Polizisten.
Es ist der 18. März 2014, ein Dienstag. Ralf K. öffnet die Tür. Der Ingenieur wollte sich gerade auf den Weg zur Arbeit machen. Vor ihm stehen drei Männer und eine Frau, Zivilbeamte der brandenburgischen Polizei. Sie nennen ihm nun den wahren Grund ihres Erscheinens: "Wir haben bei Ihnen eine Hausdurchsuchung durchzuführen." Ein Polizist zeigt den richterlichen Beschluss. Es geht um ein Ermittlungsverfahren "wegen Besitzverschaffens kinderpornografischer Schriften", der 43-jährige Familienvater ist als Beschuldigter geführt. "Ich dachte, das kann nur ein Irrtum sein", erinnert sich Ralf K.
Er bittet die Beamten in die Wohnung. Weil die Ermittler auf seinem Rechner nichts finden, steht er kurz darauf mit ihnen im Zimmer seines Sohnes Johann. "Die Polizei ist hier", weckt ihn der Vater. "Sie wollen deinen Computer sehen."
Johanns Laptop liegt auf dem Schreibtisch unter seinem Hochbett. Ein Beamter klappt ihn auf. Minuten später nickt der IT-Spezialist und zieht die Kabel aus der Wand. Er beschlagnahmt auch Johanns Smartphone und einen USB-Stick. Ein Kollege drückt Ralf K. einen Zettel in die Hand: "Melden Sie sich da mal." Dann verabschieden sich die Ermittler.
Zurück bleibt eine Familie im Schockzustand.
Acht Monate später. Johann sitzt vor seiner leeren Schreibtischplatte. Vor zwei Jahren spielte er noch mit Legosteinen. Nun säumt ein blonder Flaum die Oberlippe des 14-Jährigen.
Johann knibbelt an der Nagelhaut seines Daumens, sein Blick klebt an den Donald-Duck-Comics in seinem Regal. "Ich dachte nicht, dass das verboten ist", sagt er. "Das war ja alles kostenlos. Und das waren ja auch keine Babys oder so." Seine Wangen erröten.
In der Pubertät offen über Sex zu sprechen ist für viele Jugendliche eine Tortur. Und nun muss Johann auch noch darüber reden, dass ihn Kinder erregen. Dass er monatelang, nächtelang im Internet nach kinderpornografischen Bildern gesucht hat, seine Gier danach immer größer wurde. Dass er jetzt "ein Therapiefall" ist, wie er sagt.
Johann hat es sich gut überlegt. Nur wenige Dinge sind ihm wichtig: dass nie rauskommt, wer der Junge hinter dem Namen Johann ist. Dass klar wird, dass er sich diese Krankheit nicht ausgesucht hat. "Und dass ich ein guter Mensch bin", sagt er. Seine Stimme klingt trotzig.
Nachdem die Beamten weg waren, ging Johann in die Schule. Er besucht das Gymnasium, neunte Klasse. "Ich habe mich den ganzen Tag geschämt", sagt er.
Sein Vater Ralf fuhr zur Arbeit. "Was da passiert ist, das musste erst mal hier oben ankommen", sagt er und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
Johanns Mutter Beate, 40, hat sich im Internet angesehen, was die Gesellschaft über Pädophile denkt: Kinderschänder. Monster. Todesstrafe. Manches ist gar nicht weit entfernt von dem, was sie selbst dachte.
"Aber Johann", sagt sie, "der ist doch mein Sohn."
Erst am Abend suchen die Eltern das Gespräch mit ihm. Sie lehnen sich an die Heizung in seinem Zimmer, er sitzt auf dem Hocker vor seinem Schreibtisch. Was hast du dir dabei gedacht?, löchern sie ihn. Warum, Johann? Warum? Doch Johann hat keine Antwort. Er kann ihnen noch nicht mal sagen, ob er es aus Spaß oder Interesse gemacht hat.
Auf dem Zettel, den der Beamte Johanns Vater gab, stehen nur drei Worte: " Kein Täter werden". Dahinter verbirgt sich ein bundesweites Präventionsprojekt für pädophile Erwachsene, die Hilfe suchen, aber anonym bleiben wollen.
Entwickelt wurde es am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité. Und genau dort gibt es nun auch ein eigenständiges Therapieangebot für Jugendliche, die sich zu Kindern hingezogen fühlen und darunter leiden. Es trägt den Titel " Du träumst von ihnen" und richtet sich an 12- bis 18-Jährige, aber auch an besorgte Eltern, Mitarbeiter von Jugendämtern oder Schulen.
