17.01.2015

Frankreich„Das waren gute Kinder“

Wie wurden drei ziemlich normale Söhne von Einwanderern zu den Attentätern von Paris? Eine Recherche an den Orten, an denen sie aufwuchsen und radikalisiert wurden, bei Freunden, Erziehern, Angehörigen, Richtern und Imamen.
Sie waren unauffällig, sie waren freundlich. Das sagen ihre Nachbarn über die Brüder Chérif und Saïd Kouachi. Sie waren "richtig nette Jungs", so erinnert sich der Leiter des Kinderheims, in dem sie aufgewachsen sind. In der geschlossenen Facebook-Gruppe der ehemaligen Bewohner des Kinderheims, in dem die Kouachi-Brüder aufgewachsen sind, spenden sie einander Trost. "Ich weine heute Abend", schreibt eine Frau, "ich weine um meine Freunde, ich weine um die Jungs, die ich gekannt habe. Ich weine um die Menschen."
Kann man einen Menschen wirklich jemals kennen? Da, wo die Attentäter von Paris wohnten, herrscht Unverständnis; da, wo Menschen sie wirklich kannten, herrscht Entsetzen. Selbst die Ehefrauen der beiden Brüder sagen, sie hätten nichts gewusst.
Chérif Kouachi sei keine Figur gewesen, die einem im Gedächtnis bleibe, sagt der Richter, der vor einem Jahrzehnt die erste Untersuchung gegen ihn leitete. An seinen Bruder Saïd können sich die meisten Leute noch weniger erinnern. Doch ausgerechnet diese beiden Männer haben es geschafft, zusammen mit ihrem Komplizen Amedy Coulibaly, einen Doppelanschlag zu verüben, der zwar primitiv ausgeführt wurde, und doch weltweite Auswirkungen hat.
17 Menschen starben bei den Anschlägen von Paris, dem Massaker in der Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt Hyper Cacher. Es war ein Attentat auf die Meinungsfreiheit, ein Attentat auf Juden, die Menschen in der ganzen Welt bewegten. Doch die Millionen Menschen, die am Sonntag mit ihrem Marsch gemeinsam den Glauben an die Republik bekräftigten, waren zwar ein kraftvolles Bild, doch sie legten auch einen Riss quer durch die französische Gesellschaft offen.
Wie kann man die Anschläge von Paris erklären? Sind es zornige junge Männer, die das Problem sind? Ist die Gesellschaft selbst das Problem? Oder ein falschverstandener Islam, in dem verirrte Männer eine Heimat finden, etwas, das größer ist als sie selbst?
Auf der Suche nach Antworten hat der SPIEGEL die Geschichte der Hauptpersonen dieser Anschläge erforscht. Eine Reise auf ihren Spuren führt zu den Wohnungen der Kouachis in Gennevilliers bei Paris und in Reims, vor die verschlossenen Türen der Verwandtschaft in Charleville-Mézières an der belgischen Grenze, aber auch zu weinenden Betreuern in der Provinz, die nicht fassen können, was aus ihren Zöglingen geworden ist. Sie führt zu Sozialarbeitern und Imamen in dem Viertel, wo Amedy Coulibaly gelebt hat. Und auch zu einer Freundin seiner Frau Hayat Boumeddiene. Dazu gibt es mehr als hundert Seiten Verhörprotokolle und Gerichtsakten, die dem SPIEGEL vorliegen.
Es ist eine Reise in die Abgründe der französischen Gesellschaft, in Kinderheime, Sozialzentren und in die Gefängnisse, aber auch zu den Netzwerken radikaler Islamisten und Terroristen, die in Frankreich seit Jahrzehnten besonders aktiv sind. Die drei Täter waren keine einsamen Wölfe, die aus dem Nichts kamen. Die Geschichte ihrer Radikalisierung reicht mehr als zehn Jahre zurück, und es ist vielmehr ein Rätsel, dass sie ihre Taten unbehelligt begehen konnten.
Die Anschläge lassen sich durch diese Recherchen nicht erklären, und schon gar nicht lassen sie sich entschuldigen. Aber dennoch ist es wichtig, der Frage nachzugehen, wie drei Jugendliche, die als normal und vielversprechend galten, zu Terroristen wurden.
Jugend in der Corrèze
Eine schmale Landstraße führt durch die Hügel nach Treignac, ein 1400-Einwohner-Dörfchen im Limousin, 400 Kilometer südlich von Paris. Verwitterte Steinhäuser säumen kleine Straßen und Gassen, der Ort ist umgeben von Wäldern und Kuhweiden. Es ist eine perfekte Idylle. Hier haben Chérif und Saïd Kouachi ihre Jugend verbracht, sechs Jahre lang, von 1994 bis 2000, im Kinderheim der Fondation Claude Pompidou. Ein Anwesen mit großem Hof und weitläufigem Garten, das Verwaltungsgebäude ist eine Art Palais. Damals waren hier etwa 70 Kinder von 7 bis 18 Jahren untergebracht.
Suzanne(*) war jahrelang die verantwortliche Erzieherin von Chérif Kouachi. Sie möchte reden, aber sie möchte ihren Namen nicht gedruckt sehen. "Ich fühle mich schuldig", sagt sie. Seit Tagen schläft sie nicht mehr, sie hat Panikattacken. Als sie zum ersten Mal die Namen der beiden Täter hörte, die sie hat aufwachsen sehen, glaubte sie an eine Verwechslung.
Als sie die Fahndungsbilder der beiden sah, glaubte sie das nicht mehr. Nichts erinnerte in ihren Gesichtern an die Jugendlichen, die sie einst kannte. Nur die Augen. "Was für ein Albtraum", sagt sie.
