17.01.2015

KinoMensch gegen Maschine

Alan Turing war ein Pionier des Computerzeitalters. Am Ende seines Lebens galt er als Krimineller. Jetzt macht ihn der für acht Oscars nominierte Spielfilm „The Imitation Game“ zum Popstar.
Als seine Haushälterin ihn fand, lag neben seinem Bett ein angebissener Apfel, versetzt mit Zyanid. Alan Turing, Mathematiker an der Universität Manchester und, wie man heute weiß, einer der bedeutendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, war tot. Er wurde 41 Jahre alt.
Turing hatte sich selbst vergiftet, ob absichtlich oder aus Versehen bei chemischen Experimenten, das konnte nie mit letzter Sicherheit geklärt werden. Man fand keinen Abschiedsbrief, die Behörden erkannten auf Selbstmord, eine These, die auch fast alle seine Biografen vertreten. Hatte Turing nicht allen Grund, sich umzubringen, nachdem er wegen eines sogenannten schweren Sittlichkeitsverbrechens verurteilt worden war? Und hatte er nicht oft von jener Szene in "Schneewittchen und die sieben Zwerge" geschwärmt, dem Disney-Zeichentrickfilm, in dem die böse Hexe einen Apfel in einen Kessel mit Gift taucht?
Ein Apfel neben Turings Leiche: Das ist eine besonders böse Pointe der Geschichte. Denn Alan Turing (1912 bis 1954) war, wie ein Experte schrieb, "der intellektuelle Vater des modernen Computers", ein Visionär, der das Konzept der künstlichen Intelligenz miterdacht hatte. Turings Forschungen und Theorien waren auch entscheidend für die Entwicklung von Rechnern und Smartphones, zum Beispiel für die Geräte mit dem angebissenen Apfel im Logo. Ohne Turing sähe unsere Welt anders aus, auch deshalb, weil der Zweite Weltkrieg ohne ihn und seine Kollegen wohl deutlich länger gedauert hätte, mit unzähligen zusätzlichen Opfern.
Woran hat Turing während des Zweiten Weltkriegs gearbeitet? Noch Jahrzehnte nach seinem Tod war die Antwort auf diese Frage ein Staatsgeheimnis; nur einige hohe Geheimdienstler und Winston Churchill kannten die ganze Wahrheit. In der Öffentlichkeit galt Turing dagegen in seinen letzten Lebensjahren als perverser Straftäter. Sein Vergehen hatte darin bestanden, homosexuell zu sein. Turing wurde nach denselben Gesetzen verurteilt, die schon den Schriftsteller Oscar Wilde ins Gefängnis gebracht hatten. Erst 1967 liberalisierte Großbritannien das entsprechende Gesetz. Im Jahr 2013 wurde Turing posthum von Queen Elizabeth II. rehabilitiert.
Da feierte ihn sein Land längst als Nationalhelden. Turing wurde mit einer Sonderbriefmarke der Royal Mail geehrt, US-Präsident Barack Obama stellte ihn in einer Rede vor dem britischen Parlament in eine Reihe mit Isaac Newton und Charles Darwin. Es gibt ein Theaterstück über Turing ("Breaking the Code"), vergangenes Jahr widmeten die Pet Shop Boys ihm ein Bühnenwerk, "A Man from the Future". Und am 22. Januar kommt der Spielfilm "The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben" in die deutschen Kinos, der Turing endgültig zum Popstar verklärt. Am Donnerstag wurde "The Imitation Game" für acht Oscars nominiert, darunter in der Kategorie "Bester Film", auch Turing-Darsteller Benedict Cumberbatch ist nominiert.
"The Imitation Game" konzentriert sich, mit Rückblenden und Zeitsprüngen, auf drei prägende Stationen in Turings Leben: seine Jugend als Schüler auf einem Internat in den Zwanzigerjahren, sein Fernduell mit den Nazis während des Kriegs sowie seine Krise Anfang der Fünfziger.
Damit beginnt der Film: In Turings Haus in Manchester ist eingebrochen worden, Polizisten besichtigen den Tatort. In einem Zimmer entdecken sie eine seltsame Maschine, so groß wie mehrere Kühlschränke, Kabel ragen heraus. Was das sei, wollen die Beamten wissen. "Das würden Sie sowieso nicht begreifen", sagt Turing. Er will die Polizisten loswerden, ein Kommissar wird misstrauisch. Der Kalte Krieg hat begonnen, Paranoiker vermuten überall kommunistische Verschwörer, nicht ganz zu Unrecht. 1951 hatten sich zwei britische Diplomaten nach Moskau abgesetzt. Spioniert auch Turing für die Sowjetunion? Und warum gibt es im Archiv keine Akte über seine Kriegszeit? Turing wird zum Verhör einbestellt.
Zu Turings revolutionären Ideen gehörte das sogenannte Imitation Game, später auch als Turing-Test bekannt: Er beruht auf der Annahme, dass in der Zukunft Maschinen selbstständig denken können. Die Intelligenz einer Maschine sei dann bewiesen, wenn diese auf Fragen so überzeugend antworte, dass man keinen Unterschied mit einem Menschen feststellen könne.
Und was bin ich?, fragt Turing im Film während des Verhörs den Kommissar: "Bin ich Mensch, bin ich Maschine? Bin ich ein Kriegsheld, bin ich ein Krimineller?"