Das Bundesfamilienministerium fördert das Pionierprojekt drei Jahre lang mit knapp 680 000 Euro. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik ist etwa jeder vierte Tatverdächtige wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern jünger als 18. Aufgrund des geringen Altersunterschieds haben Jugendliche zu Kindern leichter Zugang als Erwachsene.
Die Sexualmediziner der Charité und die Jugendpsychiater des Vivantes Klinikums im Friedrichshain hoffen, dass eine frühzeitige Intervention die Chance erhöht, dass jemand eines Tages nicht übergriffig wird. Rund ein Prozent der Männer gilt als pädophil. Bei fast allen hat sich die Neigung erstmals in der Pubertät offenbart. In dem Alter etwa, in dem Johann ist.
Bevor sie an jenem Tag zu Bett gehen, mailen die Eltern den Berliner Experten: "Zutiefst betroffen möchten wir wissen, ob unser Sohn eine im pubertären Alter unbedenkliche Suche nach sexueller Orientierung durchläuft oder eine therapeutisch vielleicht noch beeinflussbare pädophile Neigung ausbildet." Sie hoffen auf einen Arzt, der ihren Sohn heilt.
Johann schiebt die Ärmel seines blauen Ringelpullis hoch. Er fixiert nun ein Poster der Stadt Prag an der Wand. Vor Kurzem war er mit der Schule dort. Mit 12 habe er "einfach so" zum ersten Mal "nackte Kinder" gegoogelt, sagt er. Heimlich, damals noch auf dem alten PC seines Vaters. Die Bilder speicherte er auf seinem USB-Stick im Ordner "Schule" unter dem Buchstaben Z. Den Suchverlauf hat er jedes Mal gelöscht.
Mit 13 bekam er seinen ersten eigenen Computer. Nach der Schule spielte er "Anno 1404" oder "SimCity", entwickelte Städte. "Ich bin kein Ballerspiel-Typ", sagt Johann. Schon als kleiner Junge habe er lieber im Atlas Metropolregionen studiert.
Doch jeden Abend um acht, wenn die Eltern vor der "Tagesschau" saßen, wurde aus dem gewissenhaften Siedler ein gieriger Sammler: Dann riegelte er leise seine Zimmertür ab, klemmte zur Sicherheit noch einen Holzklotz zwischen Klinke und Schloss und jagte im Netz nach Kindern, manchmal bis tief in die Nacht.
Das seien nur Fotos in freier Natur gewesen. "Am Strand oder so. Die haben da auch nicht posiert oder so", erklärt Johann. Er habe sich vorgestellt, dass er sie heimlich beobachtet. Allein die Tatsache, dass sie nackt waren, habe ihn erregt.
Im Durchsuchungsbeschluss der Polizei steht jedoch etwas anderes. Danach hat Johann von einem Anbieter ein Passwort angefordert, um auf Bilder zugreifen zu können, die unter anderem zeigen, wie "nackte Mädchen und Jungen untereinander bzw. mit ebenfalls nackten erwachsenen Personen" Sex haben.
"Daran kann ich mich nicht erinnern", sagt Johann, "da habe ich mir bestimmt einen Virus eingefangen." Seine Wangen glühen nun. Und später sagt er, in einem anderen Zusammenhang, er habe schon ab und zu darüber nachgedacht, ob die Kinder das wohl wollten, diese Gedanken aber immer schnell verdrängt.
Das Ermittlungsverfahren gegen seinen Vater wird rasch eingestellt. Auch Johann hat juristisch nichts zu befürchten; er war zur Tatzeit noch nicht strafmündig.
Im vergangenen August hat er seinen ersten Termin in der Berliner Charité. Die Familie ist auf dem Rückweg aus dem Sommerurlaub. Ihr Sohn stellt sich auf strenge ältere Herren in weißen Kitteln ein. Zuvor war Johann bei einer Psychotherapeutin, die sich mit dem Thema jedoch überfordert fühlte.
Je näher sie Berlin kommen, desto nervöser wird er. Doch im Institut für Sexualwissenschaft erwartet ihn Umut Oezdemir, ein junger Psychologe mit Wollmütze und in Turnschuhen. Da habe er sich sofort etwas entspannt, sagt Johann.
Zwei Tage Diagnostik sind angesetzt. Die Experten wollen verstehen, wie Johann denkt und fühlt, wie er sich selbst beurteilt. Wie weit er sexuell entwickelt ist, schließlich gibt es 14-Jährige, die sind eher wie 10-Jährige, und solche, die sind wie 20-Jährige. Und sie wollen möglichst zweifelsfrei feststellen, wie stark er sich zu Kindern hingezogen fühlt.