Suzanne trägt einen Samtblazer und große Ohrringe, immer wieder bricht sie in Tränen aus. Sie hat die alten Fotos herausgekramt, die sie beim gemeinsamen Urlaub am Mittelmeer zeigen. Chérif mit seinem Bubenlächeln, der seine Erzieherin umarmt. Chérif beim Sprung vom Beckenrand, zwei Finger zum Victory-Zeichen gespreizt, ein breites Lächeln im Gesicht. "Das waren gute Kinder", sagt sie.
Chérif war ihr Liebling, sie war für ihn verantwortlich. "Ich konnte ihm nicht böse sein, egal, was er angestellt hatte", sagt sie. Und beeilt sich hinzuzufügen, dass er nie etwas Schlimmes angestellt habe, nur die üblichen albernen Bubenstreiche.
Heimleiter Patrick Fournier sitzt in seinem Büro, vor ihm liegen Kopien der Lebensläufe der Kouachis, die Gendarmerie von Treignac hat gleich nach Bekanntwerden der Täter die Originaldossiers unter Verschluss genommen. Seit 30 Jahren arbeitet Fournier, 57, hier als Erzieher.
Geboren sind die beiden Brüder in Paris, ihre Kindheit haben sie an der Rue d'Aubervilliers im 19. Arrondissement verbracht, dem eher ärmlichen Viertel im Nordosten der Stadt, in das sie auch später wieder zurückkehren sollten. Saïd ist der Älteste, laut Polizeiakten geboren am 7. September 1980, Chérif ist zwei Jahre jünger, geboren am 29. November 1982. Sie haben zwei Geschwister, Aïcha und Chabane.
Die Eltern stammen aus Algerien, aus der Stadt Constantine. Vater Mokhtar starb 1990 an Krebs, die Mutter bekam noch eine weitere Tochter mit einem anderen Mann. Sie fühlte sich überfordert mit den vielen Kindern, erzählt der Heimleiter. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Schulnoten der Brüder schlechter, sie wirkten verwahrlost. Das Pariser Jugendamt schickte die vier ältesten Geschwister in das Kinderheim nach Treignac, wo sie am 3. Oktober 1994 ankamen. Die Mutter telefonierte regelmäßig mit den Kindern, zu Besuch kam sie nie. Im Januar 1995 starb die Mutter, ihr plötzlicher Tod sei ein Schock für die Jungen gewesen, sagt Heimleiter Fournier.
Saïd und Chérif Kouachi waren keine schwer erziehbaren Jugendlichen. Chérif war der Sonnenschein des Kinderheims, sagt Fournier, noch dazu ein sehr guter Fußballspieler. Er spielte beim AS Chamberet, in einem acht Kilometer entfernten Städtchen. Heute noch hängen die Mannschaftsbilder mit Chérif Kouachi an den holzvertäfelten Wänden des Vereinsheims.
Pascal Fargetas, 55, ist ein Mann wie ein Bär, er hat Chérif Kouachi zwei Jahre lang trainiert. Er sagt, Chérif habe nie ein Training oder ein Spiel verpasst. Egal ob es regnete oder schneite, seine Begeisterung sei grenzenlos gewesen. Und er sei wirklich talentiert gewesen. Einer der besten Rechtsaußen, die er je trainiert habe.
"Es ist ja jetzt immer von Religion die Rede", sagt er. "Fußball war seine Religion." Chérif habe den Fußball sehr ernst genommen, aber er habe auch gekifft, Freundinnen gehabt und sei feiern gegangen.
Saïd Kouachi hingegen machte sich nicht viel aus Fußball, er ging lieber ins Kino. Er war ruhiger als sein Bruder und ernster. Die Schule fiel ihm schwerer, er besuchte eine Förderklasse, er bekam in fast allen Fächern Nachhilfe. Aber auch er war zielstrebig: Mit 18 Jahren beantragte er eine Verlängerung seines Aufenthalts in Treignac, um seine Kochlehre abschließen zu können, was ihm auch gelang.
Als Chérif nach dem Collège seine Ausbildung zum Elektromechaniker begann, zog er ins 80 Kilometer entfernte St. Junien in ein Internat, kam aber jedes Wochenende zurück, um im Klub zu spielen. Doch sein Traum, Profi zu werden, zerbrach. Kein großer Klub interessierte sich für ihn. Jahrelang, noch als Erwachsener, sollte er einer Profikarriere nachtrauern.
Chérif entschied sich, nach Paris zurückzukehren. Sein Trainer versuchte noch, ihn zum Bleiben zu bewegen. "Das mit Paris war eine blöde Idee", sagt Fargetas, er legt sein breites Gesicht in Falten. "Er war hier Kapitän, er hätte bleiben sollen."
Auch sein bester Freund, ein Flüchtlingskind aus Äthiopien, versuchte Chérif vergebens zu überreden, in Treignac zu bleiben. Doch Chérif habe genug gehabt von der ländlichen Idylle, erzählt er, er wollte nach Paris. Dort habe Chérif sich bei Profiklubs vorstellen wollen. So zogen im Jahr 2000 Saïd und Chérif Kouachi nach Paris.
Im Rückblick ist dies einer der schicksalhaften Momente, in denen sich ihr weiterer Weg entscheidet; in denen ein bis dahin normales Leben kippt.
Die Dschihadisten aus dem Park
Vier Jahre später, am 24. Januar 2005, verhaftete die Polizei Chérif Kouachi, weil er als Dschihadist in den Irak ziehen wollte. Im Verhör erzählte er einem Beamten vom Inlandsnachrichtendienst Direction de la surveillance du territoire sein Leben. Die Protokolle der zwölf Verhöre von Chérif, der zehn Verhöre von Saïd und weiterer Beteiligter beschreiben eine Verwandlung.
