17.01.2015

Klima„Umwälzpumpe im Pazifik“

Der Meeresforscher Mojib Latif erklärt, wie es zu einer Pause bei der Erwärmung kam und warum die Temperaturen bald umso stärker steigen werden.
SPIEGEL: Herr Latif, wie geht's dem Klima?
Latif: Danke der Nachfrage. Wir haben ein Rekordjahr hinter uns. Erste Auswertungen der nationalen Wetterdienste zeigen: 2014 war das wärmste Jahr seit Beginn der Industrialisierung.
SPIEGEL: Wie viel wärmer war es denn?
Latif: Es geht wohl um weniger als ein zehntel Grad. Das ist natürlich keine Steigerung, die der Mensch direkt spürt. Aber auch wenn sich die Lufttemperatur nur in kleinen Schritten erhöht, haben wir es auf lange Sicht mit einer gravierenden Klimaveränderung zu tun.
SPIEGEL: In den drei bislang wärmsten Jahren 1998, 2005 und 2010 war jeweils El Niño an der Aufheizung der Atmosphäre beteiligt. Bei diesem natürlichen Klimaphänomen taucht im Pazifik eine warme Meeresströmung auf, die den Tropengürtel dort erhitzt. Ist auch der Rekord 2014 auf den El-Niño-Effekt zurückzuführen?
Latif: Diesmal war es anders. Im vorigen Jahr war El Niño nur schwach ausgeprägt. Dieser Umstand ist wirklich bemerkenswert und könnte ein Indiz dafür sein, dass die globale Erwärmung wieder an Fahrt aufnimmt ...
SPIEGEL: ... die in den Jahren davor gebremst schien. Seit der Jahrtausendwende stiegen die Lufttemperaturen nicht mehr weiter an. Geht die Erwärmungspause jetzt zu Ende?
Latif: Ein einziges Rekordjahr reicht nicht aus, um eine Trendwende auszurufen. 2014 kann auch ein zufälliger Ausreißer nach oben gewesen sein, der hauptsächlich auf natürliche Schwankungen zurückzuführen ist. Es lässt sich somit nicht ausschließen, dass die Erwärmungspause noch ein paar Jahre lang andauert. Doch spätestens nach 2020 werden die Temperaturen wieder stark ansteigen.
SPIEGEL: Hat es Sie irritiert, dass sich die Atmosphäre so lange Zeit nicht weiter erwärmte, obwohl die Menschheit seit der Jahrtausendwende über 400 Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich in die Atmosphäre gepustet hat?
Latif: Nein, denn die natürlichen Schwankungen im Klimageschehen können auch abkühlend wirken und dem menschengemachten Treibhauseffekt für eine Weile entgegenwirken. Von daher ist es vollkommen normal, dass die Erwärmung der Atmosphäre mal für ein paar Jahre Pause macht. Ich hätte mich nur gewundert, wenn es wieder massiv kälter geworden wäre. Dazu ist der Treibhauseffekt dann doch schon zu stark.
SPIEGEL: Als erster Klimaforscher sagten Sie eine Erwärmungspause voraus und mussten dafür viel Kritik einstecken. Wie kamen Sie auf diese kühne Idee?
Latif: Schon in den Neunzigerjahren habe ich mich mit natürlichen Klimaschwankungen in den Meeren beschäftigt, insbesondere dem El-Niño-Phänomen. Die dabei entwickelten Methoden habe ich dann auf den Ozean insgesamt übertragen. Und zu meiner Überraschung trat in unserer Klimasimulation ein Effekt auf, mit dem zuvor niemand gerechnet hatte: eine fast 20 Jahre andauernde Phase, in der es mit der globalen Erwärmung nicht weiterging. Der einzige wesentliche Unterschied zur realen Klimaentwicklung: In meinem Modell fing die Pause bereits ein paar Jahre früher an.
SPIEGEL: Wie kommt ein solcher Erwärmungsstopp zustande?
Latif: Der wichtigste Grund: Die Meere nehmen vorübergehend mehr Wärme aus der Atmosphäre auf als sonst. Dass dies tatsächlich der Fall ist, wissen wir inzwischen aus aktuellen Beobachtungen von über 3000 Messbojen, die weltweit im Einsatz sind. Unter anderem zeigen deren Daten, dass sich die obersten zwei Kilometer des Weltozeans auch in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer weiter erwärmt haben, ohne jegliche Unterbrechung. In den Meeren hat der Klimawandel also überhaupt keine Pause gemacht. Nur die Lufttemperaturen stiegen plötzlich kaum noch. Deswegen schien es so, als wäre die Aufheizung zum Stehen gekommen.
SPIEGEL: Und weshalb verschwand auf einmal so viel Wärme in den Ozeanen?
Latif: Welche Prozesse genau dafür verantwortlich sind, wissen wir noch nicht endgültig. Vermutlich ist der Effekt auf schwankende Meeresströmungen im tropischen Pazifik und im südlichen Ozean zurückzuführen, die wie eine gigantische Umwälzpumpe funktionieren und einen Teil der Wärme in tiefere Wasserschichten transportieren.
SPIEGEL: Bleibt die von den Ozeanen verschluckte Energie für immer dort unten gespeichert?
Latif: Nein, keine Chance. Die Meere dürften ziemlich bald wieder mehr Wärme an die Atmosphäre abgeben. Und wenn das geschieht, wird sich der Anstieg der Lufttemperatur sogar beschleunigen. Dann wird es noch schneller wärmer werden auf dem Planeten, als wir es selbst in den Achtziger- und Neunzigerjahren erlebt haben.
Interview: Olaf Stampf
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 4/2015
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