Nach einem längeren Erstgespräch wird zunächst seine Intelligenz getestet. Was ergibt 63 mal 2? Woraus bestehen Diamanten? Alles kein Problem für Johann. Dann muss er umfangreiche Fragebögen ausfüllen, Thesen auf einer Skala zustimmen oder ablehnen, beispielsweise:
"Ich fühle mich gut, wenn ich an Kinder denke." Johann entscheidet sich für "stimmt etwas".
"Ich denke an Kinder, wenn ich allein bin." Wieder kreuzt er "stimmt etwas" an.
Später gibt er zu, dass er beide Male eigentlich "stimmt genau" hätte ankreuzen müssen, dann aber überlegt habe: Was sollen die hier von mir denken?
Die meisten Menschen neigen in Befragungen dazu, sozial verträglich zu antworten. "Der Fragebogen ist aber so konzipiert, dass wir das herausfinden", erklärt Psychologe Oezdemir.
Die Experten wollen auch erfahren, welche falschen Annahmen bezüglich Kindern und Sexualität sie bei Johann korrigieren müssen. Wenn Jugendliche mit Kindern Sex haben, findet der das bislang zum Beispiel okay. Er zuckt mit den Achseln. "Sofern sie es wollen."
Anhand unterschiedlicher Körperschemata, die er vorgelegt bekommt, lernt Johann, dass ihn vor allem Mädchen zwischen acht und zehn erregen. Es ist wichtig, dass er weiß, von welchen Kindern er sich besonders fernhalten muss.
Auch seine Eltern erhalten Fragebögen. Darin geht es um seine Entwicklung, seine Kompetenzen und Defizite. Sie beschreiben einen Jungen, der lieber in seinem Zimmer hockt, als draußen mit anderen zu spielen. Der schlechte Arbeiten eher unter dem Regal versteckt, als sie seinen Eltern zu zeigen. Einen Jungen, der alles mit sich selbst ausmacht, von dem sie sich wünschten, dass er auch mal weint, Emotionen zeigt.
Seit Mitte November ist die Hotline für das Berliner Jugendlichenprojekt freigeschaltet. Bislang haben sich 24 Eltern und Betreuer aus Jugendeinrichtungen gemeldet, drei Teenager haben selbst die Initiative ergriffen.
Pro Woche begutachten die Experten am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin 2 bis 3 Jugendliche. Neben Johann haben bislang 8 weitere Jungs mit der Therapie begonnen. 80 bis 100 sollen es in den kommenden drei Jahren werden.
2013 hatten Direktor Klaus Michael Beier und sein Team eine Pilotstudie mit 20 sexuell auffälligen Jugendlichen durchgeführt. Bei mehr als der Hälfte stellten sie fest, dass sich diese zu Kindern hingezogen fühlen.
"Entscheidend ist, dass die Therapeuten eine gute Beziehung zu ihren Patienten aufbauen", sagt Beier. "Wenn diese merken, dass man ihr Erleben nicht bewertet, lassen sie sich in die hintersten Ecken ihrer Fantasie schauen. Damit ist durchaus vereinbar, dass man Fehlverhalten klar benennt und deutlich ablehnt."
Manchmal sitzt ein Jugendlicher vor Beier und holt sein Handy raus. "Sind solche Bilder noch okay, Professor?" Fast immer muss der dann sagen: "Nein! Das muss sofort runter." Die Reaktion sei dann oft: "Ah, das habe ich mir schon gedacht."
Wenige Wochen nach Johanns erstem Termin lädt Beier ihn und seinen Vater zum Gespräch in sein Büro im Institut. Johann soll zunächst 25 Therapiestunden erhalten, erklärt der Sexualmediziner. Im Zuge dessen soll er lernen, seine Gefühle und Fantasien gegenüber Kindern als Teil von sich zu sehen und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Immer wieder betont Beier, dass diese ihn noch lange nicht zu einem schlechten Menschen machten. Aber dass es nun stets darum gehen müsse, ihn von Pornoseiten fernzuhalten und Übergriffe zu verhindern. "Niemand kann etwas für seine sexuellen Fantasien, aber jeder kann etwas dafür, was daraus wird", sagt der Therapeut.