Chérif Kouachi erzählte, wie er einige Tage beim Bruder seiner Mutter im Pariser Vorort Aubervilliers gewohnt habe. Doch der Onkel setzte ihn vor die Tür. Er habe danach mal bei Freunden geschlafen, mal
in kleinen Hotels. Er habe auf Märkten gearbeitet, erzählte er, auch Haschisch verkauft und da und dort gestohlen. Zwei Jahre lebte er so, dann traf er einen Bekannten aus dem Heim wieder, einen Mann namens Michael C.(*), der die Brüder bei seiner Mutter unterbrachte, in einem Sozialbau aus Backstein im 19. Arrondissement.
In dieser Zeit habe er begonnen, Bücher zu lesen und nachzudenken, erzählte Chérif seinen Vernehmern. Sein Bruder Saïd nahm ihn mit in die Moschee Pré Saint Gervais. "Davor habe ich nicht gebetet, weil ich jung war und mir im Kinderheim niemand etwas darüber erzählt hat", sagte er. "Zuerst bin ich nur am Freitag in die Moschee gegangen. Das half mir, ruhiger im Kopf zu werden, deshalb bin ich öfter gegangen."
Dort machte er 2003 die Bekanntschaft mit einem Mann, der sein Leben verändern sollte: dem selbst ernannten Prediger Farid Benyettou, damals 22-jährig, der mit seinem langen Haar, der übergroßen Brille und der um den Kopf gewundenen weißen Kuffija aussah wie ein Hippie. Benyettou, Sohn algerischer Eltern, war schon früh mit dschihadistischem Gedankengut in Kontakt gekommen. Er ist der Schwager eines prominenten Terroristen: des Salafisten Youssef Zemmouri, der im Mai 1998 verhaftet wurde, weil er einen Anschlag auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich geplant haben soll.
Mit Imamen, deren Predigten ihm zu moderat waren, legte Benyettou sich öffentlich an, er wurde der Moschee verwiesen. Nun unterrichtete er seinen kleinen Zirkel von Gefolgsleuten bei sich zu Hause in salafistischer Ideologie. Zu seinen Jüngern gehörten auch die Kouachi-Brüder und ihr Freund Thameur Bouchnak. "Abu Abdallah" nannten sie Benyettou; vor allem Chérif war zutiefst von ihm beeindruckt.
In den Verhören sagte Chérif Kouachi: "Ich glaube nicht, dass ich ein guter Muslim bin." Er versuche, regelmäßig zu beten, aber es gelinge ihm nicht immer, vor allem in Zeiten, in denen er viel kiffe. "Ich bin das, was man als ,Getto-Muslim' bezeichnet. Ich treffe meine Freundin, lebe mein Leben, und danach gehe ich und bereue. Es hilft mir, mich besser zu betragen, wenn ich zu Farid gehe."
Die Protokolle zeigen, dass er weder von seiner Religion noch von politischen Zusammenhängen viel verstand: Salafismus? Dschihad? Nahost-Konflikt? Al-Qaida? Zu alldem konnte er nicht viel sagen.
Benyettou hetzte seine Schüler gegen die USA auf, besonders nach dem US-Einmarsch im Irak 2003. "Als die Amerikaner angriffen, um Saddam zu vertreiben, fand ich das normal, weil er schlimme Sachen gemacht hat", sagte Chérif Kouachi. Aber als er "die Erniedrigung der Iraker durch die US-Militärs" sah, wollte er selbst in den Kampf ziehen. Ab Ende 2003 ging er jeden Samstag und Sonntag zu Benyettou.
Der Prediger schwor den kleinen Zirkel auf den bewaffneten Kampf ein, den Märtyrertod pries er als Weg ins Paradies. So wurde Benyettou zum Anführer des Dschihadisten-Netzwerks Buttes-Chaumont, benannt nach dem Park im 19. Arrondissement. Er war ein geschickter Manipulator, er weckte bei seinen Jüngern die Lust auf den Dschihad. "Farid hat uns nicht direkt gesagt, dass wir gehen sollten", erzählte Chérif, aber er habe heilige Texte und muslimische Gelehrte zitiert und sich für den Dschihad ausgesprochen. "Das hat geholfen, mich zu überzeugen."
Das Vorbild der Gruppe war Boubaker al-Hakim, der erste von Benyettous Schülern, der in den Kampf zog. Er war vor der US-Invasion in den Irak gereist, als menschliches Schutzschild gegen die Amerikaner. Der Radiosender RTL sendete im März 2003 ein Interview mit ihm. Al-Hakim brüllte: "Abu Abdallah, ich bin es! Ich bin im Irak." Er sei bereit, in vorderster Linie zu kämpfen. "Buumm, buumm", rief er, um das Geräusch von Detonationen nachzuahmen: "Wir werden alle Amerikaner töten! Wir sind Mudschahidin, wir wollen den Tod, wir wollen das Paradies!"
Doch Boubaker al-Hakim kam nicht ins Paradies. Nach Saddams Sturz wurde er in Syrien verhaftet und von da nach Frankreich ausgeliefert. Nach seiner Freilassung zog er erneut in den Irak und kämpfte in Falludscha für al-Qaida. Er war der perfekte Gegenpart des schmächtigen Theoretikers Benyettou: ein muskelbepackter Kämpfer, der den von Benyettou indoktrinierten Nachwuchs an die Front bringen konnte. Insgesamt drei junge Männer aus der Buttes-Chaumont-Zelle starben im Irak, darunter al-Hakims Bruder. Ein weiterer verlor einen Arm und ein Auge.
Im Verhör behauptete Chérif Kouachi zunächst, er und Thameur Bouchnak hätten bloß nach Syrien reisen wollen, um Waren einzukaufen und in Frankreich teuer zu verkaufen. Erst beim vierten Verhör knickte er ein: "Ich war bereit, für den Dschihad zu sterben. Ich denke inzwischen, dass es der Teufel ist, der mich in Versuchung geführt hat."