Rückblick: Im September 1939, wenige Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, fuhr Turing nach Bletchley Park, einem Landsitz 75 Kilometer nordwestlich von London. Offiziell eine Fabrik für Radios, war das Gelände tatsächlich eine Außenstelle des britischen Geheimdiensts GC&CS, des Vorläufers des durch Edward Snowdens Enthüllungen berüchtigten GCHQ. Tausende Briten arbeiteten dort daran, den Funkverkehr der Deutschen abzuhören, insbesondere Botschaften über geplante Luftangriffe und U-Boot-Einsätze. Doch die Nachrichten waren verschlüsselt.
Die Deutschen benutzten dazu die "Enigma", ein Gerät, das äußerlich einer Schreibmaschine ähnelte und Texte in Buchstabensalat verwandelte, den die Alliierten nicht entziffern konnten. Die Enigma ließ Millionen an Kombinationsmöglichkeiten zu; sie zu knacken galt als unmöglich, zumal die Nazis den Code täglich änderten.
Auftritt Turing, der zuvor unter Mathematikern mit dem Aufsatz "Über berechenbare Zahlen" aufgefallen war. "Politik ist nicht gerade mein Fachgebiet", sagt er im Film beim Vorstellungsgespräch, Fremdsprachen könne er auch nicht. "Aber ich bin sehr gut darin, Kreuzworträtsel zu lösen." Er bekommt den Job, verbunden mit einer Warnung: Wenn er je etwas über die Arbeit in Bletchley Park verrate, werde er hingerichtet, wegen Hochverrats.
Turing und seine Kollegen, die besten Kryptologen des Landes, verzweifeln anfangs an der Enigma. Kein Mensch kann die Botschaften der Maschine dechiffrieren. Aber vielleicht, so Turings Idee, gelingt dies einer anderen Maschine? Er beginnt mit der Konstruktion, auch wenn man ihn nicht nur deshalb für einen Spinner hält. Der Film-Turing ist arrogant, stur, nicht teamfähig, ein zum Stottern neigender pathologischer Außenseiter. Nur die einzige Frau im Team, Joan Clarke (gespielt von Keira Knightley), unterstützt ihn. Die beiden werden Freunde. Turing macht ihr einen Heiratsantrag.
Turing, wie Benedict Cumberbatch ihn verkörpert, ist ein Freak. Er erinnert verdächtig an den Sherlock Holmes aus den Neuverfilmungen der BBC, jene Rolle, mit der Cumberbatch weltberühmt wurde. Auch Sheldon, der sozial gestörte Physiker aus der Comedy-Serie "The Big Bang Theory", diente offenbar als Vorbild. Das ist oft lustig und manchmal tragisch anzusehen - und es hat eine hässliche Debatte über die historische Wahrheit des Films ausgelöst.
Zwar war auch der echte Turing ein Exzentriker. Er kettete seinen Becher am Heizkörper fest, beim Fahrradfahren trug er manchmal eine Gasmaske, nämlich dann, wenn ihn der Heuschnupfen plagte. Doch ansonsten kam er, soweit man heute weiß, gut mit seinen Kollegen aus. Einige Turing-Experten werfen den Filmemachern deshalb vor, sie würden die Karikatur eines Homosexuellen entwerfen, ein Klischee wie aus den Fünfzigerjahren. Mehr noch: Der Regisseur Morten Tyldum, ein Norweger, und der Drehbuchautor Graham Moore, ein Amerikaner, begingen mit "The Imitation Game" eine Art posthumen Rufmord.
Im Film tauft Turing seine Rechenmaschine nämlich "Christopher", zur Erinnerung an einen geliebten Jugendfreund, eine Obsession für die eigene Schöpfung, ähnlich wie beim Horrordoktor Frankenstein. Der Kosename ist eine sentimentale Erfindung der Filmemacher, die Turings Rationalität ins Gegenteil verkehrt. Tatsächlich hieß der Computervorläufer in Bletchley Park "The Bombe", wegen der Tickgeräusche der Mechanik.
Richtig schräg wird es, wenn der Film-Turing sogar zeitweise einen sowjetischen Spion in den eigenen Reihen deckt. "Wenn du ihnen mein Geheimnis verrätst", droht der Mann, "verrate ich ihnen deins", also Turings Homosexualität. Turing, ein feiger Kollaborateur? Oder bloß das Opfer eines fantasiebegabten Drehbuchautors? Eher Letzteres. Zwar gab es wirklich einen Spion in Bletchley Park, aber nicht in Turings Abteilung; die beiden sind sich offenbar nie begegnet.
Historiker kritisieren noch weitere Unstimmigkeiten. Aber "The Imitation Game" ist kein Dokumentarfilm, auch wenn er manchmal so wirkt. Wie modern der Film tatsächlich ist, beweist der Vergleich mit einer früheren Adaption des Stoffes: In "Enigma", dem Thriller mit Kate Winslet aus dem Jahr 2001, kommt Turing überhaupt nicht vor. Einen schwulen Helden wollte man dem Publikum offenbar damals nicht zumuten.
"The Imitation Game" ist da dichter an der Wahrheit. Der Film zeigt einen Mann, der für die Zeit, in der er lebte, einfach zu viele Geheimnisse verbergen musste; ein Genie, das "den Nationalsozialismus mit einem Kreuzworträtsel besiegt" hatte, wie ein Kollege im Film sagt, aber den Triumph nie auskosten konnte. Nachdem Turings Liebe für Männer entdeckt worden war, stellte ihn das Gericht vor die Wahl: Gefängnis oder eine Antihormonbehandlung. Turing entschied sich für die Therapie, die ihn von seinen Neigungen kurieren sollte. Aufgrund der Behandlung wuchsen ihm Brüste; er litt unter Depressionen.
Am Ende biss Turing in einen Apfel. Über die Enigma hat er nie gesprochen.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 4/2015
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