Das Wort "pädophil" kommt zu keinem Zeitpunkt über seine Lippen. Nicht nur, weil die ärztlichen Leitlinien die Diagnose offiziell erst ab 16 ermöglichen: Dieser Stempel, so Beier, wiege zu schwer für einen jungen Menschen. Insbesondere weil die Gesellschaft noch nicht gelernt habe, zwischen Betroffenen und Tätern zu unterscheiden.
Dennoch findet der renommierte Sexualmediziner deutliche Worte. Wie genau eine sexuelle Präferenz entsteht, wisse leider noch niemand, sicher sei nur: So wie ein heterosexueller Mann nicht zur Homosexualität erzogen werden könne, sei es auch nicht möglich, jemanden, der auf Kinder fixiert sei, plötzlich für Erwachsene zu interessieren.
Das Einzige, was noch abzuwarten bleibe, sei, ob Johann sich ausschließlich für Kinder interessiere oder ihn eines Tages auch Erwachsene mit bestimmten Körperschemata reizten. Beispielsweise Frauen, die klein und zierlich sind.
Nach dem Gespräch mit Beier sitzen Vater und Sohn noch einen Moment im Nebenzimmer. Johann starrt zu Boden. Irgendwie habe er sich gedacht, dass das nicht mehr weggehe, sagt er. "Ich habe ja gemerkt, wie stark der Drang nach den Bildern ist. Wie sehr der mich steuert. Das ist schon beängstigend."
Sein Vater rauft sich die Haare, er ist sichtlich aufgewühlt. Dann legt er Johann eine Hand auf die Schulter, drückt sie fest und sagt: "Ich will nicht, dass du eines Tages vor mir stehst und sagst, warum hast du mich damals im Stich gelassen." Johann nickt stumm.
Dieser Beistand ist keinesfalls selbstverständlich: Ein anderer Junge lebt nun im Heim. Seine Eltern haben ihn rausgeworfen, als sich zeigte, dass er Kinder begehrt.
Johann sagt, er sei erstaunt, wie gelassen seine Eltern reagiert hätten. "Ich dachte, die machen richtig Alarm." So, wie wenn es mal wieder "ein paar Vierer gehagelt" hat. Doch die Familie begreift sich als Einheit, als festen Zusammenhalt. Wenn sie spazieren gehen, tragen sie Outdoorjacken derselben Marke, nur in unterschiedlichen Farben.
Johann hat eine Schwester. Ella ist zehn. An sie haben die Eltern sofort gedacht, damals. "Ist Johann eigentlich mal reingeplatzt, als du im Bad warst?", haben sie ihre Tochter irgendwann mal vorsichtig ausgefragt. "Hä? Nö. Wieso?", entgegnete Ella nur erstaunt. "Das ist doch meine Schwester", empörte sich Johann.
An einem Novemberabend sitzen seine Eltern zusammen in der Küche. Fast ein Dreivierteljahr wissen sie nun, dass Johann Kinder erregen.
Kinder sind das Produkt ihrer Eltern. Davon sind Vater und Mutter fest überzeugt. Was haben sie nur falsch gemacht? Obwohl Professor Beier ihnen erklärt hat, dass sie keinerlei Schuld trifft, quälen sich Johanns Eltern bis heute:
Habe ich ihn zu doll bemuttert? Und ihn dadurch so verunsichert, dass er sich gegenüber Gleichaltrigen minderwertig fühlt?, fragt sich die Mutter. Sie brät Johann abends manchmal Nudeln mit Butter, die mag er so gern. "Habe ich ihn zu sehr verwöhnt?", sogar dieser Gedanke nagt an ihr. Hilflos hebt sie die Schultern.
Der Vater macht sich andere Vorwürfe. Einmal war Johanns Computer kaputt. Als er ihn reparierte, entdeckte er auf der Festplatte zwischen vielen Bildern auch ein paar Fotos von nackten Kindern am Strand. "Das waren nur drei oder vier", sagt Ralf K. "Das erschien mir ein wenig unpassend, aber ich habe es so interpretiert, dass er jetzt anfängt, sich für Sexualität zu interessieren. Links- oder rechtsextremes Material hätte mich viel mehr alarmiert." Er senkt den Blick. "Rückblickend war das natürlich eine totale Fehleinschätzung."
Ralf und Beate K. reden an diesem Abend oft durcheinander. Es scheint ihnen gutzutun, endlich mal über Johanns Neigung sprechen zu können. "Ich sehe es inzwischen als eine Art Geburtsfehler, wie ein Herzfehler", sagt der Vater.