Als die Ermittler ihn fragten, ob er auch Attentate in Frankreich für gerechtfertigt halte, sagte er: "Nein, Frankreich ist mein Land. Das würde ich nicht tun."
Kouachi und Bouchnak wussten nicht viel über den Dschihad, aber sie bereiteten sich vor, so gut sie konnten. Der Parc des Buttes-Chaumont diente ihnen als Trainingsplatz. Hier liefen sie Runde um Runde, um sich für den Dschihad zu stählen. Sie spielten täglich eine Stunde Fußball. In Internetcafés recherchierten sie, wie eine Kalaschnikow aussieht, anhand einer Zeichnung auch, wie man sie bedient. Chérif Kouachi redete plötzlich davon, jüdische Geschäfte und Restaurants im Viertel abzubrennen. Und davon, Lastwagen mit Sprengstoff in US-Basen zu fahren.
Aber im Verhör gab er zu, dass er auch Angst hatte. "Ich sagte mir immer wieder: Ich gehe nicht, ich hatte keine Lust, dort zu sterben." Er habe dann aus Stolz entschieden, doch zu fahren. "Ich habe mir gesagt, wenn ich einknicke, werden mich die anderen für einen Feigling halten." Er beantragte einen Pass, kaufte bei einem Reisebüro einen Hin- und Rückflug nach Damaskus für 400 Euro. In der letzten Woche vor der Abreise gab Benyettou ihm Einzellektionen für den Dschihad. "Er erzählte mir von den 70 Jungfrauen und einem großen Haus im Paradies."
Thameur Bouchnak und Chérif Kouachi waren glücklich, sie fühlten sich auserwählt und, endlich, als etwas Besonderes. "Bis dahin hatten sich diese jungen Männer nirgendwo richtig zugehörig gefühlt", sagt Dominique Many, der Anwalt, der Bouchnak von 2005 bis 2008 vertrat. "Thameur sagte mir: In Frankreich bin ich immer nur der Araber, der keine Arbeit findet. In Tunesien, der Heimat meiner Eltern, soll ich überall das Doppelte bezahlen, weil ich ja Franzose bin."
Benyettou habe den Jungen eine dritte Möglichkeit aufgezeigt: die Zugehörigkeit zur Umma, zur weltweiten Gemeinschaft der Muslime, und den bewaffneten Kampf gegen Ungerechtigkeiten. Schlau habe der Prediger diejenigen in der Runde ausgemacht, die am empfänglichsten wirkten - nicht Saïd, sondern Chérif Kouachi, der auf der Suche war. "Sie dachten, Benyettou habe sie ausgewählt, weil sie seine besten Schüler seien", sagt Many, "und nicht, pardon, weil sie die dümmsten waren."
Thameur Bouchnak und Chérif Kouachi planten, am 25. Januar 2005 gemeinsam nach Damaskus zu fliegen, dort hätten sie von 8000 Euro Bargeld, das sie mitnehmen wollten, Kalaschnikows gekauft. Danach wären sie in den Irak gebracht worden. Den letzten Abend vor der Reise sollten sie bei Benyettou verbringen. Stattdessen wurden sie am Tag vor dem Abflug verhaftet. In Panik zerstörte Chérif sein Handy und warf es in die Metro.
Seinem Anwalt gestand er, dass er über die Verhaftung froh sei. Die Vorstellung, in den Dschihad zu ziehen, hatte zwar seine Sehnsucht nach etwas Größerem geweckt, aber sterben wollte er nicht. Wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung wurde Chérif Kouachi in Untersuchungshaft genommen. Sein Bruder Saïd, der auch zu Benyettous Kreis gehörte, blieb auf freiem Fuß. Er behauptete, von den Plänen seines Bruders nichts gewusst zu haben.
Das Gefängnis und der dritte Mann
Doch das Gefängnis war nicht Chérifs Rettung, es war der zweite unheilvolle Wendepunkt in seinem Leben. Es radikalisierte ihn noch mehr. In Fleury-Mérogis, mit fast 4000 Insassen das größte Gefängnis Europas, einer Betonfestung wie aus einem Albtraum, schloss er sich einer Gruppe von Salafisten an, deren Chef sich "Abou Hamza" nannte. Sein echter Name ist Djamel Beghal, er war ein franko-algerischer Getreuer Osama Bin Ladens. Im Gefängnis saß er, weil er einen Anschlag auf die US-Botschaft in Paris geplant hatte und dafür zu zehn Jahren verurteilt worden war. Beghal wird nach Benyettou die nächste Schlüsselfigur auf Chérif Kouachis Weg zum Terroristen.
Der Richter Jean-Louis Bruguière, heute 71 Jahre alt, hat bis zu seiner Pensionierung viele der wichtigsten Anti-Terror-Ermittlungen geleitet, auch die gegen das Netzwerk von Buttes-Chaumont. Er sagt, Chérif Kouachi sei keine Figur gewesen, die einem im Gedächtnis geblieben wäre. Es gebe heute 100 oder 200 Kouachis in Frankreich.
Djamel Beghal hingegen, den er ebenfalls hatte verhaften lassen, sei "ein ganz anderes Niveau". Sehr intelligent, gut aussehend, sehr radikal, von sich selbst eingenommen. Auch Khalil Merroun, damals muslimischer Gefängnisseelsorger, hat Beghal als in sich ruhende, gefestigte Persönlichkeit erlebt. "Er war sehr belesen und höflich", erzählt er. "Er lächelte viel und war ein ungewöhnlich kluger und angenehmer Gesprächspartner."
Es sei eindeutig Beghal gewesen, so Richter Bruguière, der Chérif Kouachi radikalisiert habe. "Es ist ein Riesenfehler, dass dort Terroristen mit normalen Kleinkriminellen zusammengesperrt werden. Die Gefängnisse sind überfüllt, es geht den Gefangenen schlecht, sie sind empfänglich für jede Form der Radikalisierung." Einen "Maschinenraum des islamistischen Radikalismus in Frankreich" nennt der Historiker Andrew Hussey diese Gefängnisse in seinem Buch "The French Intifada". Was nicht nur am mangelnden Geld liege, sondern eine direkte Folge der französischen Gesellschaftsphilosophie sei, so Hussey, die auf eine fast fundamentalistische Art der Gleichheit huldige und Verschiedenheit nicht dulde. Die Folge sei, dass Ungleichheit einfach verleugnet werde und damit auch die Ungerechtigkeit. Lange habe es kein Halal-Essen für muslimische Gefangene gegeben, sagt der frühere Gefängnisseelsorger Merroun, der einzige Gebetsraum in Fleury-Mérogis sei eine christliche Kapelle gewesen. Dabei sind etwa 60 Prozent der Gefängnisinsassen in Frankreich Muslime, ein großer Teil hat algerische Wurzeln.
Auf Chérif Kouachi muss Beghal eine ungeheure Wirkung ausgeübt haben, und nicht nur auf ihn, auch auf Amedy Coulibaly. Chérif Kouachi und Coulibaly freundeten sich an; in den sieben Monaten, die sie gemeinsam im Gefängnis waren, machten sie zusammen den ganzen Tag Sport.
Im Jahr 2008 sorgten Bilder aus Fleury-Mérogis für einen Skandal. Zu sehen waren rostige Duschen, zerbrochene Fenster selbst im November, Müll, Gewalt, Drogen, eine zivilisatorische Zumutung. Auch Amedy Coulibaly war an den heimlichen Aufnahmen beteiligt.
Coulibaly wurde am 27. Februar 1982 in Juvisy-sur-Orge geboren, als siebtes Kind einer Familie aus Mali, der einzige Junge. Er wuchs auf in La Grande Borne in Grigny, einer der verrufensten Sozialbausiedlungen des Landes, gut 20 Kilometer südlich von Paris. Als der französische Architekt Emile Aillaud die Siedlung Ende der Sechzigerjahre erbaute, glaubte er, die Zukunft des Wohnens erfunden zu haben. Die Fassaden sind bunt, wie Wellen geformt, jede Hausnummer ist individuell gestaltet. Eine Stadt für die Kinder sollte sie sein, mit großen Wiesen, Spielplätzen.
Heute ist aus dem Viertel Grande Borne eine Kulisse der Trostlosigkeit geworden. Hier gibt es kaum jemanden ohne Migrationshintergrund. Hier leben Teenager, die sich selbst als "racaille", Abschaum, bezeichnen. Die Cité symbolisiert das Scheitern der französischen Utopie einer Republik, in der alle die gleichen Chancen haben: Gleichheit und Brüderlichkeit gelten hier wenig, und die Liberté verlieren viele sehr früh. Das Gefängnis Fleury-Mérogis grenzt an die Cité.
Amedy Coulibaly, Spitzname "Doly de Grigny", klaute schon als Minderjähriger, er provozierte gern, erzählen Sozialarbeiter aus dem Viertel. Er rutschte früh in die Kriminalität ab, war bekannt für Einbrüche. Im September 2000, mit 18 Jahren, als er mit seinem besten Freund Motorroller stehlen und in einen Transporter laden wollte, wurde dieser vor Coulibalys Augen von der Polizei erschossen, erzählt Streetworker Amar Henni.
Nach dem Tod seines Freundes beteiligte Coulibaly sich an Raubüberfällen, wofür er 2001 und 2004 vor Gericht stand. Wegen eines bewaffneten Überfalls auf eine Bankfiliale in Orléans wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt und landete in Fleury-Mérogis.
Philippe Rio, 40, Bürgermeister der Gemeinde Grigny und selbst ein Kind der Grande Borne, hat erlebt, wie Klassenkameraden zu Dealern wurden. Wie manch einer von ihnen starb, weil er sich mit den falschen Leuten eingelassen hatte. Der Feind, das war für die Gangs des Viertels der Staat. Der ihren Eltern zwar eine Wohnung und ein paar Francs Sozialhilfe bot, aber jede Hoffnung auf sozialen Aufstieg nahm. Wenn er heute zu den Jugendlichen in seinem alten Collège Jean-Vilar spricht, das auch Amedy Coulibaly besucht hat, dann redet da auch einer von ihnen.
Am Morgen nach den Anschlägen informierte die Polizei Rio, dass ein Sondereinsatzkommando Coulibalys Mutter und eine seiner Schwestern zum Verhör abgeholt habe. Rio kennt die Familie seit Jahren. Er ist mit einer der Töchter zur Schule gegangen. Sie alle hätten den Aufstieg geschafft, eine der Schwestern ist bekannt als Tänzerin aus Fernsehshows und bietet in einem Studio im Marais "Booty Therapy" an, einen Tanz für Frauen, bei dem der Hintern geschüttelt wird.
Falsche Normalität
Als Chérif Kouachi im Oktober 2006 unter Auflagen aus der Untersuchungshaft kam, wirkte er ernst und traurig, ein verschlossener, harter Mann. Er fand einen Job an der Fischtheke eines Supermarktes - und eine Frau. Izzana Hamyd, Tochter marokkanischer Einwanderer, in Charleville-Mézières nahe der belgischen Grenze aufgewachsen, zwei Jahre älter als er. Sie ist gläubige Muslimin, seit ihrem 15. Lebensjahr trug sie ein Kopftuch. Das Paar heiratete im März 2008, Chérifs Bruder Saïd war Trauzeuge.