Johanns Mutter, sonst eher zurückhaltend, schüttelt energisch den Kopf: "Das ist doch was ganz anderes. Da würden die Leute ja mit ihm fühlen", sagt die Verkäuferin. "Aber wenn das rauskommt, können wir hier wegziehen. Denk nur an diesen Edathy."
Selbst in der Verwandtschaft weiß niemand von Johanns Problem. "Er möchte das nicht. Und das respektieren wir." Ihr Mann ergänzt: "Er braucht jetzt einfach nur unseren Halt. Den können, wollen und müssen wir ihm geben."
Die Eltern plagen Zukunftssorgen. "Hier zu Hause haben wir ihn ja unter Kontrolle", sagen sie. "Aber was, wenn er 18 ist und auszieht?" Johann freut sich schon heute auf den Tag. Seine Heimatstadt sei ihm viel zu eng, sagte er mal.
Die Augen seiner Mutter füllen sich mit Tränen. "Wenn er jetzt ankäme, dass er schwul sei, würde ich ihm um den Hals fallen", ruft sie. Die Erklärung schiebt sie leise hinterher: "Dann hätte er die Chance, mit jemandem glücklich zu werden."
Vor Kurzem haben die Eltern eine Dokumentation über Kinderpornografie gesehen - und darüber, welche seelischen Leichen dieser Markt hinterlässt. In Ralf K. blitzt plötzlich der Ingenieur auf: "Gerade fällt mir ein: Vielleicht könnte man so was ja am Computer simulieren. Mit Figuren, die wie Menschen aussehen?" Dann schüttelt er selbst entsetzt den Kopf.
Johann sitzt während der Unterhaltung im benachbarten Esszimmer am Rechner seiner Eltern. Er will online ein paar Bücher versteigern, um sich eine Xbox kaufen zu können. Ohne seinen Computer ist ihm langweilig.
Die Polizei hat seinen Laptop und sein Smartphone zwar gesäubert zurückgegeben, aber seine Eltern haben die Geräte weggeschlossen. Sie wollen ihren Sohn nicht in Versuchung führen.
Ohne sein Handy fühlt sich Johann ausgegrenzt. Seine ganze Klasse ist in einer WhatsApp-Gruppe. Sie schicken sich lustige Videos, chatten über Hausaufgaben und uncoole Lehrer. "Ich bin da wie abgeschnitten", sagt er. Erscheint er sonst eher kühl, sieht er in diesem Moment traurig aus.
Den Familiencomputer hat Ralf K. mit einer Software ausgestattet, die es ihm ermöglicht, jeden Klick seines Sohnes nachzuvollziehen. Johann sagt, ihn machten die Kontrolle und das mangelnde Vertrauen der Eltern manchmal wütend.
Im Dezember ist er zum ersten Mal allein zur Therapie nach Berlin gefahren. In Jeans und Kapuzenpulli saß er im Zug, mit Chartmusik auf den Ohren. Ein normaler Junge eben.
"Der hintere Teil im Gehirn ist für die Erregungen zuständig, der vordere, um das zu steuern. Wenn ich die Bilder angucke, fällt der bei mir aus", so gibt Johann die Therapiestunde im Anschluss wieder. Er wirkt zufrieden. "Ich mag das, wenn es so sachlich ist."
In Zukunft wird Umut Oezdemir mit ihm erarbeiten, was Johann tun kann, wenn die Gier nach den Bildern wieder da ist. Und was, sollte er mal merken, dass ein Übergriff wahrscheinlicher wird.
Johann weiß, dass es Medikamente gibt, die das sexuelle Verlangen dämpfen. Er glaubt nicht, dass er sie mal braucht. "Ich würde nicht dazu neigen, einem Kind etwas anzutun. Das käme mir nicht ähnlich", sagt er.
Kurz vor Weihnachten in Hamburg. Johann macht mit seiner Familie eine Städtetour. Es regnet und stürmt, dennoch wirken seine Eltern gelöst, gut gelaunt. In letzter Zeit, berichtet Ralf K., habe Johann ab und zu ein Mädchen in seinem Alter mit nach Hause gebracht. "Es scheint, als habe er eine Freundin", raunt der Vater.
In einem Moment wiederum, als ihn die Eltern nicht hören können, erklärt Johann: "Das ist nur eine Klassenkameradin, mehr nicht."
Abends, wenn er im Bett liege, denke er immer an die Bilder, sagt Johann. Selbst jene, die er sich gut eingeprägt hat, verblassen langsam in seiner Erinnerung. Das macht ihm Angst. ■
Von Windmann, Antje

DER SPIEGEL 4/2015
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