Zu dieser Zeit musste er vor Gericht wegen seiner Beteiligung an der Zelle des 19. Arrondissements. Fernsehbilder von damals zeigen ihn, wie er mit Kapuzenpulli und breitem Gang aus dem Gerichtssaal kam und in die Mikrofone sagte, er und sein Freund Thameur seien unschuldig. Dann schrie er den Journalisten zu: "Benyettou hat im Übrigen nichts getan!"
Der Anwalt Dominique Many erzählt eine Anekdote, die auf Chérifs Radikalisierung schließen lässt: Die Angeklagten weigerten sich, sich vor der Richterin zu erheben, weil sie eine Frau war. Sie mussten von den Polizisten dazu gezwungen werden. Chérif Kouachi wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die Hälfte auf Bewährung. Die Zeit hatte er schon abgesessen, er blieb auf freiem Fuß.
Das frisch verheiratete Ehepaar reiste nach Mekka, danach verschwand Izzana Hamyd komplett hinter schwarzen Tüchern. Sie gab ihre Arbeit in einer Kita auf und betete fünfmal am Tag. Das Ehepaar, das in Gennevilliers Tür an Tür mit ihnen wohnte, sah kein einziges Mal ihr Gesicht. Wenn Hamyd vor dem Fahrstuhl auf einen Mann traf, wich sie auf die Treppe aus. Doch Chérif Kouachi fiel nicht weiter auf; Nachbarn beschreiben ihn als höflich, normal, nicht sonderlich kultiviert.
Saïd Kouachi suchte ebenfalls weiterhin Zuflucht im Islam. Er trat 2007 bei der Stadt Paris einen Jugendjob als "Botschafter für Mülltrennung" an. Doch bei der Arbeit kam ihm zunehmend die strenge Auslegung seiner Religion in die Quere; er weigerte sich, Frauen die Hand zu geben und unterbrach die Arbeit für das Gebet.
Während Chérif Kouachi nach außen hin ein scheinbar normales Leben führte, traf er sich weiter mit seinem Gefängnisgenossen Amedy Coulibaly. Manchmal lud er Coulibaly und dessen Frau Hayat Boumeddiene nach Hause ein, dann verzogen sich die Frauen in die Küche und plauderten. An manchen Wochenenden fuhren sie zu viert aufs Land, wo sie einen Freund aus der Gefängniszeit besuchten: Djamel Beghal, der unter Hausarrest stand.
Die drei Männer wurden von den Behörden intensiv überwacht. Sie verdächtigten sie, den Terroristen Smaïn Aït Ali Belkacem, einen der Drahtzieher einer Anschlagsserie im Jahr 1995, aus dem Gefängnis befreien zu wollen.
Im Mai 2010 wurden Chérif und Coulibaly deshalb festgenommen. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnungen fand die Polizei laut Gerichtsakten auf Rechnern eine bizarre Mischung aus religiösen und kinderpornografischen Dateien - zur Ablenkung? Die Fahnder entdeckten außerdem Fotos von einem Ausflug zu Beghal im April 2010, auf denen Coulibaly und Boumeddiene mit einer Armbrust zu sehen sind. Und sie fanden 240 Patronen für eine Kalaschnikow. Die habe er verkaufen wollen, gab Coulibaly als Erklärung an.
Chérif Kouachi war nun nicht mehr der freimütige Plauderer aus seinen Verhören von 2005. "Ich habe nichts zu sagen", erzählte er seinen Vernehmern. Ihm konnte die Polizei nichts nachweisen.
Am 25. Juli 2011 reiste Saïd Kouachi nach Oman und von da aus weiter in den Jemen, mutmaßlich in Begleitung eines weiteren Franzosen. Die jemenitischen Behörden behaupten, dass es sich dabei um seinen Bruder Chérif handelte - der Frankreich zu jener Zeit allerdings nicht hätte verlassen dürfen, da gegen ihn ermittelt wurde. In einem Interview wenige Stunden vor seinem Tod erzählte Chérif Kouachi dem Sender BFM TV, er sei von Anwar al-Awlaki finanziert worden, dem US- Prediger, der Terroristen im Auftrag von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel zu Anschlägen im Westen anleitete, darunter auch den sogenannten Unterhosenbomber Umar Farouk Abdulmutallab.
Saïd Kouachi kehrte drei Wochen später nach Paris zurück, unbehelligt von den französischen Behörden. Beobachtet wurde er nur von den Amerikanern - die Frankreich im November desselben Jahres über seine Reise informierten.
Vermutlich hat zumindest einer der beiden Brüder Awlaki getroffen, sie erhielten eine kurze Ausbildung an Waffen. Dass sie von dort konkrete Ziele, einen konkreten Auftrag erhalten haben, bezweifeln sowohl deutsche als auch amerikanische Sicherheitskreise. Trotz des Videos, in dem am Mittwoch ein führender Qaida-Scheich die Verantwortung für die Aktion übernahm. Doch es ist kein Wunder, dass al-Qaida, die seit dem Aufstieg des "Islamischen Staats" an Strahlkraft verloren hat, sich mit einem Attentat schmückt, das weltweit Entsetzen ausgelöst hat.
Wahrscheinlicher ist, dass die Kouachis zwar im Jemen militärisch ausgebildet und religiös geschult wurden, dass vielleicht auch über Ziele mit ihnen gesprochen wurde - aber dass der Anschlag auf "Charlie Hebdo" nicht zentral gesteuert wurde. Auch, weil Anwar al-Awlaki bald nach dem Aufenthalt der Brüder im September 2011 durch eine Drohne getötet wurde.
Im Pariser Vorort Gennevilliers spielte Chérif Kouachi weiter Fußball, abends ging er manchmal in die Imbissbude "Sahara" und orderte ein Hühnchen-Sandwich mit Pommes. Wenn seine Frau ihn begleitete, wartete sie stets vor der Tür.
In der Moschee fiel Chérif Kouachi nicht auf. Er sei nur ab und zu gekommen, sagt Mohammed Benali, der Vorsitzende. Dass er Chérif und seinen Bruder Saïd überhaupt kenne, sagt er, liege an einem Zwischenfall im Frühjahr 2012. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen rief der Imam die Gläubigen auf, wählen zu gehen. Plötzlich stand Saïd Kouachi auf. Es sei nicht Sache des Imams, so etwas zu fordern. "Ihr seid alle Ungläubige", habe er gerufen, daraufhin habe das Sicherheitspersonal ihn nach draußen befördert, erzählt Benali.
Im Juli 2013 wurde das Verfahren gegen Chérif Kouachi endgültig eingestellt. Er und sein Bruder verschwanden vom Radar der Behörden - die Überwachung Chérif Kouachis wurde Ende 2013 eingestellt, diejenige Saïd Kouachis im Juni 2014.
500-mal sollen sich die Frauen von Chérif Kouachi und von Amedy Coulibaly danach angerufen haben. Aber sprachen wirklich die Frauen? Wie konnte es zu dieser fatalen Kette von Fehlern und Versäumnissen der französischen Behörden kommen? "Wenn es 17 Tote gibt, sind Fehler gemacht worden", räumte Premier Manuel Valls kurz nach den Anschlägen ein und versprach dem Inlandsgeheimdienst 500 neue Stellen.
Die Ratlosigkeit der Freunde
Es war im vergangenen Oktober, als Yasmin(*) ihre Freundin Hayat Boumeddiene zum letzten Mal traf. Hayat hatte zu einem Abendessen eingeladen, in die Wohnung von Boumeddienes Vater in einer düsteren Cité im Südosten von Paris. Sie wollten ihre Rückkehr von einer Pilgerreise mit Coulibaly nach Mekka feiern. "Hayat hat viel gelacht, begeistert von der Reise erzählt", sagt Yasmin. Sie hatte allen Gästen Geschenke mitgebracht. Es gab Couscous, Kuchen und Tee. Etwa 15 Freunde waren gekommen. "Hayat war wie immer", sagt Yasmin, "ein fröhlicher, glücklicher Mensch, der das Leben liebt."
Yasmin kennt Hayat, seit sie sieben Jahre alt ist, sie gingen zusammen in die Grundschule. Hayat hatte ihre Mutter verloren, sie wuchs später bei wechselnden Pflegefamilien auf. Yasmin ging einen anderen Weg; sie studierte und hat nun einen gut bezahlten Bürojob. Trotz arabischen Namens und Herkunft aus der Banlieue.
Als Yasmin das Fahndungsfoto ihrer Freundin in jeder Zeitung sah, war sie schockiert. "Ich kann nicht glauben, dass sie in so etwas verwickelt ist. Ich kann mir nur erklären, dass sie durch ihren Mann in diese Geschichte reingezogen wurde."
Eine gemeinsame Freundin hatte Hayat und Coulibaly einander vorgestellt. Das war um 2007. Sie reisten durch die Welt, nach Kreta, in die Dominikanische Republik, nach Malaysia. Es gibt Bilder aus diesen frisch verliebten Tagen, die Schnappschüsse zeigen Hayat im Bikini, eng umschlungen mit Amedy Coulibaly am Strand.
Als Hayat 2009, im Jahr der Hochzeit, begann ein Kopftuch zu tragen, verlor sie ihren Job in einer Bäckerei. Später verhüllte sie sich ganz. Doch Yasmin sagt, sie habe ihre Freundin nie als fundamentalistisch erlebt. "Sie war traurig, wenn Amedy im Gefängnis war", erzählt Yasmin. Der Glaube habe ihr in diesen Momenten geholfen.
Die Flucht ihrer Freundin in die Türkei und weiter nach Syrien, an der Seite von Mehdi Sabry Belhoucine, einem Mann, dessen Bruder Verbindungen zu afghanischen Kämpfern haben soll, kann sich Yasmin nicht erklären. Sie sagt, sie könne nicht ausschließen, dass Hayat Boumeddiene von Coulibalys Terrorplan gewusst habe, die beiden seien sehr eng gewesen. "Eigentlich muss er ihr davon erzählt haben. Vielleicht hat sie versucht, ihn davon abzuhalten und ist abgehauen, als sie merkte, dass er sich nicht umstimmen ließ."
Nach dem Supermarkt-Anschlag tauchte ein Video auf, in dem sich Coulibaly zu dem Mord an der Polizistin und zu dem Attentat bekennt. Er bringt darin auch seine Loyalität zur Terrorgruppe "Islamischer Staat" zum Ausdruck. Ein hoher IS-Anführer lobte in einer Ansprache Coulibalys Tat, übernahm aber nicht offiziell die Verantwortung dafür.
Die Verlorenen von Croix-Rouge
In Reims, im Viertel Croix-Rouge, stemmen sich riesige Wohnsilos gegen den grauen Januartag. Viele der Gebäude sind völlig heruntergekommen, das der Familie Kouachi ist jedoch gerade renoviert worden. Seit etwa anderthalb Jahren soll Saïd Kouachi mit seiner Frau und ihren zwei kleinen Kindern hier gelebt haben, im ersten Stock, Apartment C. Eine braune Sperrholzplatte wurde vor die von der Polizei aufgebrochene Wohnungstür geschraubt.
Auf der anderen Straßenseite befinden sich weitere Wohnblöcke. Durch eines der Häuser geht eine Unterführung. Im Mauerwerk ist eine helle Tür eingelassen, dahinter liegt ein Gebetssaal. Am vergangenen Samstagmittag sind etwa 30 Gläubige gekommen. "Ja, der war oft hier", sagt ein älterer Mann über Saïd Kouachi. "Er kam, betete und ging."
Der örtliche Imam ist Abdul-Hamid al-Khalifa, 57, auch er ist Saïd nicht nahegekommen. Das Einzige, was er über ihn weiß, ist, dass er in der Nähe kurzzeitig ein Geschäft führte, wo er auch mit Koranbüchern gehandelt haben soll. Saïd bleibt der große Unbekannte des Trios.
Der Imam verurteilt das Attentat in Paris. "Unsere Religion akzeptiert keine Gewalt. Mit dieser Tat haben sie die Sicherheit in diesem Land bedroht. Auch unsere", sagt er. Klar, die Bedingungen hier in Croix-Rouge seien schwer, sagt Khalifa. "Aber ich kenne viele junge Männer, die wollen gar nicht arbeiten. In Syrien war ich Ingenieur, hier stehe ich vormittags auf dem Markt, nachmittags in meinem Laden."
Die Jungen sollten sich mehr anstrengen, findet er. "Stattdessen hängen sie rum, kommen nicht mal zum Freitagsgebet. Das sind Verlorene. Und das macht sie leicht manipulierbar."
Die Verlorenen von Croix-Rouge, von denen Khalifa spricht, versammeln sich in einem Café mit knallgrünen Wänden. Es gibt zwei Räume, im einen wird Kaffee ausgeschenkt, aus dem anderen wanken Männer mit großen Pupillen. Viele sind sehr jung, haben sich Muster in die Bärte rasiert. "Auf nach Syrien, auf in den Kampf", schreit einer, reckt die Faust. Die anderen johlen.
Diese jungen Männer stricken an anderen Verschwörungstheorien: Die Kouachis waren doch schon vorher tot, sagen sie. Und dass einer der beiden nach der Tat seinen Ausweis im Auto verloren habe, sei eine "bewusst gelegte, falsche Spur". Ein großer Kerl mit Bart sagt: "Ich bin froh, dass diese ,Charlie'-Leute tot sind."
Die Polizei hat 70 Verfahren gegen Personen angestrengt, die den Anschlag in sozialen Netzwerken gelobt haben, darunter auch gegen den antisemitischen Komiker Dieudonné, einen Helden der Banlieue-Jugend. Er schrieb: "Ich bin Charlie Coulibaly."
Ein Mann jedoch überraschte, indem er die Attentate in aller Form verurteilte: Farid Benyettou, der radikale Prediger der beiden Kouachis. Er sei "absolut nicht einverstanden" mit dem, was passiert sei, sagte Benyettou zunächst dem "Figaro", er verurteile die Taten. Die Zeitung berichtet, er habe beim Gespräch einen "Je suis Charlie"-Button aus der Tasche gezogen.
Benyettou war 2008 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden, wegen "krimineller Beziehungen zu einer terroristischen Vereinigung". Als er 2011 aus dem Gefängnis entlassen wurde, begann er eine Ausbildung zum Krankenpfleger im Pariser Krankenhaus Pitié Salpêtrière. Zuletzt arbeitete er in der Notaufnahme. Es ist ausgerechnet der Ort, an dem auch einige Verletzte der Pariser Anschläge versorgt wurden.
Das Krankenhaus nimmt Benyettou umgehend vom Dienstplan. In seiner Wohnung, in einem Hochhausblock im 19. Arrondissement gleich neben dem Rathaus, in dem er mit seiner Mutter wohnt, ist er in den nächsten Tagen nicht aufzufinden. Schließlich erreicht der SPIEGEL Farid Benyettou am Donnerstagmittag auf dem Handy. Zu einem Treffen sei er nicht bereit, er müsse für eine Prüfung lernen, sagt Benyettou. Wieder distanziert er sich von den Kouachis: "Diese Taten sind kriminell und barbarisch. Der Islam verurteilt die Anschläge."
Seine Rolle beim Dschihadisten-Netzwerk aus dem 19. Arrondissement, sagt er, sei stets maßlos übertrieben worden. Er sei damals schon gegen den Dschihad gewesen. "Wenn früher Schüler zu mir kamen und mich fragten, ob sie in den Irak reisen sollen, dann sagte ich: nein!", behauptet er. "Der Dschihad war gar kein Thema." Das widerspricht allem, was Chérif Kouachi und andere Zöglinge damals der Polizei erzählten.
Benyettou gibt aber zu, dass Chérif Kouachi in der letzten Zeit mehrmals überraschend bei ihm vorbeigekommen sei, um mit ihm zu reden. Kouachi sei, was Religion angehe, "sehr limitiert", er habe nur über den Kampf reden wollen.
Seine Ausbildung hat der inzwischen 33-Jährige fast abgeschlossen, eine Aussicht auf einen Job im Krankenhaus Pitié Salpêtrière hat er nicht. Wegen seiner Vorstrafen hat er keine Chance, in den öffentlichen Dienst aufgenommen zu werden.
Wozu hat er sich dann zum Pfleger ausbilden lassen? Etwa für einen Einsatz in Syrien? Das befürchten einige, zum Beispiel Richter Bruguière, der damals die Untersuchung gegen ihn leitete, und der sagt: "Eine Deradikalisierung gibt es nicht."
Auf die Frage, was er mit seiner Ausbildung anfangen wolle, sagt Farid Benyettou, das wisse er noch nicht genau.
* Namen sind der Redaktion bekannt.
Von Holger Dambeck, Georg Diez, Björn Hengst, Julia Amalia Heyer, Mathieu von Rohr, Simone Salden, Samiha Shafy, Holger Stark, Petra Truckendanner und Antje Windmann

DER SPIEGEL 4/2015
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